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Die Wahrheit · 1909-12-10 · Heft 48 (10.12.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 48 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48. Die Wahrheil Seile 5. wodurch viele jüdische Lehrer brotlos werden. Der „Ungarischisraelitische Landeslehrerverein" richtete nun an den Minister die Bitte, die weitere Anfrechterhaltung der jüdischen Volksschulen, die insbesondere in den gemischtsprachigen Gegenden eine hohe Knlturanfgabe erfüllen und einzige Verbreiter der ungarischen Sprache sind, dadurch zu ermöglichen, daß die jüdischen Volksschulen außer der gesetzlich festgestellten Entschädigung für das entgangene Schulgeld eine Subvention erhalten. Sollte aber dies nicht möglich sein, so möge der Minister die brotlos gewordenen jüdischen Lehrer an den staatlichen Volksschulen anstellen. * * * Ans die angesichts mancher Vorfälle in letzter Zeit gewiß nicht vollkommen unberechtigte Frage „Ist Budapest antisemitisch?", gibt die „Ung. Wochenschrift" folgende Antwort: Während die Antisemiten aller Welt unsere schöne Hauptstadt sosehr mit dem Begriffe von „Verjndung" verbinden, daß sie dieselbe in witzig und bissig zugleich sein sollender Weise ..Inda-Pest" nennen, hört man von gewisser jüdischer Seite des Auslandes betonen, daß nunmehr leider auch im Zentrum des freiheitlichen Ungarns sich der Judenhaß eingefressen habe. Und keiner dieser beiden Teile ist mit seiner Behauptung im Rechte. Einerseits ist es nicht wahr, daß die Hauptstadt Ungarns mehr verjudet sei, als jede andere europäische Großstadt, andererseits aber ist es unrichtig, daß in Budapest der Antisemitismus tonangebend geworden sei. Wahr ist es nnr, daß überall wo Zivilisation und Aufklärung in Zunahme begriffen sind, die Juden einen großen Anteil daran haben, weshalb sie ein Dorn j nn Auge der reaktionären Dunkelmänner sind. So ist es auch bei uns in Budapest, wo unsere Glaubensgenossen eine bedeutende Rolle ans dem Gebiete von Kunst und Literatur spielen und im öffentlichen Leben überhaupt eine angesehene Stellung einnehmen. Wie sollten sie da nicht die Bestgehaßten bei den Rittern vom dunklen Geiste sein? Und nur größtenteils in dem Lager dieser traurigen Gestalten macht sich der Antisemitismus bei uns breit. Aber wo in aller Welt sind die Pfarrer und ihre Köchinnen, sowie ihr gesamter Anhang jndenfreundlich? Jener Flecken des Erdenrundes, wo dies nicht der Fall ist, könnte ja zu den Raritäten gezählt werden. Der Kern der Bürgerschaft Budapests jedoch ist nicht so verbohrt, um sich von den Berufs- Antisemiten ins Schlepptau nehmen zu lassen. Das hat die konfessionelle Debatte bewiesen, welche jüngst Abtpsarrer Karl Kauter in der Generalversammlung des hauptstädtischen Munizipialausschnsses provoziert und mit der er sich eine so gründliche Schlappe geholt hat. daß ihm für lange Zeit der judenfresserische Appetit vergehen dürfte. Nein, Budapest, dessen weiser und allseits geehrter Führer Bürgermeister Doktor Stephan Barczy ist, dessen kulturelle Institutionen ein Graf Gvsa Festetich leitet, ist erfreulicherweise noch lange nicht antisemitisch, und nicht nur jüdische,, sondern zumeist ch r i stl i ch e Repräsentanten waren es, die dem Abtpsarrer Kanter, als er den hohen Grad seiner Intoleranz bewies, in öffentlicher Sitzung entgegengedonnert haben: Sie Jesuit! Wie schämen Sie s i ch n i ch t? Ist das die christliche N ä ch st e n l i e b e? -i- * * Der antisemitische „Alkotmany" brachte jüngst ans Marmaros-Sziget folgende Scbauermär: „Der bei der Grenzpolizei zu Oekörmerzö angestellie Grenzpolizist Johann Jane so wollte gestern einen galizischen Wnnderrabbi der hiesigen Grenzpolizei zuführen. Unterwegs begab sich der Polizist in die Schankstube zu Bistra, die einem Juden gehört. Auch der Rabbi kehrte mit ihm ein. Der ermüdete Polizist trank ein Glas Branntwein, worauf er sich unwohl fühlte und bald darauf starb. Die Königliche Staatsanwaltschaft hat sofort verfügt, daß die Leiche an Ort und Stelle untersucht, beziehungsweise seziert werde, der Wnnderrabbi aber wnrde unter Bewachung gestellt." Diese ganze Meldung hat das genannte Antisemitenblatt selbstverständlich zu Hetzzwecken völlig aus der Luft gegriffen. Das Ritualmordmärchen wird auf die Dauer langweilig und da dichtet man andere und schönere. * * Ä Daß die Juden bei nationalen Streitigkeiten immer zwischen zwei Feuer kommen, zeigte sich jüngst wieder bei den Stadtverordnetenwahlen in der Provinz Posen. Weil sich in Wongrowitz die jüdischen Bewohner der deutschen Partei angeschlossen und dieser somit zum Siege verholfen haben, schreibt wutentbrannt die polnische „Gazeta Grudziowzka“: „Als Antwort ans dieses Verhalten dürfte kein Pole den jüdischen Blutegeln (sic!) auch nur einen Groschen hintragen. Mögen unsere dortigen Nationalgenossen dafür sorgen, daß es so geschieht! Mögen die I ü d ch e n h i u a u s s l i e g e n aus Wongrowitz nach dem neuen Palästina — Berlin! Bei den kommenden Wahlen werden dann die polnischen Kandidaten siegen." Das polnische Blatt empfiehlt hier wiederum den Boykott als Universalmittel, das jedoch bei dem gesunden Sinn der Bürgerschaft in Wongrowitz kaum die erwartete Wirkung haben wird. * Der „Osmanische Lloyd" meldet, daß das jüdische Konsistorium in Konstautiuopel beschlossen habe, vornehme Vertreter der s r e m d e n Juden zur Beratung über Unterrichts-, Wobltütigkeits- und alle anderen Fragen heranznziehen, d i e zur W e i l e r b e l e h r u n g der Inden im türkischen Reich dienen könnten. Dasselbe Blatt teilt mit: „Der Großrabbiner hat an das Ministerium für Kultus ein Schreiben gerichtet, worin er für die Bataillone, die jüdische Soldaten enthalten, die Anstellung von Feldrabbinern verlangt. Außerdem verlangt er für die jüdischen Soldaten die Erlaubnis zur Einhaltung ihrer Feste und zur Beobachtung der jüdischen Speisegesetze. Außerdem soll er für die Lehrer und Schüler der jüdischen Schulen Befreiung vom Militärdienste verlangt haben." * Znr Jndenfrage in Finnland wird der „Kölnischen Zeitung" aus Helsingfors geschrieben: „Der Landtag hat noch kurz vor seinem unfreiwilligen Ende den Beschluß gefaßt, an den Kaiser eine Bittschrift um eine Vorlage über Verbesserung der S t e l t u n g der Juden in Finnland zu richten. Die hier ansässige jüdische Bevölkerung besitzt nicht die mindesten politischen und Gemeinderechte und darf sich überhaupt bloß auf Grund einer halbjährlich zu erneuernden kostspieligen Aufenthaltskarte im Großsürstentume anshalten. Aber die früheren Landtage ließen alle Anregungen zur Aenderung dieser traurigen Verhältnisse unbeachtet. Auch im letzten Landtag gab es noch eine ganze Menge Anhänger der mittelalterlichen Beschränkung der Juden. Der bekannte Altfinne Frhr. Irö-Koskinen griff die jüdische Religion an, die seiner Meinung nach die schlechten Eigenschaften der Juden entwickelt. Wenn die Juden ihre Religion aufgäben, würden damit auch ihre Anschauungen und Grundsätze in vieler Beziehung verbessert werden, so daß sie dann bessere Mitbürger werden könnten. Die Petition an den Kaiser wurde mit 112 gegen 43 Stimmen beschlossen. Indessen ist es zweifelhaft, ob sie einen Erfolg hat, da ja nach einem vom russischen Ministerrat zur Geltung gebrachten Grundsätze Beschlüsse eines ansgelösten Landtags keine Rechtsgültigkeit haben sollen." * ' # „In ihrer rühmlosen, zweijährigen Wirksamkeit hat die reaktionäre dritte Duma schon mehrfach unzweideutige Proben antisemitischen Geistes geliefert. Wie ihre Mehrheit jedoch in der letzten Zeit gegenüber den im Elend verkommenden und in ihrer Rechtlosigkeit förmlich erstickenden Juden sich benimmt, erinnert lebhaft an jene traurigen Zeiten zu Beginn der achtziger Jahre, da es zum guten Ton der herrschenden Kreise in Rußland gehörte, in patriotischem Judenhaß zu machen. Die Opposition, die für Abschaffung der barbarischen Zustände ihre Stimme zu erheben pffegte, ist nach und nach reservierter geworden und vermag in der Duma-Atmosphäre, so oft die Judenfrage gestreift wird, nicht mehr die Schneidigkeit zu zeigen, welche sie zu Anfang vor den tonangebenden Vertretern des sogenannten echten Rnssenlums so erfrischend anszeichnete. Daß das Problem in seinem ganzen Umfang überhaupt nicht mehr aufgerollt wird, mag vielleicht aus taktischen Rücksichten resultieren, gegen die die Judenmassen selber unter den gegenwärtigen Verhältnissen kaum etwas einwenden dürsten.

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