Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 50 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 50 Abschnitt F. „A r m e n - nnd Wohltätigkeits- Angelegenheiten" ist. mit dem vorjährigen Budget ganz gleich geblieben, obgleich gerade hier fast alle Kapitel höher veranschlagt wurden, als per 1909, so Kapitel 24 um K 2000, Kapitel 25, 26 um K 500, Kapitel 27 um K 2300. Dagegen wird sür Kapitel 28, Kaiserin Elisabeth-Pflegerinnenheim, ein Betrag von L 5000 weniger benötigt. Das belrübeudste Kapitel, welches unser Budget enthält, ist zweifellos jenes, über welches ich eben berichtete, wirft es doch ein grelles Streiflicht auf die große Notlage in welcher sich ein erschreckend großer Teil der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt befindet. Und das Traurigste ist wohl der Umstand, daß;vir trotz der nicht unbedeutenden Summe von über L 300.000, welche diesem Abschnitte zugewiesen werden, auch nicht annähernd jene Linderung des ltngehenereu Elendes herbeiznführen in der Lage find, wie wir es als Menschen und als Juden aus vollem Herzen wünschen'würden. Wir müssen uns ja sagen, daß wir nicht weitergehen können, als wir es tun, weil neue Einnahms- Lsnelleu nicht existieren und wir mit unseren Mitteln nicht einmal das volle Auslangen finden. Und trotzdem bin ich mir nicht einen Augenblick darüber im unklaren, daß dieses Kapitel selbst bei der größten durch die mißlichen finanziellen Verhältnisse gebotenen Zurückhaltung auch weiterhin gewißer Steigerung nicht wird entgehen können, und wenn ich die Verpflichtung habe, stets von neuem zur äußersten Sparsamkeit anfznfordern, so empfinde ich bei diesem Kapitel die praktische Unmöglichkeit diese Intention auch wirklich strenge durchznführen. Abschnitt G. „Finanzielle und administrative Angelegenheiten" hat einen um zirka L 68.000 geringeren Ueberschnß als das vorjährige Budget. Kapitel 29, Kultussteuer, ist um K 30.000 höher veranschlagt, Kapitel 30, Gemeindeverwaltung, benötigt um K 23.220 mehr als im Vorjahre, teils wegen normalmäßiger Gehaltserhöhung, hauptsächlich aber wegen der K 20.000, welche für die dem gegenwärtigen Statut entsprechend, im Jahre 1910 vorznuehmenden Vorstandswahlen eingesetzt werden mußten. Bei Kapitel 31, Matrikelamt, haben sich die Ausgaben infolge Gehaltserhöhung um K 1100, bei Kapitel 32, wegen Pensionierung eines Funktionärs, um K 2000 erhöht. Die Kapitel 34, 36, die kleine Veränderungen aufweisen, sind rein buchhalterische, bei Kapitel 37 ist die allgemeine Reserve um K 10.000 erhöht und ein Betrag von K 60.000 für effektive Anschaffung der bisher nur buchmäßig gntgeschriebenen Zinsen der Fonds der israel. Kultusgemeinde neu eingestellt worden. Die Darlehens-Rückzahlungen und Friedhofs-Annuitäten weisen ein Mehrerfordernis von K 1300 auf. Mit Vergnügen gedenke ich bei diesem Abschnitte unseres trefflichen und anhänglichen Beamtenkörpers und benütze gerne die Gelegenheit, um allen Herren, an ihrer Spitze meinem verehrten Freunde, Herrn kaiserl. Rat Dr. Theodor Lieben, den Dank und die vollste Anerkennung des Vorstandes ausznsprechen. Meine sehr geehrten Herren! Nach den etwas ermüdenden Detaills der einzelnen Budget-Posteuverändernngen gestatten Sie mir nun, meine sehr geehrten Herren, den Voranschlag als Ganzes zusammenfassend, sowohl einige allgemeine Betrachtungen, als auch jene Folgerungen zu ziehen, welche sich insbesondere aus dem Vergleich mit dem vorhergehenden Jahre und mit anderen Gemeinden ergeben. Wenn wir heuer unter Außerachtlassung der für außerordentliche Zwecke zu verausgabenden 180.000 Kronen ein Defizit von 110.176-82 Kronen zu verzeichnen haben und dieses daher sich beiläufig in der Höhe des für das Jahr 1909 angenommen hält, so kann man darin, so paradox es klingt, vielleicht einen gewissen Trost erblicken. Es ist allgemein bekannt, und ich muß es speziell in diesem Kreise nicht im Detaill ausführen, wie jedes Jahr, ja fast jeder Monat uns vor neue Aufgaben und Pflichten stellt, die sich vielfach rein aus unserer Stellung als.erste und größte Kultusgemeinde Oesterreichs ergeben. Trotzdem wage ich die Hoffnung auszusprecheu, daß wir bei fortgesetzter ängstlicher und dabei weiser Sparsamkeit dem Schreckgespenst des wirklichen Defizit beim Rechnungsabschluß werden entgehen können. Und diese Sparsamkeit muß umsomehr in Zukunft unser Leitmotiv bleiben, weil wir uns dessen voll bewußt sind, daß wir unseren Mitbürgern im Vergleiche zu anderen bevorzugten Konfessionen nicht unerhebliche Opfer aufznerlegen genötigt sind, Opfer übrigens, die, wie ich mit Freude konstatieren kann, von dem weitaus größeren Teile unserer Mitbürger nicht mit Unwillen getragen werden. Ich sagte eben bevorzugte Konfessionen, denn ich werde bei jeder Bndgetbehandlnng immer und immer wieder eindringlich darauf Hinweisen, wie schweres Unrecht der Staat an seinen jüdischen Mitbürgern, den willigsten seiner Steuerzahler, begeht, wenn er es beständig ablehnt, zur Tragung der jüdischen Kultuslasten auch nur das geringste beizntragen, obgleich er aus allgemeinen Stenergeldern fast 25 Millionen Kronen für die Knltbedürfnisse der anderen, der eben bevorzugten Konfessionen, beiträgt. Aber noch mehr. Nicht genug daran, daß er uns unsere Knltuslasten ganz allein aufbringen läßt, gibt er uns nicht einmal die Möglichkeit an die Hand, die Stenern gerecht aufznteilen. ja überhaupt Kenntnis oou allen jenen, die zur Zahlung der Kultnssteuer verpflichtet sind, zu erhalten. In Deutschland liefert die Behörde den jüdischen Gemeinden nicht nur das Verzeichnis aller jüdischen Zeusiten, sondern auch die Angabe der Höhe ihrer Einkommen, wodurch natürlich die Aufstellung des Budgets ein reines Rechenexempel wird. Wir dagegen sind tlicht einmal imstande, von den Behörden zu erfahren. welche Veränderungen im Stande der Wiener Jndenschaft sich vollziehen, nicht etwa, weil es ein Amtsgeheimnis ist, denn sonst dürfte ja auch Lehmanns Wohnungs-Anzeiger diese Informationen nicht erhalten, sondern aus so leicht behebbarem Grunde, daß wir wohl erwarten dürfen, daß in Zukunft unsere berechtigten Wünsche endlich ein Entgegenkommen finden werden. So gibt es also sicher in Wien eine große Anzahl, vielleicht gar Tausende steuerkräftiger oder steuerverpflichteter jüdischer Bürger, die zu den Gemeindelasten nicht herangezogen werden können, weil man in der Millionenstadt von ihrer Existenz einfach nichts weiß. Ich bin überzeugt davon, daß ein Defizit dauernd gebannt wäre, wenn diese Nichtsteuerzahler ihrer Pflicht gegenüber der jüdischen Allgemeinheit Nachkommen müßten. Und doch ist es nötig, nicht nur das Defizit zu beseitigen, sondern durch gesteigerte Einnahmen und dadurch erzielte Ueberschüsse für die Zukunft Vorsorge zu treffen. Einer Kultnsgemeinde stehen ja nicht die reichen Auswege einer Kommune zu Gebote. Straßenbahnen. Licht und Kraftwerke kann eine Kultnsgemeinde nicht als Einnahmsquelle in ihr Kalkül ziehen und unsere Mikwah dürfte sich doch sicher nicht erträgnisreich gestalten, im Gegenteil, unsere Lasten noch steigern. Woher also sollen wir denn die großen Ausgaben bestreiten, die uns in sehr absehbarer Zeit erwarten, und wie sollen wir. wenn wir zu deren Ausführung seinerzeit Anleheu ausnehmen werden müssen, die Zinsen und Annuitäten derselben aufbringen, wenn nicht durch einen Ueberschnß. Das ist ein Schatten auf die Aussicht für die Zukunft, denn wir werden, wie bereits von mir gestreift, in viel kürzerer Zeit, als vielfach angenommen wird, an eine Erweiterung unseres gegenwärtigen oder' die Nenanlage eines neuen Friedhofes schreiten müssen, was mindestens ein Kapital von 1—2 Millionen Kronen erfordern dürfte, und eine zweite Angelegenheit, die moralisch mindestens ebenso dringend ist. wäre die Neuschaffung eines Amtshauses, würdig der Jndenschaft unserer so großen Gemeinde. Ist es denn nicht beschämend, daß unser Amtshaus noch ans vormärzlicher Zeit stammt und daß das wichtige Moment der Äußerlichkeiten, welches, man mag es billigen oder nicht, sicher eine hervorragende Rolle im Leben der menschlichen Gesellschaft spielt^ bei uns vollkommen unbeachtet bleibt. Worauf wir hingegen eher stolz sein können, das sind unsere verschiedenen Institutionen, das Versorgungshans, die Siechen-Anstalt und besonders unser Krankenhaus, welches, vom ärztlichen Standpunkte mustergiltig geleitet, auch wirklich Hervorragendes leistet. Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit zu konstatieren, daß dies zum größten Teile unserem allverehrten Herrn Hofrat Profesfor Dr. O s e r zu danken ist, der, seit Jahrzehnten an der Spitze unseres Spitales stehend, sich um den so vorzüglichen Ruf desselben unvergängliche Verdienste erworben hat, ebenso wie auch die Leiter der chirurgischen und gynäkologischen