Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 44 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit 9ir. 44. im Westen Deutschlands sonderbare ausfallende Aehnlichkeit mit den ersten Exzessen der Haskalah-Bewegung in Rußland aus. Wir können es heute kaum verstehen, wie nationale billigdenkende Juden das Lehren der hebräischen Bibel und des Talmud als Anstoß erregendes Aergernis brandmarken konnten, wie dies ans dem jüdischen Kongresse zu Frankfurt a. Ri. in den Jahren 1818 bis' 1838 geschah. Eine ähnliche Verirrung finden wir in der russischen Bewegung nach mehr Freiheit in Studium und Redefreiheit. Es ist nichr zu verwundern, daß die Orthodoxie heute den Lebenswandel der großen Reformer erkundet, um zu beweisen, wie sehr der Geist der Religiosität in seiner praktischen Ausübung unter den einseitigen praktischen Kämpfen der Reformer zu leiden hatte. Doch wir leiden heutzutage unter demselben Mißstande, zwar nicht durch die Verbitterung der Parteiungen, wohl aber durch den aus Unkenntnis begründeten Mangel an Sympathie, verständnisvoller Ueberlegung und geistiger Einsicht. Wenn ein goltesfürchtiger Jehudi zu uns kommt und uns bittet, ihm behilflich zu sein, Arbeit zu finden, damit er nicht gezwungen wird, seinen Sabbalh zu entweihen, so sind wir weit davon entfernt, ihn wegen seiner selbstverlengnenden Treue und Festigkeit zu bewundern. die ihn zum höheren Gehorsam und zur Standhaftigkeit Hinweisen; wir bemitleiden ihn vielmehr, daß er so unpraktisch ist und sich an einen Schatten auklammert. Wir schwatzen falsche Gelehrsamkeit ans über die wunderbare Weisheit der diätarischen Gesetze; wir halten jedoch einen Mann, der seinen Haushalt den hinderlichen Einschränkungen des rabbinischen Kaschrns-Systems unterwirft, für ein heuchlerisches Fossilinm oder einen Narren. Wir sollten doch wenigstens etwas Achtung übrig haben für diese schönen Gebräuche, hauptsächlich wenn diese an pietätvolle Ueberlieferung ans unserer eigenen Vergangenheit sich anlehnen. Darin unterscheiden sich leider die Juden in Amerika von denen der anderen Länder, daß in ihren Wohltätigkeitsanstalten die pietätvolle Ausübung der jüdischen Gebräuche vollständig verschmäht wird. In allen anderen Ländern werden die jüdischen Anstalten so geleitet, daß die meisten Religiösen keinen Anstand zu nehmen brauchen, sich ihrer Sorgfalt anzuvertrauen. Die Kommissionen u n s e r e r Wohlfahrtsanstalten betrachten in ihrer überlegenen Aufgeklärtheit die ganze Koscher-Frage mit Verachtung als eine Trivialität, die ernsthafte Erwägung eines praktischen Menschen nicht verdient. Was das Waisenasyl und Hospital betrifft, so bedeuten diese oft eine Lebensfrage. Die orthodoxen Eltern vermögen oft nicht, ihre Kinder in den Bahnen des altüberlieferten Judentums zu halten. Sie ergeben sich daher meistens mit schwerem Seufzer der bitteren Notwendigkeit und überlassen ihre halbverwaisten Kinder einer jüdischen Institution, wo alles, was sie als teueres Gut des Judentumes hochschätzen, verachtet wird. Auch in dem Hospitale steht der Ausübung der altjüdischen Gesetze vieles im Wege. Die größte sinnlose Greueltat kommt jedoch da zum Vorschein, wo alte Männer in ihrem Greisenalter gezwungen werden, den ihnen lieb und wert gewordenen Gewohnheiten eines langjährigen Lebens zu entsagen, ihre seitherige fromme Laufbahn abzubrechen, um die jüdische Wohltätigkeit genießen zu können. Es ist kaum zu verwundern, daß unseren russischen Glaubensbrüdern, die das unseren philantropischen Politikern so überaus schrecklich erscheinende Verbrechen begehen und aus ihrem Vaterlande auswandern, es am schwersten fällt, ihre Lebensweise zu wechseln, denn für sie bietet die Religion den größten Schatz und Trost. Wenn sich ein mitfühlender Mensch den bitteren Kampf vorstellen könnte, nach welchem sich ein siebzigjähriger Greis entschließt, in ein Haus einzutreten, in dem — wie es geschehen ist — ihm „Trefe" vorgesetzt wird, so müßte er verstehen, warum so viele orthodoxe alte Leute lieber nach dem entferntet! Palästina reisen möchten, als durch ihre eigenen Brüder ihrem Judentum entrissen zu werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die „praktische" Art und Weise unserer Wohltätigkeit an dieser Strömung Anteil hat. In dieser, wie in vielen anderen Beziehungen, ist es ein Glück für uns, daß die Vorherrschaft des amerikanischen Judentums in kurzer Zeit den russischen Juden zufallen muß. Gav viele werden ohne Zweifel bis dahin noch als Opfer der Assimilation dem Unglauben, der Mischehe, oder was sonst nicht allem verfallen. Diejenigen aber, die ihrem Glauben treu bleiben, werden nicht so äußerst „aufgeklärt", und ungesund beeinflußt werden, daß sie nach jeder süßen Frucht der Wohltätigkeit greifen und an ihrer vergiftenden Wirkung zugrunde gehen." „Israelit." Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag, den 12. November, abends Predigt im Stadttempel. Wien. (Spende für den g a l i z i s ch e n H i l f s v e r e i n.) Herr Alexander S ch o r r in Wien hat dem Galizischen Hilfsverein in Wien 4°/, Ungar. Kronenrente im Nonrinalwerte von X 18.000 mit der Bestimmung übergeben, daß dieses Kapital als Anlagekapital einer von diesem Perein zu gründenden Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft (Borschnßkassa) in einem Orte Galiziens Verwender werde. Diese hochherzige Spende ist um jo höher zu bewerten, als gerade in den kleineren Städten Galiziens unter der mittellosen, aber erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung ein dringendes Bedürfnis nach billigem Kredit besteht. Wien. (Jüdische T o y n b e e - H a l l e.) Im Portragsaale, XX., Othmargasse 46, fand Sonntag, den 7. d. M., die Eröffnung der Borlragssaison 1909/10 statt. Obmann-Stellvertreter Karl Freund widmete dem dahingejchiedenen und um die Institution eifrig bemüht gewesenen Mitgliede Öberrevident PH. A u st e r w e i l einen warme», tief empfundenen Nachruf. Obmann Dr. I. S a m u e l y begrüßte die Hörer, weiche diese Bildungsstätte bis auf das letzte Plätzchen füllten nud den Vortragenden, Ehrw. Robb. Dr. D. Fenchtwang, dessen Portrag eigener Skizzen aus dem jüdischen Leben stürmischen Beifall fand. Mittwoch, den 10. d. M.. fand in der Toynbee-Halle eine Schillerfeier statt. Unter Vorführung von Lichtbildern gab Sekretär Guido Fnchsgelb den Hörern eine eingehende Schilderung von Schillers Werden und Schaffen, wobei Schillers Beziehungen zu Inden und dem Judentume besondere Berücksichtigung fanden. Dankbare Anerkennung ivnrde dem Vortragenden zuteil. — Das Vortragsprogramm der nächsten Woche wurde wie folgt festgesetzt: Sonntag, den 14. d. M., Schriftsteller Adolf Gelber: „lieber die Sbylokfrage.", Montag, den 15.: Kommerzialrat Julius Freund: „Die Entstehungsgeschichte eines geldfürstlichen Hauses.", Dienstag, den 16.: Dr. Carl Lifcis: „Das VerwaltungS- und das Reichsgericht.", Mittwoch, den 17.: Prof. M. Antscherl: „Unsere Mutier.", Donnerstag, den 18.: Univ. Prof. Dr. Jos. P o l l a k: „Der Philosoph Senecca.", Freilag, den 19.: Rel.-Lehrer Leop. Weiß: „Bibelvortrag.", Samstag, den 20.: Konzert. Arrangement: Gesangsmeisterin Fr. Else Freu n d- Funk. — Unentgeltliche Unterrichtskurse (Englisch für Anfänger und Vorgeschrittene, ferner Stenografie.). Die Anmeldungen für diese von der Toynbee-Halle in der Religionsschule der israel. Kultnsgemeinde, I., Seitenstettengasse 2, veranstalteten Kurse sind so zahlreich, daß die Eröffnung von Parallelabteilungen beabsichtigt wird. Demzufolge findet noch Samstag, den 13. d. M., von 7—^9 abends eine Einschreibung im Unterrichtslokale statt. Die Einschreibegebühr beträgt pro Kurs eine Krone. Wien. (Beth-Hamidrasch-Berein Talmud-Thora, Wien, II., M a l z g a ff e.) Freitag, den 12. November präzise 1lq8 Ufjr findet ein Vortrag des Herrn Prof. Moritz Antscherl statt. Thema r „Perlen aus der jüdischen Neujahrsliturgie." Wien. Samstag, den 13. November, präzise 7 Uhr abends, findet im Bet ha-Midrasch, II. Ferdinandsstraße 23, eine Jahrzeitfeier für den seel. Herrn Lektor Meier F r i e d m a n n statt. Programm: 1. Gedenkrede, gehalten vom Herrn Lektor Dr. S. Ru b i n. 2. Gedenkrede, gehalten vom Herrn Dr. M. H a l b e r st a m m. 3. El mole rachamim, rezitiert vom Herrn Oberkantor Bela G n t t m a n n. Wien. Sonntag, den 21. November l. I., findet im großen Tempel zn Brünn die Trauung des Herrn Eduard K n n st a d t, Sohn des Restaurateurs Herrn Salomon Knnstadt, mit Fräulein Olga Rose nb e r g, Tochter des Realitätenbesitzers Herrn Gustav Rosenberg, statt. Oberhollabrnrm Unter überaus zahlreicher Teilnahme der hiesigen Bevölkerung, insbesondere der Honoratioren, Spitzen der Behörde und Gemeindevertretung, wie auch des Gesamtvorstandes der isr. Kultusgemeinde und Chewra-Kadischah, wurde am 7. d. M. der Präses der' isr. Kultnsgemeinde Oberhollabrunn, Herr Max W a l l i s ch, zn Grabe getragen. Bor dem Trauerhause hielt Herr Rabbiner Dr. M. Rose nm a n n die Trauerrede, in der er die Tugenden und Charaktervorzüge des Verblichenen in formvollendeter Weise zum Ausdrucke brachte. In der neuerbauten Zeremonienhalle des hiesigen Friedhofes, das letzte Werk des Dahingeschiedenen, widmete Religionslehrer Herr L>igm. I e l l i n e k demselben einen tiefempfundenen Nachruf mit dem Zitate inK D’nbtf KMPi 12-1712, welches auf alle Anwesenden einen sichtlichen Eindruck machte. Mit dem Absingen eines Trauer-ChoralS fand diese imposante Leichenfeier ihren Abschluß^ Znaim Bei der am 31. Oktober stattgehabten Generalversammlung der C h e w r a - K a d i s ch a wurden zu Vorstandsmitgliedern gewählt die Herren: David Schlesinger, Obmann, Josef Rosenfeld, Friedrich Haas, Josef Tandler, Heinrich F r e i l er. Gr.-Meseritsch Zu dem vorwöchentlichem Berichte in diesem Blatte über das Jubiläum unseres Oberkantors möge noch die Ansprache des Herrn Vorstehers an den Jubilar nachgetragen werden, die umso bemerkenswerter ist, da sie ein selten herzliches Verhältnis zwischen einem