Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 49 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrheit Seile 5 Hebungen des Kaiserlichen statistischen Amtes aus diese Frage ansdehnen zu lassen, und veranstaltete dann selbst mit Hilft seiner Korrespondenten eine Umfrage bei jüdischen Geschäftsinhabern, die, genügendes Material zur Grundlage für Denk-! schriften ergab, welche gleichzeitig an den Bnndesrat und an den Neichsstaatssekretär des Innern gerichtet wurden, mit dem Anträge: „Es möge bei der Regelung der Sonntagsruhe als Aus-! nähme durch Reichsgesetz gestaltet werden, jüdische Angestellte in Kontoren und kansmännischen Betrieben, die nicht mit offenen Berkanfsstellen verbunden sind, au Sonntagen und allgemeinen Festtagen ans zwei Stunden zu beschäftigen, insoweit die jüdischen Geschäftsinhaber im voraus sich veipslichten, ihre Geschäfte an Sabbaten linb jüdischen Festtagen fest geschlossen zu halten." Gleichzeitig wandte sich der Verband mit dem Ersuchen um Unterstützung seiner Bestrebungen an sämtliche Handelskammern. Als Anfang dieses Jahres die Gewerbedeputation des Berliner Magistrats eine Umfrage betreffend eine weitere Beschränkung der Sonntagsarbeit in offenen Geschäften versandte, hat der Verband der Deutschen Juden auch hier durch eine Eingabe darauf hingewiesen, daß eine a n s n a h m s l o s e Untersagung jedes Handelsbetriebes an Sonntagen und christlichen Feiertagen llicht geboten erscheine. Die nunmehr seitens der Regierung in Aussicht gestellte Regelung trügt jenen Anträgen Rechnung und würde eine Sonnlagsarbeit jüdischer Angestellter in nicht offenen Geschäftsräumen bei Gewerbebetrieben, die am Sabbat schließen, bis zu drei Stunden ermöglichen, freilich die Gewährung dieser Ausnahme voit der Anordnung der Verwaltnngs- oder der Stadtbehörden abhängig machen; anscheinend sollen aber den betreffenden Gewerbetreibenden jene drei Stunden ans die allgemein zulässige Beschäftignngszeit in Anrechnung gebracht werden. Beide Einschränkungen erscheinen nicht geboten durch die Zwecke, die der Entwurf verfolgt, und es ist zu hoffen, daß die Regierung nach nochmaliger Erwägung nicht daran festhalten wird." * In einem von Dr. Landa-London verfaßten Artikel über die Stellung der Inden, in England heißt es u. a.: Antisemitismus existiert nicht in England. Es mag latent sein, in tiefem Schlaf . liegen, aber die Bemühungen der wenigen, die ihn durch frenetische! Uebertreibnng des Jndenproblems erwecken wollten, sind völlig! gescheitert. Es gibt keine nationale Frage, die geeignet wäre, Antisemilismtls Hervorzitrufen. Nur zwei öffentliche Fragen betreffen die Juden. Die eine, die der Sonntagsheiligung, ist in ■ ebenso hohem Maße eine nicht jüdische Frage, die andere, die; Fremdengesetzgebnng, liegt der jüdischen Gemeinde am Herzen, > damit den politischen und religiösen Flüchtlingen, allen, mit Ausnahme der Verbrecher und Siechen, unbeschränkte Aufnahme und Asylrecht gewährt werde. Obgleich die Angelegenheit Schwierigkeiten bietet, ist sie durchaus nicht hoffnungslos und nicht nur die Inden erstreben ein Amendement des Gesetzes. Aber es ist bezeichnend für den geringen Einffuß der englischen Juden, daß die Gemeinschaft bisher noch nicht einmal eine liberale Regierung dazu bestimmen konnte, selbst die lokalen Bestimmungen des Gesetzes abznändern, obgleich ein Jude, Herr Herbert Samuel. Unterstaatssekretär dieses Departements des Home Office ist. Indische Künstler nnd Gelehrte. In dem soeben erschienenen 12. Bande des von Anton Bettelheim redigierten „Biographischen Jahrbuch und Deutschen Nekrolog" (Berlin, G. Reimer, 1909) begegnen wir u. a. einer treffenden Charakteristik des am 7. November 1846 511 Proßnitz geborenen und am 17. September zu Wien verstorbenen Komponisten vom „Goldenen Kreuz", Ignaz Brüll, ans der Feder von R. Specht: „Mit Brüll, heißt es daselbst, ist ein Spielmann zur Ruhe gegangen. Keiner von denen, die in fröhlicher Uubesorgtheit ihre Fiedel streichen; ein stiller Musikant von melancholischer Anmut. Aber doch eine echte Spielmannsnatitr, deren Wesen es ja ist, ohne Grübeln 1111b ohne künstliches Forcieren unbefangen zu geben, was ihr der Augenblick beschert. Kein Erbe Beethovens; eher einer Schuberts, der ja die idealste Erscheinung dieser künstlerischen Art ist. Kein kühner Frescomaler; ein Miniaturist in zarten und einfach klaren, ungebrochenen Farbentönen. Einer, der sich, wahrhaftig ohne Haß, mit einem großen Herzen voller Liebe, vor der Welt verschlossen hat und dessen Lebeit ein gütiges Hinlrünmen war: fern von allem Kampf nnd aller No: der Zeit, vielleicht dadurch auch fern von ihrer Größe. Kenchendes Erklimmen steiler Gipfel, atemloses Eilen nach fremden Zielen war ihm fremd. Das Unbekannte, Rätselvolle, Niedagewesene hat ihn nie gelockt. Er ist immer gleichmäßig, in ruhigem Schreiten seinen Weg gegangen. Vielleicht keinen neuen Weg; aber die Blüten, die er an seinem Rande fand, geben einen lieblichen Strauß von nnvordringlichen, durchaus eigenem Duft. Wenn auf einen Musiker Muffels Wort taugt „mon verre n’est pas gravid, mais je bois dans mon verre", so war es Brüll. Er war durch nnd durch Melodiker. Kein Harmoniker und keiner jener Orchesterzanberer. die die Stimme jedes Instrumentes mit Leben erfüllen, die ihre Eingebungen gleich in orchestraler Polyphonie empfangen nnd die dabei durch den Glanz des Kolorits Stimmungen stärkster Art zn erzwingen vermögen. Er har auch nicht zu jenen Meistern gezählt, die eigentlich dann recht beginnen, wenn sie ihr thematisches Material ansgestellt haben und nun erst ans ihm organisch ein lebendiges Ganzes entwickeln. Solch organisches Entwickeln ist ihm zumeist nicht gegeben; er muß durch Fülle der Einfälle ersetzen, was ihm an Kontinuität des musikalischen Aufbaues fehlt. Kein Wunder, daß er dem eigentlich Symphoitischen! fern geblieben ist und daß er sein Bestes in engsten Formen geschaffen hat. Auch das ist in seiner ganzen Natur begründet, die eben auch eine Spielmannsnatnr war: Er ist Lyriker durch und durch und hat das Reinste, das ihm zn sagen vergönnt war, im Liede gesagt. Aber auch wenn er in Klavier- oder Jnstrnmentalwerkeu ganz er selbst ist nnd eben dadurch seine besten Wirkungen übt. so ist es der Lyriker, der sie erzielt;; die Fülle rein melodischer Erfindung, zärtlicher, graziös hin-! schwebender, heiter verträumter Motive, die freilich niemals die Grenzen rnhigen Gleichmaßes überschreiten; verzückte Extase, schmerzvolle Leidenschaft spricht ans der schönen Einfalt nnd Wärme dieser naiven Musik ebensowenig wie alles Gemeine, aber auch wie aller jauchzende Uebermut und alles blendende Temperament. Selbst der Humor, der Brülls Töne oft so reizend belebt, ist ein stiller Hn"wr; der beschaulich lächelnde des kindlich weisen, weltfernen Menschen. Sicher aber war es sein spezifisch melodischer Reichtum, der Brahms einmal zn dem Ausspruch brachte, daß Brüll im kleinen Finger mehr Miffik habe, als die meisten seiner Zeitgenossen daran, daß diese Musi! nicht immer zn jener Wirkung gelangte, die das Qualitative der , Erfindung sehr oft bedingt hätte, ist Brüll künstlerisch ohne : Schuld. Er war auch hier zu bescheiden; war überzeugt, daß seinen Motiven kein glänzenderes orchestrales Gewand, keine! ausführlichere thematische Entwicklung gebühre, als die durch-! sichtig einfache, toukarge, die er ihnen gegeben hat." i In ebenso begeisterten Worten feiert Karl Krebs das An- : denken des bedeutendsten Geigenkünstlers Josef I 0 a ch i m.! der bekanntlich auch jüdischer Abstammung war: „Joachim hat nach drei Richtungen hin erfolgreich und segens-! voll gewirkt: alsKompouist. als ans üben der Künstler und als Lehrer.; Seine Anfänge als Komponist versprachen Großes; die Ouvertüren i zu „Hamlet".,,Demetrius", zu einem Gvzzischen Lustspiel nnd „Dem! Andenken Heinrich von Kleists", seine Violinkonzerte in G-Dur! und „In ungarischer Weise", seine Variationen für Violin und! Orchester wie manche andere Stücke, zeugen für die Kraft seiner! Phantasie und seines Gestaltungsvermögens. Aber er hat die! Laufbahn des Schaffenden nicht weiter verfolgt und seine ganze i Produktivität in das Nachschaffeu gelegt. Einmal zog ihn eine! ansgedehnte Konzerltätigkeit immer mehr aus der Ruhe und; Sammlung, die znm Komponieren gehört, dann aber glaubte! er wohl, in Brahms die Erfüllung dessen zu sehen, was er ' selber an Tonkunstwerken erdichten konnte, und so hat er sich bescheiden zurückgezogen, um nur noch dem Freunde mit Rat und Tat zu helfen. Um so intensiver war Joachims Tätigkeit