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Die Wahrheit · 1909-11-12 · Heft 44 (12.11.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 44 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit Seite 9. Kultusvorsteher und einem Beamten dokumentiert. Die Ansprache lautete folgendermaßen: „Ein seltenes Geschick hat unsere Personen durch mehr als zwei Menschenalter aneinander geknüpft. Wir sind in derselben Gemeinde geboren und ausgewachsen. Hier verlebten wir unsere Kinder- und Mannesjahre. Gott hat es auch gefügt, daß wir fast unsere ganze Lebenszeit in den Dienst unserer altehrwürdigen Gemeinde gestellt haben. In die vier Jahrzehnte, während welcher Du das bürdevoile Amt eines Lehrers. Oberkantors nnd Sekretärs in nie ermüdender, tadelloser Weise verwaltet hast, fällt auch meine Tätigkeit als Hanvt dieser Knltusgemeinde, zu welchem Ehrenamt mich das Vertrauen meiner Glaubeusgenossen berufen hat. Keiner hatte daher mehr wie ich Gelegenheit, Dein arbeitsfrohes Wirken, Dein nlinmermüdes Schaffen im Dienste unserer Justitutlone» zu beobachten und zu beurteilen. Als junge Männer ichritlen wir an die Arbeit, als Greise stehen wir uns heute gegenüber. Viele Lebensprüfungen sind über uns hinweggezogen nnd mehr als zwei Generationen sind an uns vorübergegangen. Einzig und allein das Bewußtsein des redlich verbrachten Tageswerkes muß uns der Lohn für unser jahrzehntelanges Streben und Schaffen sein. Und so beglückwünsche ich Dich heute nicht sosehr als Dein Vorgesetzter, wie als Freund und Arbeitsgenosse zu Deinem seltenen Jubiläum und indem ich Dir dieses bescheidene Geschenk zum Zeichen unserer Anerkennung Deiner verdienstvollen Leistungen überreiche, wünsche ich Dir und uns: Der Allgütlge erhalte Dich noch lange, uns zum Stolze, Dir und Deiner Familie zum Glücke!" Hohenems. In der einstigen Grafschaft Hohenems befindet sich seit vielen Jahren, Innsbruck ausgenommen, die einzige liberale Gemeindevertretung der Katholiken Tirols und Vorarlbergs. Die Zeit der segensreichen Comunalvertretnng geht zu Ende, für den 15. November sind die Neuwahlen ansgeschriebeu und anberanmt. Natürlich ist diese Verwaltung ein Dorn im Auge der Christlichsozialen und Klerikalen und wird die nltramontane Agitation mit Hochdruck betrieben und wurde der Reichsratsabgeordnete Dr. Drexel vfr im Kasino gesehen, sowie auch die anderen Führer der verschiedenen klerikalen Verbindungen des Landes und der Kongregationen; der liberale F.-stnngswall soll eben erstürmt werden! Die Leistungen der liberalen Verwaltung waren für Hohenems geradezu außerordentlich. Das große, musterhafte Elisabethspital mir dem sevariecten Älerztehans, das vergrößerte Bürger-Altersversorgungshaus, ein neues Mädchenschulgebände mit Luftheizung, die Hochguellenleitung und Einleitung in die Häuser, das Elektrizitätswerk und elektrische Beleuchtung der Straßen, eine Badeanstalt, Pfiege der Straßen und Benennung derselben, ein schönes, praktisches Rathaus, natürlich hat das Geld gekostet und die Gemeinde mußte Anlehen aufnehmen, aber diese Gelder sind produktiv angelegt mild ein Segen für jetzt nnd später. Selbstverständlich betrachtet die klerikale Partei alle diese großen Leistungen mit dunklen Brillen und wird nach bewährtem Muster geurteilt. Nun hat die liberale Gemeindepertretnng wirklich eine horrende Sünde, die nur in der Hölle gesühnt werden kann — sie benannte drei Straßen nach Israeliten! Die Straße um die Synagoge wurde zur Erinnerung an den berühmten Landsmann, weil. Professor Salomon S u l z e r, Oberkantor zu Wien, S u l z e r g a s f e genannt. Die Gemeinde kaufte ein Hans, läßt es demolieren, eine eiserne Brücke wird über den Ernsbach hergestellt und die Snlzergasse erhält so die Verbindung mit der Graf Maximilian von Einbsstraße. Das Sulzerhans in Hohenems wurde schon vor Jahren vorn Wiener Männergesangsvereine, dessen erster Chormeister S. Sulzer war nnd dessen Schüler Dr. Olschbauer und Duniba waren, der auch der Freund des Heroen Franz Schubert war, mit einer Gedenktafel: S u lz e r s Geburtshaus nnd goldener Lyra ausgezeichnet. Eine andere Straße heißt B r u n n e r g a s s e, zur Erinnerung an weil. Marco Brunne r, den größten Bankier der Schweiz und Gutsbesitzer in Hohenems; sein Sohn heißt Lucian Brunner. Die Familie Brunner, die zu allen Zeiten Wohltäter der Armen war, Sinn für alles Edle und Gute hatte, hat sich beim Baue und Einrichtung des Elisabeth-Spitales. bei Errichtung des Röntgen-Institutes als Wohltäter im große n Style gezeigt. Unser edler, großer Kaiser, Franz Josef I., hat, eingedenk, daß er immer mit der Kaiserin inkognito als Graf nnd Gräfin von Hohenembs gereist, dem Elisabrthspitale in Hohenems eine namhafte Spende anzuweisen geruht. Eine Srraße wurde S t e i n a ch g a s s e benannt. Der Arzt Dr. Wilhelm Steinach nnd sein Sohn Dr. Simon Steinach waren die berühmtesten Aerzte im Lande Vorarlberg und des ganzen Bodenseegebietes und der Cantone Avenzell. Graubünden und St. Gallen. Als Dr. Wilhelm Steinach einst erkrankte, gingen die Juderr in die Synagoge beten, aber auch die Kirchenglocken ertönten und die Christen strömten in die Kirche, um für ihren Wohltäter zu beten. Als Dr. Simon Steinach Bürgermeister war, wollte er das Ghetto a b s ch ü t t e l n und er prozessierte bis zum Verwaltungsgerichtshvse: er gewann und die bis dahin politische Gemeinde wurde eine K u l t u s g e in e i n d e. Der Sohn Dr. Simon Steinachs ist der k. k. Uiliversitätsprofessor Dr. Eugen Steinach in Prag, der Heuer von der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien für seine Publikationen den Staatspreis erhielt. E. E. Literatur. Eine Arbeit über Synagogalmnsik von William Wolf. Herr Professor William Wolf hat im Lause der letzten Jahre eine größere Arbeit über unsere religiöse lUufif vollendet, welche eine außerordentlich wertvolle Forschung ans diesem Gebiete darstellt. Er nennt sie „Grundzüge einer Geschichte der Synagogalmnsik nebst Hypothesen über älteste Musiksysteme." Durch seine lang gepflegte intime Bekanntschaft mit den traditionellen Synagogalgesängen im Bunde mit seinen musikgeschichtlichen Kenntnissen, bat sich ihm allmählich ein deutliches und abgerundetes Bild von der Herkunft dieser alten Tonweisen ltub von beit mannigfaltigen allen nnd uralten Tonsystemen, auf denen diese Melodien gegründet sind, gestaltet. Er hat seine Untersuchungen zunächst in die Form eines Vortrages gebracht, welchen er am 23. Oktober vor einer Versammlung der „Internationalen Musikgesellschaft" vorlas, indem er zugleich von allem Bezügllchen klingende Demonstrationen gab und auch durch gedruckte Beiipielblätter das Gesagte anschaulich machte. Da es sich um eine musikalisch-wissenschaftliche Arbeit handelt, so hat er diese vor allem einem Auditorium von Musikgelehrteu Vorträgen wollen nnd deshalb die genannte Gesellschaft als Ort der ersten Bekanntmachung gewählt. Diese urteilsfähige Zuhörerschaft hat denn auch ihren entschiedenen Beifall knndgegeben, und um so mehr, als der Gegenstand sowohl wie auch Wolfs Behandlung desselben der christlichen Mnsikerwelt etwas gänzlich neues sind und eine Bereicherung der musikgeschichtlichen Wissenschaft bedeuten. Wolf gedachte in seinem Bortrag mit Anerkennung seiner Vorläufer, der Männer, die mit Fachkenntnis und Eifer in diesem Gebiete tätig gewesen und noch sind: der Oberkantoren Singer, Birnbaum, Kirschner, Francis Cohen nnd anderer, auch meiner Wenigkeit; er hat. aus diese gestützt, die Untersuchung ans selbständigen Wegen weitergesührt nnd so eine umfangreiche, geschlossene und in den einzelnen Punkten mit Scharfsinn begründete Skizze des Entwicklungsganges der Synagogalmnsik geschaffen. Da die Arbeit in Druck erscheinen wird, so sei hier nur auf die allerhervorrretendsten Punkte kurz hingewiesen. Der Verfasser beweist mit höchster Wahrscheinlichkeit, daß alle Synagogalgesänge sehr alten Datums ans Babylonien stammen, welches Land bekannterweise das älteste und bedeutendste Kulturzentrum für die altorientalische Welt gewesen ist, daher in seinen Musikweisen den Niederschlag aller alten und ältesten Tonsysteme besaß, welche die in Babylonien wohnenden Juden — schon vom Exil an — kennen lernten und für ihre Synagogalmnsik adoptierten. Wols weift mm nach, daß in unseren Gesängen nicht nur geschichtlich bekannte alte Tonsysteme herrschen, sondern auch bisher uuentdeckle, die sich ihm aber nur in den Synagogalgesängen osfendarteu. Nachdem er diese Systeme gefltnden, konnte er sie m einzelnen Melodien jüdischer, arabischer, armenischer niib anderer Abstammung wiederfinden. Von diesen Melodien brachte Wolf eine Anzahl in seinem Vortrag zu Gehör. Eilte jüngere Schicht der Synagogalmelvdien bilden solche, die unter dem Einfluß des griechischen Tonsystems stehen, welcher sich seit Alexander dem Großen geltend machte. Im Mittelaller treten neue Faktoren hinzu. Die Anssührungeu über die mittelalterlichen, sowie über die neueren und neuesten Synagogalgesänge mußte Wolf in dem besagten Vortrag übergehen, da die vorgerückte Zeit hierzu nötigte, aber er entwickelte noch eilte sehr interessante Hypothese über das Kol nidre, welche durch eine Reihe beweiskräftiger Schlüsse zu der Annahme führt, daß diese Melodie durch den gregorianischen Kirchengesang beeinslitßt und zttr Zeit Karls des Großen entstanden sei nnd zwar speziell in Mainz. Wolf teilte mit, daß die Grundgedanken seiner Hypothese noch von einem anderen. Leopold Katz in Rybnik. attsgeslellt worden sind. Wir sind zu beglückwünschett, daß eine Arbeit wie die Wols'sche geschaffen worden, welche uns klare Blicke in die Genesis dieser uns tettreu Melodien, die uns erbauen und in denen unser religiöses Gefühl seinen Ansdruck sucht, tun läßt, nnd welche dieses Musikgebiet in die große Gejamtgeschichle der Tonkunst an rechter Stelle einreiht. A. Fried m a tt u—Berlin. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Herausgegebeu von Leo Winz. Verlag von Ost und West, Berlin S. 42. Organ der Deutschen Konferenz-Gesellschaft der Alliance Jfraslite Universelle- 9. Jahrgang. Heft 11. November 1909. Inhalt: „Ein Weckruf." Von M. A. K l a n s n e r. „Benedictus Spinoza." (Die Bildnisse Spinozas) (mir 6 Illustrationen). Von Ernst Alrktrch. „Zurück auf die Stelle." (Erzählung.) Von A. Reifen. „Jacob Pleffner." (Mit zehn Illustrationen.) Von Karl Schwarz. „Synagogen- und Gemeindelebeir

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