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Die Wahrheit · 1909-11-12 · Heft 44 (12.11.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 44 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dir. 44. Die Wahrhell Seile 5 Ein nicht übler Treppenwitz der Weltgeschichte ist es, daß gerade der verflossene Ministerpräsident M a u r a, der sich zum Henkergesellen der modernen Inquisition hergegeben hat, einer jener wenigen Familien auf der Baleareninsel Mallocca entstammt, die als A b k ö m m l i n g e der letzten getanften spanischen Juden noch heute unter dem Namen „Chuetas" bekannt und vom Fanatismus der dortigen Bevölkerung geächtet sind! Die „C h r i st l i ch e Welt", die so oft von Zentrumsorganen anerkenliend zitiert wird, bemerkt zu der beklagenswerten Tat der spanischen Reaktionäre: . Welch' ein Warnungszeichen für die in Spanien herrschende Macht, die katholische Kirche! Gewiß, unsere katholische Presse hat Recht: Haß, tief eingefresfener Haß gegen die Kirche, diese Kirche ist es. was in den romanischen Völkern und bis in die germanische Welt hinein bei solchem Anlaß anfflammte. Was man dem Türken und Russen verzeiht, verzeiht man dem Spanier nicht. Ja hat das nicht Logik? Und ist darum nicht das, was not tut. Reformation dieser Kirche? Ach wie schwer tut eine Kirche Buße! Die Kirche Spaniens wird glauben wie Ein Mann. Ferrer sei Recht geschehen. Und Spanien wird bleiben, wie es ist. Und die S n n d e an diesem Volk wird sich hänfen bis zum Tage des Gerichts. Unsere deutschen Katholiken sollten nicht höhnen oder sich beschweren über den „F e r r e r - R u m m e l", sondern sorgend ihre Stimme in Rom und Madrid hören lassen, unermüdlich, unwiderstehlich: es müsse ein Ende nehmen mit d e n Z u st ä n d e n dort, die e i n e Schande sind f ü r Katholizismus — mit) Christent n m! Sonst wird das Gericht kommen über Nacht, und niemand weiß, wie es anssehen mag." * * * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: „Die nach jeder Richtung hin traurige Lage der rumänischen Inden ruft immer wieder die öffentliche Kritik der Rechtszustände in dem Königreich an der untern Donau hervor. Wer nicht gänzlich unempfindlich durch Partei- Voreingenommenheit geworden ist, der muß über das in Rumänien unter dem Vorwand gesetzlicher Verordnungen fortdauernd ausgeübte Unterdrückungssystem ans das tiefste empört sein. Eine derartige sophistische Auslegung und Handhabung bestehender Gesetzesbestimmungen zum Schaden der davon Betroffenen pflegte Theodor Mommsen mit der Bezeichnung „Verwaltungsprellerei" zu brandmarken. Jetzt erhebt kein Geringerer als der berühmte Staatsrechtslehrer v. B a r seine Stimme in der „Revue du droit international“ zugunsten der in Rumänien völlig rechtlos gemachten Juden. Es handelt sich für den gegenaunten Rechtslehrer bei dieser rumänischen Judensrage ebensosehr um das allgemeine Völkerrecht wie um die räumlich auf Rumänien beschränkten Rechtszustände. In beiden Hinsichten verletzt der rumänische Staat die Rechtsordnung sowohl wie das Völkerrecht. Professor v. Bar erörtert in der genannten Zeitschrift die peinliche Angelegenheit und sagte: „Während in den anderen Staaten die Inden — wenn auch vielfach beschränkt — Rechte als Staatsbürger genießen, hängen sie in Rumänien von dem Gutdünken der Regierung ab, die sie je nachdem als Ausländer oder als rumänische Staatsangehörige behandelt." Herr v. Bar steht nicht an zu erklären, daß gegenüber einer derartigen Völkerrechtsverletznng seitens der rumänischen Staatsregierung es Recht und Pflicht der Signatarmächte des Berliner Vertrages sei, Rumänien zur Erfüllung der in jenem Vertrage ihm auferlegten Verpflichtungen anzuhalten. Es trifft leider nur allzu sehr zu, wenn Herr v. Bar sagt, daß durch das Schweigen der Mächte die Lage der Juden in Rumänien eine sehr traurige werden mußte und auch tatsächlich geworden ist. Wird auch dieser Appell des Herrn v. Bar an die Mächte, die Verletzung verbriefter, völkerrechtlicher Rechte nicht nngerügt hiugehen zu lassen, wiederum vergeblich gewesen fein? Unter der sophistischen Rechtsauslegung seitens der rumänischen Staatsbehörden wird ja der Berliner Vertrag vom Jahre 1878 geradezu ein völkerrechtlicher Spott!" * Ans Konstantinopel wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Ein Artikel der hiesigen Tageszeitung „Levant Herald" führt mit großem Elan die Verteidigung des Spaniolifcheu als Sprache der orientalischen Inden gegen die Grabrede, die ihr die „Aurore" vor kurzem widmete. Er begeistert sich für den Plan des Redakteurs der „Epoca," der den spaniolischen Jargon an der großspanischen Muttersprache veredeln, wenn möglich durch sie ersetzen will. Was diesem Artikel eine ganz besondere Pikanterie verleiht, ist, daß der Direktor des Blattes „Levant Herald“ der hiesige — Vizekonsnl von Spanien ist! Die „Aurore" gibt ihm in einigen Randbemerkungen einen feinen Abschied. Wie verlautet, hegt die spanische Regierung den Plan, in der Türkei Schulen für die sephardifchen Inden zu gründen, um die spanische Kultur zu verbreiten. „Wir glauben," fügt die „Aurore" dieser Meldung hinzu, „daß weder die Pracht der Gebäude noch der freie Unterricht oder sonstige lockende Versprechungen einen einzigen Nachkommen der Vertriebenen von 1492 dazu bringen wird, sich zu rühren, um diese Anstalten zn besuchen." Die Predigt. Wenn die Feiertage des Tischri vorüber sind, machen wir immer dieselbe Beobachtung: es erhebt sich ein Rauschen im jüdischen Zeitnngsblätterwalde. Berufene, aber meist Unberufene, setzen sich mit gestrengen Mienen aus den knrnlischen Richterstnbl der Kritik, wir lesen dann förmliche Referate über den Gottesdienst in dem oder jenem „Tempel," gerade so wie Rezensionen über Neuerscheinungen in der Literatur, oder über Anfsührnngen von Sensationsstücken ans den Theatern. Ob dies würdig und der Ehre des Judentums förderlich sei, wollen wir hier nicht untersuchen, sondern das Urteil darüber allen Denkenden überlassen. — Wir sind überzeugt, es wird nicht gerade schmeichelhaft für die Referenten und Kritiker der heiligen Handlung ausfallen. Und wie müssen wir unser Erstaunen, um milde zu sprechen, darob ausdrücken, wenn anch die Predigt einer solchen Kritik ausgesetzt wird? Und man sogar soweit geht, dem Prediger vorschreiben zn wollen, welches Thema er behandeln und wie er es tun soll. Und dies geschieht von Leuten, die oft keine Ahnung von dem Wesen des Judentums haben, sein Schrifttum nicht kennen, denen oft die hebräische Sprache ein verborgenes spanisches Dorf ist, die aber anch sich dessen gar nicht bewußt sind, wessen in unseren Zeitkäufen ein jüdisches Auditorium bedarf, um wahrhaft belehrt, erbaut, ergriffen zn werden. — Richtig ist eines: Die meisten der Herren Kanzelredner legen heute das Hauptgewicht auf die „schöne Rede," sie säuseln und flöten, wo sie „gleich dem Schofar laut ihre Stimme erheben sollten." Sie reden nicht von der Ethik, sondern für die Aesthetik. Und dies ist der Hauptgrund, warum sie nicht wirken und reden, wie sie wirken und wofür sie reden sollten: für die Festigung, Vertiefung, Verbreitung des religiösen Gefühls. „Er hat schön gesprochen," diesem Urteile zuliebe sprechen die meisten heutigen Prediger. Wir erinnern an eine aus dem Altertum stammende Anekdote. Wenn Demosthenes die Rednertribüne verließ, dann hallte es durch die Volksversammlung: „Krieg gegen Philippos, Krieg." Wenn Cicero ans dem Forum sprach, dann säuselten die ästhetisierenden Römer: „Wie schön sprach er doch wieder, wie korrekt." Mit Recht hat ein geschützter Mitarbeiter dieses Blattes vor einiger Zeit feinem gerechten Unmute über das vor dem Spiegel eingelernte Gottesworr Luft gemacht. Wie kann ein eingelerntes Gebet, eine wohlvorbereitete, geglättete Rede Eindruck Hervorbringen? Wir verlangen von einer jeden Kanzelrede, daß sie impulsiv wirke, „wie der Quell aus verborgenen Tiefen" hervorfprndle, und sie wird dann mehr Wirkung erzielen, als jene Reden, die nach dem Oel der Studierstube riechen, wohl frisiert und geglättet, dem Zuhörer zu Gemüt geführt werden, und doch nur seine Ohren kitzeln, sonst aber eine tönende Schelle sind, Schall und Ranch. . . . Was den Inhalt der Predigt anlangt, so müssen wir unsere Verwunderung darüber aussprechen, daß ein Rezensent

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