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Die Wahrheit · 1909-12-24 · Heft 50 (24.12.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 50 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 dir. HO pfaugen. Von den 6OO Ausgetretenen im Jahre 1909 waren bloß 67 Wiener Kultussteuerträger. -Wirtschaftliche Notlage, Zwang der materiellen Interessen spielen hier eine größere Rolle als die Mängel des Religionsunterrichtes. Wenn man von den geringen Unterrichtsaustalteu spricht, so vergißt man, daß früher das Haus den größten Teil der religiösen Unterweisung geleistet und die Schule unterstützt hat, jetzt steht das Haus der Schule feindlich gegenüber. In zwei Stunden wöchentlich können besondere Erfolge unmöglich erzielt werden, was in der Grenze der Möglichkeit liegt, wird geleistet. Wir bemühen uns auch, minderwertiges Lehrermaterial allmalig durch besseres zu ersetzen. Dr. Maximilian Steiner betont die Notwendigkeit, der religiösen Unterweisung der Mädchen eine besondere Sorgfalt znzuwenden. Der religiöse Sinn ist der jüdischen Frauenwelt nahezu verloren gegangen, bei den meisten Taufen spielen Frauen und Mädchen leider die Hauptrolle. Hier ist Abhilfe dringend notwendig. In zwei Stunden kann man allerdings nicht viel' leisten, aber doch manches. Kaiser!. Rat K a u d e r s urgiert die endgiltige Erledigung der Frage der Koscher-Selchfabrik. betreffs welcher ein Beschluß des Plenums an das Vertreterkollegium geleitet wurde. Dr. Leopold K o b n wendet sich gegen die Bemerkung des Finanzreferenten, betreffend die Steiuietzung für Gräber der gratis Beerdigten. Wir haben 70°/,, Gratisleichen, im Jahre zwölf- bis dreizehnhundert. Wollte mau bei jedem Grabe einen Stein setzen, so wäre das eine Ausgabe von mehr als K 50.000 jährlich. Gegenwärtig wird jedes Grab mit einer Nummer versehen, wir gedenken in Zukunft eine eiserne Tafel anzubrjngen, der Denkstein ist nach jüdischer Auffassung nicht gar so wichtig, „des Menschen frommes Wirken bildet seinen Denkstein" sagen unsere Alten. In bezug ans den Religionsunterricht bemerkt Redner: Nicht die besten Lehrpläne, nicht die besten Lehrer können helfen. Wenn das Haus tlicht mithilft, müht sich die Schule vergebens. Wir wenden Geld, Zeit, Mühe und Erfahrung an, wir tun das Mögliche, nur darf das Haus nicht versagen. Zn kleinen Gemeinden herrscht ein größerer Kontakt zwischen Religionslehrer und Familie, wodurch oft eiue günstige Einflußnahme geschieht; in der Großstadt ist das nicht möglich. Kaierl. Rat Jonas Weil konstatiert, daß von keiner. Seite gegen den Voranschlag ein wesentlicher Einwand erhoben wurde und er schließe sich voll dem Lobe an, das allseits dem Referenten gespendet wurde. Das Budget liefert den Beweis für eine ordentliche Gebahrnug in allen Zweigen der Verwaltung und ist erfüllt von echtjüdischem Geiste. Wenn im Laufe der Debatte davon gesprochen wurde, daß das Verständnis für die Bedeutung des Religionsunterrichtes abgeschwächt sei, so könne man dem im gewissen Sinne zustimmen, und besonders sei die Erziehung unserer Töchter nicht derart, daß bei denselben das Interesse für das Judentum geweckt werde. Ganz richtig bat Herr Dr. Leopold Kohn bemerkt, daß es nicht aus die Maßnahme zur Hebung des Religionsunterrichtes ankommt, sondern auf die Männer, die sie durchführen, nur diese sind in der Lage, die Kinder dem Judentume zu erhalten. Herr Dr. Spitzer hat sich darüber ausgehalten, daß die Gebahrnug der Gotteshäuser passiv sei. Dem Umstande lege Redner nicht so große Bedeutung bei. In den Kreisen der Gemeindemitglieder begegnet man oft der Frage: „Was leistet mir die Kultusgemeinde? Für alles müssen besondere Taxen gezahlt werden und wenn man den Gottesdienst besuchen will, muß man für den Sitz wieder bezahlen. Das Ideal, das allerdings unter den gegenwärtigen Verhältnissen nuerreichbar ist, wäre das, daß jedem, ohne Rücksicht aus Stand und Vermögen, die Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse durch die Kultusgemeinde ermöglicht wird. Die Erläuterungen des Referenten haben den Redner mit großer Befriedigung erfüllt und er sei mit demselben im allgemeinen einverstanden, nur müsse er bedauern, daß der Herr Finanzreferent über den projektierten Ämtsbau nichts Näheres mitgeteilt habe. Schließlich möchte er. wie im Vorjahre, auch bei der heurigen Budgetberatung über das Projekt eines Kinderspitales sprechen. Der Gemeinde stehe für diesen Zweck ein Fond zur Verfügung, der Ende 1910 inklusive der Zinsen zirka 400.000 Kronen betragen werde. Allerdings sei dieser Betrag lange noch nicht ausreichend,- aber man sollte doch der ' Angelegenheit näher treten. - : V; Präsident Dr.' Ster n: Es ist ja allgemein bekannt,-daß rücksichtlich des Platzes, auf dem sich das gegenwärtige Gemeindehaus in der-Seitenstettengasse und das uns gehörige Nebenhaus befinden und der für den Bau einest neuen Tempels in der Stadt und eines Amtshauses in erster Reihe in Betracht käme, seit längerer Zeit Verhandlungen mit der Kommune geführt werden, aber bisher Haben wir seitens der letzteren irgend ein Entgegenkommen nicht gefunden. Vielleicht wird sogar die Frage erwogen werden müssen, ob man nicht für den Ban eines Amtshauses oder eines Tempels anderweitig einen Platz suchen soll. An verschiedenen Versuchen und an meinem Eifer, in dieser Angelegenheit vorwärts zu kommen, hat es nicht gefehlt, aber ein Fortschritt in den Verhandlungen konnte bisher nicht konstatiert werden. Unter anderem hat die Kommission zur Erhaltung der knnst- und historischen Denkmäler die Forderung gestellt, daß der Neubau nicht höher als 15 Meter über dem zukünftigen, gegen das gegenwärtige um ll/2 Meter niedrigeren Straßenniveau geführt werden dürfe — also kaum bis zur Höhe des zweiten Stockes — und wir sind nicht imstande zu erfahren, welche Stellung die Kommune zu dieser Forderung, die den Ban fast unmöglich machen würde, einnimmt; es scheint also, als ob seitens der Kommune eine Art passiver Resistenz geübt würde. Herr kaiserl. Rat Weil hat vom Kinderspitale gesprochen. Gewiß wäre ein solches höchst wünschenswert, aber die zur Verfügung stehenden Kapitalien sind viel zn gering, da man für ein Kinderspital mindestens 4 Millionen Kronen benötigen würde. Bei der Kommune z. B. erliegt ein Königswarter- Kinderspitalsfond in der Höhe von 1,400.000 Kronen für ein interkonfessionelles Kinderspital. Da nun der Stistbrief die Bestimmitng enthält, daß von keiner Seite, außer von der Kommune, Beiträge zn diesem Fonde angenommen werden dürfen und anderseits der Fond selbst nicht ansreicht, erhebt sich in kommunalen Kreisen keine einzige Stimme, daß man ün die Aktivierung der Stiftung schreiten soll. Ich erwähne diese Tatsache nur deshalb, um darzulegen, daß wir mit den 400.000 Kronen schon gar nichts anfangen können. Bezüglich der Anfrage des Herrn kaiserl. Rat K a u d e r s betreffs Errichtung einer Koscher-Selchwaren-Fabrik, kann ich nur konstatieren, daß die diesbezüglichen Bemühungen zn keinem Resultate geführt haben. Vorsteher S. Steiner verweist darauf, daß ans dem Zentralsriedhofe zahlreiche Grabsteine umgesallen sind und ersucht, daß die Aufrichtung derselben ans Kosten der Gemeinde erfolgen sollte. Weiters hält er es für dringend geboten, der „Ohewra Kadischa“ andere Amtslokalitäten znznweisen, da die gegenwärtigen schon wegen des starken Verkehres kranker Personen — insbesondere infektionskranker Kinder — aus hygienischen Rücksichten beanständet werden müssen. Professor Dr. Ehr mann: Da in der heutigen Debatte wieder vom Kinderspitale gesprochen wurde, halte ich es für notwendig, meinen Standpunkt in dieserFrage klar anseinanderzusetzen. Niemand kann leugnen, daß wir in Wien zn wenig Kinderspitäler besitzen und daß insbesondere ein jüdisches Kinderspital höchst wünschenswert wäre. Aber daß dasselbe aus den Mitteln der Kultusgemeinde errichtet wird, ist absolut undenkbar, da die Kosten sich auf 4—5 Millionen belaufen würden. Solche Summen können nur durch private Spenden, nicht aber durch eine Aktion der Kultusgemeinde im engeren Sinne aufgebracht werden. Die Frage muß jedoch noch von einer anderen Seite beleuchtet werden. Das Spital der Knltnsgemeittde erfüllt heute seine Aufgabe mehr als früher. Früher fand jeder Kranke Aufnahme in den allgemeinen Spitälern, jedoch heute, wo die Länder sich weigern, die Beiträge zum Spitalsfonde zn leisten, wird die Aufnahme möglichst auf die Einheimischen und Zuständigen beschränkt und da ist es im Interesse der jüdischen, zum großen Teile von anslvärts kommenden Kranken geboten, daß die Kultusgemeinde mit ihrem Spitale suppletorisch eintrete. Bei den Kindererkrankungeu hat es eine andere Bewandtnis, und es ist Pflicht der staatlichenKinderspitäler, soweit derBelegranm ausreicht, jedes erkrankte Kind aufzunehmen. Wenn nun die Kinder-

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