Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 46 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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')i r. 46. Die Wahrheit Seite 9. begann, der. vom Oberkanlvr Herrn Wilhelm Steiner wirkungsvoll vorgelragen und von Herrn Kantor Adolf Dnkeß akkompagilirt wurde. Sodann legte Herr Kultnsvorsteher Sigm. Glase r, nach herzlicher Begrüßung der Deputation der Ktlitusgemeinden Ung.-Ostra und Straßnitz, in trefflicher Rede dar, welche Stadien der Monumentalbau dnrchznmachen hatte und welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, bevor er feinen Zwecke zngeführt wurde; er sei deshalb glücklich, heute am Tage der Einweihung mit hehrem Bewußtsein sagen zu können, der Vorstand fei feiner Pflicht getreulich nachgekommen und habe einem langgehegten Wunsch der Gemeindemitglieder erfüllt. Nach Absingung des Psalmes 103 bestieg Herr Rabbiner Dr. Josef Hofs die Kanzel und hielt die Einweihnngspredigt. die auf alle Anwesenden wegen ihres reichen Inhaltes, ihrer von tiefen, erhebenden und empfindungsvoüen Gedanken getragenen Sprache einen mächtigen Eindruck hervvrrief. Mit dem Vorträge eines Schlnßchorales schloß die erhebende Feier, die allen Anwohnenden in bleibender Erinnerung bleiben wird. Franzensbad. Donnerstag, den 18. d. M. fand hier die Beerdigung des Herrn Simon Adler statt. Die Beteiligung an dem Begräbnisse war ivwohl seitens der Inden als auch Nichtjnden eine überaus imposante. Es war auch nicht anders zil denken, da der Verblichene als Mitgründer der Franzensbader Knltusgemeinde, als Begründer des Hospitals, als Mitglied und Ebreninitglied mehrerer bürgerlicher Vereine in selten hohem Ansehen stand. Anwesend waren: der Bürgermeister Herr k. R. Gustav W i e d e m a n n, der hiesige Gesangsverein. der sich mit Fahne en corpore am Leichenbegängnisse beteiligte, eine Abordnung des Schützenvereines und der Feuerwehr und ein großer Teil der Kultusgemeindemitglieder von Eger mir ihrem Vorsteher Herrn I. Zuckerln a n n. Die kantorale Funktion verrichtete in erhebender Weise Herr Kantor Samuel Neubauer, dessen prächtige Stimme angenehm ansfiel. Am Grabe sprachen Dr. Goldberger, Rabbiner ans Marienbad und Dr. H i r s ch, Rabbiner in Franzensbad. Budapest. Der hiesige Kantor. Herr Josef K e l l e r, feierte vor einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag. Seine zahlreichen Verehrer benützten diese Gelegenheit, dem verdienten Manne eine herzliche Ovation zu bereiten. Die Jiiliative ergriffen unter Führung des Tempelknrators Arnold K o h u die Besucher der Rombach-Synagoge, welche seit langen Jahrzehnten sich an der echt jüdischen Vortragsweise des Kantors Keller erfreue». An der Spitze der zahlreichen Gratulanten erschien eine Abordnung der Israel. Knltnsgemeinde unter Führung des Vizepräsidenten Ludwig Adle r, der Kantor Keller im Namen der Gemeinde ein kostbares Geschenk in Begleitung einer Rede überreichte, in ivelcher er Keller als einen Musterbeamten hinstellte. dessen ganzes Sein stets das höchste Pflichtgefühl erfüllte. Im Namen des Gesamtrabbinates richtete Oberrabbiner Dr. Samuel K o h n eine längere Ansprache an den Jubilar, in welchem er die Tugenden des Kantors Keller pries, welche ihn direkt zum Kantor, also zum Verkünder des Gotteswortes prädestinierten. Oberkantor Pros. Lazarus begrüßte nn Namen der Budapester Kantoren den besten Kollegen. Kantor Keller wurde mit Depeschen und Anerkennungsschreiben überschüttet. Auch die Redaktion der „Wahrheit" ergreift gerne die Gelegenheit, um dem verdienstvollen Manne die herzlichsten Glückwünsche darzubrinzen. Budapest. Am 21. November fand hier die Trauung des Ober- . beamten der „Generali" Versicherungsgesellschaft, Herrn Ferdinand L ü ß l o mit Fräulein Kornelie H e r m a n n statt. Rabbiner Dr. Simon Hevesi richtete an das Brautpaar eine herzliche Ansprache, in welcher er dem Brautpaare ans Herz legte, die Lehren der Eltern in Ehren zu i halten und auch ein solches Hans zu gründen, weiches eine Stätte der! wahrhaft jüdischen Kultiir und Sitte bilden soll. Oberkautor Prof. Lazarus versah deu gesanglichen Teil der Feier. Das geräumige Gotteshaus in der DohLny utcza war von einem vornehmen Publikum dicht gefüllt. Budapest. Vor einigen Monaten entstand hier infolge der lebhaften Agitation des Rabbiners Dr. Sinivn H e v e s i der Ungarische! Israelitische Landeskultiirverein. Frendigst sehen wir, daß der Verein ernst! daran geht, seine idealen Ziele zu verwirklichen, denn seit dem 17. Novellier j werden wöchentlich dreimal hochinteressante Vorträge abends abgehalten. Den ersten Vortrag hielt Rabbiner, Dr. H e v e s i unter dem Titel „Die Weltauffassung und die Ethik der jüdischen Religion." Der tiefdurchdachte, mir großem wissenschaftlichen Apparat ausgearbeitete freie Borrrag Dr. Hevesis faszinierte die zahlrei^ien Zuhörer, welche nach Beendigung des Vortrages dem verdienstvollen Rabbiner nicht endenwollende Ovation darbrachte. Der erste Vortrag brachte also vollen Erfolg und jeder, der das Vergnügen hatte, dem Bortrage zu folgen, ist sicherlich ein begeisterter Anhänger des neuen Vereines geworden. Bossäcz bei Bagujhely, Ungarn. Jakob Berger, der langjährige, allgemein verehrte, geweiene Vorsteher unserer Gemeinde, Schwiegervater des hochgelehrten Großrabbiners von Bulgarien, Doktor Moritz G r ü n w a l d s. A. *) verschied plötzlich zu unserem großen *) Dr. Grüuwald war lange Mitarbeiter unseres Blattes, feine erste Frau, Dorothea, war Oberrabbiuer Joses W e i s s e s Tochter, lie starb, tiefbetrauert, vor 19 Jahren zu Jungbunzlau in Böhmen. (Die Redaktion.) Schmerze in der vergangenen Freitagnacht und wurde Sonntag, den 21. d. M. unter großen Ehren zu Grabe getragen. Professor Antscherl aus Wien, der Schwager des Verewigten, gab an dessen Sarge der großen Trauer beredten Ausdruck, es sprachen noch der Radbinatsverweser T e p l i und am Grabe ein königlich ungarischer Staatsbeamter Worte, die des Toten würdig waren. Dieser Tag allgemeiner Trauer in unserer Gemeinde, der 8. Kislew, war auch ein Gedenktag, der schon seit zwölf Jahren bei uns und in der benachbarten großen Gemeinde Bagujhely pietätvoll begangen wird es ist der Sterbetag des großen Rabbi Josef W eine s. A.. dessen Tochter Pauline, eine fromme, biedere und wohltätige Frau, treu dem Verewigten als dessen Gattin zur Seite stand und jetzt mit ibren Kindern in den Tagen ihres großen Schmerzes so viele Beweise inniger Teilnahme erhielt. Lange werden wir dieses edlen Mannes gedenken, desien Andenken gesegnet sein möge, der liefbetrübten Gattin und ihren Söhnen und Töchtern werde himmlischer Trost zuteil! Breslau. Gegen Baron Albert Rothschild ans W I e n, der sich derzeit aus der Jagd bei S ch e l l i u g d o r s aufhielt, war. wie erst jetzt bekannt wird, ein Attentat geplant. Bor vierzehn Tageil erhielt Barou Albert Rothschild sowie die Rothschildscheu Güterdirektioneu in Wien, Deutsch-Beneschau und Rarivor in Oberschlesien ausgegebene Briese, in denen Baron Rothschild ansgefordert wurde, 25.000 Mark an einen mit Namen genanuten sozialdemokratischen Führer abzusenden, widrigenfalls würde es Baron Albert Rothschild mit seinem Leben bezahlen müssen. Die sofort eingeleireren Erhebungen ergaben, daß der als Empfangsberechtigter bezeichnere sozialdeinokratiscbe Führer mit dem Absenden der Drohbriefe absolut nichts zu tun Hube und der ganzen Angelegenheit vollständig ferne stehe. Als sich nun letzten Samstag der Lehrer Srrachetta ans L u d g e r s r a l ans dem Wege nach Schellingdorf befand, woselbst Baron Rothschild an den Jagden teilnahm, näherte sich ihm ein nur einer Herrschaftslivree bekleideter junger Mann und überreichte ihm einen an Baron Albert Rothschild adressierten Brief mit der Bitte, denselben zu bestellen. Lehrer Skrachelta erklärte sich hiezn bereit und nahm den Brief in Empfang. Uncerwegs explodierte der Brief unter einer heftigen Detonation. Zweifellos war ein Attentat auf Baron Rothschild geplant, das durch die vorzeitige Explosion des im Briefe enthaltenen Sprengstoffes vereitelt wurde. Die Erhebungen nach dem Täter werden fortgesetzt. Hiteralnr. Wehr und Waffe» im Streite um den Gorresglanben von Dr. Johannes Jeremias. Pfarrer in Lunbach i. S., Leipzig. A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung, 80 Pfennig. „Vorliegende Schrift gibt im wesentlichen einen Vortrag wieder, der auf der Meißner Pastoralkonferenz gehalten wurde. Die Drucklegung wurde von der Konferenz g e w ü n s cb r." — Ich muß gestehen, daß mir der Wunsch unverständlich ist. denn der Vorrrag bietet weder Wehr noch Waffen, höchstens eilt paar Phrasen, die zu nichts nütze sind und keinen klaren, faßbaren Gedanken aufkommeu lassen. Es könnte wohl manches darin eine scharfe Widerlegung erfahren aber es lohnt sich nicht, mit einem Manne zu rechten, für den die Auferstehung Jesu „eine der am besten beglaubigten Tatsachen der Geschichte" bedeutet. Nur ein paar Proben niögen zeigen, was alles nicht eine Pastorenkonfereilz begeistern kann! — „N i e tz s ch e ist als notorischer Fälscher des geschichtlichen Christeiltums zu widerlegen." — Ja. versucht es nur! Uebrigens ist die Fälschung notorisch, braucht sie wohl nicht erst widerlegt zu werden! — „Mir ist wahrscheinlich, daß der Mann, der das rief religiöse (sic!) Buch der Sehnsucht, .also sprach Zarathustra' geschrieben hat. nach dem Hüten der Säue im Antichrist ins Vaterhaus zurückgekehrt wäre, wenn nicht geistige Umnachtung seinem Werk ein Ziel gesetzt hätte." — Wahrlich, ein solcher Glaube kann nur einen evangelischen Pastor selig machen! — Fast noch köstlicher ist sein Kampf gegen den Monismus. Das biblische Weltbild, behauptet unser Pastor, hat einen stark monistischen Einschlag, auch die „biblische Menschenkunde." In der grundlegenden Stelle 1. Mos. 2, 7 heißt es: „Da bildere Jahve Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensodem: so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen." „Die Nephesch hajjah ist die Einheit, auf die der Mensch angelegt ist." — Also der ausgeiprochene Dualismus. Leib und Seele, soll der Monismus lehren' Das verstehe wer will — ich bin kein evangelischer Pastor! Dr. K a h a n. Znaim. Anastasius Grüns Werke bringt die „Goldene Klafsiker- Bibliothek" (Deutsches Veclagshaus Bong & Co.. Berlin W 57) unter ihren Neuerscheinungen. Sie sind heransgegeben von Prof. Dr. Eduard C a st l e, der durch feine bisherigen Veröffentlichungen vor allen berufen war, diesem Oesterreicher seine Forschungsarbeit zuzuwenden. Grüns Werke, bereits wiederholt, aber sorglos heransgegeben, werden hier zum erstenmai auf Grund des Wortlautes der letzten, vom Dichter selbst besorgten Auflagen der Einzelschrifren. abgedrnckc. Sowohl zu den „Gedichten" als auch zu den „Volksliedern ans Kram". ja selbst zu Grüns volkstümlichster Dichtung, dem „Letzten Ritter", har sich eine Nachlese ergeben. Die Ordnung der Schriften nach der Zeitfolge ihres Erscheinens läßt die intereffante, an Schiller gemahnende Entwicklung des Dichters erkennen, der zuerst unter allen politischen Sängern nach 1830 die große Losung „Freiheit" hinausschmetterte, an deren Stelle er dann in seinem reifsten Werke, dem „Pfaff vom Kahlenberg", jenes „unzerstörbare ewige Recht" setzte, das „keine Menscheilsatzung wende, von Wellbeginn zu Weltende". Die poetischen Werke Anastasius Grüns, so bedeutend sie durch ihre Tendenz für die Vergangenheit, nach ihrem Gehalt auch für die Gegenwart sind, geben aber von der Persönlichkeit ihres Schöpfers nur den halben Begriff. War doch der Dichter als Gras Auersperg von Geburt einer der Pairs des Reiches, ist