Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1909-12-03 · Heft 47 (3.12.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 47 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063469-3063516--06381-3073381
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

abnheit Redaktion und 3lbniiiiiftifltiou:| Wien, IT/, Nvvaragasse 27! Telephon: Redaktion 5107/VIII. j Anakhängige Aeitschnft für Mische I | | Bezugspreis: j Ganzjährig.K 14.— j | Halbjährig.X 7.— 1 Druckerei 1530Ü. j K. k. öftere. Nostsparkassa- Scheck-Koiilo Nr. ll>0l>.9l8. j Interessen. i Für Kiiilusbeniute:! Ganzjährig.K 10. - [ Inserate:;! | Die viermal gespaltene! Nonpareille-Zeile 25 Heller.! Erscheint jeden Kreitag. Für Ausland: > Abonnementsnnd Jnsertions- > ' Ganzjährig.8 Mark betrage sind in Wien zahlbar! nnd klagbar.! Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!" i 8 Rubel oder 18 FrcS. ' II v. 47 Wien. 3. Dezember Inhalt: Der Cinistbaum in jüdischen Fainilieu. — Eine Schaalvh. — Hochzeits^edichr un Jndendemsch. — Die Juden und das moderne leben. — Theodor Ritter von Tanßiq. — Aus der Wiener Kulmsgemeinde. — Verschiedene Rachrichren. — Feiullelon: Ein neues Licht. — Austritte aus dein Jndenrnine. — „Polen". — Literatur. Aie geehrten Kerren Abonnenten werden um freundliche Einsendung des Aöonnemenlsbetrages für das laufende Quartal ersucht. Der Christbamn in jüdischen Familien. Wir haben bereits im Vorjahre diesen Uebergriff ans ein anderes Religivusgebiet in eingehender publizistischer Elörlernng entschieden verurteilt, allein der Umstand, daß derselbe von Jahr zn Jahr, namentlich im jüdischen Familienleben der Großstadt, immer größere Dimensionen annimmt, veranlaßt uns, angesichts der nahenden Weihnachtszeit noch einmal ans dieses Thema zurückzukommen. Wenn schon der sogenannte fortschrittliche Geist unserer Zeit auch das Gebiet der Religion und ihre Traditionen nicht unberührt ließ, so haben sich doch gewisse religiöse Gebräuche vermöge ihrer historischen Bedeutung von der ältesten Zeit an bis in die Gegenwart in ihrer ursprünglichen Form unverändert erhalten. Unter anderen sind dies vor allem die beiden nachmosaischen Freudenfeste: Channka und Purim. 2074 Jahre sind jetzt seit dem großen Ereignis des Makkabäersieges verstrichen und ans dem ganzen, großen Erdenrnnde, allüberall, wo es Juden gibt, die den Glauben noch nicht abgeschüttelt haben, wird in den nächsten Tagen das Channkafest zur Erinnerung an das nationale Ereignis aus Israels Vergangenheit gefeiert werden, überall werden die Lichter der Menora im festlichen Glanze erstrahlen, überall wird heilige Begeisterung herrschen ob der Siege, die unsere Vorfahren in jenen Tagen im Kampfe für Gott und für die Religion so ruhmvoll erfochten haben. Und doch läßt das Fest in vielen jüdischen Häusern gegenwärtig etwas vermissen, was ihm eine noch höhere Weihe verleihen und einen ungeschmälerten Fortbestand für die Zukunft sichern würde. Es ist die aufrichtige Teilnahme unserer Jugend, ihre kindliche Freude und Begeisterung, die beim Akte des Lichteranzündens, trotz ihres eifrigen Mittuns, nicht recht zum Durchbruch gelangen will. Die Tendenz der Gesetzgebung, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger auf allen Gebieten des Staatslebens znm Ansdruck gelangen zu lassen, hat es mit sich gebracht, daß der Unterricht in den Schulen einen interkonfessionellen Charakter angenomnien hat, und daß die vom Staate gegründeten und erhaltenen Ünterrichtsanstalten allen Kindern ohne Unterschied des Glaubens zugänglich gemacht wurden. Doch gerade der Umstand, daß jüdische Kinder den Unterricht in weltlichen Gegenständen gemeinsam mit andersgläubigen genießen und — was ja doch selbstverständlich ist — mir denselben in der freien Zelt Gedankeuanslansch und ge)elligen Verkehr pstegen. bringt es mit sich, daß unsere Kinder bei der Erfüllung gewisser religiöser Pflichten allznwenig Jntertsse au den Tag legen. Ersahrniigsgemüß Hai das jngeildliche Kind nur für das Lust und Liebe, Reiz und Begeisterung, was ihm seelischen Genuß, seelische Freude bereitet, und so wie im allgemeinen, so ist dies auch bei der Allsübung religiöser Handlungen der Fall. Nur jene religiösen Akte, an die sich sreildige Hvsinullgen und Erwartungen knüpfen, üben auf das jugendliche Gemüt einen bewältigenden Zauber, eine außergewöhnliche Anziehnngskrast aus. So oft beispielsweise die Weihnachtszeit wiederkehrt, haben unsere schulbesuchendeu Kinder Gelegenheit wahrznnehmen, welch freudige Erregung schon Wochen vorher ihrer chlistlichen Kollegen und Kolleginnen sich bemächtigt, eine Erregung, die sich immer wieder in den gegenseitigen Fragen knndgibt: „Was wird uns das Weihnachlssest an schönen Liebesgaben und Geschenken bringen? Welche Ansmerksamkeilen werden uns an diesem Tage seitens unserer Ellern und Verwandten zuteil werden?“ Diese und ähnliche Fragen bilden in ihrer freien Zeit fast den ganzeii Gesprächsstoff, an dem unsere Kinder selbstverständlich nicht teilnehmen und wobei sie nur stille Zlihörer bleiben müssen. Nun fragen wir: Mag da bei diesem Anlasse nicht auch in den Herzen unserer Kinder der Wunsch sich regen: „€, hätten, dock auch wir Israeliten ein ähnliches Fest, das uns Liebesgaben und Geschenke brächte, die uns Lust und Freude bereiten würden!" Und weil Kinder, wenn sie Wünsche hegen, alles daran setzen, dieselben erfüllt zu sehen, treten unsere Kleinen nicht selten, in ihrer Unschuld, an ihre Eltern mit der Bitte heran, auch ihnen einen Christbaum aufznstelleu, auf daß auch sie daun von den hübschen Sachen erzählen könnten, die ihnen Weihnachten gebracht hätte. Und was tun daraufhin so manche Eltern? In ihrer überschwänglicheu Liebe für den Sprößling gewähren sie ihm seine Bitte und, da sie das Anfstellen eines Christbanmes ohnehin nur als eine altherkömml cke Familiensitte, also als ein harmloses Ding betrachten, überlegen sie nicht lange, gehen rechtzeitig auf den nächstbesten Weibnachtsmarkt, gelangen dort in den Besitz eines hoben, reichbezweigten Nadelholzstämmliugs, der im stolzen Bewußtsein, zn solch unerwarteten Ehren gekommen zu sein, alsbald seinen Einzug in die jüdische Behausung hält, um daun am Weihnachtsabend durch die Fülle seiner Lichter und Gaben die Sprößlinge der Familie in die feiertäglich-? Stimmung zu versetzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.