Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 44 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063513--06344-3073341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
aknheit Redaktion und Adiiliuistration: Wien, II/, Novaragasse 27 Telephon der Druckerei 15302. K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und Jnsertionsbelräge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. «abhängige Aeitschrifi für jüöische ntmjje«. Nezngspreis: Ganzjährig.X 14 — Halbjährig.X 7.— Für Knltusbeiimte: Ganzjährig.X 10.— Erscheint jeden Ireilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark \\ 6 Rubel oder IX Frcs. |j Ur. 44. Wie«. 12. Uovember Inhalt: Zum hnndertfünfzigsten Geburtstage Schillers. — Aus der Woche. — Die Predigt. — Das Leben und 'Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Eine Anklage gegen die amerikanische Wohltätigkeit. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Ein neues Licht. — „Polen". Zum himdertsimfjigsten Geburtslage Schillers. Am 10. November d. I. kehrte zum hnnderlfünfzigsten Male der Tag wieder, an welchem Friedrich Schiller das Licht der Welt erblickt bat. und wenn auch uns Juden in neuerer Zeit von mancher Seite die Teilnahme am deutschen Geistesleben durch Verunglimpfungen nnd Verdächtigungen vergällt und beschränkt wird, können wir uns dennoch bei der Ehrung des großen Dichterfürsten nicht sernehalten, weil es keinen anderen deutschen Dichter gibt, der dem jüdischen Charakter und den inneren Motiven des Judentums so nahe stünde und aus die Kulturbildnng der modernen deutschen Juden so wesentlich eingewirkt hat, wie Friedrich Schiller. Den Schillerfesten dieser Tage wohnt auch eine außerordentliche und uns Juden besonders sympathische Bedeutung inne: sie bekunden den Sieg des Idealismus über Realismus und Materialis m n s nnd in einer Zeit, wo die herrschende realistische und materialistische Richtung noch durch den Geist der Unduldsamkeit einen so bitteren Einschlag erhält, gelten die Schillerseste als tatkräftigste Beweise von der dauernden Herrschaft des Idealen und dem ewigen Bedürfnis der Menschheit nach dem Idealen. Schiller wird mit Recht der Dichter des Idealen genannt; aus jedem seiner Verse, aus jeder seiner Phrasen, aus seinen historischen und philosophischen Schriften dringt überall das Ideale hervor, strebt nach Ausdruck, bekämpft die sogenannte gemeine Wirklichkeit und überwindet sie in raschem und hohem Aufschwung. Darum lauscht seinen Sängen der Bewohner des Palastes, wie die Jungfrau in der Hütte; wenn er zu sprechen beginnt, rührt er die zartesten und erhabensten Gefühle an und bekleidet alle Erscheinungen mit dem Gewände des Schönen und Anmutigen; überall stellt er dem Strebenden die höchsten Ziele auf und feuert ihn an, mutig die Sprossen der Leiter zu erklimmen, deren Spitze in den Wolken, in den Sternen, in dem Himmel lehnt. Es kommt daher gar nicht darauf an, daß Schiller in den eigentümlichen Zuständen seiner Zeit zu einer ausgesprochenen religiösen Anschauung nicht gekommen und daß er in dieser Richtung ein letztes und entscheidendes Wort nicht gesprochen hat; da sein Wesen vorzugsweise im Ringen gelegen, und er bei der Massenhaftigkeit des auf ihn eindringenden Geistigen nicht zur völligen Klärung gelangt ist, verzichten wir darauf. Aber in allem, was er hervorgebracht, was er zum Ausdruck gefördert, liegt Religion, liegt höchste Ethik, liegt die Verherrlichung des Idealen, d. i. des Göttlichen. — Und dies ist nun wiederum das Moment, durch welches Schiller so unendliche Verdienste um uns Inden sich erworben, durch welches der Sieg Schillers, auch der Sieg des Judentums ist. Denn einerseits, wenn Schiller nicht wie Lessing mit scharfen, kritischen Waffen gegen Unduldsamkeit nnd Inhumanität, gegen Vorurteil und Dummheit gekämpft hat, so hat er von innen heraus das echte und reine Menschentum im deutschen Herzen! gepflegt und dadurch, zwar in weniger sichtbarer Gestalt, aber! desto sicherer auch für die Freiheit der Juden gearbeitet und I den Kastengeist vernichten geholfen, der dem Inden ans klein-! licher Anschauung und fanatischen Rücksichten sein Menschentum! vorenthalten will. Andererseits ist das Judentum die! Religion des Idealen; dieses Judentum, welches die! Einheit des Universums und die reine Geistigkeit der Gottheit, | welches die unbedingte Menschenliebe, die persönliche Freiheit! und die Gleichheit der Menschen vor Gott im Recht und Gesetz 1 zuerst und immer gelehrt hat; dieses Judentum, welches stets für die Zukunft gelebt, die große Verheißung des Gottesreiches, ein Reich der allgemeinen Erkenntnis und des allgemeinen! Friedens als seine Zielpunkte ausgestellt hat. Das ist die wahre! Religion des Idealen, und wer dem Idealen dient, wer das ■ Ideale nicht als allgemeine Phrase, sondern in realer Gestaltung wiedergebürt, der dient dem Judentnme und das Judentum würdigt ihn als einen seiner geistigen Söhne. Aber nicht nur die innige geistige Verwandtschaft der Schillerschen Richtung mit den Ideen des Judenuimes. sondern . auch das Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit läßt uns an den Schillersesten teilnehmen, indem er, wie kaum ein zweiter, bestimmenden Einfluß aus die Kulturbildnng und die geistige Emanzipation der deutschen Juden genommen. Wodurch diese! Einflußnahme Schillers, der eigentlich zum Judentnme seiner . Zeit nur äußerst lose äußerliche Beziehungen hatte, begründet war, hat der als Kanzelredner und Literarhistoriker gleich berühmte Dr. Kayserlmg in einem geistreichen Artikel zum hundertsten Geburtstage Schillers im Jahre 1859 mit überaus treffenden Worten dargelegt. Was war es, so schrieb er, denn eigentlich, was die jüdische Jugend so mächtig nach Schiller hinzog? Trat er ja der positiven Religion schnurstraks entgegen! Daß er dem positiven Glauben nicht das Wort redet, Moses zu einem klugen Staatsmann degradiert, mit einem Worte, die Bibel nicht als göttliches Buch gelten läßt, wird niemanden Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß er im klassischen Altertum aufgegangen war, wenn man weiß, wie er sich überhaupt über die Bibel