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Die Wahrheit · 1909-11-05 · Heft 43 (5.11.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 43 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 5 gehörigen des Volksstammes die Sprache beherrschen. Es ist I jedoch notorisch und vom Beschwerdesührer selbst zugegeben, daß die jüdische Sprache wohl von den Juden in den östlichen Kronläudern, nicht aber von den Inden in den westlichen Kronländern gesprochen wird; es kann daher diese Sprache als eine Art Dialekt, nicht aber als Volkssprache angesehen werden, und kann auf diese Weise der Schutz des Artikels 19 des Staatsgrnndgesetzes nicht bezogen werden. Adolf Kartets mtb — die „Kölnische Zeitung." Unter dem Titel „Zwei Judenromane" rafft sich der bekannte Literarhistoriker Adolf Bartels im neuesten Hefte seines „Deutschen Schrifttums" anläßlich des Erscheinens des „Prinz Kuckuck" von O. I. Bierbanm*) unb Georg Hermanns „Jettcheu Gebert" zu einer seiner gewohnten Philippika mit dem charakteristischen Geständnisse ans: „So hätte ich, wie ich ganz offen sagen will (denn ich scheue es nicht, von unlauteren Elementen als Denunziant denunziert zu werden, das Schicksal Menzels schreckt mich durchaus nicht), gar nichts dagegen gehabt, wenn Otto Julius Bierbaums „Prinz Kuckuck" konfisziert und sein Verfasser wie einst Karl Gutzkow (der es sicherlich weniger verdient hatte) einige Monate eingesperrt worden wäre. Es hätte ihm durchaus nicht geschadet." Vielleicht findet gerade deshalb eine vor kurzem in der „Kölnischen Zeitung" (einem nichts weniger als philosemitischen Journale) erschienene Kritik der 3. und 4. Auflage der „Geschichte der deutschen Literatur" von A. Bartels, sowie feines „Handbuches zur Literaturgeschichte" einige Beachtung: Diese neue Ausgabe des Werkes veranlaßt uns zu einigen Bemerkungen, die sich von dem ausgeprägten antisemitischen Standpunkte des Verfassers herleiten. Wir haben keine Veranlassung, uns über dieser! Standpunkt, obwohl er das Werk vielfach schädigt, besonders zu erhitzen, sondern möchten ihn nur in aller Ruhe auf seine Berechtigung prüfen. Wir betonen dabei, daß wir, abgesehen von dieser Tendenz, in den meisten Fällen mit Adolf Bartels durchaus einverstanden sind, namentlich was die Urteile über die moderne Literatur angebt. Sie treffen im einzelnen meistens das unserer Meinung nach Richtige, weil sie sich frei halten von dem engen Standpunkt dieser oder jener Clique und sie treten der Sensations- und Reklamervirtschaft ebenso entschieden entgegen, wie wir es seit langem an dieser Stelle tun. So ist das Werk nach einer wesentlichen Seite wirklich ein vorzüglicher, auf zuverlässigem Urteile beruhender Führer. Wie er aber schon mit einer nicht zu billigenden Schärfe fick gegen die Berliner jüdischen Salons im Zeitalter des jungen Deutschlands stellt und gegen dieses selbst, so sollen auch die Juden, und nur diese, die Sündböcke sein für alle die Schattenseiten in der modernen Literatur, für den dekadenten Geist und die Reklamewirtschaft mit falschen Genies. Andere besondere Zeitnmstände, wie die Weltstadtentwicklung Berlins, die sozialen Bewegungen, die Bewegungen der Frauenfrage, die modernen, naturwissenschaftlichen Theorien zieht er kaum in Rechnung. Sieht man niui aber genau zu, wer denn unter den schöpferischen Persönlichkeiten der modernen deutschen Literatur eine führende Rolle spielt oder wenigstens zeitweise Aufsehen erregte, so ist die Zahl der Juden, die dabei in Frage kommen, außerordentlich gering. Die Brüder Hart, Bleibtren, Conrad, die Führer der Gärung der achtziger Jahre, sind ebensowenig Juden, wie die vielbesprochenen Persönlichkeiten Sudermauns und Hanptmanns. Ein Typus des Dekadententums, wie Otto Erich Hartleben, war so wenig Jude, wie es Otto Julius Bierbaum, der Schöpfer des „Prinzen Kuckuck," ist und auch der ausgeprägteste Dekadent Deutschlands, Frank Wedekind, ist Christ, ebenso wie die als dekadent anzusehenden Damen Madelaine, Dolorosa, Beutler, Gabriele- Reuter. Nur in allerneuester Zeit hat sich dazu eine österreichische Jüdin gesellt. München zeigt in seinem ganzen künstlerischen Leben eine ausgeprägte Neigung zur Dekadenz, . *) Ein Schriftsteller von sogenannter streng arischer Abstammnng. zum Radikalismus nach allen Richtungen und zur Bohsmewirtschaft, aber gerade im Münchener geistigen Leben spielt das Judentum eine höchst unbedeutende, eigentlich völlig verschwindende Rolle. Bartels macht sich seinen Standpunkt doch zn leicht, wenn er den „Simplizissimus" kurzweg als Träger jüdischen Geistes bezeichnet. Die Leitung des „Simplizissimus" in Verlag und Redaktion und die wichtigsten Mitarbeiter, die dem „Simplizissimus" die eigentliche Prägung geben, sind keine Juden, wenn sich auch einige jüdische Mitarbeiter gelegentlich geltend machen mögen. Auch hat der „Simplizissimus" tatsächlich in seiner Haltung, wie radikal er auch ist. doch ganz und gar nichts von dem besonderen Gepräge des jüdischen Witzes und der jüdischen Kritik. Was nun gerade die jüdische Kritik angeht, so ist ja schon oft und sicherlich nicht mit Unrecht gerügt worden, daß sich da neben Vorzügen arge Schattenseiten offenbaren. Ans diesem Gebiete machen sich gerade auf jüdischer Seite allerdings Sensationslust, geräuschvolle Modereklame vielfach geltend und daneben ein unangenehmer Ton der Gehässigkeit gegen eben nicht in eine Moderichtnng passende Persönlichkeiten. So mag Bartels in dem Sinne nicht ganz Unrecht haben, daß durch allzu geschäftige, ihre Ansichten dem Publikum zudringlich ansuöligende jüdische Kritik in unserem Geistesleben manche bedenkliche Schiefheiten und Schädlichkeiten entstanden sind, aber trotz der starken Betonung der Kritik von jüdischer Seite, namentlich in Berlin, hat eben doch nicht die Kritik die moderne Literatur geschaffen, und was die schaffenden Künstler angeht, mögen diese vielleicht auch zu laut, wie z. B. Hanpimaun, von jüdischen Freunden angepriesen worden sein, so waren es doch überwiegend Christen, und manchen unter unseren jüdischen produktiven Schriftstellern, wie z. B. den Wiener Schnitzler, möchten wir wahrlich nicht entbehren. Allein noch etwas ganz anderes, Entscheidenderes, ist gegen den Standpunkt von Bartels einzuwenden, das ist die außerordentliche Bedeutung des jüdischen Publikums für die deutsche Literatur christlicher Herkunft so gut wie jüdischer. Es wäre eine große Täuschung, wenn man glauben wollte, das rege literarische Leben Berlins sei eine allgemeine, durch die ganze Gesellschaft gehende Erscheinung. Es gibt dort eine ganze Menge hochstehender, hochbetitelter Persönlichkeiten, denen Theaterpremiereu oder ein Aufsehen erregender neuer Roman höchst gleichgiltig sind und die davon trotz alles Zeitnngslärms kaum Kunde bekommen. In den Provinzstädten macht sich diese Erscheinung noch viel deutlicher gellend. Wenn nun trotzdem sich seit einer Reihe von Jahren überall das Interesse für das ernste Schauspiel erheblich gesteigert hat, wenn das früher dem Deutschen ganz fremd gewesene Kausen belletristischer Werke immer mehr zugenommen hat und die Werke beliebter Autoren zahlreiche Auflagen erleben, so ist das unbestreitbar nach Beobachtungen jedes im literarischen Leben stehenden Menschen, zunächst dem regen Interesse der jüdischen Kreise zu danken, die auch bei allen Gelegenheiten, wie Vorträgen literarischer Art, das Hcmptkontingent stellen, und die intelligente jüdische Jugend ist es gewesen, die im Laufe der Jahre auch die christliche mit fortgerissen hat, so daß wir allerdings, was eine künftige Generation angeht, erwarten dürfen, daß das Interesse an der Literatur sich gesellschaftlich immer mehr ausbreiten wird. Die Pionierdienste hat die besondere jüdische Gesellschaft geleistet. Wenn nun Bartels es als eine unmittelbare Ausgabe der deutschen Intelligenz betrachtet, das Judentum von der Literatur zurückzudrüngen, so werden sich alle deutschen Dichter und Schriftsteller eifrig dagegen wehren müssen, daß ihnen nicht der Ast abgesägt wird, auf dem sie sitzen. Gewiß entstehen dadurch mancherlei Einseitigkeiten, es leidet die nationale Tiefe unserer Literatur und die Großstadt gibt zn einseitig den Ton an; aber dieses Uebel ist jedenfalls geringer als dasjenige, an dem die deutsche Literatur früher gelitten hat, daß der Deutsche es überhaupt als eine frevelhafte Verschwendung betrachtete, ein Buch um einen Preis zn kaufen, für den man sich eine gute Flasche Wein leisten kann.

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