Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 44 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesterr.-nngar. Kantoren-Zeitnng? Seite 11. Nr. 44. „Polen." Bon Ed. Birnbaum. I. Der polnische R i t n s und sein S y n n g o g e n g e s a n g im Kreise der mittelall erlichen S y n a g o g e n-R i t e n. Fortsetzung. *) Die Bezeichnung jy» für das alte Sklavonien wird bis ans die ältesten Uebersetzer, Kirchenväter und andere Bibelerklärer znrückgesührt, da schon Noa seinem Enkelsohn jwd als cnay my benennt. Und im Jahre 999 schreibt der römische Biograph des hl. Adalbert: „Es ist eine Gegend in Germaniens Gebieten, reich an Hilfsmitteln, Überalts mächtig durch Waffen und trotzige Männer, welche die Bewohner „Sklavonien" benennen. Der größte Teil dieser Gegend, verstrickt im Irrtum des Unglanbens. verehrt das Geschöpf an Stelle des Schöpfers, Holz oder Stein anstatt Gottes. Sehr viele, bloß dem Namen nach Christen, leben nach Sitte der Heiden." (Voigt, Adalbert v., Prag: Ueber „Prag in der jüdischen Literatur." vgl. H. TYko 8 inski, in der Monatsschrift 1909, S. 344 ff.) Diese Zeichnung der Sklavonier stimmt genau zu der des Maimonides (yy 9, 4): DTK av Kin prtn an -an a"ia naiy a’jy^a n. s. lv. Ob die Stelle bei Maimonides nicht ursprünglich anders lautete, will ich hier unentschieden sein lassen. Verdächtig ist mir, daß alle Erklärer zu dieser Stelle — wahrscheinlich ans konfessionellen Gründen — schweigen. Aus einem alten Bilde ans dem Anfänge des 11. Jahrhunderts (Giesebrecht, „Geschichte der deutschen Kaiserzeit", II.) erscheint neben der Germania, Gallia und Roma, die Sklavinia als Vertreterin der slavischen Nachbarvölker im Osten Dentschschlands, und daß man auch Polen darunter zit verstehen habe, beweist, daß von Otto III., der nach Polen ging, gesagt wird: In Sclavoniam pergit (Voigt a. a. O.). Die Bezeichnung „Lssllaiini" für die Bewohner Böhmens kertnnt man seit 791. Da in den ältesten Zeiten Prag und Krakau vielfach ein und demselben Szepter tributpflichtig waren und späterhin die Juden Böhmens in Krakau ein von den Polen gesondertes G e m e i n w e i e n mit böh nt i s di e nt Ritus n n d m i l eigene m R a b b i n a t hatten, das sich erst 1542 ans Veranlassung des Königs mit der Hanptgemeinde vereinigt zu haben scheint (s. Wetstein in „Eschkol", 1909, S. 214. Anm. 3), so erklärt sich die Verwandtschast des Prager oder böhmischen Ritus mit dem ppia;n:a (Die Krakauer „alte Synagoge" soll nach F r i e d b e r g. Enobobb 8ikaron, S. 1, Anm. 1, 1023 erbaut worden sein.). Beide Riten aber haben, wie ich meine, byzantinischen Ursprung. Die in den Regesten von A v o n i n s, Nr. 130/31 und von Tykoöynski verzeichneten Quellen bezeugen uns für die Zeit vor 970 den Zuzug byzantinischer Inden nach Prag und Krakau, dessen Einfluß ans den böhniisch-pvlnischen (slavischen) Ritus nicht gering sein wird. Ich meine den Bericht des jüdischen Reisenden I b r a h i m - i b n-J a k ü b (zirka 955—65), dem wir die ältesten Nachrichten über die Slavenländer und ihren durch die Inden vermittelten Handel mit Byzanz zu verdanken haben (Vom hl. Adalbert wissen wir, daß er den Sklavenhandel der byzantinischen Inden, wenn er sich über Christen erstreckte, abstellen wollte.) Die von A v o n i u s und T y k v 8 i n s k i nicht beachtete, aber in nym-t IV (1887) 4, 16 vorhandene hebräische Uebersetznng des Reiseberichtes halte ich für sehr wichtig, zumal er auch von den Mnsikinstriimeiiten der Slaven spricht (S. 18). Auch Z u n z scheint Jbrahim-ibn-Jaküb unbekannt geblieben zu sein, wenigstens wird seiner in der Abhandlung „Geographische Literatur der Juden" (Ges. Schr., I., 146 ff.) nicht Erwähnung getan. T y k o 8 i n s k i scheint ihn darum gegen Wigger und W a t t e n b a ch nicht einmal als Inden gelten zu lassen, Ebenso vermisse ich den Bericht bei den verdienten Antoren über die slavischen Gemeinden, von denen ich hier nennen will: 1. Harkany („Die Juden und die slavischen Sprachen"); 2. Finn („Ueber die Gemeinde Wilna"); 3. Frie- *) Nr. 40. S. 11, Sp. 2, Z. 1 lies „auch" (nicht „Euch"; das. Z. 20 lies a'paian. beitftein („Ueber Grodno"); 4. Feinstein („Ueber Brüsk"); 5. Pros. Berschodski („Ueber Litthauen"); 6. Sternberg („Ueber Polen"); 7. Reismann („Ueber Scheberschin"); 8. I. M. Zunz, Wetstein, und Friedberg („Ueber Krakau"); 9. Dembitzer, Caro, Buber und Schorr („Ueber Lemberg und Zolkiew"); 10. Darewski („Ueber Kiew und Rußland); 11. Saul P. Rabinowicz (Hebräische Uebersetznng von Grätz' Geschichte); 12. Gnrland („Ueber die Versolgnngeu und die vielen n-arr"). Von allen wird Byzanz kaum oberflächlich gestreift, desto wichtiger erscheint mir die Abhandlung „Jüdisch-byzantinische Beziehungen" von Dr. Joses Perl es (in Krnmbachers „Byzantinische Zeitschrift", II.. 1893, S' 569. ff.) Außer der Sage über den Dichter Schesatja (Grätz, V.. 274, vgl. Briefe Lnzzattos, S. 1148) wird das im jerusalemitischen Talmud und in den Midraschim vorkvmmende Wort rrab-i (durch Wechsel von 1 und r) für das griechische Wort „drama", Geschehnis, erklärt (S. 571); ebenso werden die Worte (S. 572, worüber ich schon in meiner angeführten Abhandlung „lieber den Ursprung der Traditionenberichtet habe), c:p~t:a (Compater, Gevatter), -isbp’p (kiklion), bnjrr rer n. s. w. ans byzantinischen Ursprung znrückgesührt. Sehr wichtig erscheint mir (S. 574) der Hinweis aus die bulgarische Heimat des FI i d r a s c h Lekach Tob, ans dem 11. Jahrhundert, zn feilt, d a s i ch alle dort e rwähnten liturgischen Br a u che in Pole n er* halten haben und dieser Midrascb außerdem viele nt usikalis ch e E r k l ä r n n g e n enthält, die zum großen Teile ans die Kommentare des Gebetritnais übergegangen sind. Darunter das rätselhaste r:\HD für den polnischen „Kittel" als „serikon'‘. Meine Notizen zu diesem feindlichen Amtskleid (es scheint von der „Kappa" als liturgisches Gewand, in Sonderheit der Kantoren, herzustaminen; vgl. Bock. Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters, 3 Bände. Bonn, 1859—1871) mögen hier ihren Platz finden. Ich habe verzeichnet: Adalb. v. Prag. Anm. 438; Rvkeach. § 316. Ende; Güdemann. IIL, 122, 270; Löwenstein rr; -na ecl. Rödelh., S. 60. Anm.; ‘■'■arrtn zn Sabb., 30, 3, Anm. 2 (annr!); Or. Sar, II., 180b; Taschboz, Nr. 160; Raschi. p»v 23 a: kiekst zo8vb, I., 130; Berliner. 2. Ansg.. S. 131; Ascheri zn Joma, Hil. Jom. Kippor; Joma 31 btarrr rrrarr Ts’sns qr2 ns:s; das. 35 a, 68 b; Lewy, W. B. r'Paarr; Hirsch Chajes zn Taau. 11 b. (lieber „Kappa“ vergleiche auch '"27U.-7 zn Zizzith 3, 4 Anm. 3j. Ferner sag! Perles zur Stelle (S. 580): „Die Wechselwirkung zwischen der jüdischen Hymnendichtnng. den liturgischen und metrischen Formen derselben und denen der Syrer, Byzantiner und Lateiner genau sestznstellen, ist eine der schwierigsten Ausgaben der byzantinischen wie der jüdischen Wissenschaft" und verweist weiter ans sein griechisches Machsor Romania, das mir augenblicklich, durch die Liebenswürdigkeit seines Sohnes des Herrn Rabb. Dr. Felix P e r l e s, hier, vvrliegt. Dieses Machsor bietet des Unendlichen an Material sür die Geschichte alter Riten und also auch für die des polnischen Ritus. Leider kann hier nicht daraus näher eingegangen werden, weil es gar zn sehr von dem Thema abbringeu würde. Indes mag es genügen, wenn ich erkläre, daß mich gerade das Studium dieses Machsor (wie schon früher) zn dem Resultat sührte, daß unsere Gebete und Gesänge daraus zn prüfen seien, ob sie 1. gaonäischen Ursprungs seien, d. h. ob die Melodien zugleich mit den betreffenden alten Texten ans uns gekommen sein können; 2. ob sie. was die Musik betrifft, durch Vermittlung des abendländischen Tonbewußtseins zn uns gelangt sind, wobei es sich um zwei Arten handeln kann: a) die byzantinische, b) die römische Musik; 3. ob unter Beeinflussung des Volksliedes der verschiedensten Länder entstanden; > 4. ob direkt aus synagogalem Boden der Diaspora, indem! die sangeskniidigen y::n ihre Phantasie haben walten lassen.! Dies des Näheren ausznsühren. wird die Aufgabe der I nächsten Artikel sein. (Fortsetzung folgt.) I ♦