Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 45 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 45 dafür kann ein derartiges Uebungsheft ans dem Jahre 1709 gelten. Zu jener Zeit erschien ein Büchlein ans einem Bogen, betitelt „Brevis Mamiductio ad Lectionem Scriptorum Judaeorum Germanicorum," das den in Frankfurt wirkenden Kandidaten Johann Michael Koch von Eisenach zum Verfasser Halle. Das Judendenlsch besah aber keine besonderen Schriftzeicheu. was mau nach Weismanns Darstellung glauben möchte, es wurde vielmehr dem Urteil gelehrter Kenner zufolge in der hebräischen, mitunter, auch in der deutschen Schrift wiedergegeben. Wie der Knabe die krausen Lettern in der Uebnng formte, so fchreibt mau sie heute noch. Nur rlllwefeutliches hat sich im Laufe der Zeit verändert, in ihren Grundformen aber ist die hebräische Schrift die gleiche geblieben. Der junge Goethe lernte also keine besonders schrecklichen Chiffern, wie sie nach Weismann „mit der verschmelzenden Zivilisation heute längst bei den Juden verschwunden sind," er wurde einfach von Christamicus mit den Zeichen der hebräischen Schrift bekannt gemacht. Alsbald fand aber der kluge Knabe, daß ihm zur vollen Beherrschung des kauderwelschen Idioms die eingehende Kenntnis des Hebräischen fehle, wovon sich, wie er meinte, „diese moderne, verdorbene und verzerrte Sprache allein ableiteu und mit einiger Sicherheit behandeln lasse." Das Hebräische trieb Wolfgaug bekanntlich beim Rektor Albrecht vom Frankfurter Gymnasium, das Judendenlsch bei dem schon genannten Christamicus. Wo suchen wir diesen nun? Gibt doch kein Wort, keine Andeutung Aufschluß über ihn. Höchstwahrscheinlich aber stammte Christamicus von jüdischen Konvertiten ab, wie auch die Christmanns. Christliebs, Christianis und andere mit ähnlichen, gleichsant symbolischen Namen ansgerüstete ehemalige Israeliten. Der berüchtigte Konvertit Friedrich Christian Christhold, der in unerhörter Weise gegen seinen eigenen Vater vorging, entstammte ja ebenfalls einer Ansbachischen Familie Fränkel und wurde nickt lange nach seinem Uebertritt zum Christentum 1712 königlich preußischer Sergeant. Trotz vieler in der Jugend vollführter böser Streiche kam Christhold in seiner militärischen Laufbahn wieder so zu Ehren, daß er sogar mit einem dienstlichen Auftrag ait den Hof von Ansbach geschickt wurde und die Kühnheit besaß, bei einem ihm erteilten Empfehlungsschreiben zu bemerken, er würde die ihm erwiesene Gnade seinem allergnädigsten Herrn, dem König von Preußen, melden. Möglicherweise hat diese in der Heimat gewiß viel besprochene Persönlichkeit auf die künftige Berufswahl des Heranwachsenden Knaben, in dem wir den späteren Lehrer Goethes vermuten, großen Einfluß ausgeübt. Die Gewohnheit des Herrn Rat. auch andere Namen im Haushaltungsbuch zu latinisieren, läßt auf einen Lehrer namens Christfreund schließen. Hätte Wolsgangs Vater einen jüdischen Informator bezeichnen wollen, der ein Freund von Christus war, so würde er wohl auch richtig geschrieben haben Gstristü amicus und nicht Christamicus, was wie ein ins Lateinische übertragener Name lautet. In dem damaligen Frankfurt gab es aber nur einen einzigen Mann, der Christfreund hieß, aber von auswärts hieher kam. Es war der Sergeant Karl Christian Christsreund, geboren zu Ansbach (möglicherweise auch in dessen Umgebung, weil oft die nächste große Stadt angegeben wird) am 12. April 1723 als der Sohn des dortigen praktischen Arztes Karl Friedrich Wilhelm Christsreund, und seit 1740 oder 1741 gur Frankfurter Garnison gehörig, zuerst als Gemeiner, dann als Korporal und schließlich als Sergeant und Fourier. Ende der Vierzigerjahre stand Christfreund in der Kompagnie des Kapitän Adlerberg als Korporal. Von 1722 an jedoch tat er den Dienst bei dem Kriegszeugamt als Schreiber und Ordonanz. . . . Ueber dreißig Jahre blieb Sergeant Christfreund auf dem Kriegszengamt. . . . Am 18. Juni 1801 starb er als Frankfurter Roßzoll-Admodiateur./Pächter.) . . . Obwohl keinerlei zuverlässige Auskunft über die Familie Christfreund zu erhalten war, so deuten doch nicht nur der Name, nein, auch andere wichtige Umstände, ganz besonders aber deren Heimatsberechtignng in der Markgrafschaft Ansbach, auf jüdische Konvertiten hin. . . . Im Jahre 1755 wurde Christfreund in eine nicht näher zu bestimmende Angelegenheit als Hauptzenge verwickelt. Zwei auswärtige Inden, Samuel Hertz Mauasses, vulgo Schmnl Darmstädter, und ein gewisser Sinßheimer, müssen unter anderem Namen sich eines Vergehens schuldig gemacht haben. Um die Persönlichkeit Sinßheimers festzustellen, wurde der Fourier Christfreund auf das Konsistorium berufen, wo man ihm den Inden gegenüberstellte. Dies Vorkommnis dürfte ebenfalls für die israelitische Herkunft Christfreunds zeugen. Welcher Abstammung aber auch der Sergeant gewesen sein mag, keineswegs lag für Frankfurt etwas Außergewöhnliches darin, daß Wolfgang von einem solchen Mann etwas zu lernen suchte. Damals gehörten hier noch ganz andere Leute, ja sogar zweifelhafte Persönlichkeiten, zu den Hausinformatoren. Der lange Zeit sogar als Fourier und Ordonanz verwandte Sergeant Christsreund war aber doch wenigstens ein Mann in geachteter Stellung. Gewiß hat der freisinnige Herr Rat Goethe deshalb auch keinen Widerspruch erhoben, als der Sohn sich von einem Soldaten im Indendeutsch unterrichten lassen wollte. Handelt es sich doch nicht um ein wichtiges Fach, sondern um die Befriedigung einer Liebhaberei Wolsgangs. . . . War Goethes Beschäftigung mit dem Judeudeutsch auch nur eine vorübergehende, so hat er doch sicher die in dieser Sprache steckenden Kulturwerte erkannt und aus dem Verlangen nach Belehrung über den Gegenstand irgendwelchen geistigen Gewinn gezogen. Ein bloßes Ansammeln und Atlhäufen von Kenntnissen und Eindrücken gab es schon früh an für Goethe nicht. Bereits der Knabe verstand es, das Einzelne dem Ganzen eiuzuordnen und das scheinbar Geringe zum wesentlichen Bestandteile des Bedeutungsvollen zu erheben. Neben einem glücklichen künstlerischen Instinkt verlieh ihnt die Natur auch die Kraft, die unznsammenhängenden Teile mit einem geistigen Band zu umschlingen und, was er so gewann, zur Förderung seiner inneren Entwicklung zu verwerten. Eine merkliche Spur von Goethes Beschäftigung mit dem Judeudeutsch sindet sich in seinen Werken nicht, doch ist die lebhafte Hinneigung Wolfgangs zum Alten Testament und die daraus entsprungene dichterische Behandlung biblischer Stoffe sicher aus dieser Quelle mitgespeist worden. Bis in die Leipziger Zeit hinein, in der die von dem Studenten später verbrannten Stücke „Belsazar," „Isabel," „Ruth" und „Selima" entstanden, beeinflußte die auch durch das Judendeutsch noch mehr geweckte Begeisterung Goethes für das Alte Testament sein geistiges Schaffen. Nur ein einziges kleines Probestück im Judeudeutsch, die sogenannte „Jndenpredigt," soll Goethe znm Verfasser haben. Ob der etwas boshafte Scherz aber eine wirksame Erfindung Goethes ist, dürfte zweifelhaft erscheinen. In der „Jndenpredigt" wird höhnisch erzählt, in 300.000 Jahren käme der Messias durch das Rote Meer und riefe mit Posannenstößen die Juden zusammen. So viel deren dann auch sein möchten, sie müßten auf dem Schimmel des Messias Platz finden. Die Gojim dagegen, die sich ans Hohn auf den Wedel des Schimmels niederlassen würden, sollten dann sämtlich im Meer umkommen. Die Predigt schließt mit der Frage: „No, was sagt ihr dazu?" Nach der Prüfung von Kennern verrät der Scherz keine großen Kenntnisse im Jndendentsch. Es finden sich sogar falsche, in diesem Idiom gar nicht vorkommende Worte darin. Die wissenschaftliche Entscheidung hierüber muß Sachverständigen -überlassen bleiben. Wie bei allen Lehrern Goethes, so dürfte der Knabe nicht allein von dem Unterrichte selbst, sondern auch von dem Verkehr mit Christamicus manchen Gewinn eiugeheimst und neue wichtige Einblicke in die unendliche Mannigfaltigkeit menschlicher Eigenart und menschlicher Schicksale getan haben. Kongreß fnr hebräische Sprache 1 und Knllnr. Das Berliner Komitee zur Vorbereitung eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur (Adresse: Dozent Dr. E. j Baneth, Berlin 0., Rosenthalerstraße 25) veröffentlicht folgende! Erklärung: