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Die Wahrheit · 1909-12-03 · Heft 47 (3.12.1909) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 47 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 47. unterlassen, alles zu kritisieren, wenn er auch nichts davon versteht; nichts gefällt ihm, überall möchte er dabei sein und überall das letzte Wort haben. Wenn Ehrwürden den meistern können, dann-" „Hat er ein wahres, jüdisches Herz, dann kann er nicht .Nein' sagen." „Vielleicht gelingt's Ihnen. Aber trachten Sie mir nur auch die jungen Damen zu gewinnen, denn allgemein haben Ehrwürden den besten Eindruck gemacht." „Ich werde mich ehrlich bemühen, diesen Eindruck nicht zu verwischen." Dr. Fuchs ging nach Hause. Da begegneten ihm zwei Handwerkslehrlinge. „Rabbileben, hep, hep, hep!" riesen sie und eilten davon. Der junge Rabbiner lächelte nur. Er dachte, das seien vielleicht zwei künftige christlich-soziale Abgeordnete oder Minister. Ein wenig aber freute ihn dieser germanische Schlachtruf doch, denn er wußte nun, daß er im Städtchen bereits bei groß und klein bekannt sei. — Sein nächster Besuch galt dem Dr. Ehrlich. Er war ein stark beschäftigter Arzt und Dr. Fuchs ging Nachmittag hin, um ihn bestimmt anzntreffen. Auch hier war der Empfang äußerst herzlich. Die beiden Söhne führten ein herrliches Violinkonzert von G o! d m a r k vor und Dr. Fuchs betrachtete diese jungen Leute mit vielem Interesse; er sah aus ihren Augen eine eiserne Energie hervorleuchten, die gewillt ist, das gesteckte Ziel zu verfolgen und zu erreichen, was immer auch kommen mag. Er sprach wiederholt sein Lob ans und nahm dann selbst die Geige zur Haud. Mit wunderbaren, süßen, einschmeichelnden Tönen spielte er das Largo von Händel, während ihn ein Sohn des Doktors mit vollem Verständnis begleitete. Doktor Ehrlich war freudig überrascht. „Von dieser Seite kennen wir Sie ja gar nicht. Ehrwürden sind ja ein Künstler!" „Cum grauo salis!" sagte Dr. Fuchs lächelnd. Da bat Frau Doktor zur Jause zu kommen. Doktor Ehrlich wurde zu einem Kranken geholt und die anderen mußten ohne ihn um den gedeckten Tisch Platz nehmen. Dr. Fuchs bar, den Hut aufsetzen zu. dürfen, da meinte der ältere Sohn, daß ihn dies bei einem intelligenten Menfcheit frappieren müsse. „Ich hätte niemals gewagt, diesen Stand zu wählen," sagte Dr. Fuchs, „wenn ich nicht unter jeden Glaubenssatz unserer Religion schreiben könnte: .Ami maamin beemono schelemo —-" *) „Aber dieses Kopfbedecken ist doch nur ein orientalischer Brauch." „Mag sein — aber wir müssen auch die Bräuche respektieren. Für das kleinste J-pünklchen gelten die Worte Geibels: „O rühret, rühret nicht daran!" „Ich glaube, wer Schopenhauer, Nietzsche, Ernst Häckel gelesen, kann unmöglich religiös sein." „Die Philosophie ist keine Jngendlektüre," meinte Dr. Fuchs maliziös. „Aber lesen Sie Spinoza, vor allem Mendelssohn. Auch Koheleth wird Sie interessieren, er hat prächtige, philosophische Gedanken, doch schließt er mit den Worten: Ssof dowor — eth elohim j’ro!-Das Ende der Philosophie ist: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das ist jedermann klar!" „Aber die Mehrzahl hält den Glauben doch nicht?" „Das wäre ein Unglück. Von den zwölf Millionen Juden sind mehr als drei Vierteile religiös." „Ah, die mit dem Kaftan und den Pejes. —" *) Anfangsworte der 13 Glaubenssätze Maimonides' „Ich glaube fest und unerschütterlich-" Die Mama und die Söhne lachten. „Lachen Sie nur nicht über diese Leute. Die sind noch die Stütze des Jndentnms. Sie können nichts dafür, wenn sie manch üble Gewohnheit haben, daran ist das ganze Milien schuld, in dem sie anfgewachsen." „Aber diese Tracht!" meinte wieder der ältere Sohn. „Das ist ihr Symbolikon. Wenn sie diese Kleidung und die Haarlocken oblegen, dann legen sie auch das Judentum ab." „Kann man denn alle strengen Gebote einhalten?" fragte der jüngere Sohn. „Streng? Was meinen Sie damit? Wenn man wüßte, daß bei Abschaffung des einen oder anderen Gebotes der Glaube an Festigkeit gewönne, würde man es vielleicht zu tun wagen, aber wer die sogenannten strengen Vorschriften uicf)t hält, der hält ja auch die anderen nicht. Vom Beten will ich gar nicht reden." „Hat denn das einen Sinn, etwas herunterzuleiern, was man nicht versteht?" meinte der zweite Sohn. „Es ist Ihre Schuld, wenn Sie unsere heilige Sprache nicht verstehen lernen," erwiderte der Rabbiner. „Sie können aber in jeder Sprache beten, tvenn Sie nur beten wollen." „Wie kommt es, Ehrwürden," fragte die Frau Doktor, „daß viele Leute, die an nichts glauben, oft sogar die Religion hassen, an Maskirtagen*) in die Synagoge laufen?" „D a s ist Aberglaube oder Furcht. Wir wollen aber nicht, daß von unserer Religion der Wahlsprnch Calignlas gelte: Oderint, dum metuant. Nicht fürchten soll man unseren Glauben, sondern lieben!" Jetzt stand Dr. Fuchs ans und auch die anderen erhoben sich. Er sprach das Lors uskoselios, **) dankte der Hausfrau und empfahl sich. Die Dame begleitete ihn ins Vorzimmer. „Warum sieht man denn Ihre Fran Mama gar nicht?" „Sie geht selten aus. Bloß Samstag führe ich sie in die Synagoge und manchmal in den Park." „Was tut sie denn sonst den ganzen Tag?" „Sie findet stets Arbeit. Bald bessert sie etwas ans, dann strickt sie wieder und täglich vollendet sie ein Buch der Psalmen. Oft lese ich ihr etwas vor. Nur das Gehen ermüdet sie, sonst nichts." „Ist denn die Frau Mama so alt?" „Meine Mutter ist 60 Jahre alt. Aber die Jahre des Kummers n n b der Sorge zählen doppelt, wenn nicht dreifach." (Fortsetzung folgt.) Austritte aus dein Indeutmn. Schloß Max, Ingenieur, geb. 27. Jänner 1877 zu Wien, IX., Alserstraße 20. S t r ä u ß l e r Melanie, geb. M o r a w i tz, Redakteursgattin, geb. 2. November 1880 zu Wien, IX., Servitengafse 5. Goldreich Richard, geb. 18. Juni 1866 zu Lnndenburg, V. Stroingasse 22. Ausricht Viktor, Hochschüler, geb. 22. Juni 1883 zu Lehota-Bocsin, Com. Trentschin, Ungarn, IV., Favoritenplatz 8. Weinwurin Philipp, Bau-Oberkommissär, geb. 17. März 186» zu Wien, II., Schüttelstraße 27. Schloß Elisabeth, geb. Goldberger de Buda, Jngenieursgattin, geb. 10. Jänner 1866 zu Wien, IX., Alserstraße 20. Schober Emma, geb. Kammer, Bankbeamtensgattin, geb. 18. März 1886 zu Wien, VII., Bnrggasse 22. Stein Erwin Hugo, Prokurist, geb. 13. September 1878 zu Karolinenthvl, Böhmen, XXI., Hauptstraße 21. R o s e n f e l d Julius, Lehrling, geb. 7. Mai 1895 zu Kagran, XXI., Rechtstraße 99. *) Seelenandacht. **) Segeuspcuch.

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