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Die Wahrheit · 1909-12-17 · Heft 49 (17.12.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 49 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 49 führenden Geistern des Jndentums die Augen über den Prozeß des Austritts geöffnet werden. (Mit einem Witz auf der Kanzel oder mit einem Hymnus bei der Traiterfeier ist die Bewegung nicht abgetan!) Die zitierten Ansführnngen kennzeichnen Erscheinungen innerhalb einer anderen Konfession, wie sie sich bei uns schon lange und — was das Wichtigste ist — fast ganz in derselben Formt äußern. Ein Unterschied zivischen den Austritten hier und dort ist kaum anzugeben; höchstens in Betreff der „Eintritte", denen wir ein besonderes Kapitel rvidmen werden. Leider konsnndiert man beide, während sie in Wahrheit strenge auseinander gehalten werden müssen. Der Austritt rvegen der Kirchen-, sage Knltnsstener! Wer kennt den nicht? Daß die Ausgetretenen längst innerlich abgefallen waren, daß sie kein Verhältnis zum Judentum mehr hatten, ist ebenso richtig, wie der ofstziell angemeldete Austritt nur eine äußerliche Doknmentierung dieser Tatsache ist. Freilich, einige Abweichungen — leider nur zu unseren Ungnnsten — seien nicht verschwiegen. Keine Synode, kein „Oberkirchenrat" beschäftigt sich mit den Ansgetretenen, erläßt Kundgebungen über ihre Behandlung. Unsere Rabbiner, die offiziellen Vertreter des Judentums, sind vollständig— indifferent. Ist es doch charakteristisch genug, daß alles in dieser Frage nur gegen ihren Willen geschieht. Auch bei uns ist die Anstrittsbewegung das Symptom einer gewaltigen Gärung, einer religiösen Krisis in erster Linie, sie ist aber nicht minder eine nationale Krisis, weil die Austritte auch unsere naiionale Kraft gefährden, weil mit den vielen Ansgetretenen soviele Kräfte und Intelligenzen unserem Volke ganz verloren gehen. Mögen Austritte bei anderen Völkern das Zeichen zunehmender Wahrhaftigkeit und insoferne im Interesse eines offenen Bekenntnisses zur Wahrheit erwünscht sein, für uns ist eine bloß äußerliche Zugehörigkeit zum Judentum nicht ganz ohne Werl und Bedeutung, weil Judentum auch ein nationaler lind volklicher Begriff ist. Unsere Ausgetretenen können daher für sich das Dilemma — Bekenntnistrene oder Wahrhaftigkeit — schwerlich in Anspruch nehmen, weil bei uns die Alternative gar nicht zutrifft, zumindest in dieser Formulierung unvollständig ist. Bei anderen Nationen bedeutet ein Austritt aus der Landeskirche keinen Austritt ans dem Volksverbande, bei uns ist dies leider doch der Fall, weil bei uns ein Austritt gleichbedeutend ist mit einem „Eintritt", d. h. mit einer Absage an Religion und Nation, einem Abstreisen jüdischer Eigenart in jeder Beziehung, zumindest aber dem Streben nach Erfüllung einer in dieser Richtung gehenden Sehnsucht. Und das ist eben das Gefährlichste an dieselganzen Sache, daß sich solche Wünsche in unserem Volke regen lind — wie die Austritte zeigen — um jeden Preis nach Erfüllung ringen. Der Wunsch, seine Eigenart anszngeben, ist das dedenkliche Symptom einer moralischen Krise, wie sie etwa im individuellen physischen Leben der Selbstmord darstellt. Wir erleben gegenwärtig einen der schwierigsten Momente unserer Geschichte, und nur, wenn man ihn richtig anffassen und verstehen lvird, wenn man die Austritte in ihrem Zusammenhänge mit den allgemeinen Strömuligen unserer Zeit begreifen wird — als den Ausdruck einer religiösen, nationalen und moralischen Krise —, wird jeder Versuch, Abhilfe zu schaffen, nicht im vorhinein den Keim des Mißerfolges in sich bergen. Ans der Woche. Der österreichische Reichsrat steht im Zeichen des rüdesten Nationalitätenkampfes und ein wideiliches Feilschen um Ministerportesenilles droht den gesamten Parlamentarismus zu untergraben. Aber während die Ueberbrücknng der Gegensätze zwischen dem Slavischen und Deutschen Block fast unmöglich scheint, herrscht sofort gegenseitiges Verständnis, wenn von irgend einer Seite die antisemitische Note angeschlagen wird. Sobald es einmal gegen die Juden geht, sind Deutsche und Czecheu einig. Diese traurige Tatsache, ans der leider weder wir selbst noch unsere jüdischen Abgeordneten die Konsequenzen gezogen haben, fand jüngst wieder vollste Bestätigung, als der czechisch-agrarische Abg. M y s l i v e c während der Budgetdebatte ein antisemitisches Privatissimum über Bibel und Talmud las und dem Finanzminister anriet, gegen die übermäßig anwachsenden Judenvermögen die mosaische Bestimmung des Jubeljahres in Anwendung zit bringen. Von rechts und links scharten sich verständnisvolle Führer um den Redner und selbst der Präsident des Abgeordnetenhauses, Dr. P a t t a i, stieg von seinem hohen cnrnlischen Sitze, um mit Wollust den Ausführungen seines nationalen Gegners zu lauschen. Daß bei dem alten antisemitischen Parteimanne die Nenaustage der von seinem Freunde Schneider früher oft propagierten Idee der Konfiskation der Judengüler lebhafte Sympathien erweckte, braucht niemanden Wunder zu nehmen, aber daß der Präsident des Abgeordnetenhauses seine Würde und seine Pflicht der Unparteilichkeit soweit vergessen konnte, die Hepp-Hepp-Rede des tschechischen-Agrariers mit offenem Applaus zu begleiten, ist ein Skandal, der von den jüdischen Abgeordneten, insbesondere vom Abgeordeten K u r a n d a, gebührend gebrandmarkt wurde. Daß die berechtigte Entrüstung der jüdischen Abgeordneten im Hanse aber so wenig Unterstützung sand, ist ein neuer Beweis von dem Tiefstand des österreichischen Parlaments. Die Bndapester Gemeinderepräsentanz hat der hiesigen orthodoxen Gemeinde, znm Zwecke des Baues einer Synagoge und Schule, eine Subvention von 200.000 Kronen bewilligt. Diese Opserwilligkeit der städtischen Repräsentantenversammlilng ist ein wertvolles Dokilment der Toleranz der führenden Persönlichkeiten unserer Hauptstadt. Es befindet sich unter den .Stadtverordneten eine große Zahl unserer Glanbensgenossen. doch ist dieser Sieg der Gerechtigkeit und Toleranz in erster Reihe dem Bürgermeister Dr. Stephail Barczy zu verdanken. Gegen die Bewilligung der Subvention sprach sich ein einziges Mitglied der Stadtverordnetenversammlung ans. Dies war Herr - Dr. Moritz Fnred i — selbstverständlich ein „Glaubensgenosse." Doch schenkten diesem Herrn tveder Inden noch Christen Gehör und die beträchtliche Summe von 200.000 Kronen wurde mit großer Majorität der hiesigen orthodoxen Gemeinde bewilligt. Mit dem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung geht ein sehnsuchtsvoller Wunsch der Bndapester gesetzestreuen Inden seiner baldigen Erfüllung entgegen, denn die einzige Synagoge der Orthodoxen befindet sich in einem Mietshanse, von vielen jüdischen Geschäften, in denen am Samstag gearbeitet wird, umringt, und ist schon heute für die stets zunehmende Gemeinde zu klein. Wie nachträglich aus Budapest berichtet wird, ist wohl gegen den Beschluß des Repräsentantenkollegiums, das auch für evangelische und katholische Zwecke größere Beträge votierte, seitens dreier religionsloser Freidenker — und darunter auch ein Jude — bei der Regierung Protest erhoben worden, allein ist sicher, daß demselben nicht Folge gegeben werden wird. * * ■X* Betreffs Berücksichtigung der an jüdischen Feiertagen ruhenden Geschäftsbetriebe bei der bevorstehenden Neuregelung der Sonntagsruhe in Deutschland, wird vom „Verband Deutscher Juden" folgendes mitgeteilt: „Daß bei der Neuregelung der Sonntagsruhe - auch die Neichsregiernng die Interessen derjenigen Geschäftsbetriebe zu berücksichtigen gewillt ist, die am Sabbat und an den Feiertagen geschlossen bleiben, ist erfreulicherweise in den jüngst von der „Neuen politischen Korrespondenz" veröffentlichten Grnudzügen der im Reichsamt des Innern in Ausarbeitung begriffenen Novelle zum Sonntagsrnhegesetz festgestellt. Die Grnndziige enthalten den Satz: „Durch Anordnung der höheren V e r w a l t u n g s b e h ö r d e n. oder durch O r t s st a t u t w i r d eine Berücksichtigung der n n jüdischen Feiertagen r u hend e n Geschäftsbetriebe dahin zu ermöglichen sein, daß diese die j ü d i s ch e n Angestellten bis zur Dauer v o n d r e i S t u n d e n i n für den Verkehr geschlossenen Geschäftsräumen beschäftigen könne n.^ Der Verband der Deutschen Juden hat, wie auch andere Körperschaften, seit Jahren eine Beachtung der Interessen der strenggläubigen jüdischen Geschüftslente in dieser Angelegenheit angestrebt. Schon 1906 richtete der Verband eine Eingabe au den Reichsstaatssekretär des Innern mit dem Anträge, die Er-

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