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Die Wahrheit · 1909-11-26 · Heft 46 (26.11.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 46 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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M- 46. Die 'Wahrheit Auslandes eine der bedeutungsvollen werden. Das Parlament wird eigentlich jetzt zum ersten Male in die Lage kommen, in wichtigen prinzipiellen Fragen Farbe zu bekennen und es ivird sich zeigen, nicht so sehr welche Partei, sondern welche killturelle Gesinnung im türkischen Parlamente die Majorität besitzt. Das junge türkische Parlament wird bald nach Eröffnung der kommenden Session auch in die Lage versetzt werden, zur Judenfrage im allgemeinen und zur Frage der Einwanderung der Juden im besonderen Stellung zu nehmen und man macht sich auf eine sehr heftige Debatte gefaßt. Wie verlautet, hat das Ministerium die zwei Gesetzentwürfe betreffend die Einwanderung nach Palästina und die Neubelebnng Mesopotamiens bereits fertiggestellt, der Staatsrat hat bereits den dringenden Auftrag erhalten, die Gesetzentwürfe in Behandlung zu ziehen, da der Großvezier die Absicht habe, die beiden Gesetzentwürfe gleich nach Eröffnung der Session dem Parlanrente zu unterbreiten. Der Inhalt dieser wichtigen Gesetzentwürfe wird noch vorläusig geheim gehalten, doch so viel ist schon heute bekannt, daß die Griechen, ein Teil der Araber und konservativen M o h a m m e d a n e r sich schon darauf vorbereiten, die ganze Jndensrage anfznrvllen und gegen eine Masseu-Einwandernng von Juden auf türkisches Gebiet mit allen Mitteln anzukämpfen. Es ist zwar bekannt, daß die Regierung selbst in der Jndensrage eine tolerante Haltung einnimmt, aber die gegenteiligen Einflüsse werden kaum ihre Wirkung verfehlen. Man befürchtet, daß die türkische Depntiertenkammer die jüdische Eiuwanderungsfrage in einer Weise lösen werde, welche eine Konzentrierung von Inden in großen Massen an einem Orte sehr erschwert, wenn nicht von vornherein ansschließt. Das Gleiche,»fest im israel. Knabenwaisenhanse in Wien. Dienstag, den 23. d. M., 11 Uhr vormittags, versammlte sich ein kleiner Kreis von Männern am Bane des Knabenwaisenhanses, welcher der israel. Waisenverein zur bleibenden Erinnerung au das 60jährige Regiernngsjnbilänm des Kaisers errichtet hat. Der stattliche Bau, welcher Zur Ausnahme von 100 Knaben bestimmt ist und der sich an der Ecke der Probnsmtb der Armbrnstergasse in Heiligenstadt erhebt, wird nach den Plänen und unter der Leitung des Banrates Wilhelm S t i a ß n y vom Stadtbanmeister Melcher ansgeführt. Er besindet sich inmitten eines großen, alten Parkes, besteht aus Tiefparterre, Hochparterre, zwei Stockwerken und einem Dachgeschoß, und der Dachstuhl ist bereits ausgestellt und eingedeckt. Unter den Anwesenden bemerkte man: Herrn Wilhelm Ritter von G n t m a n n in Vertretung seines von Wien abwesenden Großvaters Herrn David Ritter von Guttmann, den Kurator des Waisenvereines Siegfried Fleischer, den Präsidenten der israel. Knltusgemeinde Dr. Alfred Stern, nebst den Sekretären kais. Rat Dr. Lieben und Dr. Adle r, die Mitglieder des Knltusvorstandes Em. H offmann. Ad. Schrame! und S. Steiner. Rabbiner Dr. Feuchtwang, ferner die Mitglieder des Bankomitees Gottlieb B e t t e l h e i m und Ober-Ingenieur M a n u a b e r g. Dr. Bela Taußig, Stadtbanmeister Melcher, kaif. Rat Sch esst el und Dr. Kapra lik, Dr. Siegln. S t i a ß n y, die Sekretäre des Maisenvereines Direktor Mauthner und I. S. Katz rc. Die Festlichkeit fand im Vestibüle des Tiefparterre, wo auch der Grundstein des Hauses vermauert ist, statt. Sie begann mit folgender Ansprache des Architekten Baurates Stiaßuy: Hochverehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Versammlung! Wir haben uns heute am Balte des israel. Knabenwaisenhauses eingefunden, um ein bescheidenes Fest der Arbeit, das Gleichenf est, zu begehen. Es soll dadurch der Zeitpunkt hervorgehoben werden, zu welchem der Rohbau dieses Gebäudes vollendet und das schützende Dach darüber gebreitet ist, so daß der Bau vor den Unbilden und Schädlichkeiten der Wintermonate verwahrt erscheint. Das Fest der H a u p t g l e i ch e ist schon iu alter Zeit begangen worden, und war stets damit verbunden, daß der Bauherr an die Leiter des Baues, die Poliere und die daselbst beschäftigt gewesenen Arbeiter Worte des Dankes für die bisherige erfolgreiche Tätigkeit gerichtet und den genannten Personen als Zeichen der Anerkennung Geschenke gespendet hat. Das Gleichenfest besitzt vielleicht kein so hohes Alter wie das Fest der Weihe des Hauses, die Das letztere kennen wir bereits bei den alten Aegyplern und im I. Buch der Könige, Kapitel 8 wird die Feier der Weihe des ueugebanten Tempels durch König Salomo iu erhebender Weise geschildert. Vom Altertlnn angesangeu, durch das ganze Mittelalter und bis auf die neueste Zeit wird die Vollendung des Hanies. zumeist mit der Schlußsteinlegung verbunden, festlich begangen. Sv bleibt für unsere Generation die Einweihung des neuen Wiener Rathauses iu froher Erinnerung, die ihren Höhepunkt in der am 12. September 1883 durch Seine Majestät den Kaiser vorgenommenen Schlnßsteinlegung in der Tnrmhalle des Festsaales erreicht hat. Aber auch dem Feste der Hanptgleiche begegnen wir in Aufzeichnungen und Ueberlieferuugen aus dem frühen Mittelalter, und zwar nicht nur bei Bauwerken, welche religiösen Zwecken gewidmet waren, sondern auch bei profanen Gebäuden, wie beim Römer in Frankfurt am Main, beim Gürzenich in Köln am Rhein und an anderen Orlen. Und es waren die Gesetze und Regeln der Bau- und Steinmetz-Hüne der Stadl maßgebend für die Gebräuche, tvelche die Festlichkeiten begleiteten. Solche Hauptbauhütlen bestanden in Köln und Straßburg, in Prag und Wien. Von der uralten Bauhütte unserer Stadt ist in letzterer Zeit sehr viel gesprochen worden. Zumeist versammelten sich der Bauherr und seine Familie in einem gegen Wiltd und Wetter geschützten Raume des Baues, die Werkmeister. Parliere und die Schaar der Arbeiter rings umher. Und der Meister des Baues, der Architekt, trat in den Kreis der Männer, erhob einen Becher mit funkelndem Weine und sprach io. ungefähr wie ich jetzt sprechen werde: Verehrter Bauherr und liebe Genossen tu der Kunst und in der Arbeit! Wir haben in vorgeschriebener Zeit diesen Bau geführet von den Grundmauern im Innern der Erde bis hinaus zur luftigen, sonnigen Höhe. Wir haben gebaut nach den Regeln und Gesetzen des weisesten aller Könige, des K ö n i g s S a l o m o. wie er sie empfangen hat von seinem mächtigen, zanbergewaltigen Freunde, dem König H i r a m von T y r u s. io in der Schrift wird Z o r genannt und wie sie überliefert wurden von Geschlecht auf Geschlecht bis auf unsere Tage. Möge der Allmächtige Baumeister aller Welten den Ban auch fürderhin in seinen erhabenen Schutz nehmen, ihn schirmen und behüten, auf daß er zur vvrgeschriebenen Zeit und nach den Regeln der Kunst und der Arbeit zu gedeihlichem Ende gebracht werde. Und nun erhebe ich den Becher, gefüllt mit edlem Weine, und leere ihn, mit der Versammlung Erlaubnis, zu dreien malen. Der erste Becher gilt dem verehrten Bauherrn, dem Präsidenten des israelitischen Waisenvereines. Herrn David Ritter von G u t m a n n, den nur alle als einen großen Wohltäter der leidenden und bedürftigen Menschheit kennen, lieben und verehren. Herr David von G n t m a n n steht an der Spitze mehrerer wichtiger und bedeutender Wohltätigkeitsvereine. und unter diesen befindet sich auch der israelitische Waisenverein. Diese gemeinnützigen Institutionen hat er durch Eifer und Tatkraft und durch den Einfluß seiner Persönlichkeit zur Blüte und zu hohen» Ansehen gebracht. So hat er gemeinsam mit seinem in Gott ruhenden Bruder Wilhelm von G n t m a n n vor zwei Dezennien ein Mädchenwaisenhans in diesem Bezirke geschaffen. So ist es zumeist seiner Initiative zu verdanken, daß nunmehr dieses Knabenwaisenhans begründet wurde, welches zur bleibenden Erinnerung an das Jubelfest der 60jührigen glorreichen Regierung Seiner Majestät des Kaisers errichtet wird. Möge er noch eine lange Reihe von Jahren seine erhabenen Ziele verfolgen können. Präsident David von Glltmanu er lebe hoch! Ich erhebe den Becher zum zweiten Male zu Ehren des verehrten Präsidenten der Wiener israelitischen Kultnsgemeütde und seines hochgeschätzten Stellvertreters. Dr. Alfred Stern leitet seit vielen Jahren mit starker Hand und mir jugendlicher Kraft, mit Weisheit und Gerechtigkeit die Geschäfte unserer Ge-

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