Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 50 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Die Wahrheit Seile 7 Kliniken, die Herren Professor Dr. Z u ck e r k a n d l und Primarius im vorigen Monate hat in Anwesenheit des Herrn Präsidenten Dr. Alfred'Stern die Feier der Gleiche stattgefunden. Dieses Dr. Fleisch mann, die ihn mit ihrem reichen Wissen nnd ihrer hohen Begabung in dieser und. in jeder Beziehung treu zur Seite gestanden sind. Allein die Lasten dieser so eminent wichtigen wohltätigen Institutionen sind es, die am schwersten, das Gleichgewicht in; unserem Budget. bedrohen. Zwar können wir heuer mil aufrichtiger Freude konstatieren, daß eine Anzahl hochherziger Zuweisungen nnd Legate von dem echtjüdischeu Gemeinsinne unserer Mitbürger ein rühmendes Zeugnis ablegen, aber leider sind gerade jene Zuweisungen, die zur Stärkung unseres Spitalserhaltungs-Foudes bestimmt sind, von einer betrübenden Seltenheit. Und doch läßt sich kaum etwas Schöneres denken, als das Bewußtsein, den Kranken, den bedauernswertesten der Armen, bis in die fernsten Zeilen hinein zur Linderung ihres Elends beigetragen zu haben nnd wenn ich an der Front des Brüsseler Krankenhauses ans Marmortafeln, die fast das ganze Haus bedecken, in goldenen Lettern die Namen der Spender und Wohltäter ausgezeichnet sah, so mußte ich unwillkürlich immer denken, daß dies wohl auch eine symbolische Bedeutung habe, denn die Namen dieser Edlen sind anch mit goldenen Lettern in das Buch der Menschlichkeit eingegraben. — Ich habe den heißen Wunsch, daß dieser Appell nicht wie bisher ungehört verhallen möge, nnd daß die mit Glücksgütern überreich gesegneten auch jener gedenken, die in Schmerzen leiden. Vielleicht kann ein Vorschlag, den ich nicht als Antrag, sondern nur als Anregung hier Vorbringen möchte, unserem notleidenden Krankenhausfonde neue Mittel znführen. Der Tod mit seinen vorhergehenden Leiden macht wohl am meisten empfänglich für das Siechtum auch der Fremden. Es wäre vielleicht angezeigt, bei unseren Friedhofgebühren einen fakultativen Zuschlag voll, sagen wir 100/0. für das Spital derart einzusühren, daß er jedem, der ein Begräbnis anmeldet, in warmen Worten nahe-! gelegt wird. Eine Pression darf natürlich in keiner Weise aus-! geübt werden, aber ich denke, daß jemand, der K 1000 für die Beerdigung eines Toten ansgibt, es gewiß nicht als Last empfinden wird, freiwillig noch K 100 zur Verlängerung des Lebens vieler armer Kranker beiznsteuern. Hätten wir bisher eine Einnahme aus diesem Titel für den Spitalssond gehabt, so hätte ich gewiß nie daran gedacht, die Ausgaben gerade hier zu restringieren. Und auch ein zweiter Herzenswunsch, den ich habe, könnte ans einer solchen Einnahme, falls sich meine Erwartungen erfüllen, befriedigt werden, nämlich die Beistellung von, wenn anch bescheidenen, Grabsteinen für die kostenlos bestatteten so überaus zahlreichen Armen unserer Gemeinde. . lieber der regelmäßigen Arbeit des Alltages übersieht man nur zu leicht, daß das Leben in unserer Gemeinde frisch pulsiert nnd so muß ich, obgleich dies streng genommen nicht znm Budget gehört, zweier Schöpfungen gedenken, die bestimmt sind, sich harmonisch in das Werk der so überaus großen sozialen Fürsorge unserer Gemeinde einznfügen. Das Ziel, welches seinerzeit durch die Schaffung des Mannheimer Kinderasylsondes angestrebt wurde, ist nnn gelungen, wenn gleich vorläufig in bescheidenem Umfange, der Verwirklichung zuzuführen. Der Vorstand unserer Gemeinde hat zugestimmt, daß der Verein zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder im XV. Bezirke, Herklotzgasse 21, eine Heimstätte für jüdische Kinder errichtet, und die Kosten dieser Institution ans dem eben erwähnten Fond, sowie durch Heranziehung der Erträgnisse ans der seinerzeitigen hochherzigen Widmung des Ehepaares Gottlieb und Regine Bettelheim zu bestreiten. In dieser Heimstätte sind nun ans der Reihe der verlassenen Kinder, welche unter Obhut unserer Gemeinde stehen, 30 Knaben nnd Mädchen untergebracht worden, um diesen armen Wesen, soweit als nur irgend möglich. Ersatz für das Elternhaus zu bieten. Sollte der Wohltätigkeilssinn unserer Mitbürger weiterhelfen, so können in ganz absehbarer Zeit vielleicht noch weitere 30 Kinder dahingebracht werden, der Wiener Judenschaft zur Ehre zn gereichen. Ferner ist zn unser aller Freude unter Heranziehung der im Budget ausgewiesenen Jubilällmsstiftnng per L 100.000 ein neues jüdisches Knabenwaisenhaus des Waisenvereines der israelitischen Kultusgemeinde in Wien der Vollendung nahe nnd Waisenhaus hat nun schon vor seiner Vollendung eine der herrlichsten Früchte getragen, indem es einen Entschluß zur Reise gebracht hat, der, meines Wissens, in seiner Art ganz vereinzelt dasteht. Ein kinderloses Ehepaar, welches aber ungenannt zu bleiben wünscht, hat uns kund gegeben, daß es sein ganzes, nicht unbedeutendes Vermögen nachdem, hoffentlich recht späten, Ableben der beiden Ehegatten zur Errichtung und Erhaltung eines Pavillons dieses Waisenhauses bestimmt. Es gibt wohl kein schöneres Monument, als jenes, welches sich diese wahrhaft edlen und großherzigen Menschen aus der ganzen Tiefe ihres Gemütes hiemit errichten, und wenn man unserer Zeit rücksichtslosen Egoismus nnd Mangel an Idealen mit Recht oder Unrecht vorwirst, so können wir Inden, solange es solche Mitbürger gibt, die selbstlos sich mit der Allgemeinheit verbunden fühlen, freudig und zuversichtlich das sichere Bewußtsein haben, daß das Judentum tliemals zugrunde gehen kann. Ich empfehle das Budget ihrer Annahme. (Lebhafter Applaus.)^ Generaldebatte. Dr. M. S p i tz e r: Die Auseinandersetzungen des Referenten haben auf mich einen ausgezeichneten Eindruck gemacht, aus den vorgeführten Daten spreche ein echt jüdischer Geist. In den letzten Tagen fanden mehrere Versammlungen von Wohltätigkeitsvereinen statt. In einer derselben hat der Herr Präsident, in einer zweiten der Herr Vizepräsident in der Ansprache auch die Tatsache erwähnt, daß wir die Hälfte der Steuereingäuge für Wohltütigkeitszwecke verwenden. Aus dem lebhaften Beifalle, welchen die Mitteilung in jeder Versammlung auslvste, konnte man sich überzeugen, daß die jüdischen Wähler in voller Unkenntnis sind über die Natur unseres Budgets und unserer finanziellen Gebahrung. Wenn weitere Kreise über unsere Tätigkeit mehr und besser unterrichtet wären, so würde die Verwaltung eine ungleich günstigere Beurteilung erfahren. Das Defizit hat naturgemäße Ursachen. Die Entwicklung aller Institutionen steigert die Ausgaben, die Wohlfahrtseinrichtnngeu erfordern immer neue Mittel. Trotzdem ist das Defizit nur ein scheinbares. Seit zehn Jahren hat der Vorstand außerordentliche Ausgaben aus den ordentlichen Einnahmen bestritten, während anderwärts Anlehen anfgenommeu werden, um ordentliche Ausgaben zu decken. An Sparsamkeit läßt man es nicht fehlen, indes unabwendbare Bedürfnisse heischen Befriedigung nnd eine jüdische Großgemeinde hat auch die Verpflichtung zn einer gewissen Großherzigkeit. Zieht man die Einstellung von Reserven in Betracht, die zur Verwendung kommen sollten, so schwindet das Gespenst des Defizits. Redner zeichnet die Leistungen der Kultusgemeinde auf den Gebieten des Kultus und Unterrichtes, die von hoher Bedeutung sind nnd kommt dann ans die Austritte ans dem Judentum zn sprechen. Im alten Israel war es ein Gebot, wenn in der Nähe einer Stadt ein Erschlagener aufgefunden worden, so waren die Aeltesten der Stadt zu einer Zeremonie verpflichtet, bei welcher sie beteuerten, sie seien unschuldig an der Missetat, „unsere Hände haben das Blut nicht vergossen". Die Getauften aus unserer Mitte sind unsere „Erschlagenen und wir müssen unserer Verantwortlichkeit eingedenk bleiben. Der neue Lehrplan für den Religionsunterricht bedeute einen gewissen Fortschritt, vielleicht bringt er auch nach anderer Richtung eine Besserung. Nachdem der Redner noch die versprochene Statittenäudernng nrgiert hat, erklärt er für das Budget zu stinimen. Präsident Dr. Alfred Stern will nur gegenüber dem Vorredner erwähnen, daß in dem letzten Jahre die Reserven nicht bloß vollständig ausgeschöpft, sondern sogar noch überschritten wurden. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n bestreitet, daß man von einer Zunahme der Taufen in Wien reden kann, die Ziffer bleibt beinahe konstant, zirka 600 jährlich. Von diesen 600 sind die weitaus größere Hälfte keine Wiener, sonder Provinzbewohner, die — um den Üebertritt in ihrer Umgebung zu verheimlichen — nach Wien kommen, um hier die Taufe zu em-