Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 49 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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atzrchsit Redaktion 1111b Sldiuinistration: Wien, 11/j Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. Druckerei 153(fct. K. k. österr. Postsparkaffa- Scheck-Konro Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller- - Abonnements- und Jnsertionsberräge finb in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Zeitschrift für jüöische Anterefsen. Erscheint jeden Ir eilag. Uotto: „Das 8ie§el Gottes ist Wahrheit!~ Oerngspreis: i: Ganzjährig.K 14.— | Halbjährig.K 7.— I1 Für tfultu? beamte: I Ganzjährig.K 10.— ' Für Ausland: Ganzjährig ...... 8 Mark! 6 Rubel oder 16 FrcS. ilr. 49. Wien. l1?. De;emt»er 1999 Inhalt: Austritte. -7- Aus der Woche. — Jüdische Künstler und Gelehrte. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Austritte aus dem Judeutume. — Die Anerkennung der Kantoren. Anstritte.*)! Von B. Arjeh. j „Auf nach Rom!" So lautet jetzt die Parole. Die Kirche! mag zufrieden fein . .! Imnändilitsr 86 subjecit! Der Abge-! ordnete Wutscht und Genossen besorgen die Geschäfte Roms. ’ Die „Arbeiter-Zeitung" fordert „Achtung vor dem Austritte j aus dem Judentum", nennt unsere Analyse der Anstrittsbewegung! eine „Beschimpfung" der Anstretenden. Solange sie das „Dogma"! — „niemand tritt ans Überzeugung aus!" — nicht widerlegt! hat, solange im katholischen Österreich der Austritt identisch ist! mit dem Eintritt in die Alleinseligmachende, wird man uns die j „Achtung" nicht abringen. Schuster, bleib' bei deinem Leisten!! Warum rufst du nicht: „Los von Rom!" . .? Wir setzen unsere „Beschimpfung" fort .. . Wir steheit nicht vereinzelt da. Die Anstrittsbewegung, die so erschreckende Dimensionen angenommen hat. ist heute kein spezifisch jüdisches Problem mehr. Es ist gut, sich das zu merken, will man nicht dieser Erscheinung gegenüber ganz ratlos dastehen und jeglichen Maßstab für ihre Beurteilung sich vor Schreck und Bestürzung entgehen lassen. Schauen wir uns in anderen Lagern um, ob es dort in dieser Beziehung besser bestellt ist. Die „Los von Rom"-Bewegung innerhalb der katholischen Kirche ist bekannt. Ihre Stärke, ihr Umfang und Größe ist proportional der . Werbekraft des Protestantismus mit seinem angeblichen frei-! religiösen Prinzip, seiner Geistesfreiheit, seinen Konzessionen an > die Wissenschaft, die modernen Richtungen und Strömungen.! Daß sich der Katholizismus dieser Bewegung erwehrt hat oder! noch erwehrt — mit Hilfe seiner großartigen Organisation, mit! seinem gewaltigen administrativen Apparat, der es versteht, aus j die Massen zu wirken —, ist ein anderes Kapitel, obwohl es > sich der Mühe verlohnen würde, es genau zu untersuchen, um! von ihm zu lernen. Aber selbst die evangelische Kirche, die doch j unstreitig dem freien weltlichen Gedanken am meisten entgegen-! kommt und es versteht, sich den neuen, ja neuesten Ideen auf! dem Gebiete des geistigen Lebens zu assimilieren,. den geführi lichsten Gedanken ihren Stachel gegen die Religion zu nehmen, j so daß innerhalb des Protestantismus Ranm genug vorhanden I für alle möglichen Richtungen, ohne daß sie ihren Rahmen J — die Kirche selbst — sprengen müßten, ist von einer modernen! Anstrittsbewegung nicht verschont geblieben. Wir lesen im Angusthest der Zeitschrift „Glauben und Wissen" folgende bemerkenswerte Ansführnngen des Prof. Grützmacher: „Ernste Erwägungen legt die sich gegenwärtig stetig mehrende A u s t r i t t s b e w e g u n g aus der Kirche nahe. In Berlin will man im vergangenen Jahre 7000, in diesem Jahre schon 10.000 Ausgetretene zählen. Fall alle Berliner Synoden haben sich darum schon mit dieser Frage beschäftigt und vom preußischen Oberkirchenrat ist ein besonderer Erlaß über die Behandlung der Ausgetretenen ergangen .. ." „. .. Ohne uns eine absolut sichere Kenntnis der Gründe für den Austritt bei allen Einzelnen zutranen zu können, wird man doch von der größeren Mehrzahl urteilen dürfen, daß hier nur eine längst vorhandene innere Trennung durch einen äußeren Schritt allgemein erkennbar gemacht wird. Wer etwa nur um einer geringen Kirchensteuer willen die Bande mir der christlichen Kirche zerschneidet, der kann kaum eine festgewurzelte Beziehung zu ihr besessen haben und ebensowenig können die Drohungen der Handwerker einer hannoverschen Stadt, denen die baulichen Arbeiteil in ihrer Kirche nicht übertragen wurden, deshalb auszutreten, aus tieschristlichen Herzen kommen. Sofern aber nur . ein längst bestehender Abfall öffentlich dokumentiert tvird, kann > man darin einen Fortschritt zur Wahrhaftigkeit ans beiden Leiten sehen. Die Vertreter des Christentums können sich nicht weiter darüber täuschen, in wie weiten Kreisen man schon außerhalb des Schattens der Kirche lebt unb nicht ans der gewohnheitsmäßigen Teilnahme an kirchlichen Zeremonien einen inneren Zusammenhang mit dem Christentum erschließen wollen. Aber auch die Ansgetretenen sind sich über ihren inneren Seelenznstaud klar geworden. Die Folge wird bei den ersteren, nachdem der augenblickliche Schrecken überwunden ist, ein verstärkter Wille sein, die Entfremdeten wieder zu gewinnen und die Gefährdeten zu bewahren. Die zweiten aber können nun auch nicht mehr lau bleiben, sondern sie müssen kalt werden — wenn nicht ein neues Feuer sich entzündet. Die Anstrittsbewegung ist ein Zeichen, daß die für Religion und Christentum allerschlimmste Situation — nämlich die so große Gleichgültigkeit, baß man nicht einmal mehr seinen Gegensatz gegen die Religion auszusprechen Lust hatte — vorüberzugehen beginnt. Eine Kampfes- und Entscheidungszeit bringt der Religion aber immer eine große Kräftigung; und wenn die Anstrittsbewegung die Ankunft einer solchen signalisiert, so wird das, was sie bringt, wertvoller sein als das, was sie nimmt." Leider können wir nicht mehr zitieren. Aber der Aussatz untersucht die Erscheinung psychologisch und sozial so gründlich, daß mir nur statt Christentum Judentum zu sagen hätten. Und die Untersuchung von Pros. Grützmacher würde es verdieilen, von allen jüdischen Blättern abgedruckt zu werden, damit den *) B. Nr. 24 und 26 der „Wahrheit".