Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 48 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063517--06399-3073400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Die Wahrheit 9tr. 48. um von ihm im Gotteshause beim Morgengottesdieuste den nötigen Gebrauch machen zu können. Selbst die Frauen und Kinder haben an diesem Feste des Morgens nicht früher das Frühstück genommen, bis sie den Segen über den Fesistrauß gesprochen haben. Die Gemeindediener hatten den Auftrag, während der sieben Tage des eigentlichen Sukkothsestes täglich morgens die vom Gemeindevorstaude zu diesem Zwecke angeschafften Feststränße von Haus zu Haus zu tragen, damit sämtliche Glaubensgenossen ohne Unterschied diese Zeremonie. „netilos lulav/ beobachten konnten. Am Vorabende des siebenten Tages dieses Festes, Weidensest, oder „Hoschana Rabba" genannt, flocht jeder fromme Jude die „Schanos." jene Bündel ans Weidenruten, die am anderen Morgen beim Gottesdienste an die „Ständer" abgeschlagen wurden, bis sie entblättert waren. Viele ließen sich diese Bündel vom Schames anfertigen. Dieses Abschlagen der Bachweide nannte man Chibut Arobot. Der Ursprung dieses Brauches ist im Talmud zu finden. In der Mischna Roschhaschono Seite 16 wird gelehrt, daß am Hütlenseste das Urteil über Wasserfülle gesprochen wurde, ubechag nidaunin al ha majim. Der Umstand, daß. wie der Talmud behauptet, in Palästina die Negenszeit im Monate Cheschwan beginnt (Taan. 2 und 15). dürfte zu jener Behauptung der Mischna Anlaß gegeben haben. Es wurde daher der siebente Tag des Sukkothsestes zum Wasserfeste bestimmt. In der Tat enthält die ganze Hoschana-Litnrgie bloß Gebete um ein gesegnetes Jahr, um Wassersülle. Da nun die Bachweide als Symbol des Wassers galt, so haben die Talmudistett angeordnet. am „Werdenfest," mit der Bachweide in der Hand, siebenmal den Altar zu umkreisen und sie dann abzuschlagen. Die diesbezügliche Stelle in der Mischna (Sukka S. 45) lautet: In Ansehung der Pflichterfüllung rücksichtlich der Bachweiden wurde folgendermaßen vorgegangen. In der Nähe Jerusalems befand sich ein Ort namens Moza.*) Von dort holte man die Vachweiden, die man um den Altar her derart anfstellte. daß sich der obere Teil derselben gegen den Altar neigte. Man blies eine Tekia. eine Terua und eine Tekia. An jedem Tage dieses Festes wurde der Altar einmal umkreist, wobei man die Verse: Ach Ewiger hilf doch, ach Ewiger beglücke doch! rc. betete. Endlich schließt die Mischna mit den Worten: R. Jochauan b. Beroka sagte, man habe statt der Bachweiden Palmenzweige geholt, die man dann an den Seiten des Altars abschlug, daher dieser Tag der Tag des Abschlagens der Zweige genannt wurde. «Tom Cbibut Arobot. Einer kabbalistischen Anordnung gemäß war es auch üblich, in der Nacht vor dem Weidenfeste zu wachen und das ganze fünfte Buch Mosis nebst sämtlichen Psalmen zu lesen. Beim Morgengoltesdienst erschienen die Andächtigen wie am Roschhaschono und Jomkippur in „Kittel" und „Kittelhänbel," weil nach Ansicht der Kabbalisten an diesem Tage „Gemar Chasima" sei. (Sohar P. Emor.) Die rilsstfchen Inden in Daris. In dem so viel beachteten Steinheilprozeß, so schreibt die „Straßb. Jsr. Wochenschr." spielten bekanntlich drei Kaftane eine nicht unwichtige Rolle. Diese drei Kaftane waren aus dem hebräischen Theater gestohlen worden und sollen angeblich von den vermeintlichen Mördern bei der Ausübung ihrer Tat getragen worden sein. Nun hat sich zwar herausgestellt, daß dem nicht so sein kann, da der Diebstahl erst nach der Mordtat begangen worden ist. Immerhin lenken diese drei Kaftane unsere Aufnrerksamkeit auf die rnssischen Inden in Paris. Ueber dieses Thema schreibt ein amerikanisch-jüdisches Blatt: In den letzten 20 Jahren haben sich in Paris ungefähr 20.000 rmsiiche Inden angesammelr. Die russischen Inden in Paris zerfallen in etliche ökonomische Gruppen, 1. Menschen mit liberalen Professionen, wie Aerzte, Dentisten, Schriftsteller und sehr wenig Juristen, 2. Arbeiter und Handwerker, welche *) Dieser Ort hieß eigentlich Kolonja, d. h. Befreiung vom Tribut; denn die Bewohner dieses Ortes wurden, da die Bachweideu von dort bezogen worden sind, von allem Tribut befreit. den größten Teil des Judenviertels ansmachen, 3. verschiedene Kaufleute, von den Großkauflenten angefangen bis zu den Kleinkrämern, 4. Menschen, die von ihren Zinsen leben. Die letzten wohnen in den Bonrgeoisvierteln oder in den Pariser Vorstädten. Zumeist sind es solche, die Rußland im Jahre 1905 zur Zeit der Revolution verlassen haben. Diese sind die Hauptelemente des jüdischen Ghettos in Pans. Dazu kommen noch die Studierenden, deren Zahl im Wachsen begriffen ist und schon jetzt an die zwei Tausend heranreicht. Die Revolution hat ihre Zahl noch bedeutend vermehrt, weil sehr viele politische Emigranten, unter denen die meisten Inden sind, auswanderten. Was hier von Paris gesagt wurde, gilt eigentlich für ganz. Frankreich, denn Frankreich ist Paris, besonders was die Inden betrifft. Ein bestimmter Teil der rnssischen Juden wohnt allerdings auch in der Provinz. Die Pioniere der dortigen Juden waren Aerzte, die sich zumeist in den kleinen Städten niedergelassen haben. Ihre Zahl beträgt mit ihren Familienangehörigen etwa 1000 Seelen. Auch gibt es dort ziemlich viele russischjüdische Handwerker. Kanslente und auch Knltusbeamten, weil das Pariser Seminar schon seit etlichen Jahren auch junge Russen als Zöglinge aufnimmt. Außerdem gibt es fast in allen französischen Universitätsstädten Kolonien von russisch-jüdischen Studenten. Einige Straßen des Bastillenviertels haben schon jetzt das Aussehen einer ostjüdischen Stadt. Auf jeden Tritt begegnet man jüdischen Kramläden, jüdischen Restaurants und Kaffeehäusern, sogar jüdischen Druckereien und ganz besonders jüdischen Gesichtern. Zur Winterszeit spielen da oftmals zwei jüdische Theater. Auch die Zahl der Klausen und Schulen, sowie der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine, an denen sich nur russische Inden beteiligen, ist verhältnismäßig groß. Man sieht also, daß auch quantitativ das Pariser Ghetto das größte in Westeuropa ist nach dem Londoner Judenviertel Whitechapel. Paris hat allerdings keine Anziehungskraft für die Emigranten. Aber dennoch kommen tagtäglich Leute dorthin mit der Absicht zu bleiben und sich eine Existenz zu gründen. Die russischen Inden, die sich in Paris niederlassen, trennen sich gewöhnlich in zwei Gruppen, die eine bewohnt das jüdische Ghetto in der Gegend der Bastille, die anderen die sonstigen Pariser Viertel. Die Ersteren, welche den größten Teil der jüdischen Einwanderer ausmachen, stellen dieselbe Exnlantenmasse dar wie in London und Newyork. Ihre äußerliche Gestalt bleibt unverändert, und wenn es doch geschieht, so geschieht es nicht zu ihren Gunsten. Das „Französieren" besteht meistens in der Annahme der französischen Sprache oder darin, daß man auf eine andere Art sein Betragen ändert, aber selbstverständlich erkennt man unter dieser dünnen Assimilationsschicht bald den Golusjuden aus dem Anstedlungsrayon mit allen Schlacken. Die zweite Gruppe der Immigranten fühlt sich in Paris wie ein Jeschiba-Bachur, der von der europäischen Zivilisation gekostet hat. Mit Leib und Seele werfen sie sich in die Arme ihrer Umgebung und streben mit allen Kräften danach, nicht nur äußerliche sondern auch in ihrem Denken und Fühlen dem von ihnen bewohnten Milien sich anzupassen. Man wendet alle Mittel an, um zu vergessen, was man früher gewesen ist, und wenn das nicht gelingt, so tröstet mau sich mit dem Gedanken, daß die Kinder jedenfalls echte Franzosen sein werden. Man kann sagen, daß beide Jmmigrantengruppen ein und dasselbe Ziel erstreben — die Assimilation. Der Unterschied ist nur, daß bei der einen Gruppe das Ziel ein bestimmtes und das Streben ein bewußtes ist, bei der anderen dagegen ein unklares und unbewußtes. Im Ghetto kommt die Assimilation erst allmählich, in den intellegenten Kreisen hingegen geht sie schneller vor sich, und die neue Generation ist schon beinahe ganz französisiert. jedenfalls sind beide Teile dem Jndeittnme entfremdet. Bei der Masse ist diese Entfremdung das Resultat von verschiedenen Bedingungen des Pariser Lebens. Bei der Intelligenz hingegen ist sie eine künstliche, auf welche ziemlich viel Energie verlegt wird. Nirgends wird die jüdische Abstammung so sehr versteckt und verleugnet wie in Paris. Im Ghetto gelingt es nicht, weil die französischen Einwohner jenes Viertels es schon