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Die Wahrheit · 1909-12-24 · Heft 50 (24.12.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 50 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50. Die. Wahrheit Seite 9. Hitäler-iili allgemeinen nicht -ans.reichen, sollen wir da eine Pflicht .ans uns. nehmen, derenErfnllnng dein Staate, dein Lande oder der .Kommune znkommt? Gewiß nicht! Aber, nach einer anderen Richtung können wir uns mit unseren dritteln ans dein Gebiete der -Kiuderfnrsorge.erfolgreich chetättgen, n.zw. in der Fürsorge für sieche, schwache und skrophulose Kinder, durch Unterstützung der Ferienheime, Kinderhorte. Seehospize oder durch Errichtung derartiger Institutionen. Dazu genügen unsere Mittel, das liegt im Bereiche unserer Leistungsfähigkeit und da können wir unser -Geld besser anlegen. Was ich heute gesagt habe, halte ich für -alle Zeiten maßgebend für die Behandlung der Frage der Errichtung eines jüdischen Kinderspitales. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn will zwei Bemerkungen in der Debatte richtigstellen. Herr kaiserlicher Rat Weil hat sich auf eine Aeußerung bezogen, in der die mindere Bedeutung des 'Religionsunterrichtes konstatiert worden sein soll. Das sei nicht ganz richtig. Es wurde nur davon gesprochen, daß dort, wo 'Mangel anftreten, die Gründe in der Haltung von Haus und Familie liegen. Der Religionsunterricht ist durch die Knltusgemeinde derzeit so ausgestaltet, daß er befriedigende Resultate answeist. Bezüglich des Besuches der Gotteshäuser muß konstatiert werden, daß bei den gewöhlichen Gottesdiensten während des Jahres in allen Tempeln genügend Platz, ist und zur Zeit der hohen Feiertage werden von der Knltnsgemeinde für Tausende von Kronen Andachtsstätten errichtet und auch die temporären Bethäuser stellen so viele Sitze zur Verfügung, daß selbst dem ärmsten Inden, wenn er einen Gottesdienst besuchen will, die Möglichkeit hiezu kostenlos geboten wird. Dr. Isidor Samuel y stimmt im allgemeinen den Ausführungen des Referenten zu, nur würde er wünschen, daß seine Worte in weitere Wählerkreise gelangten, damit dieselben über die ausgezeichneten Leistungen auf den verschiedenen Gebieten der Verwaltung informiert wurden. Biele sagen, sie zahlen zu viel; nicht wegen der Höhe der Leistungen, sondern sie wissen nicht, wofür sie zahlen. Würden sie besser aufgeklärt, dann wüßten sie auch, nach wie vielen Richtungen hier gedeihlich gearbeitet wird. Bezüglich der Armenpflege wäre eine Reform im modernen j Sinne am Platze. Mit der Errichtung der Zentral-Armenstelle wurde wohl ein Anlauf genommen, der den Schein einer modernen Organisation erweckt, aber die Erwartungen nicht erfüllt hat. Das reine Elberfelder System paßt für die Wiener 'Verhältnisse allerdings nicht, aber eine Zentralisierung der Mittel einerseits und andererseits eine Dezentralisierung der Kontrolle in der Verwendung der Mittel ist unbedingt am Platze. Das Bnrean allein ist nicht im Stande, die 20—25 Tausend Armen in Evidenz zu halten. Da müssen freiwillige Armenpfleger mithelfen. Wenn behauptet wird, wir bekommen sie nicht, dann sage ich, man muß sie eben suchen. Es ist heute nicht Zeit und Gelegenheit, dies alles in Detail auseinanderznsetzen. aber ich möchte mit meinen Anssührnugen nur bezwecken, daß an eine ernstliche Reform der Armenpflege geschritten werde. Betreffs des Religionsunterrichtes erhofft sich der Redner sehr viel von der deutschen Bibellektüre. Nicht daß er ein Gegner des hebräischen Unterrichtes wäre, soweit dies in den zwei Stunden -möglich sei, soll er auch weiter gepflegt werden, aber den Inhalt, die Grundzüge und den eigentlichen Kern der jüdischen Religion wird man der Jugend durch die deutsche Bibellektüre besser .vermitteln können. Ebenso würde die Ausbildung des Jngendgottesdienstes viel zur Hebung des religiösen Interesses bei der Jugend beitragen. Hofrat Dr. Rappaport bemerkt gegenüber der Anregung des Vorstehers S. Steiner betreffs der umgefalleuen Grabsteine, daß hiezu eine Aenderung der Friedhofsorduung notwendig wäre und betreffs des Kiuderspitals schließt er sich im allgemeinen den Ausführungen des Professors Ehrmann an. Das diesjährige Budget schließt mit einem Desizit ab, das aber eigentlich kein Desizit ist, wenn man von demselben die Ausgaben für die Mikwa und die vielleicht gar nicht zur Ausgabe gelangenden Einstellungen für die Wahl in Abzug bringt. Nach Annahme des Antrages .auf Schluß der Debatte, erfolgten Richtigstellungen des kaiserl. Rat K anders und .kaiserl. Rat Weil und hieraus gelangt Finanzreferent Max Fra.nk zum Schlußworte, der auf einzelne Bemerkungen in der Debatte kurz reflektiert und schließlich, für die liebenswürdige Anerkennung, die sein Referat allseitig gefunden hat, dankt. . Der Antrag des Professor Dr. E h r m an n auf en bloe» Annahme des Budgets, das in vielen vorhergegangenen Plenarsitzungen eingehend durchberaten wurde, wird einstimmig angenommeu. Präsident Dr. Stern: Bevor ich zur Durchführung des Beschlusses schreite, erübrigt mir noch, dem Budgetreferenten, Herrn Vertreter Max Frank für seine ausgezeichnete Arbeit Dank zu sagen und auch dem Liquidator K a tz, der seit Jahren sehr intensiven Anteil an den Bndgelarbeiteu genommen hat, sowie allen Beamten, die hiebei mitarbeiteten, meine Anerkennung aussprechen. Hierauf wird die Budgetvorlage en bloc angenommen und die öffentliche Sitzung geschlossen. Josef der zmeite, Moses der dritte, Friedrich der vierte. Aus meiner Studienzeit. Bon Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger zu Hamburg. Als ich in der „Oesterr. Wochenschrift" vor kllrzem ein Kapitel „meinem ersten Lehrer" gewidmet halte, erhielt ich zahlreiche Zuschriften, auch Mitteilung zu geben über die Fortsetzer der Arbeit des e r st e n und so folge heute: Josef der zweite, darauf Moses der dritte und dann Friedrich der vierte. Man denke bei diesen Ueberschriflen nicht etwa an Kaiser Josef II., an den dritten Moses Monrefiore oder Mendelssohn, an einen deutschen Monarchen Friedrich IV., sondern es sind Rabbiner, denen ich zu meiner Gymnasialzeit die weitere theologische Vorbildung verdanke: Josef G r n n b a n m, Rabbi zu S i l l e i n, der — zweite Lehrer, Moses N e ub a n e r, Rabbi zu K o l t e s o der dritte, und Friedrich U l l m a n u, Rabbiner in W a i tz e n. der vierte — Lehrer. Es sind hochinteressante Persönlichkeiten, von denen ich zu meiner Zeit etwas zu sagen hätte. Josef, der zweite. Nachdem ich die Normalschulprüfuug unter Leitung des Direktors Ignatz Singer in Sillein bestanden hatte, führte mich mein sel. Vater zum Pater Mauritius Rehak, Rektor des Franziskaner-Gymnasiums im Kloster dortselbst, um die vier Lateiuschlllen zu absolvieren, zugleich aber auch zum Rabbiner von Sillein, einem Schüler des Chassan Sofer, der, bei aller Toleranz» ein großer Feind der „galchischen" Sprache, d. h. der lateinischen, von „Galochim." katholischen Priestern gelehrten, sowie der damit zusammenhängenden profanen Wissensgebiete gewesen. Die Patres Prvsessores waren edle Menschen und fast ausliahmslos jndenfrenndlich. So prüften z. B. die Lateinlehrer Pater Partenius wie auch der Pater Direktor am Sabbat die jüdischen Schüler nur von den Versetzungen, ein Katechet Henricus fand es sündlich, wenn ein nicht religiös erzogener Judenknabe am jüdischen Feiertag schrieb, ein Pater Camillns, Cornelius, Georgins unterstützte arme jüdische Schüler und nicht selten luden mich fast alle zu einem Glas Kaffee zu sich ein, mancher schenkte mir Bücher, die anznschaffen ich nicht imstande war. Ich vergesse nie die überschwängliche Dankbarkeit meines Lateinlehrers, als ich ihm zum Peßachfeste einige Mazzot. von Mutterhand gebacken, in die kleine, freundliche Klosterzelle brachte, und nachdem er mich zärtlich umarmte, sprach er bewegt die Worte:. „Das ist für Euch ein Brod des Elends, für mich ist es Man u a, Brod des Himmels." Aber Rabbi Josef, mein zweiter Talmndlehrer, bei dem ich von 5—9 abends und morgens von ö—7l/2 täglich teils in der ärmlichen Wohnung, teils in der hübschen alten Holzsynagoge meist mit noch zwei bis drei Talmudjüngern aus reicheren Häusern rabbinische Studien, insbesondere Talmud und D e z i s o r e n lernte, war meinem Vater gram, daß er ein „fromm Jüngel" ..galchisch" bilden läßt und seiner Suade gelang es auch, mich zu veranlassen,- inmitten des ersten Studien-

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