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Die Wahrheit · 1909-11-12 · Heft 44 (12.11.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 44 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit Seite 7. Knaben. Gewichen sind die Richter vom Tore, die Jünglinge Don ihrem Saitenspiele. Geschwunden ist ans unserem Herzen jede Freude, der Reigentanz hat sich in Trauer verwandelt. Die Krone unseres Hauptes ist uns entschwunden; wehe uns, daß wir so gesündigt haben. Darum jammert so sehr unser Herz, verlischt das Licht in unseren Augen, über Zions Berg, der verödet ist, den Schakale nunmehr durchstreifen. Du aber, Herr, bleibst in Ewigkeit derselbe. Dein Thron steht für und für. Wolltest Du auf immer uns vergessen, auf ewige Zeiten uns verstoßen? O nimm uns wieder auf, Herr! Wir kehren wieder, erneuen die vorigen glücklichen Zeiten! Vom 1. bis zum 9. Ab — welche Zeit man schlechthin „die nenn Tage" nannte — enthielt mau sich des Wein- und Fleischgennsses. Nur ans Milch und Butter bereitete Speisen durften auf den Tisch kommen. Am Rüsttage des 9. Ab wurde nach dem Mincha-Gebete bei der Schlußmahlzeit ein Ei nebst Linsen als Trauerspeise genommen. Sodann verfügte man sich in die Synagoge, um die „Ecba", „Klagelieder Jeremia's", die der Chasan in tiefergreisender Weise vortrng. andachtsvoll mitzulesen. Die Synagoge war an diesem Abende äußerst spärlich beleuchtet und die Thora, wie die heilige Lade „Aron bakodeseb" wurden insofern ihres äußeren Schmuckes entkleidet, als der Vorhang der Bnndeslade „Porauehos" wie die silbernen Geräte „Leis bakodeseb" abgenommen worden sind. (Vgl. Rema O. Ob. 559.)* *) Die Hoch frommen haben in dieser Tranernacht die Kopfkissen von ihrem Bette entfernen lassen lassen, um jede Art Bequemlichkeit zu entbehren. Am 9. Ab morgens gingen sämtliche Bewohner der „Gasse" in die Synagoge und verweilten daselbst bis gegen Mittag. Weder Betmantel, Talis, noch Philakterien, Tefillin, wurden angelegt und der Vorbeter mußte, wie ein von Gram und Schmerz tief gebeugter Mensch ganz piano in moll sein Gebet vortragen. Sowohl beim Abendals beim Morgengottesdienste des 9. Ab saßen die Andächtigen entweder ans der Erde oder aus ihren umgestürzten Betpnlten, „Ständer" genannt, wie die „Awelim", Leidtragenden, nnd beweinten den Sturz Jerusalems. Jedem, der sich für befähigt hielt, eine „Lina", Klagelied, zu singen, war es gestattet, in der Synagoge eine solche anznstimmen. Der Rabbiner trug bloß zwei Klagelieder vor und zwar „Arse halewanon" nnd „Scbaal serufa";*) in der ersteren wird der Tod der „zehn Märtyrer" asono haruge Malchus, in der letzteren die im Jahre 1244 in Paris ans Befehl des bigotten Königs Ludwig IX. stattgefnndene Verbrennung des Talmud beweint. Der Gemeindevorbeter hingegen sang die erste Lina „scbowas", wie die erste und letzte Zionide. Wahrhaft ergreifend ist erstere, die der berühmte Dichter Jebuda halewi verfaßt hatte. Nach Beendigung des Morgengottesdienstes besuchte man die Gräber der Dahingeschiedenen. Abends bei dem Minchagebete legte man erst den „Talit" und die „Tefillin" an, die wieder vor Beginn des Maaribgebetes ansgezogen wurden. Mach Beendigung des Maaribgebetes dnrsle man, obwohl man schon 24 Stunden gefastet, noch immer keine Fleischspeisen genießen. Milchsnppe, „Milchstrndel" oder „Lokschen" kamen gewöhnlich an diesem Abende ans den Tisch. (Fortsetzung folgt.) Eine Anklage gegen die amerikanische Molsttäligkeit. In American Israelite, dem Organ der radikalsten amerikanischen Reform ftubeu wir folgenden offenherzigen Mahnruf, der hoffentlich den verdienten Widerhall findet unb der — im Gegensätze zu der Annahme des Verfassers — zum Teil auch in der alten Welt hie und da beherzigt zu werden verdiente. *) Aus einer Stelle im Geschichtswerke „Schewet Jekuda" ist itar nnd deutlich zu entnehmen, daß in Palästina am 9. Ad die Thorarollen sowohl als die hinzu gehörenden Requisiten in schwarzem Trauerflor gehüllt wurden Ach. letische beob hosefer Thora wecbol Tachschitehem meutfin schechaunim etc. *) Die „Kina" (Klagelied) Scbaale serufa wurde von dem berühmten Märtyrer Rabbi Meir Rothenburg verfaßt. „Eine der ergreifendsten Szenen in Zangwill's „Kinder des Ghetto" ist die Beschreibling vom Tode Benjamin Ansellls. Der kluge Knabe war in seiner Kindheit ans dem dumpfen, kalten Dachkämmerchen seiner Eltern heraus in das gesunde Leben der Vorstadt ins Waisenasyl verbracht worden; Jahr um Jahr war er hier mehr dem Elend fremd geworden, von dem sein Volk und seine frühere Umgebung heimgesncht wurden. Er war so weil von ihnen entfernt worden, daß es ihn kaum dailach verlangte, mit ihnen wieder vereint zu sein. Und nun kommt der tragische Moment der äußerst herzzerreißenden letzten Trenllung, als sich der Knabe, in der Todesstunde feilies Vaters schämt, seine jüdischen zärtlichen uub tröstenden Worte nicht versteht. Erst in dem letzten Momente werden einige früher erklungenen „jüdischen" Wiegenlieder in der jungen ailshaltcheuden Seele wieder wach. Es ist dies ein jammervolles Bild, wie ein Familienband durch falsche Erziehungsmethode zerstört wird. Gleichzeitig bildet es eine unwiderlegbare Anklage gegen die unhaltbaren Verhältnisse, die man in der sogenannten „wissenschaftlichen Philantropie" vorfindet. Wir sehen hier ein modernes Waisenhaus vor uns, in dem man in blinder Hast ladiss und gentleman aufznziehen strebt, feine Mündel so ausznrüsten sucht, daß sie für ihr Alma Mater Zeugnis ab legen können. Es wird dabei jedoch der unverzeihliche Fehler, die Sünde gegen den eigentlichen Sinn der Wohltätigkeit, begangen, daß man zwischen Eltern und Kinder tritt. Es werden dadurch die kostbaren, unerläßlichen Bande der Achtung, Liebe und des mitfühlenden Verständnisses zerrissen, die das Kind weiter au die Eltern fesseln sollten nnd so schließlich die unaussprechliche Grausamkeit verschuldet, daß der unschuldige Vater vor seinem Kinde, das sich seiner schämt, erniedrigt wird. Die Waisenhäuser müssen natürlich wie alle derartigen Dinge allmählich ans diesem rohen nnd nngesilnden Zustande emporgehoben, die ursprünglichen mechanischen Methoden in bessere nnd zweckmäßigere umgewandelt nnd den Bedürfnissen der Kindesseele entsprechend verbessert werden. Vor allem sollte man auf Besserung, in Bezug ans die körperlichen Bedürfnisse und das äußerliche Auftreten bedacht sein. Auch müßte mehr Gewicht auf Erhaltnng der Gesundheit und Disziplin, ans äußerliche Reinlichkeit und bessere Schulbildung gelegt werden. Nur wenn sich das Volk selbst aus der niederen Bildungsstufe emporhebt, kann es nach und nach dazu gebracht werden, zu begreifen, daß Waisenasyle mehr sind als bloß Schauplätze für bewundernde Fremde, als bloße Pnppenhänser mit gut dressierten gebildeten Puppen; daß ein Waisenasyl möglichst nach dem Muster eines echt bürgerlichen Heimes herangebildet sein muß mit lebendigen natürlichen Kindern, nnd nicht mit hölzernen stumpfsinnigen Automaten; daß die Kinder schließlich nicht nur dazu erzogen werden sollten, ihre vorgeschriebenen Rollen in der wohltätigen Anstalt durchführen zit können, sondern daß sie für bas spätere Leben genügend ansgestattet werden müßten, nicht nur für ihren Beruf im Bureau oder im Geschäfte, sondern auch für das Familienleben, dem sie sich nach so üppigem Leben mit doppelter Hingebung nnd Treue, Liebe und Verehrung widmen sollten. Vor allem muß betont werden, daß die Religion bei all unseren Wohlfahrtsanstalten und besonderen Bildungsstätten mehr beachtet werden müßte. Es lst eine eigentümliche Sache in der Entwicklung der Neformbewegnng, eine Seite, der hier noch wenig Aufmerksamkeit gezollt wurde, daß die feindlichen parteiischen Gefühle gegen die Orthodoxie oft zn Feindseligkeit gegen die Religion nnd die Religiosität selbst führen. Unsere Radikalen von heute wittern Gesühlsdusel. Methodismus, Sentimentalismils. Romantik oder wer weiß was. hinter jeder kräftigen Anregnng. welche darauf hinznweisen sich erlaubt, daß wir nicht religiös genug sind und daß wir ans bloßer Trägheit nnd Großmannssucht praktische Fragen vernachlässigen rc. I Sowie jemand die religiöse Note anschlägt, wie ernst nnd anfrichtig er sie auch meinen möge, so läuft er Gefahr, der Lächerj lichkeit und der Verachtung zn verfallen.! Die Bilderstürmer gingen früher noch weiter, wie es ans der ■ Geschichte genügend zn eriehen ist. In dieser Beziehung weisen j die intoleranten Ansschreitnngen zur Zeit der erben Aufklärung

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