Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 1 (1.1.1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 1. Man hat es gewußt, daß das allgemeine Wahlrecht nicht zu unseren Gunsten geschaffen wurde; wir konnten es wissen, daß eine Reform, für die sich ein Geßmann eingesetzt, nicht aus Heil der Menschheit berechnet war. Der gefürchtete Moment ist da. Schwarze, finstere Wolken ballen sich am österreichischen politischen Himmel zusammen. Die slawische, klerikale, feudale, antisemitische Parlamentsmajorität ist kein Märchen. Die Ministerpräsidentenschast Liechtensteins, des bittersten Feindes des jüdischen Volkes, ist viel näher, als man sich selbst gestehen will. Genug der Spaltungen! Besinnen wir uns, einigen wir uns! Nieder mit dem Kultus fremder Götter, nieder mit dem Götzendienst! Kehren wir zu unserem nationalen Gott zurück! Lassen wir alles Trennende bei Seite, sehen wir nur das Gemeinsame, stärken und pflegen wir es. machen wir einander Konzessionen, schließen wir Kompromisse! Verhöhnen und beschimpfen wir nicht einander znm Gaudium der ..Reichspost", werfen wir ab den alten Starrsinn und den jugendlichen Trotz, kommen wir einander näher, vergleichen wir uns. verzichten wir gegenseitig. Sammeln wir uns, seien wir ein einig starkes Volk von Brüdern. Machen wir aus dem Schimpfnamen der jüdischen Solidarität einen Ehrennamen, seien wir solidarisch, gießen wir sie in Paragraphe, legitimieren wir sie, erwecken wir die Organisation der österreichischen Juden aus dem Scheintode, beleben wir sie! Versammeln wir uns angesichts der neuen Sachlage uocheinmal, beraten wir uns. führen wir aus, rüsten wir uns, einigen wir uns, organisieren wir uns, solidarisieren wir uns! — Solidarität! Weber de« «»äugelnden Wnsterblichkeilsglanben im Mojaismns. Gegen Ende des Monates November las ich in dem studentischen Verein ^Nsnrs Jehuda“ meine in diesem Blatte vor zwei Jahren erschienene Abhandlung „Aesthetik und Judentum" vor. Daran knüpfte sich eine Disknifion. Die Meinung, die ich bis dahin über Dispute und Diskussionen gehegt, war darum die beste, rveil ich nur immer an leichten Gefechten mich beteiligt und noch niemals in einer großen Redeschlacht Blut, oder vielmehr Galle vergossen batte, vornehmlich aber deswegen, weil Herder derartigen Gedankenaustausch als eine der Jugend höchst notwendige Vorschule der Beredsamkeit angepriesen. Es mag sein, daß sich dabei eine gewisse Wohlredenheit entwickelt, aber der erwachsene Vorteil wird oft durch die unerfreuliche Nebenwirkung paralysiert, daß in der Debatte das Bestreben zutage tritt, an einzelnen mit einem gewissen Vorbehalt gemachten Ausführungen des .Redners hernmzumäckeln, ohne die Grundidee zu beachten, und in soviel Wortgezänke und Rechthaberei zu verfallen, daß die Sophistenschule zu Athen und die Streitigkeiten der byzantinischen Mönche dagegen gehalten als reines Kinderspiel erscheinen. Einer der Disputanten, ein cand. theol. belehrte mich, das Judentum sei keine Mumie und entwicklungsfähig, wobei ihm offenbar die Forderung moderner, vom Papst übrigens mit dem Bann bedrohter Theologen, der Katholizismus solle sich von innen heraus reformieren und dem Zeitgeist anpassen, vorschwebte; ihm aber entging, daß für die Anwendung dieser Maßregel auf jüdische Verhältnisse kein so brennendes Bedürfnis vorliegt, da die Dogmatik hier eine viel weniger starre sei. Stand diese Belehrung zu meinem Thema wohl in einer sehr entfernten Beziehung, so war sie doch in gewissem Sinne aus das Ganze gemünzt; mein nächster jugendlicher Widersacher aber ersah sich znm Angriffsobjekt eine einzige meiner Positionen, die er aber dafür umso gründlicher verzerrte und deren Glieder er im Prokrustesbett mit sachkundiger Hand ausrenkte. Ich hatte nämlich bemerkt: „Der Jude — war er auch -kein weltabgewandter indischer Büßer und Asket — hat doch nicht wie der Grieche dem Leben bachantisch entgegengejauchzt, sondern es stets nur eben zu ertragen versucht." Dies war doch wahrlich nicht viel und vorsichtig gesagt, meinem Gegner aber genügend, Klage gegen mich zu führen, daß ich die alten Hebräer einer pessimistischen Weltanschauung bezichtigte, und er fragte mich auf den Kopf zu, ob ich denn imstande sei, aus der Literatur Belegstellen für eine so unerhörte Beschuldigung anzuführen. Angesichts eines so inquisitorischen und hochnotpeinlichen Verfahrens ward ich bestürzt und vergaß mich damit zu entlasten, daß ich das mir vorgeworfene Verbrechen ja'in seinem ganzen Umfang nicht begangen, ich unterließ es, Milderungsgründe zu bezeichnen. Ich stand gänzlich unter dem Einfluß jener Gemütsdepressiou, von welcher unschuldige Angeklagte befallen ftitb, wenn sie dem Untersuchungsrichter, von diesem verschüchtert und verwirrt, alles Mögliche und Unmögliche eingestehen. So berief ich mich denn gehorsam, wie ein Schulknabe, auf das Vanitas vanitatum des Buches Kohelet, welches Schopenhauer überschopenhauert. Das hätte vollauf genügen müssen, über in meinem Uebereifer erwähnte ich noch den auffallenden Mangel jedes Unsterblichkeitsglaubens in der Bibel und zitierte den direkt ausgesprochenen Zweifel an demselben in ebendemselben Kohelet 3, 19—21: „Denn es gehet dem Menschen, wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr, denn das Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort, es ist alles von Staub gemacht, und wird wieder zu Stanb. Wer weiß, ob der Geist der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs unterwärts unter die Erde fahre?" Kaum hatte ich geendet, als gleich ein dritter auf mich losfnhr, der mich mit der harmlosesten Miene von der Welt um Aufklärung ersuchte, ob ich wirklich das Nichtglauben an die Fortdauer nach dem Tode als Kriterium des Pessimismus angesehen wissen wolle; man könne, meinte er liebenswürdig, sehr wohl Optimist sein, auch wenn man au kein zweites Leben glaube. Die Herren griffen mich, wie ich sah, ohne das Jgnoble eines solchen Verfahrens zu empfinden, mit Uebermacht an und hatten meinen Untergang .beschlossen; sie wollten kein gutes Haar an mir lassen. Es ist nun allerdings meine Ueberzeugung, daß die Annahme einer Fortdauer der Seele nach dem Tode der Lebensauffassung eine optimistische Färbung verleiht und jemand, dem weder das Für noch das Wider sestznstehen scheint, das ist, was man einen Skeptiker nennt. — Ich halte den verschrieenen Skeptizismus lediglich für den goldenen Mittelweg zwischen zwei Extremen und nicht für das schreckliche Ding, als welches es der sonst geniale Carlyle hinstellt; er sagt irgendwo, unser Leben sei kein Traum, sondern höchst real, dies schon darum, weil eine Unendlichkeit vor und nach demselben liege. Ich denke jedoch, das Leben wäre ein blasses Schemen, wenn es zur Evidenz erhoben werden könnte, ' daß das ewige Nichts darauf folgt. In diesem Sinne bezeichnen die Brahmanen diese Welt als Schein, als Schleier der Maja und sie sind nicht pessimistisch in dieser ihrer Anschauung, sondern sie sind recht eigentlich die Pessimisten. Wenn ich nun die Schlagfertigkeit besessen hätte, dies ruhig und kühl zu definieren, ja, wenn .... Es war schon viel, daß ich in meiner Betäubung entgegnen konnte, aus dem Stegreif sei ich außer Stande, meine Argumente zu nennen, obwohl ich fühle, daß ich im Rechte sei; man möge mir armen Sünder gnädigst gestatten, zum zweiten Punkte meines Programms überzugehen, zur Rezitation der Dichtungen Jehuda Halevys. Und wie denn unverhofft oft kommt, sollte mir in dem Dichter ein mächtiger Helfer aus meinen Nöten erstehen, denn ich stieß zufällig auf folgendes Makame: H i m m e l s s e h u s n ch t. Und klimm' ich zur Vollkommenheit Der morgen schon dem Wurm verwandt? Kann mich ein schöner Tag erfreu'«? - Sein nächster schon ist unbekannt. Und einen Tag und Nacht sich nicht, Daß ich zu nichts verinn' im Sand? Halb streu'» sie in die Winde mich, Halb komm' ich an des Grabes Rand. Von Jugend bis ins Alter treibt Der Trieb mich, tätlich dem Verstand. Bist du nicht mein, was ist dann mein? Dn bist's, der in die Zeit mich band, Au Taten arm und nackt, Hab' ich