Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 45 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063514--06359-3073357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 45. Die Wahrheit Seile 5. der Brille des Subjektivismus betrachtet und aus gewissen ähnlichen Gestaltungen der polnisch-russischen Ghettos zu erklären trachtet, so möchten wir ihn auf die gelehrten Werke Geigers, Schürers, Wellhansells und anderer Gelehrter verweisen, unter anderen auch auf die Friedländers, dort wird er findell, was er sucht. Im zweiten Teile seiner Broschüre setzt er sich mit G o l d s ch m i d l auseinander. Aber jeder Unbefangene, auch wenn er mit der Talmudliteratur nicht so bewandert ist, wie dieser Gelehrte, wird aus den von F r o m e r selbst angeführten Stetten ersehen, auf wessen Seite das Recht ist; diese Seite ist aber nicht die Frvmers. Die „Geschichte eines L e b en s w e r k es" ist mehr die der Fromerschen Jrrtümer. Man wird diese Broschüre nicht ohne Bedauern und vielleicht Mitleid lesen. Ein zweifellos begabter Mann. ansgestattet mit mannigfachen Kenntnissen, darunter nicht am wenigsten mit denen des Talmud, der ans diesem noch vielen unbekannten Terrain vielleicht Tüchtiges hätte leisten können, — denn noch ist es nur wenigen erschlossen — ist auf eine schiefe Ebene geraten. Und jetzt, da ein ehrlicher Gelehrter, wie es Goldschmidt ist, ihm die Maske vom Gesichte reißt, klagt und jammert er. Wir begreifen seine Verzweiflung. Aber wir rufen ihm zu: „Tu Ta voulu" — Du hast es selbst so gewollt. — Das ist die Lehre, die wir ans dieser , Geschichte eines Lebenswerkes" ziehen. Mögen sie die Fromers beherzigen. Dr. M. Grünseld. Goethe nnd dos Indentmn. In dem soeben erschienenen Werke „Wolsgang und Cornelia Goethes Lehrer; nach archivalischen Quellen von E. Mentzel" (R. Voigtländers Verlag in Leipzig VIII. — 401 S., 4 Mk. 80 Pfg.) gibt uns die gelehrte Verfasserin über Goethes angeblichen Lehrer des Judendeutsch, sowie über Goethes Beziehungen zum Judentum überhaupt, so interessante Aufschlüsse, daß wir nicht umhin können, dieselben zum großen Teile wortgetreu wiederzngeben: Um die vielen sprachlichen Uebnngen am Ende der Fünfzigernnd am Anfang der Sechzigerjahre befriedigender und phantasiereicher zu gestalten, verfaßte der Knabe Goethe den bekanntlich in „Dichtung und Wahrheit 4. B., 1. T." ausführlich besprochenen Roman. Sieben weit voneinander lebende Geschwister geben sich darin in verschiedenen Idiomen Nachrichten über ihre jeweiligen Lebensumstände. „Der jüngste davon, eine Art von naseweisem Nestqnackelchen, halte, da ihm die übrigen Sprachen abgeschnitten waren, sich aufs Jndendeutsch verlegt, und brachte durch seine schrecklichen Chiffern die übrigen in Verzweiflung nnd die Eltern über den guten Einfall zum Lachen." Die Anwendung dieser Sprache in der leider bis jetzt noch nicht wieder aufgefundenen Jugendschöpfnng Goethes ist die natürliche Folge der Studien des Knaben im Judendeutsch in der ersten Hälfte des Jahres 1761. Am 6. Juni wird vom Herrn Rat ins Haushaltnngsbuch das Honorar von 1 Gulden 30 Kreuzern eingetragen, das ein gewisser Christamicils für den an Wolfgang erteilten Unterricht im Jndendeutsch erhielt. Allzuviele Stunden werden dafür nicht gegeben worden sein, es findet sich auch keine weitere Buchung für Christamicns, sein Name wird später überhaupt nicht mehr genannt. Bei der damaligen Abgeschlossenheit der Juden von der sonstigen Bevölkerung der Stadt, vornehmlich aber von den besseren Kreisen, läßt sich ein Persönlicher und näherer Verkehr des Knaben mit Israeliten kaum annehmen. Freilich kam er mit solchen in Berührung, er mag auch einzelne davon näher gekannt haben, aber daß er Schüler eines Juden gewesen wäre, dürfte auch aus mancherlei in der Zeit und in den Frankfurter Verhältnissen liegenden Gründen keine Wahrscheinlichkeit für sich besitzen. Daran ändert auch wohl Goethes lebhafte Anteilnahme an den jüdischen Gebräuchen nnd Zeremonien nichts. Der frühe Kenner des Alten Testamentes suchte sich schon beizeiten aus eigener Anschauung ein Bild davon zu verschaffen. Deshalb machten es ihm Personen von Einfluß möglich, die Synagoge öfter zu besuchen, einer Beschneidnng, einer Hochzeit nnd dem Laubhüttenfest beiznwohnen. Ueberall ward der Knabe von den Juden wohl ausgenommen, gut bewirtet mib zur Wiederkehr eingeladen. Auch die Jndenstadt, eigentlich eine enge, zwischen die Stadtmauern und den Stadtgraben eingeklemmte Straße, besuchte Wolfgang, allerdings mit heimlichem Widerwillen gegen den Schmutz, das Gewimmel, den zudringlichen Schacher nnd die Ansdrucksweise einer unerfreulichen Sprache. Doch nicht allein der abstoßende Zustand des Ghettos bedrückte den Knaben, auch die alten Märchen von der Grausamkeit der Juden gegen die Christen erfüllten ihn mit Abscheu. Sorgte doch das Spott- und Schandgemälde an einer Bogenmaner unter dem Brückenturm, das die Geschichte eines in Trient ermordet sein sollenden Christenknäbleins darstellte, daß man auch hier die alten gruseligen Geschichten immer wieder neu in Erinnerung bringen wollte. Das Leben freilich zeigte dem Wißbegierigen andere Bilder vom auserwählten Volke Gottes. Er sah „tätige, gefällige nnd achtungswerte Männer und auch hübsche Mädchen." Sie mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe am Sabbat aus dem Fischerfeld — eine einsame Gegend zwischen dem Riederbrnch und dem Mainnfer — sich „artig und freundlich gegen sie erwies." Ans dem Fischerseld dursten die Israeliten spazieren gehen, während sie sich dessen in der Allee und auf dem Roßmarkt, wo die vornehme Welt verkehrte, schlechterdings zu enthalten hatten. Was Wolfgang, den Freund nnd Kenner des Alten Testamentes, am meisten bei den Juden fesselte, war das sogenannte Jndendeutsch, ivie es die Israeliten damals im mündlichen nnd schriftlichen Austausch anwandten. Diese ans verdorbenem Deutsch bestehenden mit hebräischen Wörtern und manchen sonstigen Elementen vermischte Sprache übte auf viele Gelehrte und hochstehende Personen des 17. nnd 18. Jahrhunderts einen ganz eigenen Zauber ans. Sogar dem Kaiser Leopold I. sagte mau nach, er habe das Judendeutsch aufs eifrigste studiert. Auch in Frankfurt hatte dies in den angegebenen Zeitraum eine Anzahl Anhänger gefunden. Biele Bücher wurden in dieser Sprache hier gedruckt, bereits 1687 ein Sammelband mir Fabeln des Aesop, sowie anderen klassischen und auch Judenfabeln. Sie waren in Reime gebracht, für den Vortrag bestimmt und mit Holzschnitten geziert. Im Jahre 1711 erschien ein vollständiges Rechenbuch im Judendeutsch, nnd 1714 und 1717 die beiden starken Bände der Frankfurter Indenchronik von Johann Jacob Schudt, Rektor des hiesigen Gymnasiums. Das Werk enthält unter anderen literarischen Merkwürdigkeiten im Judendeutsch auch die Komödie von der Verkansung Josephs mit dem Pickelhäring nnd das Vintz-Hans-Lied über den Frankfurter Aufrührer Binzens Fettmilch, den Plünderer der Judenstadt, der 1616 mit anderen Empörern enthauptet worden war. In einem der Bände befindet sich auch eine höchst wertvolle und aufschlußreiche Abhandlung über das Jndendeutsch selbst. Mag deshalb Wolsgang Goethe auch noch durch andere Eindrücke zu dieser Sprache hingelenkt worden sein, so hat doch offenbar die Schndtsche Chronik viel dazu beigetragen, ihm die Beschäftigung mit der wunderlichen Sprache noch anziehender erscheinen zu lassen. Denn das Werk befand sich bestimmt in der Bibliothek des Vaters und war dem Knaben wohl noch an anderen Orten zugänglich. Ebenso mögen ihm in seinem weiten Bekanntenkreise auch Schriftstücke im Jndendeutsch in die Hand gefallen sein. Pflegten doch die Israeliten ihre Briese und Urkunden darin abzufassen. Mit Eifer suchte sich Wolfgang die „baroke Sprache" anzneigneu nnd „trachtete danach, sie ebensogut schreiben zu lernen, als er sie lesen konnte." Zum besseren Verständnis dieser Uebnngen Goethes findet das Blatt aus des Dichters „Labores juveniles" Wiedergabe, das die „Anweisung zur Erlernung der teutsch-hebräischen Sprache" enthält. Die Uebung macht den Eindruck, als hätte sich Wolfgang aus irgend einem Lehrbuch abgeschrieben. Wie es heute noch solche aus Vorlageblättern bestehenden Hefte für die Einführung in die deutsch-hebräische Sprache gibt, so waren sie sicher auch schon damals vorhanden. Als Beweis