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Die Wahrheit · 1909-12-10 · Heft 48 (10.12.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 48 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 48. Seite Ä. Die'Wahrheit - 'A)enn Ms ist von einem Parlament' zu erwarten, das bis langnoch nicht eine einzige ernste freiheitliche Reform durchgeführt hat?"'Mtzrträglich' für die Inden sind aber die r o h e u B esch impf n n g^eü' und Nadelstiches die st ä n d i g e n A nr eni p e t uu g en und Ausfälle ' bei jeder Gelegenheit Uitb die; P o g r o m mani e r e ü, die ebensowohl auf der Tribüne, wie im Saal des Parlamentsungehemmt sich breitmachen können. Die zwei j üd i scheu Duma dep ntierte n, welche die fünf Millionen Juden Rußlands vertreten, sind geradezu in eurer g na lvwllen Lage'. So oft einer von ihnen das Wort ergreift, um die verlogensten Beschuldigungen, die gegen die Inden erhoben werden, zu widerlegen, verwandelt sich ein großer Teil des Parlaments in eine geistige Pogromstätte, beleidigende Zurufe und manchmal direkte Znhälterausdrücke fliegen durch den Saal, und hänsig schließt sich an diese Epitheta ein ohrenbetäubender Lärm an, in dem die Worte des jüdischen Redners kaum vernehmbar sind. In solchen Momenten gedeihen ganz besonders die Unsitten der echtrussischen Klubs, Unsitten, wie sie kaum ein Parlament der Welt aufweist. Noch schlimmer aber gehl es zu, wenn die Rechte der Duma gegenüber den Klagen über das jüdische Elend gleichsam einen entgegengesetzten Ton findet, den Ton grinsenden Hohns und fanatischer Schadenfreude. Diese nuancierte Schändung der Menschlichkeit zeigt unverhüllt die verwüstende Demoralisierung, welche die echtrussische Propaganda in den Seelen jener sogenannten Volksvertreter angestiftet hat. Allein auch die realen Folgen, die sich aus dem Verhalten der Duma-Rechten ergeben, sind für die Juden trostloser Natur. Die ausschlaggebende O f t o 6 r i ft e 11 p a r t e i, die in ihrem ursprünglichen Programm die Gleichberechtigung der Inden verfocht, hat sich unter dem Druck der Kollegen von rechts immer mehr zu einer antisemitischen gemausert uub läßt schon seit einiger Zeit keine Gelegenheit vorüber, ohne ihre Stellungnahme gegen etwaige Erleichterungen des Jndenloses, und seien es auch die unbedeutendsten, zu dokumentieren. Wie sie jungst mit den echten Riissen zusammen dafür gestimmt hat, daß die wenigen jüdischen Studenten der Militärmedizinischen Akademie zu Unrecht in diese Hochschule ausgenommen worden sind, so zeigt sie auch sonst oft genug unverkennbare Neigungen, die bestehenden Beschränkungen der Jndenrechte in ihrer schärfsten Auslegung zu sanktionieren. So fand sich auch kein Oktobrist, der gegen den Antrag des echtrnssischen Nationalisten Grimm, bei der Wiedereinführung des Friedensrichteramtes Juden davon ausznschließen, protestiert hätte, und es ist auch sehr fraglich, welche Entscheidung die Oktobristen bei der Abstimmung über diesen prinzipiell wichtigen Antrag treffen werden. Gewiß, es find Einzelheiten, die in das Leben der russisch-jüdischen Massen nur wenig eingreisen, aber die Haltung der Duma verleiht den Schikaniernngen seitens der Bureaukratie und den einschneidenden Senatsentscheidnngen in allen Fragen der Iudenentrechtnng einen scheinbaren moralischen Halt. Vergessen ist die Tatsache, daß die Duma nur durch den eigenartigen Wahlmodns eine solche, bloß die Minorität des Volkes repräsentierende Zusammensetzung erhalten hat. Nun heißt es mit heuchlerischer Miene: Seht ihr, auch die Volksvertretung stimmt den Jndenbeschränknngen zu!" Die Znknuft? Die Totengräber der Religion kümmern sich selten darum, was sie an ihre Stelle setzen sollen. Diejenigen unter ihnen, welche sich soviel Einsicht bewahrt haben, um anzuerkennen, daß geistige Funktionen, die seit Jahrtausenden eine Rolle gespielt haben, nicht ohne weiteres anszumerzen, durch keinenen willkürlichen Machtspruch auszurotten sind, wollen an Stelle der Religion wissenschaftlich fundierter Erkenntnis die oberste Führung der Menschheit anvertrauen. Mit jedem Tage, so meinen sie, nimmt die Zahl der Religionslosen zu; zu keiner Epoche der Geschichte habe es solche gewaltige Massen gegeben, deren Devise „Religion ist Geschäft", so gewaltig ertönt wie in der Jetztzeit, und so hoffen sie denn, daß diese Devise dereinst den Erdenkreis durchhallt, bis das religiöse Jndividmmi verschwindet und dem irreligiösen, demin jeder Beziehung religiös-indifferenten Individuum platzmachen wird/ D ie Frage, wie eine Gesellschaft ans lauter religionslosen Individuen bestehen kamst ist ihnen kein Rätsel. Religion und Moral sind mach ihrer Auffassung zwei grundverschiedene, von einander unabhängige Begriffe sie haben die Moral auf sich selbst, d. h. auf nichts gestellt. Das übersinnliche Prinzip, das' bisher die Ethik begründen' ititb stützen half, soll überflüssig sein? Lassen wir ihnen diese Vorallssetzung, obwohl sie unbegründet in der Lust schwebt, uiiö wenden wir uns der Betrachtung des Dogmas zu, nach dem die Wissenschaft die Rolle der Religion übernehmen soll. Diejenigen Rätsel, die fortwährend und seit Jahrtausenden den Geist des Menschen beschäftigen, die gelöst werden wollen/ wenn anders nicht der Geist im Augenblick ailfgehen und verkümmern soll, kann die Wissenschaft nicht hinwegdispntieren. Sie gibt Antwort auf die Fragen nach dem Ursprung der Welten, der Entstehung des Menschen, dem Sinn des Daseins, der Zukunft des Menschengeschlechtes, dem Ziel und Zweck des Weltprozesses. Wie beantwortet aber die Wissenschaft diese Fragen? Die Welt ist durch das Walten mechanischer Kräfte und Gesetze entstanden, aus dem Walten ebensolcher blinder Kräfte itub Gesetze will sie den Geist begreifen, die Frage nach dem <L>iuu des Daseins, der Kultur, des Weltprozesfes ist durch die Annahme nur mechanischer Kräfte und Gesetze im negativen Sinne bereits erledigt, d. h. der Zweck wird geleugnet, soll nur in der Einbildung des menschlichen Geistes existieren. Freilich, wieso in einer Welt toller Mechanismen die Frage nach dem Zweck, der Schein desselben in der Einbildung des Menschen entstehen kann, macht den Anhängern der mechanistischen Wissenschafl kein Kopfzerbrechen. Zn bewundern ist nur die „Seelengröße", die ihnen erlaubt, die Bürde des Daseins ohne Murren weiterzntragen, statt sie mit Empörung abznschütteln, gegen die zweck- und sinnlose Welt zu schlendern. Solche Gemütslosigkeit wirkt erschütternd. Konsequent ist freilich Schopenhauer, wenn er sagt: „Gleichwie in der Hölle alles nach Schwefel riecht, - so trägt alles, was uns umgibt, die Spur davon, daß unser Zustand etwas ist, was besser nicht wäre." „Man möchte toll werden", heißt es an anderer Stelle, „wenn man die überschwenglichen Anstalten betrachtet, die zahllosen flammenden Fixsterne im unendlichen Raume, die nichts weiter zu tun haben, als Welten zu beleuchten, die der Schauplatz der Not und des Jammers sind." Und konsequent, obzwar komisch ist es, wenn er gegen den Weltschöpfer der doch nach seiner Meinung nicht existiert, die arisch-germanische Faust ballt und ihm grinsend zürnst: „Wie wagst du, die heilige Ruhe des Nichts abzubrechen, nm solche Masse von Wahn und Jammer hervorznrufen?" Welche Aussichten stehen uns nach der wissenschaftlich fundierten Erkenntnis bevor? Die Welt wird erstarren, sobald das große Reservoir der Sonnenwärme zu Ende geht, behaupten die einen, und schon wollen sie in den Sonnenflecken die Vorboten dieses herannahenden Zustandes erkennen. Andere wieder lassen all das, was dem Leben Sinn verleiht, von den Hilfsquellen der Erde abhängig sein und malen in düsteren Farben den Zustand, in welchem diese erschöpft fein werden. Sie sehen eine allgemeine Auflösung der Gesellschaft voraus, Bedürfnisse können nicht befriedigt werden, mit knapper Not wird man das Leben fristen, langsam wird die Menschheit in eine allgemeine Barbarei versinken, das geistige und ethische Niveau wird immer tiefer herabkommen, der Kampf aller gegen alle . . . eine herrliche Perspektive! Also umsonst die ganze bisherige mühselige Entwicklung, umsonst die vieltausendjährige Geschichte, umsonst das heiße Ringen nm Veredlung, umsonst die Pionierarbeit der göttlichen Führer und Lehrer? Das ist der ganze Trost, den uns die Wissenschaft zu bieten vermag? Das große „Mene-Tekel“ fteljt am @nbe ^— und wir haben mit Freude und Mut ihm entgegenznstrebenSteht uns wirklich nichts Besseres bevor? Der große Tod — wir vermögen ihn kaum anszudenken, wir wenden uns schaudernd hinweg. Die „wissenschaftlich fundierte Erkenntnis", welche au die Stelle der Religion treten und sie in der Herrschaft und Leitung der Menschheit ablöseu wollte, erweist sich selbst durch ihre Kon-

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