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Die Wahrheit · 1909-12-03 · Heft 47 (3.12.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 47 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. Ja, du lieber Gort, haben denn solche jüdische Eltern keine Ahnung davon, was sie hier tun? Dünkt ihnen diese Prozedur in Wirklichkeit so harmlos, als daß sie nicht befürchten müßten, mit derselben in das jugendliche Herz des Kindes einen Keim zu legen, der verhängnisvolle Früchte zeitigen könnte? Zeit Jahr und Tag bildet die Liste: „Austritte aus dem Judentum", die zumeist jugendliche Ueberlänser ansiveist, eine stehende Rubrik in der jüdischen Presse; seit Jahr und Tag wird darüber gesprochen und geschrieben, geklagt und gejammert, was die Ursache dieser Zeitrichtiger Tauskrankheit sei und welches die Mittel und Wege wären, mit denen man derselben steuern und einen Damm setzen könnte. Und da werden im Hause Israels, in jüdischen Familien Handlungen begangen, die geeignet sind, das Herz des jugendlichen Nachwuchses moralisch zu vergiften, ihm den Weg zu bahnen und Tür und Tor zu öffnen, um sich früher oder später der Assimilation, dem Abfall in die Arme zu werfen! „Wir sollen keinen Christbaum ausstellen, weil dies antijüdisch sei, weil wir damit der Jrreligiösität unserer Jugend Vorschub leisten? Ja. wo haben denn auch wir Inden ein Fest, an welchem auch bei unseren Kindern durch das Empfangen von Gaben und Geschenken Freude. Begeisterung und heiliges Empfinden geweckt wird?" So hören wir jene Eltern ansrnfen, die sich durch diese Zeilen betroffen fühlen und zll ihrer Verteidigung nach allen möglichen Argumenten suchen. Wir hätten kein Fest, das uns Anlaß und Gelegenheit gäbe, auch unsere Kinder durch Erfüllung gewisser Herzenswünsche für die Religion zu begeistern! Wie sonderbar das klingt! Was ists denn mit unseren beiden Freudenfesten Chanitka und Purim? Heißt es nicht ausdrücklich in der denkwürdigen Megillas Esther, daß die damaligen Inden anläßlich ihrer wunderbaren Errettung vor dem Anschlag des feindlich gesinnten Haman einander Liebesgaben und Geschenke sandten i-jn'? V 8 m:ö und gleichzeitig feststellten, diesen Gabenanslansch für alle Zeiten am Pnrimfeste als religiöse Pflicht beiznbehalten? Und wenn wir auch keine Megillas Chanuka besitzen, die uns eine solche Pflicht anferlegt, so bringt es ja doch die Bedeutung dieses Festes, nämlich die itns gewordene göttliche Hilfe durch Befreiung ans Feindeshänden mit sich, es zu einem freudigen Familienfeste zit gestalten, bei dem unsere Kinder mittun und nicht leer ausgehen sollten. Es gab ja schon eine solche Zeit, und sie ist ja noch nicht lange her, denn sie war unsere Jugendzeit, wo wir Kinder schon Wochen vorher dem Chaunkafest mit Sehnsucht und Ungeduld entgegenharrten, weil es uns Spiele und Zerstreuung, Liebesgaben und Geschenke brachte und darum auch Freude bereitete. In unserer Religion und ihren Pflichten bleibt alles immer neu, da gibt es nichts, was mit der Zeit veraltet und sich überlebt. Hub darum sollten wir an dem alten, schönen Brauch, gleichwie am Purim, auch am Chanuka festhalten, ihn neu aufleben lassen, auf daß er uns obendrein vor jenen Mißbräuchen schütze, die sich in neuester Zeit, aus blinder Nachahmnngssncht in gewissen Familienkreisen eingeschlichen haben. Wie schön wird es sein, wenn da unsere Kleinen beim Anzünden der Festlichter sich nm uns scharen, ernst und andächtig die üblichen Segenssprüche mitrezitieren, das herrliche Channkalied mitanstimmen und dann, gleichsam als Lohn dafür, ihre Freude an den Geschenken haben die für sie auf dem CHanukatische rings um die M e n o r a ansgebreitet lägen! Eine Schaaloh. Wie die Zeiten sich doch ändern! Ja, unsere aufgeklärte Zeit, in der leider das schöne, prachtvolle, imposante Religionsgebäude, das den Stürmen der Jahrtausende zu trotzen vermochte, in seinen Grundfesten gewaltig erschüttert wurde, gibt es so viele Stammesgenoffen, die. obwohl sie sich sonst über die wichtigsten religiösen Satzungen leichten Herzens hinwegsetzen, sich ostentativ „Nationaljnden" nennen und jeden anderen Glaubensgenossen, der sich einen deutschen, polnischen, französischen, englischen rc. Inden nennt, verdammen und verurteilen, selbst wenn er einen streng religiösen Lebenswandel führt, mit der ganzen Glut seines Herzens, mit allen Fasern seines Lebens dem Judentume treu anhänglich ist. — In früheren Jahrhunderten hingegen, in jenen verhängnisvollen Zeiten, wo Haß und Lieblosigkeit, Druck und Verfolgung sich gegen das Volk der Geschichte verschworen hatten, wo man alle möglichen Torturen ersonnen,, echte pharavnische Ansnahmsgesetze erlassen hatte, nm das Judentum vollständig vernichten zu können, damit der Name „Israel" ans der ganzen weiten Erde nicht mehr genannt werde, haben die Bekenner des Judentums sich nicht „Nationaljuden" genannt, sondern stets den Namen des Landes, in welchem sie gewohnt, angenommen. Man braucht sich nur ein wenig mit der jüdischen Literatur vertrant zu machen, so wird man die Ueberzengung gewinnen, daß in früheren Zeiten die Söhne Israels sich nicht „Nationaljnden", nicht einmal deutsche, französische, englische, polnische, spanische rc. Inden, sondern in Deutschland Aschkenasim (Deutsche), in Frankreich Zarfosim (Franzosen), in Spanien Sefardim (Spanier), in Polen Polniin (Polen), in Ungarn Hagrim (Ungarn) rc. genannt haben. Die österreichischen Gelehrten wurden Cliachme Oesterreichs, die französischen Cliachme zarfosete genannt. Trotz dieser sogenannten „Assimilation" hat das Judentum sich bis heute erhalten, denn jene alten „Assimilanten" haben für ihr Judentum wacker gekämpft, haben sich mit der Krone des Märtyrertums geschmückt. Werden auch die N a ch k o m m e n der modernen ..Nationaljnden" solche wackere Glaubenshelden sein? Wer kann mir diese Frage beantworten? ll'sku. Iscrli Jeliudi. Hochjeilsgedicht tut Indendentsch. In dem vor kurzem erschienenen und bereits erwähnten Werke „Wolfgang und Cornelia Goethes Lehrer. Nach archivalischen Quellen von E. Mentzel" (R. Voigtländers Verlag in Leipzig) begegnen wir u. a. auch folgenden interessanten Ausführungen, die mit Rücksicht ans die jüngste Entscheidung des Reichsgerichtes über die „Jüdische Sprache" auch einer gewissen Aktnellität nicht entbehren: Welchen Anklang in Frankfurt das Indendentsch im 18. Jahrhundert fand, beweist auch seine öftere Anwendung zn Hochzeits¬ oder sonstigen Familiengedichtein Eins davon besitzt besonderen Wert, weil es dem Onkel Goethes, dem damaligen Advokaten und späteren Schöffen Dr. zur. Johann Jost Textor, zn seiner Vermählung mit Maria Magdalena Völler am 17. Februar 1766 gewidmet ist. Der Verfasser Wolff Maas bezeichnet sich als Meliz (Proknrator); zn den Frankfurter Advokaten zählte er aber tlicht. In jener Zeit wurden dort noch keine Inden als Rechtsanwälte zugelassen. Wahrscheinlich war Maas ein Winkeladvokat, der sich in einem Abhängigkeilsverhältnisse zn Textor befand und seinem . Gönner und Vorgesetzten eine eigenartige Huldigung darbringen wollte. Das ans vier Folioseiten gedruckte „Lied" ist mit verschiedenen Vignetten verziert. Die von dem Verfasser selbst angesügten Worterläuterungen stehen als Fußnoten unter dem Text. Zn der Hochzeit des Advokaten Textor, der viele Juden zn Kunden hatte, erschienen eine ganze Reihe von Gedichten, Mehrere davon, auch das hier gebotene „Schir" im Indendeutsch bewahrt die Frankfurter Stadtbibliothek. Bekanntlich hatte Goethe zur Vermählung des Onkels auch ein Hochzeitskarmen geschickt. Wie er im siebenten Buch von „Dichtung und Wahrheit" erzählt, versammelte er aus Mangel an innerem Gestaltnngsdrang „den ganzen Olymp, um über die Heirat eines Frankfurter Advokaten zu ratschlagen und zwar ernsthaft genug, wie es sich znm Feste eines solchen Ehrenmannes wohl schickte. Venus und Themis hatten sich um seinetwillen überworfen, doch ein schelmischer Streich, den Amor der letzteren spielte, ließ jene den Prozeß gewinnen, und die Götter entschieden für die Heirat." Wolfgang empfand Wohlgefallen an dem Gedicht, allein als eres Gellert zeigte, hatte dieser viel ansznsetzen. Vor allem erklärte der Professor den großen Aufwand von mythologischen Personen und göttlichen Mitteln nm eines verhältnismäßig so geringen menschlichen Zweckes willen für gar nicht am Platze. Auch am Ansdruck hatte er so viel ansznsetzen, daß er sogar Verbesserungen in der Abschrift des Gedichtes anbrachte und dabei „der roten Tinte nicht schonte." Von Frankfurt aber erhielt der Student

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