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Die Wahrheit · 1909-11-19 · Heft 45 (19.11.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 45 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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L>eite 4. Die Wahrhett Nr. 45. Lux° usw. Unsere Gäste kamen denn auch, wie sie in Privatgesprächen mitteilten, zu der Ueberzeugung, daß es in Oesterreich selbst genau so bestellt sei wie außerhalb Oesterreichs, daß nämlich die hohe Entwicklung der Industrie und des Handels ebenso wie Sie Vertretung der österreichischen Handelsinleressen im Anslande fast ausschließlich der jüdischen Intelligenz und der jüdischen Arbeit zu verdanken sind. Daß man in Oesterreich diese Tatsache gestissentlich übersieht, ist ja schon ost genug hervorgehoben worden. Mau dankt den jüdischen Kanflenten damit, daß man sie dem Boykott ausliesert, bei Slaalsbestellungen übergeht und durch alle möglichen Sleuergesetze und die berühmte Sozialpolitik, sowie durch Steuerschikanen an der Entsaltnng ihrer Kraft hindert. Daß die jüdischen Kaufleute dennoch so achtunggebietend dastehen, haben sie ausschließlich ihrer eigenen Tüchtigkeit zu verdanken. Die Regierung und die Bevölkerung würden lieber das Gegenteil sehen. Unser Geld nehmen sie gerne. * * * Wie allmählich auch in Ungarn der praktische Antisemitismus immer mehr Anhänger findet, beweist unter anderem auch ein Beschluß des Muuizipiums des Komitates Bereg, welcher dahin ging, daß sämtliche auf seinem Gebiete befindliche Wirtshäuser an Sonn- und Feiertagen, sowie an Jahrmarkrstagen mtb an den Tagen, an denen militärische Musterungen ftattfinden, geschlossen iein müssen. Da eine überaus große Zahl der dortigen Wirte Inden sind, ist die antisemitische Tendenz dieses Beschlusses offenbar. Die in ihrer Existenz hart betroffenen jüdischen Schankwirte haben an das Ministerium des Jntiern appelliert, welches denn auch erfreulicherweise den ungesetzlichen Beschluß des Komitates Bereg annulliert hat. Ans London wird der „N. I. K." von ihrem Korrespondenten geschrieben: In Kanada breitet sich der Antisemitismus immer mehr aus. Vor kurzem ereignete . sich in Montreal ein Vorfall, der an rnsslsche Zustände gemahnt. Im jüdischen Viertel kehrte ein Jude in einem Gasthause ein und wurde dort ohne jede Ursache von zwei französischen Rowdies Plötzlich überfallen und niedergeschlagen. Als ihm einige Juden beistehen wollten, kamen wie auf Verabredung mehrere Franzosen herbeigeeilt, und es entstand ein förmlicher Straßenkampf, an dem sich gegen 4000 Personen beteiligt haben sollen. Die Polizei schritt während der Exzesse nicht ein und trat erst nach deren Beendigung in Aktion. Ihre Tätigkeit bestand darin, daß sie die französischen Exzedenten unter sicherer Bewachung nach Hause geleitete, dafür aber mehrere schwerverletzte Judenin Haft nahm und eine gerichtliche Klage gegen sie erhob. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Italien hatten schon jüdische Minister, aber Dänemark ist das erste Land der Welt, in dem wieder ein Jude zum Chef eines Kabinetts ernannt worden ist. Dieser jüdische Premierminister Dänemarks und des Königs Friedrich VIII.. Herr Zahle, zählt 43 Jahre. Er ist von Berns Rechtsanwalt und seit zehn Jahren Mitglied des Folkethings und Präsident der demokratischen Partei, die jetzt in Dänemark die Regierung übernommen hat. Neben dem Premier Zahle, der außer dem Präsidium übrigens auch das Verteidigungsministerinm verwaltet, sind noch zwei Inden Kabiuetsmitglieder: der Finanzminister Dr. Edward Brandes, ein Bruder von Georg Brandes, und der Handelsininister Heilbnth. Kann auch von der Ernennung dieser Minister, die nur noch dem Namen nach Inden sind, kaum etwas für die jüdische Sache in Dänemark erwartet werden, so darf man doch mit Freude diesen Beweis weitgehendster konfessioneller Toleranz hervorheben, umsomehr, als es vor einiger Zeit auch hier nicht an Versuchen fehlte, das dänische Volk mit dem Antisemitismus zu beglücken. Schöner als durch die Wahl seines jüdischen Premiers hätte der König diese Versuche gewiß nicht zurückweisen können. Geschichte eines Kebenswerkes. So benennt Herr Dr. Jakob Fromer, mit dem wir uns erst jüngst in diesen Blättern beschäftigten, seine allerneneste Broschüre.*) — Die Leser dieses Blattes werden sich erinnern, daß Fromer während der heurigen Sommerszeit ein Buch erscheinen ließ, das er „Organismus des Judentums" benamste. Wir gestehen es, daß wir in unserer Besprechung dieses Werkes, welches diesen.stolzen Titel führt, mit dem Verfasser nicht sehr glimpflich umgingen und ihm namentlich zum Vorwürfe machten, er hätte Erscheinungen einer späteren Zeit auf die der Vergangenheit angewendet und wäre demnach ganz unhistorisch vorgegangen. Nicht so glimpflich ist mit dem Verfasser des „O r g a n i s m u s d e s Judentums," dessen Lebensgeschichte sattsam bekannt ist und nicht den angenehmsten Eindruck macht, Lazarus Goldschmidt, der Talmndübersetzer, umgegangen. Er veröffentlichte gegen Fromers „Organismus des Judentums" eine Broschüre, in der er dessen Ankündigung einer Talmndausgabe zur Herstellung einer Realkonkordanz als „eine an Betrug grenzende Täuschung," das erschienene Buch selbst als „ein elendes Machwerk" bezeichnet. Starke Ausdrücke. Aber „facifc indignatio versum.“ Wir begreifen Goldschmidts Indignation. Auch wir erklärten, ohne uns auf den eigentlichen talmudischen Teil von Fromers Werke näher einznlassen, den sogenannten historischen Teil für völlig wertlos und können uns nur freuen, daß unsere Besprechung von einer Autorität, gleich der G o ld s ch mi d ts, bestätigt wurde. In der vorliegenden Broschüre nun, welche auch mehr verspricht, als sie hält, wendet sich Fromer gegen Golds ch m i d 1 und will diesen in den Grund bohren. Je mehr man aber sich in die Lektüre dieser Broschüre versenkt, desto mehr erkennt mau, wie es ein ganz und gar verlorener Posten ist, den Fromer verteidigen möchte. Der zu Besiegende geht als Sieger - auf allen Linien hervor. F r o m e r wird ja auch den Satz des „Koheleth." kennen, der besagt: „Krummes kann man nicht gerade machen." Es ist kein Zweifel, daß Fromer ein Kenner des Talmuds ist; er hätte diese Kenntnisse zum Besten der Wissenschaft verwenden können. Dankbar würden wir eine wissenschaftlich angefertigte Talmudübersetzung begrüßen, aber Fromer hat sich selbst auf eine schiefe Bahn begeben nnd von dieser gibt es keine Umkehr. Seine Werke: „Wesen des Judentums" nnd „Vom Ghetto zur Kultur" sprechen gegen ihn nnd der „Organismus des Judentums" hat es unmöglich gemacht, diesen Renegaten, der, wie es scheint, von seinen eigenen Freunden nun im Stiche gelassen wird; — siehe den Brief Professor Stracks in Goldschmidts Broschüre („Geschichte eines Lebenswerkes," S. 44, 45) — ernst zu nehmen, weint er uns auch noch so oft versichert, er hätte eine Talmndübersetzung „zur Herstellung einer Realkoukordenz" schaffen wollen. Die Botschaft hören wir wohl, doch uns fehlt der Glaube an ihre Wahrheit . . Professor Strack, einer der Förderer Fromers vor vier Jahren, sagt, die Veröffentlichung dieses Her'rn habe ihn sehr enttäuscht. Uns auch, fügen wir hinzu. Offenbar verfolgten Strack, nnd mit ihm andere protestantische Theologett, mit der Förderung Fromers gewisse Zwecke. Sie sehen nun, daß sie in ihrem Vertrauen zu Fromers „Umsicht, Kenntnissen nnd Arbeitskraft" getäuscht wurden . . Das hätte man den Herren Voraussagen können. Sie haben Wind gesäet nnd ernten nun — das Machwerk „Organismus des Judentums." Habeanfc sibi ... Es ist nicht der Rede wert, ans die vorliegende Broschüre F r o in e r s, welche er „Geschichte eines L e b e u s w e r k e s" stolz benannt, näher einzngehen. Er erzählt uns die Geschichte seines Abfalles vom Judentum. Eine traurige Geschichte das, aber wir kennen sie genugsam. Wenn er weiter gelehrt auseinandersetzt, er habe sich den Uebergang vom „biblischen" znm „talmudischen" Judentum nicht erklären können, uns wieder mir der Auseinandersetzung über Saddnzäismus und Pharisäismus kommt, die großen kulturellen Erscheinungen des Judentums mit *) 1909. Im Selbstverläge des Verfassers.

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