Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 50 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 50. jahres den Besuch -er Lateinschule emzustelleu und einen ganzen Tag unausgesetzt zu „lernen," d. h. nur in den heiligen Büchern zu forschen. Pater Rehak, der mich als Freischüler ausgenommen hatte, schriebs meinen Eltern und entsetzlich war die Strafe, die mein Vater über mich verhängte. Er überfiel mich bei der „Gemoro," schlug mich fürchterlich und überschrie Rabbi Josef Grünbanm, den Ürhehex meiner Untat; von nun an sollte ich auch nicht , mehr das Laibchen Brot und die Maß Bohnen, die mir allwöchentlich - von Hlinik nach 'Sillein geschickt wurden, bekommen, ich sollte mir selber Kosttage oder Freitisch beschaffen, Stunden geben n. s. w. Dann wurde ich gewaltsam ins Kloster geschleppt, um Abbitte zu leisten, und schwer nur gelang es dem Bitten und Beschwören des Vaters und auch dem Fürworte des nun milder gestimmten Rabbis, daß man mich wieder aufnahm. Rabbi Josef war ein blutarmer Mensch, Gehalt bezog er sechs Gulden die Woche, Emolumente waren äußerst geringe. Mit diesen Einkünften mußte er Frau, drei Töchter und zwei studierende Söhne erhalten. Sein erster Vorsteher war ein brutaler Verfolger des Dürftigen, der ihn, so oft er die Kanzel bestieg, arg beleidigte und ihm verbot, an hohen Festen zu reden — weil er nicht „deutsch" konnte. Die Zurücksetzung machte ihn scheu und verschüchtert und er fing an deutsch zu lernen; im Alter von 50 Jahren war es mir vergönnt, „in der Zeit, wo es weder Tag noch Nacht ist," ihm die deutsche Grammatik und richtiges Schreiben beizubringen. Dies kam ihm gut zu statten, denn die Negierung ernannte ihn zum öffentlichen Religionslehrer am Gymnasium und oft überwachte ihn im Unterrichte ein gebildeter Gemeinderat, der den Namen eines „Schulvaters" trug, der Apotheker Tombon. Dieser fragte mich einst am Fasttag des 9. Ab, ob uns die Geschichte der Zerstörung Jerusalems und des Tempels vom Rabbi vorgetragen wurde, ich solle ihm erzählen. „Und deshalb fastet ihr klugen Inden, weil euer Tempel im Jahre 70 zerstört wurde? Hättet ihr seit damals, jeder für jede Woche einen Kreuzer gespart zum Zwecke des Wiederaufbaues des Tempels, ihr hättet vieler solcher schöner Tempel heut und brauchtet nicht zu fasten." Dies waren seine Worte, die ich dem Rabbi nacherzählte und er schmunzelte: „Ein goisches Mechel (Hirn) mit jüdischem Sechel-Verstand." Ich übersetzte: Unter heidnischer Stirn, ein jüdisch Gehirn! Im ersten Jahre hatte ich Kosttage bei verschiedenen Verwandten der sel. Mutter, dann aber gab ich bei einem armen Hausierer, bei einem wohlhabenden Krämer und beim ersten Vorsteher, den R. Josef einen „Hund" nannte, weil er ihm so oft, bei hündischem Gekläffe eines wilden Köters bissige Zähne zeigte. Unterricht. Ich war im 12. Lebensjahre schon französischer Lehrer gleichaltriger Kinder; so schlug ich mich einigermaßen durch. Dann gings schlecht, so schlecht, daß ich meine Wirtin „Schiffre spann' das Tor auf", so wurde sie, weil sie am Stadteingange wohnte, aber auch um ihrer Klatschsucht willen, von den meisten „Silleiner" genannt, die Hausierersfrau, die mir Quartier gab für zwei Stunden täglichen Unterrichtes ihrer Tochter, um einige Kartoffeln, die sie vom Mittagessen übrig hatte, bat, während ich morgens aus einem Teller mit dem Rabbi einmal Kümmelsnppe, das anderemal Knobelsnppe d. i. Wassersuppe mit Kümmel oder Knoblauch und Brotschnitten darin, frühstückte und am Abend vor seinem Bette Erdäpfel- Braten im Schlafrock zu meiner Sättigung bekam. Vor seinem Bette? Ja, er hatte nämlich mangels des Holzes nachts eine kalte Stube, da legte er sich im Winter gleich nach dem Minchagebet zu Bett. Seine Frau Frädel, eine Frau Holleschauerin, die die seltene Kunst besaß, aus wenig Grünzeug reiche Mahlzeiten herzustellen und dabei den Gatten, den sie wie einen Abgott verehrte, humoristisch-froh zu stimmen, setzte einen runden Tisch voll mit Talmuden vor sein Bett. Von da erging das Gotteswvrl von Zion an seine umstehenden Jünger, die er wie . seine Kinder liebte. Inzwischen brachte die Nebbezin das Nachtmahl, wir alle halfen tüchtig die braunen Krusten der „Grundbirneu" oder „Erdäpfel" verzehren, mib sie streichelte seine Stirn und freute sich wie eine Fürstin seines Wohlbefindens. Oft hörte ich, wie er zu ihr sagte: „Frädl, tu dich nicht zu mir einschmeicheln!" Einmal lobte er mich vor seinen Kindern, ich ginge immer so sauber, sie sollen sich doch ein Beispiel an mir nehmen. Da ereignete es sich, daß kein Groschen im Hause war, selbst nicht, um Kümmelsuppe und Brot zu beschaffen — ich vergesse es nie. Der Rabbi ging ans und ab in seinem Studierstube, den großen Folianten fest um. die Brust gelegt, klärend und forschend, da kommt Frädl und wendet sich an mich mit den Worten: „Herr Leimdörfer, haben sie einen Kreuzer?" Ehe ich noch antwortete, schrie R. Josef: „Was fällt dir ein, Frau? Wenn er einen Kreuzer hat, fruiTt er sich 'neu Kamm: und kämmt sich an." Mein erstes Quartier war bei Inda Kappelmacher, wo ich „eine Bettstatt",. die am Tage unter eine größere Bettstelle gerollt wurde, für 4 Gulden monatliche Zahlung inne hatte. Dort lernte ich den Vater des berühmten Professors Adolf Neubauer-Oxford, R. Jakob Neubauer, Mohel und Händler mit. Dienstmädchentücheln, kennen. Er kam mit noch 3—4 „Kanflenten" aus Bittsche und Kotteso zu Markte und alle lagen auf Stroh, zur Erde, vor meinem Bette; alle im selben Familienzimmer, sehr familiär, aber höchst ungemütlich. Im Winter, zur Weih-- nachtszeit wars, da stand ich, um zum Rabbi zu eilen, sehr früh ans, als ich gegen Uhr noch ungebetet rückkehrte, weil es noch finster war, die Schulstunde im Kloster aber um 8 begann, legte ich schnell die Gebetriemen an und verrichtete von %8' meine Morgenandacht. Rabbi Jakob Neubauer, der um 12 Uhr nachts „Chazos'' machte und unbekümmert um die Schläfer, um Jerusalem trauernd, sein Sündenbekenntnis weinend und sich an die Brust schlagend, verrichtet hatte, schalt mich aus und verklagte mich bei meinem Rabbi, ich hätte das Gebot übertreten: Tefillin nicht vor Tagesanbruch zu legen. Mein Lehrer nahm mich in Schutz und sagte: „1. Ist um %8 schon Tag, auch wenn es noch so dunkel scheint. 2. Soll das Jüngel, dasvon 8—12 bei den Galochim lernt, dort daweneu? 3. Sei kein Cchosid Schaute (Ueberfrommer Narr)! Denk an deine Tüchelchen und sei besonders andächtig (bei der lieblichen Nenjahrsmelodie von) „ Jozer meschorsim" („Gott ist Schöpfer der Dienstboten"), denn ohne diese, was würde ans der schönen Silleiner Marktware meines Kottesower Heiligen?" Diese Episode erzählte ich auch seinem gelehrten Sohne, der mich in Hamburg, wo er Professor Feld zum Freunde hatte, mit dem er einst vor Ernst Renan in Paris zusammen gearbeitet hatte, einigemal besucht hat. Als die Baronin Evelina von Popper starb, berief man ihn, wie alle Nachbar-Rabbiner, nach Hlinik zur Leichenrede, die er mir öfters vorlas, er wollte doch d e n t s ch predigen; er sprach geistreich, aber formlos. Als er znrückkam, es war Freitag nachmittags, rühmte er, wie reich er beschenkt worden, es war ja ein Lebensereignis, wenn er 30 Gulden zu sehen bekam, und er meinte: „Eine Stunde vor Sabbath ist oft mehr als eine ganze Woche." „Ich möchte", so äußerte er einmal, „daß mir der liebe Gott 1000 Guldew und zwei Kreuzer herabregnen ließe." Auf meine Verwunderung, warum zwei Kreuzer, erwiderte er: „Du weißt doch, wir habeu Hunger, ich möchte doch nicht die 1000 Gulden gleich wechseln^ darum wünsche ich 2 Kreuzer auf eine Semmel." Welche- Dürftigkeit! Welche Anspruchslosigkeit! Welche Naivität! Mein- Vater kam einst von Wien und am nengebauten Bahnhofe in Sillein begrüßte er meinen Rabbi. Dieser sprach: „Sagen Sie, N. Jossef, haben Sie in Wien von mir nichts gehört?" Mein Vater darauf: „Nichts." „So? Ich . bin doch berühmt — esgeht doch schon die Bahn bei uns!?" Im selben Jahre reist Rabbi Josef Grünbanm nach Wien, das allen Jfraeliten damals wie ein Kleiu-Jernsalem vorschwebeu mußte, weil es für die Ausgestaltung des äußerlichen Kultus für die meisten Gemeinden der österr.-ungarischen Monarchie tonangebend war und blieb. Dies Klein-Zion zu schauen, einen Jellinek zu hören, einen Sulzer, das galt den Inden mehr als Wien, die Kaiserresidenz, an sich. Mein Lehrer kam auch begeistert heim und er schwärmte für den Seitenstettentempel, ganz besonders vom genialen Prediger, von dessen bezaubernder Redekunst er nicht zu reden aushörte. „Aber", fügte er hinzu, ,/stellt sich mir herauf ein Row — abrasiert wie ein Hnnd." (Er meinte seinen abrasierten Vorsteher.) Seine Vergleiche waren meist unlogisch oft unschön^ aber sein religiöser Standpunkt — rasieren war Sünde —