Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 44 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 44 äußerte. „Ich muß gestehen," heißt es in einem Briefe an Goethe, „daß ich in allem, was. historisch ist, den Unglauben zu jenen Urkunden gleich so entschieden mitbringe, daß mir Ihre Zweifel an einem einzelnen Faktum noch sehr raisonabel Vorkommen. Mir ist die Bibel nur wahr, wo sie naiv ist; in allem anderen, was mit einem eigentlichen Bewußtsein geschrieben ist, fürchte ich einen Zweck und einen späteren Ursprung." Nichtsdestoweniger ist Schiller der Lieblingsschriftsteller, der Bildner und Erzieher der Juden geworden, die jüdische Jugend richtete sich an Schiller auf, in ihm lernte sie lesen, an ihm lernte sie denken und fühlen, Schiller ruhte sowohl unter dem Kopfkissen der jüdischen Jungfrau, wie die jüdischen Jünglinge diesen Lieblingsdichter den spähenden Blicken ihrer deutschen Bildung verhöhnenden Lehrer zu verbergen wußten. Wo Lessing anshörte, fing Schiller an; was Lessing für die gebildeten Kreise der Inden im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts war, das wurde Schiller für den großen Haufen; er wurde Volksschriftsteller und Volksdichter. Schiller in seinen schmerzlichen Erregungen, in seinen Leiden und Kämpfen, in seinem Sterben und Erlöschen wurde Fleisch von unserem Fleische. Blut von unserem Blute! Es ist ein sprechendes Zeugnis für den unverdorbenen, reinen Geist der jüdischen Jugend, daß sie sich von Schiller ererfüllen ließ. Sein ganzes Wesen ruht in keuscher Sittlichkeit und himmelreiner Unschuld; Idealität war das Grundprinzip seines Lebens. Strebens und Dichtens; in idealem Gedankenflnge erhoben sich Israels Söhne und Töchter weit über das Gewöhnliche; Menschenrechte, Menschenwürde und Menschenfreiheit waren die leitenden Ideen in feinen dramatischen und historischen Darstellungen; tiach Menschenrechten und Freiheit lechzten mit ihm die aller Rechte beraubten Juden und Jüdinnen. Schiller nahm sie ans seinen Schwingen und in die heiligen Sphären; er kämpfte für ihre Freiheit durch die Kunst und das Erhabene. Dergestalt hat Schtller auf die Veredlung und Bildung der Inden gewirkt. Ans der Woche. Diesseits und jenseits der Leitha Ministeritiib Parlamentskrisen, und hüben wie drüben bieten die C h r i st l i ch s o z i a l e n geschäftig ihre Dienste an, um das Staatsschiff in ihr Fahrwasser zu lenken. Zwar wird der Judenpunkt ein wenig bei Seite gestellt, im Wiener Rathaus werden jüdische Gäste empfangen, Lueger schwärmt beim Schillerfeste von Idealen, Freiheit und Menschenrechten und in Ungarn predigen die Gründer der christlichsozialen Partei, mit einem modernen Mäntelchen drapiert, die Gleichheit aller Konfessionen. Aber die Erfahrungen der Geschichte haben uns genügend belehrt, wer die Zeche zu bezahlen hat, wenn Schwarz Trumpf ist, und darum ist jetzt für die Juden Oesterreich-Ungarns doppelte Vorsicht geboten. Ausbau unserer Organisationen, Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins, sind die einzigen Mittel, um den Gefahren der Zukunft zn begegnen. * * Kaiserlicher Rat Wilhelm P o l l a k begeht heute mit seiner Gattin Berta, geb. Vogel, in engstem Familienkreise sein silbernes Hochzeitsfest. Dem Jubilar, der seit seinem Eintritte ins öffentliche Leben durch die ihm eigentümliche Note der Liebenswürdigkeit, die sowohl seinem urwüchsigen Wienertum, wie auch seinem warmen jüdischen Herzen entspringt, eine popnläre Figur der Wiener Gesellschaft geworden ist, mag wohl vor den drohenden Ovationen bange geworden sein, und so hat er seinen Festtag fast verheimlicht; aber dennoch vereinigen sich seine zahlreichen Freunde und Verehrer heute in dem Wunsche, daß es ihm noch viele Jahre gegönnt sein möge, auf den mannigfachen Gebieten seiner vielseitigen Betätigung rüstig und schaffensfrendig zu wirken. * * * Die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" brachte jüngst die Mitteilung, daß ein Gymnasialprofeffor, der vor einigen Jahren wegen Beschimpfung jüdischer Schüler von der Leopoldstadt weg versetzt wurde, wieder in den II. Bezirk zurückgekehrt sei und dort wieder seinen Gefühlen gegenüber den Inden unverhohlen Ausdruck gebe. Da wird es wohl Sache des Vertreters des Knltnsvorstandes im Landesschulrate sein, dem Mauue auf die Finger zu klopfen, und wir zweifeln gar nicht, daß Herr Landesschulrat Dr. Gustav K o h u auch das Nötige veranlassen wird. Aber ad vocem Schule möchten wir die Aufmerksamkeit des Kultusvorstandes auf eine,! anderen Mißstand lenken. Es wird so oft über den Religionsunterricht geklagt und unter anderem der Mangel befriedigender Resultate damit erklärt, daß manche Religionslehrer ihr Leben nicht mit den Gesetzen der Religion im Einklang zn bringen wissen. Das scheint nicht aus der Luft gegriffen zu sein, denn wie uns von vollkommen glaubwürdigen Augenzeugen berichtet wird, sollen jüdische Religionslehrer beobachtet worden sein, wie sie am Samstag in der Früh vor Beginn des Unterrichtes vor der Schule mit der Zigarre im Mund auf und ab promenierten. Das ist wohl eine eigentümliche Art, den jüdischen Kindern das Gebot der Sabbatheiligung praktisch zn demonstrieren. * * * Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: „Die jahrelang fortgesetzten Bemühungen der „Freien Vereinigung" und des mit ihr kooperierenden „Verbandes der Sabbatfreunde," in Sachen der Sonntagsruhe, haben zn einem erfreulichen Erfolge geführt. Das Reichsamt des Innern hat in seinem — soeben zur Veröffentlichung gelangenden — vorläufigen Entwürfe einer Novelle zur Sonntagsruhe unseren Anträgen insoweit entsprochen, als in Aussicht genommen wird, den an jüdischen Feiertagen g ä n z l i ch r n h e n d e n G e s ch ä f t s b e t r i e b e u in für den Verkehr geschlossenen Geschäftsräumen die Beschäftigung ihrer jüdischen Angestellten bis zur Dauer von drei Stunden zu gestatten. Die Genehmigung hierzu soll im einzelnen von der höheren Verwaltungsbehörde oder durch Ortsstatut erteilt werden. Daß die Bindung der jüdischen Interessen an ortsst a t n t a r i s ch e Regelung den Wert der ganzen Bestimmung nahezu illusorisch machen würde, ist unsererseits den maßgebenden Instanzen eindringlich dargelegt worden. Es ist daher ein dankenswertes Zugeständnis, daß nach den Grundzügen der Weg der ortsstatutarischen Regelung nicht der einzige bleibt, sondern durch Verfügung der oberen Verwaltungsbehörde ersetzt werden kann. Immerhin wird für die Praxis auch dieser Modus erhebliche Schwierigkeiten bereiten, so daß es dringend wünschenswert erscheint, die gesetzgebenden Körperschaften zur obligatorischen Festlegung der uns günstigen Bestimmungen im Gesetze s e l b st zn veranlassen. Mit der Hoffnung, daß dieses Ziel während der weiteren Stadien der gesetzgeberischen Verhandlungen erreicht wird, verbindet sich aufrichtige Dankbarkeit für das Verständnis, das die höchsten Instanzen der Reichsregiernng, sowie die Regierungen der größeren Bundesstaaten, namentlich das bayrische Staatsministerium, unseren heiligsten religiösen Interessen in dieser Angelegenheit bisher entgegengebracht haben." * * V o n der angeblichen Zugehörigkeit F e r r e r s zum I u d e n t u m, die insbesondere die konservativen und antisemitischen Blätter in ihrer konfessionellen Verbissenheit immer wieder als Tatsache hinstellten, hat in Spanien selbst n jemand etwas gewußt. Nicht einmal die spanische Jesuitenpresse hat von diesem Faktum eine Ahnung gehabt und muß nun die Ehre solcher Entdeckung wieder einmal deutschem Geiste überlassen. In Spanien gibt es überhaupt seit der Zeit de»' Inquisition fast gar keine Juden mehr. Die große Masse des Volkes weiß dort von Juden so wenig etwas, daß, wie der „Franks. Zlg." ans Madrid geschrieben wird, die Mönche und Nonnen in ben Klosterschnlen die Kinder getrost lehren dürfen, wie es denn tatsächlich nachweislich geschieht, Juden seien leibhaftige Teufel und hätten Bocksschwänze.