Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1909-11-12 · Heft 44 (12.11.1909) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 44 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063469-3063513--06351-3073348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10. Die Wahrheit Nr. 44. im Mittelalter. II." (Schluß.) Von Leon S ch e i n h a u s. „Friedhofshallen." (Mit 5 Illustrationen.) Bon Dr. S. B e r n f e l d. „Beim Weltschachmeister Laster." Von Max S ch a ch e r l. „Schach." Von Tr. Emanuel Las k e r. „Der dritte Verbandstag der deutschen Juden." „Revue der Revuen." „M itreilungen ans deni Deutschen Bureau der „A l l i a u c e I s r a 6 l i t e Universelle": I. Die erste Alliance- Ausstellung in Saloniki. II. Die Verhältnisse in Marokko. III. Jemen. IV. Synagogeneinweihung in Sofia. V. Notiz: a) Auszeichnung, b) Hilfstätigkeit der Alliance. — Inserate. Elle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Licht. Von Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) Mäuschenstill war es im Gotteshaufe, als Dr. Fuchs seine Antrittsrede hielt. Er begann: Hoemes webascliolom ehowo! Wahrheit u n d Friede — die sollt ihr lieben! Wahrheit und Friede — welch' harmonischer Klang! Wahrheit und Friede — das sind die Säulen der Welt! Hieraus setzte er im ersten Teile seiner Rede dem aufmerksam lauschenden Auditorium die Vorteile der Wahrheit auseinander. Wer könne glücklich, wer könne freudig, wer könne zufrieden leben? Nur derjenige, der immer und immer und sei es ihm noch so schwer gefallen, die Wahrheit gesprochen. Der stets fein gegebenes Wort, der stets fein Versprechen gehalten; der fest und unerschütterlich die Treue zu seiner Familie, zu seinen Freunden, zu seinem Stamm und Glauben bewahrt, der seine G e f i u n n n g nie gewechselt, dessen Charakter makellos, dessen Wandel ohne Fehl und Sünde fei! Wer mit offenem, klarem Blick, mit liebevolle m, mitfühlenden! Herzen seinem Mitmenschen begegne, wer ohne Trug und Falschheit, ohne Hinterlist und Heuchelei, ohne. Mißgunst und Eigennutz jedermann entgegenkomme, wer bestrebt fei, seine Pflicht gegen Gott, gegen Vaterland, gegen jeden Menschen zu jeder Zeit zu erfüllen — nur der könne den wahren, inneren Frieden finden! Nun begann der treffliche Redner im zweiten Teile feiner Predigt die S e g n u n g e n des Friedens in berückenden Farben zu schildern. Vom Seelenfrieden des Einzelnen ausgehend, führte er aus, daß der erhabenste Wunsch des Judentums der Wunsch des Friedens sei! Dann malte er den Frieden im Hause, in der Familie, in der Nation, im Staate und in der ganzen Welt mit seinen heilbringenden, segensreichen Folgen aus und wandte sich im Schlußabfchnitte seiner Antritts- Predigt dem Frieden in der Gemeinde zu, dem er flammende, begeisterte, vom Herzen kommende Worte widmete. Die Existenz einer Gemeinde, sagte er, die ungestörte, gedeihliche Entwicklung derselben, hänge nur vom Frieden ab. Nur der Friede befördere die Wohlfahrt, nur der Friede hebe die Geselligkeit, die Schaffensfreude des Einzelnen, das geistige und leibliche Wohl der Gesamtheit. Nur der Friede lasse alles Gute, alles Schöne zur Reife, zur Vollendung kommen. Wie ein erquickender Sonnenstrahl belebe der Friede alle Gemüter, lasse neues Leben in den Adern pulsieren, zeige überall nur lachendes Glück, himmlische Freude! Wie der Fruchlbaum nur im fruchtbaren Boden blühen, wachsen u n d g e d e i h e n könne, so könne die Gemeinde nur im Zeichen des Friedens eine glücklicheGegenwart genießen, einer verheißungsvollen Zukunft eutgegengehen! Auf Wahrheit, Recht und Frieden bestehe die Welt, bestehe der Staat, bestehe die Gemeinde! Und dann breitete er segnend die Arme aus und sprach mit erhobener Stimme: „Der Ewige segne diese heilige Gemeinde und behüte sie vor allem Bösen, der Ewige lasse ihr sein Antlitz leuchten und sei ihr stets gnädig. Der ewige, allmächtige Vater im Himmel wende unserer geliebten Gemeittde sein Autlitz zu und gebe ihr und dem ganzen Volke den ersehnten Frieden! Amen! Amen!" Während der Männerchor das „Amen" sang, trat Doktor Fuchs vor die Bundeslade und küßte das Parocheth. *) Nach dem Minchagebete und dem mächtig dröhnenden Adon olom**} von Abraham Bär begann die Gratulationscour im großen Ratssaale. Jeder wollte dem jungen Rabbiner die Hand drücken und" dieser wurde nicht müde, jedem mit ein paar lieben Worten zu danken, bis auch diese unvermeidliche Prozedur vorüber war. —- In der neuen Wohnung angelangt, umarmte ihn erst seine Mutter und sagte schluchzend: „Warum hat Dein Vater diese Freude nicht erleben dürfen! Aber es war gut, daß Du fein Grab besucht hast. Er hat Dir geholfen, er möge stets Dein Fürbitter bei Gott sein!" Noch saßen beide im stillen Nachdenken versunken, da klopfte es plötzlich und Dr. Süß trat ein. „Ehrwürden müssen verzeihen, wenn ich störe, ich will Ihnen nochmals herzlich gratulieren und auch Sie, gnädige Frau, beglückwünschen." Beide dankten gerührt. Dann nahm Dr. Süß Platz und zog einen Brief ans der Tasche. „Ehrwürden dürfen nicht erschrecken. Ich habe ein anonymes Schreiben erhalten, daß Ehrwürden verlobt feien und u im — — —" Mutter und Sohn wurden blaß. „Herr Doktor," sagte Frau Fuchs zitternd, „das ist wohl wahr, aber i ch bin schuld, daß mein Sohn dieses Umstandes im Gesuche nicht Erwähnung getan, er wollte es —-" Die alte Frau hatte Tränen in den Augen. „Nun, nun," beschwichtigte Dr. Süß. ..Hätten wir es früher gewußt, so hätte sich wohl eine starke Opposition geltend gemacht, jetzt aber, wo wir Ehrwürden gesehen und gehört haben — da kann uns dies kaum irritieren." „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor," stammelte Dr. Fuchs, noch immer totenbleich. „Aber eine Bitte hätte ich, Ehrwürden." „Ich bin zu allem bereit, Herr Doktor." „Halten Sie diese Sache geheim und lassen Sie Ihre Braut vorläufig nicht hieherkommen." Dr. Fuchs nickte bloß. . „Ich kann es nicht verschweigen, daß hier einige Herren tatsächlich hofften — bitte davon keinen Gebrauch zu machen — ihre Töchter vielleicht verheiraten zu können. Ich halte dies, offen gesagt, für absurd, aber die Herren könnten das Definitivum, das ich ehebaldigst beantragen möchte, verweigern. Ich würde daher Ehrwürden bitten, Ihr ganzes diplomatisches Talent anznwenden, um die Gunst dieser Herren — und sind Sie mir nicht böse — auch die Gunst ihrer Töchter zu erwerben und zu erhalten." Der Knltuspräses lachte und dieses Lachen brachte Doktor- Fuchs wieder zu sich. „Herr Doktor werden entschuldigen, aber ich betrachte ein solch gewagtes Spiel mit meiner Stellung für unvereinbar. Vielleicht sagt man es lieber.-—" „Nein, nein, Ehrwürden, das geht nicht, dann ist alles verloren. Sie kennen unsere Rabenheimer nicht. Den jungen, ledigen Rabbiner werden sie loben, sie werden seine Predigt gerne anhören, sie werden ihm zuliebe ein wenig Frömmigkeit heucheln — kaum ist er aber verlobt oder verheiratet und die Chancen der einen oder anderen Dame sind gesunken, dann hat er einen schweren Stand." „Aber mir fällt es auch sehr schwer, Herr Doktor- „Ich glaube es Ihnen gerne. Aber Ehrwürden müssen sich nun einmal ins Unvermeidliche fügen. Sie gefallen uns und ich hoffe, daß sich die Verhältnisse immer besser gestalten, werden, so daß der Posten seinen Mann nähren wird. Es würde mir sehr leid tun, wenn eine solche Lappalie hier e i n e n A u s s ch l a g geben sollte. Ich verhehle Ihnen nicht, daß Ihnen die Verlobung früher eher geschadet als genützt hätte. — Nun müssen mir aber Ehrwürden folgen.-—" (Fortsetzung folgt.) *) Vorhang. — **) „Herr der Welt" (Schlußgesang).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.