Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 48 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. .48 Seite 7. Die Wahrheit ,, -Muenzen als ein Trugbild, ein schreckliches Irrlicht. Trost veranlag ifle unsfeinen zn bieten. Die sickr selbst überlassene Vernunft sieht die Zukunft, in verzerrter Gestalt, weil sie . nichts von Gott und Offenbarung wissen will. Es gehl ihr wie allen hochmütigen Empörern, sie sieht.nur ein Ende mit Schrecken, mündet in 'Nihilisnuts. Wie anders ist das Ende, das uns die Religion verheißt! Sie, welche dem Individuum.' in allen Fährnissen und Kümmernissen des Lebens Stütze und Trost ist, gibt auch, der Menschheit trostreiche Antwort ans die Znknnstsfrage. Ein großes 'Leben stellt sie ihr in Anssicht, den Sieg des Guten, die Herrschaft Gottes, die Verbannung des Bösen. Statt Welwernichtnng — Welterneuernng. statt Welterstarrung — Belebung, statt 'Verkümmerung — Weltvollendnng und Welterlösnug. Nur das Phänomen dieser Welt vergeht, sie selbst wird in göttlicher Liebe und Gnade nengeschaffen. Friede zwischen Gott und Mensch, Friede zwischen der Menschheit und Kreatur, Friede zwischen allen Kreaturen, die Versöhnung des Todes mit dem Leben, des Todesgesetzes mit dem Lebenswillen, wer kennt nicht die jesajanische trostreiche Weissagung? Welcher Gegensatz! Ans -der einen Seite Negation, ans der andern absolute Bejahung, ans der einen unendlicher Jammer, aus der anderen Freude . . Denn so spricht der Herr: „Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde und ich werde den Tod verschwinden lassen .und mein Reich anfrichten, in dem das große Leben herrscht! I.. E. Heimstätte für jüdische Kinder. Sonntag, den 5. Dezember wurde die erste Heimstätte für jüdische Kinder in Wien, XV., Herklotzgasse 31. in feierlicher Weise ihrer Bestimmung übergeben. Diese von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde errichtete Anstalt wird es erutöglichen, 30 verlassene jüdische Kinder, die bisher bei Pflegeeltern untergebracht werden mußten, in einem eigenen Heim zu versorgen und zn brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft zn erziehen. Die Kinder stehen unter Aussicht von zwei qualifizierten Lehrkräften, während die Inspektion von einem eigens hierzu eingesetzten Komitee besorgt wird. Zur Erhaltung dieser auch vom sozialen Gesichtspunkte sehr wichtigen Anstalt werden die -seit Jahren nicht zur Verwendung gelangten Zinsen aus dem Prediger Mannheimer Kinderasylfonds, sowie ans der vom Ehepaare Gottlieb und Regine B e t t e l h e i m gespendeten Widmung und schließlich die Beiträge des n.-ö. Landesansschusses und des .Magistrates der Stadt Wien dienen. Die Feier wurde mit dem 'Vortrage des Ma tauwu durch Herrn I. Kantor Schleifer, mit dem durch die Schützlinge der Kinderhorte und der Heimstätte;erweiterten Chor eröffnet. Hieraus begrüßte Herr Doktor .I. Samuel y, namens des Kinderhortvereines, die erschienenen -Gäste, namentlich ben Präsidenten Dr. Alfred Ster n, Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n, Rabbiner Dr. Max G r n n - w a l d, Magistratsrat Dr. Weiser, die Abordnungen verschiedener Vereine usw. Dr. Samuely warf einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Heimstätte und schloß mit einem .Hoch auf den Kaiser, worauf der Chor die Volkshymne intonierte. In Vertretung des Obmannes des Kuratoriums, Herrn Doktor Maximilian Steiner, der durch Unwohlsein am Erscheinen -verhindert war, entwarf Herr Max Frank ein Bild der Entwicklung, welche die Fürsorge für verlassene Kinder seitens des Kultnsvorstandes seit dem Jahre 1890 genommen hat und zollte hierbei dem Wiener Magistrate, wie auch der uiederösterreichischen Landesgebär- und Findel-Anstalt für ihr Entgegenkommen bei Unterbringung jüdischer Kinder bei jüdischen Pflegern besonderen Dank. Hierauf folgte die Festrede des Herrn Rabbiners Doktor Grunwald, der in meisterhafter Weise das Los des verlassenen Kindes, wenn sich nicht seiner von echter Humanität beseelte Männer und Frauen aunehmen, schilderte. Die Rede machte auf alle Anwesenden nachhaltigen Eindruck. Zum Schlüsse hielt Herr Präsident Dr. Alfred Stern folgende Ansprache: Der Präsident Dr. Albert Stern erinnert daran, daß 'binnen 2 Tagen das Channkafest beginnt, ein Fest, welchem nicht -allein historische und religiöse Bedeutung znkommt, sondern -welches auch ein Kinderfest sei, svdaß die Eröffnung der Anstalt an dem heutigen Tage als eine . Ehauukavorfeier frendigst zu 'begrüßen ist. ... , . Wie Sie hörten, sind 189 verlassene jüdische Kinder dermalen in der Verpflegung und Obsorge der Gemeinde; von denselben sollen 30 in diesem Heim untergebracht werden. 159 entbehren also noch einer solchen Unterbringung und es ist anznnehmen, daß unter den gegenwärtigen, so überaus traurigen Verhältnissen sich diese Anzahl noch vergrößern wird. — Der Knltnsvorstand pflegt die' Wohltätigkeit in einem weiten Ausmaße; wir sorgen für rtnsere Kranken und Siechen, für unsere Allen und Dürftigen, wir unterstützen die Anstalten für Waisenkinder; ein Betrag von über 600.000 K jährlich wird aus den Mitteln der Gemeinde für Wohltätigkeitszwecke verwendet, ein Betrag, welcher gleichkommt einer nahezu 50 prozentigen Quote unserer Einnahmen an Knltnsstenern, welche im letzten Jahre etwa 1.350.000 X betragen haben dürften. Angesichts dieser Verhältnisse, ans denen sich ergibt, daß die Wohltätigkeitsakrionen der Gemeinde die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bereits überschritten haben, wäre es angezeigt, daß ein neuer Verein oder ein bereits bestehender Wohltätigkeitsverein sich mit diesem neuen Zlveige der Wohltätigkeitspflege. der Errichtltng und Erhaltung von Heimstätten für verlassene Kinder befasse, und würde ein solcher Verein gewiß auch die weitestgehende Unterstützung seitens der Kultusgemeinde finden. In diesem Sinne begrüße ich diese nelie Anstalt, der ich bestes Gedeihen vom Herzen wünsche. Nach Besichtigung der Anstalt durch die Erschienenen schloß die Feier. Dem Kuratorium gehören derzeit an: die Herren Doktor M. Steiner, Max F r a n k, Dr. Samuely und Gottlieb B e t t e l h e i m, sowie Frau Regine L a n d e i s. Das Beaussichtigungskomitee besteht ans den Damen : Regine B e t t e l h e i m, Emilie S ch l e i n, Klara Samuely und Gisela Z i r n e r. Das Keben and Wirken der Inden in Oesterreich in vormkrxtichen Zeilen. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Der Ursprung dieses Brauches ist in der Mischna (Pes. 53) zu finden. Dort heißt es nämlich: „Man zünde in den Gotteswie in den Lehrhäusern Lichter an" rc. Diese Worte der Mischna reproduziert R. Jak. b. Ascher im Tur O. Ch. § 610. Hiezu bemerkt R. Joses Karo im Namen des Mordechai, „daß es heutzutage Brauch sei, daß jeder einzelne am Versöhnungstage sein eigenes Licht im Gotteshause brennen läßt, weil an diesem Tage das Schlußverhängnis sei." Im „Buche der Frommen" (Seser Chassidim) 548, wird daher ein zufälliges Erlöschen des Lichtes als ein schlimmes Omen erklärt. Der Verfasser des „Kolban" hingegen gibt einen anderen und zwar weit vernünftigeren Grund dieses Brauches an. Er sagt: „Es wurde deshalb angeordnet, so viele Lichter am Versöhnungstage in der Synagoge anzünden zu lassen, weil sonst die Andächtigen in den damals fast zur Hälfte in der Erde erbauten und mit sehr schmalen Fenstern versehenen Synagogen nicht genug Licht gehabt hätten, um die Gebete, die sie nicht wie die der Werktage aus dem Gedächtnisse herzusagen imstande waren, verrichten zn können." Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß die Alten, nur um Licht in der Synagoge zn verbreiten, diesen in Rede stehendeit Usus eingeführr haben. Kaum war der Versöhnungstag vorüber, als mau sich schon anschickte, die Snkka, Laubhütte, aitszurichteu, damit der Akt nach dem Jomkippur gleichsam ein religiöser sei. — Man hielt es überhaupt für eine religiöse Pflicht, die Laubhütte im Innern mit prachtvollen, dnstverbreiteuden Blumen und sonstigen Kostbarkeiten, „neuj sukka," auszuschmücken. Ebenso erachtete es jeder Jude als seine Pflicht — so nur halbwegs seine Verhältnisse es ihm gestatteten — für das herannahende Hüttensest den aus vier Fruchtarten gewundenen Feststranß sich anznschaffen.