Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1909-11-19 · Heft 45 (19.11.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 45 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063469-3063514--06357-3073355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

akrcheit Redaktion und Adniinistration: Wien, H/j Novaragasse 27 Telephon der Druckerei 15302. fl. k. österr. Postsparkassa- Scheck-flonlo Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene' Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonneincnls- und Jnsertionsbetrage sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Aeitschnfi für jüöische Iniere^e«. >, ■ j Verngspeeis: j Ganzjährig.K 14.—! Halbjährig.K 7.— | Für Knltnsbeainte: || Ganzjährig.K 10.— Krscheint jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!u Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 ilinbel oder 18 FrcS. Ar. 45 Mir». 19. November 1909. Inhalt: Ans der Woche. — Geschichte eines Lebenswerkes. — Göthe und das Judentum. — Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Austritte aus dem Judenlnm. Ans der Woche. „Die Führer der deutschfreiheitlichen und der christlichsozialen Partei Huben sich hente beim Ministerpräsidenten Freiherrn v. Bienerth eingefunden, um mil dem Kabinettschef über die Schritte zu konferieren, die behufs Herstellung der ArbeitsfähigkeitdesAbgeordnetenhauseseingeleitetworden sind." DieseRachricht, die an einem der letzten Tage durch sämtliche Wiener Blätter ging, spricht Bände und charakterisiert trefflich die gegenwärtige politische Situation in Oesterreich. Die Christlichsozialen haben sich zu Staats- und Parlamentsrettern anfgeschwungen und die Herren „Freiheitlichen", die ohnehin schon seit langem den Dunkelmännern lammfromm ans der Hand fressen, flüchten sich — allerdings unter dem bequemen Schlagworte der nationalen Verteidigung — unter die schützenden Fittige der mächtigen Partei. Für die Sache des Fortschrittes im allgemeinen mag dies höchst betrübend sein, uns Inden aber kann es ganz gleichgültig lassen, ob im großen Preislaufen nach Ministerfanteitils die Herren Pergelt, Groß, und Genossen oder die Schildträger Luegers, Lichtensteins und Geßmanns die weicheren Sitze erlangen. Wir haben von den Einen ebensowenig Gutes wie von den Anderen zu erwarten und müssen uns ans unsere eigene Kraft verlassen. Vor allem aber ist es notwendig, daß wir unter uns einig sind, um unsere verfassungsmäßigen und politischen Rechte gegen jeden Angriff verteidigen zu können. Welch außerordentlich ersprießliche Wirksamkeit die leider mit wenig Aussicht auf baldige Realisierung geplante jüdische Gesamtorganisation, besonders in Galizien, entwickeln könnte, zeigt nachstehender Fall, der jüngst Gegenstand einer Beschwerde beim Verwaltnngsgerichtshofe betreffs der gesetzlich geforderten allgemeinen Bildung des Rabbiners bildete: Im Jahre 1903 wurde von der Israel. Kultusgemeinde in Oswiecim Herr Osias Pinkas Bomba ch zum Rabbiner bestellt. Die fortschrittliche Partei unter der Judenschast von Oswiecim protestierte gegen diese Wahl mit der Behauptung, daß der Gewählte nicht die im Gesetze vorgefchriebene allgemeine Bildung besitze, da er nicht einmal lesen und schreiben könne. Die Bezirkshauptmannschaft, ebenso die Statthalterei, wiesen den Protest zurück, unter dem Hinweis auf ein von Bombach vorgelegtes Zeugnis, wonach er im Jahre 1893 — er war damals bereits 28 Jahre alt — in Brody als Privatist die Prüfung über die vierte Volksschulklasse mit gutem Erfolge bestanden hatte und zum Aufsteigen in eine höhere Klasse für reif erklärt wilrde. Das Unterrichtsministeriunl gab jedoch dem Rekurse, der von fortschrittlicher Seite gegen die Entscheidung der Slarthallerei erhoben worden war, nachdem es ein Gutachten des Landesschulrates eingeholt halte, statt. Der Landesschulrat Halle erklärt, daß das vorgelegte Schulzeugnis nicht hinreiche, um Bombach die Eignung für die Rabbinerstelle znznsprechen, da nach einer Verordnung ans dem Jahre 1892 in kleineren Städten Galiziens nur der zum Rabbiner bestellt werden könne, der eine allgemeine Bildung durch Vorlage eines Zeugnisses über eine vollständig absolvierte vierklassige Volksschule vorlegen könne. Gegen diese Entscheidung des Ministeriums erhoben die israelitische Knltusgemeinde in Oswiecim und der Rabbiner Bombach die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof, die unter dem Vorsitze des Senatspräsidenten Trnxa zur Verhandlung gelangte. Der Beschwerdevertreter Dr. Edmund Kornfeld führte in formaler Beziehung aus, daß das Unterrichtsministerium als Oberste staatliche Schulaufsichtsbehörde nur berechtigt gewesen wäre, innerhalb einer Frist von 30 Tagen nach Bestellung des Rabbiners ihn zu amoviereu, nicht aber erst nach fünf Jahren infolge Einschreitens von dritter Seite die Amovierung zu verfügen. In meritorischer Beziehung machte Dr. Kornfeld geltend, daß das vorgelegte Schulzeugnis des Rabbluers für seine Qualifikation hinreiche. DerMinisterialvertreter MinisterialsekretärDr. Bittner, und der Vertreter der mitbelangten fortschrittlichen Partei. Dr. Arnold, traten für die Abweisung der Beschwerde ein. Letzterer führte insbesondere ans, daß das vorgelegte Schul- , zengnis keineswegs eine allgemeine Schulbildung des Rabbuiers! bescheinige, da es eine Klassifizierung aus Geographie und Geschichte, ja selbst aus Lesen nicht enthalte, so daß es nicht einmal erwiesen sei, ob der Rabbiner lesen könne. Nach längerer Beratung hob der Verwaltungsgerichtshof die angesochtene Entscheidung des Ministeriums als ungesetzlich auf.! Für das Ansehen der jüdischen Seelsorge nach außen hin! ist es keinesfalls schmeichelhaft, wenn Zweifel darüber entstehen, ob ein jüdischer Rabbiner schreiben und lesen kann, oder nicht. * * Zu dem Aufenthalte der türkischen Studienkommission in Prag bringt die dortige „Selbstwehr" folgende Glosse: Der Aufenthalt der türkischen Studienkommission in Prag hat den Gästen die richtige Erkenntnis darüber gebracht, wo im österreichischen Wirtschaftsleben, in dem ja Böhmen die wichtigste Stelle einnimmt, die treibenden Kräfte zu suchen sind. Die Etablissements, in denen die Türken den jetzigen Stand unserer Industrie hauptsächlich kennen lernten, waren, wie man aus den Tagesjournalen leicht ersehen konnte, jüdische: M. G r a b Söhtie, Joß u. Löwenstein, Josef Feigl, Waldes, Gebrüder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.