Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 44 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 44 oder Kritiker daran Anstoß finden konnte, es werde zuviel Ethik gepredigt und zuwenig Religion. Da werfen wir mit Recht die Frage auf: Sind bei uns Inden nicht Ethik und Religion gleichbedeutende Begriffe? Die Ethik ist die Lehre vorn sittlichen Tun und Handeln, und dieses soll durch die Religion geregelt und geläutert werden. Man wird sagen: Um Ethik zn hören, muß ich nickt in eine jüdische Synagoge gehen, in eitlen unserer „Tempel." Da werde ich Mitglied einer ethischen Gesellschaft und höre dort derartige Vorträge besser, als im Gotteshanse. Wir gestehen dies voll zu. Aber unsere Ethik, sie soll immer vom Gottesbegriff ausgehen, sich an das Bibel- und Schriftwort anschließen, niemals uns den Quell vergessen lassen, dem sie entströmt. Nicht marklose, aus irgend welchen Kompendien, philosophischen, oder gar belletristischen Werken znsammengeklaitble Redensarten wollen wir in schön gesetzten Worten hören, sondern wahrhaft sittliche, vom Geiste der Propheten erfüllte Reden, die uns daran mahnen, wie wir es gewesen, welche zuerst die Gottesmoral der Menschheit gegeben. . . . Die Ethik ans der heutigen Predigt ansschalten, das heißt diese, nämlich die Predigt, ganz überflüssig machen. Gewiß, wir finden die erhabensten Lehren auch bei den Denkern und Dichtern anderer Völker. Mit Erstaunen lasen wir, wie ans dem jüngsten Philologeutage in einem Vortrage über den griechischen Dichter Menaudros aus dessen Werken Worte zitiert wurden, welche den höchsten Standpunkt des humanen Gedankens darstellen. Aber das sind doch nur Menschenworle, Worte eines Einzelnen. Wir verlangen aber, daß der ethische Gedanke tiefer wurzle, als in dem Herzen eines Menschen, wir verlangen, daß er den Baum bedeute, welcher der Wurzel des ewigen Gottesgedankens entsprießt. Und wir glauben, jedes, auch das geringste Gebot unserer Lebre, könne im ethischen Sinne gedeutet und erläutert werden. Humanität allein tuts wahrlich nicht, sie muß aus dem Boden der Religion erwachsen und in diesem Geiste von der Kanzel herab gelehrt werden. Wir wünschen keine verwässerte Philosophie zn hören, die niemand versteht, und der Redner oft selbst nicht. Will ich mich über Philosophie unterrichten, dann wird der Prediger der Letzte sein, zu dem ich gehe. Aber den sittlichen, den ethischen Gedanken soll er verkündigen und dabei uns nie vergessen lassen, daß er auf dem Boden der Religion sich befindet. Und ein Volksredner soll er sein. Alle sollen ihn verstehen. Ich sage nicht, er möge trivial sprechen, aber so, daß alle Zuhörer aus seinen Worten etwas nach Haitse mitnehmen können, für ihr Tun und Treiben im Leben, eine Mahnirng, eine Lehre. Die Leute wissen in unseren Tagen so wenig von unserer Religion, sie hören und lesen von ihr so verkehrtes, so viel Unwahres und Verlogenes, daß es dem Redner nicht an Stoff fehlen kann, die Vorurteile, mit denen, nicht am wenigsten die Kinder unseres Volkes, unserem Jndentume entgegenkommen. zn zerstreuen, und richtige Urteile an die Stelle der Unwahrheiten zn setzen. Und da sollte man sich scheuen, laut zn verkünden, daß das Judentum die erhabenste und tiefste Ethik lehrt? Nicht ansgeschaltet darf die Ethik werden ans der Rede im Gotteshanse, nein, sie muß die Rede dnrchdringen, ohne Hinweis auf sie gibt es überhaupt keine Predigt, das ist unsere, und wie wir glauben, auch der meisten heutigen Juden Meinung. Und die Predigt soll belehrend, pädagogisch im besten Sinne des Wortes sein. Der Redner betrachte sein Auditorium so, als hätte er eine Versammlung von Schülern vor sich, die seines belehrenden Wortes harren. Daher vermeide er jede Unklarheit in seinen Worten. Er exponiere klar sein Thema und behandle es nach allen Richtungen, stelle aber das ethische Moment immer an die Spitze. Dann wird er sich den Dank seiner Zuhörerschaft erwerben. Aber auch diese muß eine wohlerzogene sein. Sie soll nicht nach schönen Worten haschen, sondern mit der ehrlichen Absicht zuhören, belehrt zn werden. Nichtsdestoweniger sind wir so pessimistisch angehaucht, daß wir uns von den Predigten keine große Wirkung versprechen, besonders nicht, wenn tvir uns sagen müssen, daß dem Worte nicht immer die Tat entspricht. ... Es wird bei uns viel geredet, schön geredet, aber es sind meist doch nur Worte. Worte, Worte. . . Ziehe daraus der Redner seinen Schluß. Wie wirkten doch die Darschanim der Vergangenheit, ohne schön zn reden! Aber man wußte, da sprechen Männer, die ganz erfüllt sind von den Wahrheiten unserer Religion. Man. spreche von der Ethik, aber der Redner muß selbst eine tief überzeugte, ethische Persönlichkeit sein. Dann werden seine Worte nicht verhallen. Die schönsten religiösen Reden aber nützen nichts, wenn die Religion fehlt, und ethisch können die nicht reden, denen oft die notwendigste Bedingung hiezu fehlt — die Ethik. Judaeus. Das geben nnb Wirken der Inden in Oesterreich in vormärstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Um jene Zeit strömten alle Flüsse dem Meere zn, d. h. die Menschen näherten sich dem wahren Gotte, um sich daselbst zu reinigen. Wer also diese sieben Reinigungswochen zn zählen unterläßt, verdient, ein unreiner, der Teilnahme an der Lehre unwürdiger Mensch genannt zn werden. Und selbst derjenige, der an diesem Tage rein erscheint, soll sich diese ganze Nacht mit der göttlichen Lehre beschäftigen, damit er würdig sei, daß die mosaische Lehre sich am folgenden Tage mit ihm.vereinige, wie die Gewässer sich in einem tiefen Tale vereinigen. Dann aber wird ihm vom Himmel zngerufen: „Ich begründe dieses als meinen Bund mit ihnen," spricht der Ewige, „mein Geist, der auf Dir ruht, und meine Worte, die ich in Deinen Mund gelegt habe, sie sollen nie weichen aus Deinem Munde und aus dem Munde Deiner Kinder und Enkel." Deshalb haben die Chassidim diese Nacht stets dnrchgewacht und gesprochen: „Kommt, wir wollen das heilige Erbgut für uns und unsere Nachkommen' erwerben, womit die Israeliten gekrönt und mit Gott vereinigt wurden." „Würde ich von Dir nichts anderes als dies allein erfahren haben," rief R. Chaia aus, „hätte ich auch Ursache gehabt, befriedigt zu sein!" Dieser hier reproduzierten Soharftelle zufolge, wurde der in Rede stehende Brauch fast in allen jüdischen Gemeinden sanktioniert. ' Ferner war es Usus an diesem Feste, sowohl die Synagoge als die Privatwohunngen mit Blumen und grünen Baumzweigen zu schmücken. Wie die „Scfira"-Tage, ebenso wurden die sogenannten „drei Wochen" „Ben kamzorim," nämlich vom 17. Tamus bis znm 9. Ab, als „Tranerzeit" betrachtet, in der keine Hochzeit gefeiert und überhaupt keine Festlichkeiten veranstaltet werden durften. Die Männer ließen sich während dieser Zeit nicht rasieren und gingen täglich in der Mittagsstunde in die Synagoge, um ein Trauergebet, das an die Zerstörung Jerusalems erinnert, zn verrichten. Man nannte es „Chazoßmachen." Auf der Erde sitzend, sangen sie unter anderem auch das herzerschütternde Klagelied Jeremia's, welches lautet: „Gedenke, o Ewiger, was .wir einst besaßen und blicke nunmehr auf unsere Schmach und Schande herab! Fremde haben sich unseres Erbteiles und Ausländer unserer Häuser bemächtigt. Waisen gleichen wir, die keinen Vater haben, und unsere Mutter Witwen. Unser eigenes Wasser müssen wir sür's Geld trinken und unser eigenes Holz bezahlen. Auf unserem Halse schon wird's uns abgejagt; die Mühe war unser — der Genuß in Ruhe nicht. Nach Mizraim reichen wir die Hand — nach Aschnr hin — daß sie mit Brot uns sättigen. Ach! Unsere Väter sündigten — sie sind nicht mehr, aber wir, wir büßen bei unserer Schuld auch ihre mit. Von Sklaven werden wir beherrscht und niemand befreit llns ans ihren Gewalt. Mit Gefahr unseres Lebens holen wir Speise uns vor dem Kriegsschwert in der Wüste. Wie Fenersglut brennt daher unsere Haut vor siedend heißem Hunger. Fraueil schänden sie zu Zion, jnngfrällliche Mädchen in den Städten Jehuda's. Fürsten erhenken sie und das Ansehen der Greise wird nicht geachtet. Die Bürde der Mühlsteine drückt die Jünglinge nieder, die schwere Last der Balken schwächt die