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Die Wahrheit · 1910-01-01 · Heft 1 (1.1.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 1 (1.1.1910)
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit Seile 5 Nur deine Gnad' als Prunkgewand. I Was dehn' ich endlos mein Gebet? Du kennst des Wunsches heißes Band! usw. So kam ich denn mit blauem Auge davon und trug die Erfahrung nachhause, daß Paulssen nicht ganz Unrecht hat, wenn er über die Respektlosigkeit der modernen Jugend vor aller und jeder Autorität, also auch vor der des Alters, jammert. Es steht jedenfalls fest, daß von der alten spartanischen Tugend, der Achtung des Jüngeren vor dem Aelteren und Gereitteren, heute auch nicht der armseligste Rest übriggebliebeu und jede Spur venveht ist. Der Ausschuß des Vereines bat mich zwar, ihm noch fernere Vorträge zu halten, doch ich müßte meine Brust mit dreifachem Ernst panzern und meine Zunge gleich einem Rasiermesser schleifen, wollte ich mich abermals ohne Not einem derartigen Kreuzfeuer der Dialektik preisgeben. Desungeachtel erwuchs mir aus diesem Waffengang doch ein Vorteil; ich erhielt Anregung nachzudenken, warum Moses über eine Angelegenheit sich gründlich ansgeschwiegeu, die sonst mit zu den wichtigsten Bestandteilen aller übrigen Religionen gehört, feien diese nun polytheistisch oder monotheistisch. Vielleicht ist es nicht ganz ohne Interesse, wenn ich im folgenden von den allerdings nicht sehr reichhaltigen Ergebnissen meiner Ueberlegnng Rechenschaft gebe. Schopenhauer nennt die alljüdische Religion die allerplatteste und flügellahmste, da sie sich nicht einmal zum Glauben an ein Jenseits erhebe. Ohne vorerst zu untersuchen, ob dies nicht eher einen Vorzug, denn einen Tadel involviert, muß zugegeben werden, daß das Faktum als solches zweifellos feststeht; nirgend werden dem Tugendhaften Paradiesessreuden verheißen, nirgend tvird dem Bösen mit der Hölle gedroht, wie dies am gründlichsten bei dem ungebildeten Mohammed geschieht, und es beweist nur die Oberflächlichkeit und Flüchtigkeit der philosophischen und historischen Studien Schillers, wenn er in seinem, auch in sonstiger Hinsicht nicht einwandfreien Aussatz „Die Sendung Mosis", ohne sich der Wichtigkeit des Problems auch nur im entferntesten bewußt zu sein, sagt: „Diese Lehre, welche die entschiedenste Verachtung der Vielgötterei zu ihrer unausbleiblichen Folge hatte, verbunden mit der Unsterblichkeitslehre, welche man schwerlich davon trennte, war der reiche Schatz, den der junge Hebräer aus den Mysterien der Isis herausbrachte." Die Unsterblichkeitslehre brachte nun Moses seinem Volke nicht. Ueberall verheißt Jehova durch dessen Mund ausschließlich irdisches Wohlergehen znm Lohn für Befolgung der Gebote.' Daß Moses mit dem, was er aus dem Born egyptischer Geheimlehre geschöpft, kargen und Israel einen Teil derselben vorenthalten wollte, erscheint gar nicht plausibel. Der große Mann gab, wie übrigens andere Geistesgrößen auch, sein Bestes seinem Volke dahin und damit der ganzen Menschheit; er schlug mit seinem Stabe nicht mir Wasser für die Durstenden aus dem Felsen, sondern er sammelte, indem er die Kanalisierung und Drainage des Nils zum Vorbild nahm, alle geistigen Quellen und Wasseradern des Niltalvolkes, vereinigte sie mit dem unversiegbaren reichen Sprudel der eigenen genialen Persönlichkeit und berieselte mit diesem gewaltigen Strom das dürre Ackerfeld einer Nation, die in ihrer Verkommenheit diese Befruchtung gar nicht verlangte, nicht verlangen konnte. Die Verkommenheit seines Volkes in materieller und kultureller Beziehung, da scheint mir der Schwerpunkt einer zu suchenden Erklärung zu liegen! Menschen, doch nein! Sklaven, getretene, schmutzige, verelendete Fröhnknechte brauchte er wohl nicht mit dem Hinweise aus den Tod, und ans etwas nach dem Tode zn trösten, dies besorgten die Armen schon selbst ans vollster Seele. Versunken im phantastischesten Aberglauben, malten sie sich, sie, denen der ganze tolle Spuck des Mumien- und Totenkultus der Hamiten offen vor Angen lag, jenes dunkle Land mit den grellsten Farben, mit den leuchtendsten Tapeten aus; hier galt es im Gegenteil, den irren und wirren Blick dieser Heloten zurück auf die Erde zn leiten, sie zu befähigen, ein menschenwürdiges Dasein auf ihr zu führen. Und dann, Moses war selbst znm Priesterstand bestimmt, er kannte das Sirenenlied einer herrschsüchtigen Hierarchie, mit dem sie die Schutzbefohlenen einlullte, ihnen die Freuden des Himmels und die Schrecken der Hölle anseinandersetzle. Zu beiden Rünmlichkeiten, erklärten die Priester, die Schlüssel in der Hand zn haben, und dieses unleidige Schlüsselgeklimper wollte Moses offenbar ans seiner Gesetzgebung ansschalten. Dies konnte er nur, wenn er über Tod und Sterben kein Sterbenswörtchen sprach. Denn leben -hieß es und kämpfen, ein Land, ein Vaterland erstreiten, da hieß es vom Leben sprechen und nicht vom Tode! Mochten doch die Aegypter bei ihren Gelagen eine Mumie ninheriragen und sprechen: „Iß und trink, denn morgen bist du wie dieser." Es wareine hochentwickelte Kultur, die dennoch schon den Stempel des Niederganges ans der Stirne trug, eine dekadente Kultur, die sich solchen Luxus erlauben durste und späterhin war es die Philosophie der Stoa im verfallenden Römerreiche, deren ganzer Inhalt, in der Kunst mit Anstand zu sterben, bestand. Das Judentum mußte von solcher kränkelnden Weisheit bewahrt bleiben, sollte es anders alle diese stolzen Völker überdauern und es hat sie alle tatsächlich überlebt. Nicht der geringste Anteil an diesem unverwüstlichen Fortbestände ist dieser Vorkehrung des einzigartigen Phänomens, das von den beiden Silben Moses nmschlossen wird, znznschreiben. Wahrlich, er hat es seinem Volke schwer genug gemacht, nnterzngehen und es bestand fort, mußte fortbestehen, fast gegen seinen Willen. Das elegische, mönchische memento mori har niemals im Volksbewnßtsein der Inden eine Rolle spielen können. Und Jahrtausende nachher ist eines der Samenkörner, welches Moses ansgestrent, in grandioser Fernwirkung noch einmal zn blühender und reifer Frucht erwachsen in der Philosophie eines von Körper schwächlichen, einsamen Geistesriesen, dort an den Usern des Niederrhein. in der Philosophie Spinozas! Der dem Leben zugewandte tätige Mensch, heißt es in dessen Ethik, denkt sehrwenig von dem Tode, er sucht die Pflichten des Lebens zn erfüllen. Und das sagte ein Mann, der die stolzesten Ehrenstellen ansgeschlagen, um seinen Unterhalt mit Brillenschleisen zn verdienen, sagte dies mit dem von dieser Arbeit verursachten brustzerstörenden Staub in der Lunge und konnte dies nur sagen, weil der Geist Moses' aus ihm sprach. Vineta. Der IX. Zwurkenkongreß in Hambur-. Es ist das erste Mal, daß der alle zwei Jahre tagende Kongreß der zionistischen Weltorganisation in einer deutschen Stadt Zusammentritt. Von den bisherigen acht Kongressen fanden sechs in Basel, einer in London und der jüngste in Haag statt. Das Interesse für den diesjährigen Kongreß, der vom 26. bis 30. Dezember tagt, ist auch außerhalb der zionistischen Welt sehr groß. Die Karten für die Eröffnungssitzung am Sonntag waren schon seit Wochen vollständig vergriffen. Die Zahl der Delegierten beträgt 440. Alle Landesorganisationen der zionistischen Bewegung haben ihre Vertreter entsandt. Besonderes Interesse erwecken die Delegierten aus der Türkei, die zum ersten Male Abgesandte zionistischer Vereine znm Kongreß entsandt haben. Der Kongreß ist umrahmt von einer Fülle von Veranstaltungen, von denen ein Teil bereits vor der Kongreßeröffunng stattgefnnden hat. Im Kongreßgebände selbst, dem „Konzerthaus Hamburg" sindet eine sehr reichhaltige Ausstellung von Erzeugnissen der Knnstgewerbeschnle Bezalel statt. Seil Mittwoch den 22. Dezember tagen bereits die verschiedenen Landsmannschaften. insbesondere die russische, die zirka 140 Delegierte zählt, an deren Beratungen aber auch noch fast 100 Gäste aus Rußland teilnehmen. Der Bericht des Aktionskomitees, der dem Kongreß erstattet wird, liegt gedruckt vor. Es ist eine umfangreiche Broschüre in Quartformat und zerfällt in drei Teile, den kulturell politischen, den organisatorisch administrativen und den finanziellen Teil. Der erste umfangreichste Teil gibt eine vollständige Ueber-« sicht über alle bedeutungsvollen Erscheinungen im Judentum der letzten zwei Jahre, vom zionistischen Standpunkte aus betrachtet. Er verzeichnet mit großer Genugtuung ein mächtiges Erstarken der national-jüdischen Kulturbewegung und verweilt eingehend bei den politischen Ereignissen, die für die zionistische Bewegung

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