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Die Wahrheit · 1909-11-05 · Heft 43 (5.11.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 43 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 43. Macht und mit Deinem ausgestreckten' Arm — bei Dir ist nichts unmöglich" (32, 17)! Betet so ein Polytheist? — Und nun gar die Psalmen — die gehören doch wohl auch zum Alten Testamente! Beginnen alle Psalmen, wenigstens so weit sie Gebete sind, mit Jahve? 22, 2 sollte doch dem christlichen Prosessor bekannt sein. Es beginnt aber mit Eli, Eli d. h. men Gott, mein Gott! — 44 und 54 beginnen mit Elohim, ebenso 70 mit Jahve abwechselnd. 56 und 57 beginnen mit Chonneni Elohim d. H. Sei mir gnädig, o Gott! — Muß nicht unser Prosessor dieses Gebet recht ost verrichten, damit er nicht weiterhin solche Schnitzer macht? ... . S. 41 erzählt uns Greßmann, daß man die Propheten m e s ch u g g e nannte. Ist das ein antisemitischer Druckfehler oder bloß Unwissenheit, da es doch meschugga heißt? Zum Beweise, daß Jahve in seinem Schrecken alles mit Blindheit schlägt, führt Greßmann (S. 60) Micha 7, 6 an mit solgenden Worten: „Da kämpst der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Tochter wider die Mutter und die Mutter wider die Tochter." — Nun ist hier (trotz Vers 4) gar nicht die Rede vom Schrecken Jahves, sondern von der Treulosigkeit und Verwilderung der Menschen, über die der Prophet bittere Klage erhebt: „Geschwunden ist der Fromme ans dem Lande und es gibt keinen Redlichen unter den Menschen!" Außerdem ist hier eine kleine Fälschung unterlaufen, da Micha wohl vom Sohne spricht, der den Vater beschimpft, und von der Tochter, die sich der Mutter widersetzt, keineswegs aber vom Vater gegen den Sohn oder von der Mutter wider die Tochter! Wie nennt man so ein Verfahren? Wir wollen es milde benennen: Leichtsinn! Um das grausame, seltsame Walten Jahv-es zu illustrieren, gibt unser Professor die wunderbare Stelle aus Jesaia 28,14—22 wie folgt wieder: „Wie einst zu Har Perazim oder im Gibeomal, so wird Jahve von neuem aufstehen, mit seiner Geißel die Wasser peitschen und im Toben des Gießbaches sein e i g e n e s V o l k vernichten." — Da vergaß der Professor, den Anfang dieser Stelle (V. 14) anzusehen, wo der Prophet sich nicht an das Volk, sondern au die spöttischen H errsch er oder Spruchlieddichter des Volkes wendet und nur sie, nicht aber das Volk mit dem Untergang bedroht! Im Gegenteil: das Volk soll von den Spöttern befreit und fein Leben auf Recht und Gerechtigkeit gegründet werden. — Wo ist da die Grausamkeit Jahves? — Also — Leichtsinn! Die wundervolle Stelle in Deut. 32, 22: „Ein Feuer lodert ans in meinem Zorne und brennt bis in die Tiefen der Unterwelt usw." nennt Greßmann (S. 73) grotesk. Und tvarnm? Weil er anstatt „in meinem Zorn," wie Luther und Moses Mendelssohn übersetzen, falsch übersetzt: „in meiner Nase!" Natürlich ist das grotesk, nämlich — die Uebersetznng! waltnngsbehördliche Entscheidung, sondern nur das jüdische Volk selbst die richtige Antwort ans diese Frage zn erteilen berufen ist und sie gewiß einmal anch erteilen wird, aber für jetzt müssen wir, angesichts der Tatsache, daß ans akademisch ein Boden die Frage der jüdischen Nationalität gewiß nicht ohne Zustimmung des Unterrichtsministers schon früher einmal im bejahenden Sinne beantwortet wurde, den Standpunkt der Regierung dahin präzisieren,, daß die jüdische Nationalität wohl konzediert wird, wenn es sich um das unschuldige Vergnügen das Tragens farbiger Mützen und Bänder oder um das Schlägerkrenzen, nicht aber um den Anspruch ans politische Rechte handelt. Das hat auch der erwähnte Fall bewiesen, in dem sich das Reichsgericht unter dem Vorsitze seines Präsidenten Doktor U n g e r mit der Erörterung der bisher nicht entschiedenen Frage zu befassen hatte, ob die Inden in der B u k o w i n a einen selbständigen Volksstamm bilden und ob daselbst die jüdische Sprache als eine landesübliche Sprache im Sinne des Artikels 19 des Staatsgrundgesetzes anznsehen ist. In Verhandlung stand folgender Fall: Der Advokat Dr. Max Diamant in C z e r n o w i tz hatte bei der politischen Behörde eine in jüdischer Sprache und Schrift abgefaßte Anzeige von der Gründung eines Vereines „Jüdisches Theater" überreicht. Das Ministerium des Innern entschied am 3. April l. I., daß diese Anzeige überhaupt nicht zur amtlichen Behandlung gelangen könne, weil sie „nicht in einer der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder landesüblichen Sprachen" abgefaßt war. In dieser Entscheidung erblickte Dr. Diamant eine Verletzung des durch die Verfassung gewährleisteten Rechtes ans Wahrung und Pflege der jüdischen Nationalität. In diesem Sinne richtete er eine Beschwerde an das Reichsgericht, die heute zur Verhandlung gelangte. In der Beschwerde wird der Nachweis zn führen gesucht, daß in Galizien und in der Bukowina die jüdische Sprache zweifellos als eine landesübliche Sprache im Sinne des Artikels 19 des Staatsgrundgesetzes anznsehen ist, daß die Inden daselbst als eigene Nation anerkannt werden müssen. Der Vertreter des Ministeriums des Innern, Sektionsrat Baron E i ch h o r f s, führte ans, daß die Juden in Oesterreich nicht als V o l k s st a m m anznsehen sind, der im Sinne des Artikels 19 des Staatsgrundgesetzes Träger von Sprachenrechten sei. Es könne, da die Inden nicht als Volksstamm gelten können, anch die jüdische Sprache nicht als eine in Oesterreich landesübliche angesehen werden. Der Regiertttlgsvertreter verwies darauf, daß in den galizischen Sprachengesetzen die jüdische Sprache nirgends erwähnt ist und daß das Laudesgesetzblatt in Galizien auch in jüdischer Sprache erscheinen müßte, falls diese als landesüblich angesehen würde. Und nun noch zum Schluß folgende köstliche Stelle (S. 78): „Der Jahve der alten Zeit war ein eifersüchtiger, schrecklicher, explosiver Gott, vor dessen unheimlichem Wirken man Angst empfand. Noch ein Prophet wie Amos konnte die Frage stellen: „Geschieht ein Unglück in der Stadt, und Jahve Hat's nicht getan?" um darauf die s e l b st V e r st ä n d l i ch e Antwort zu erhalten: „Alles Unglück kommt von Jahve Her." — Aber mein gelehrter Herr Professor! Glauben Sie wirklich, daß Amos so unlogisch dachte, wie etwa ein moderner Theologie-Professor? — Nicht alles Unglück, sondern eben Alles kommt von Jahve her, das wollte der Prophet sagen, der im Namen Jahves spricht, der Israel aus Aegypten geführt. Oder war die Befreiung aus Aegypten für Israel — ein Unglück? Mit viel mehr Recht kann man sagen : alles Unheil, das die protestantische Theologie anqerichtet, kommt vom — Seicfjtjtuu! -_ c, ^. Y-X Gibt es eine jüdische National »tat? Durch eine Beschwerde, die in den letzten Tagen vor dem Reichsgerichte zur Verhandlung gelangte, ist diese Frage neuerlich wieder in der öffentlichen Diskussion aufgerollt worden. Wir meinen wohl, daß weder eine gerichtliche noch eine ver- Das Reichsgericht hat hierüber zu Recht erkannt: Durch den angefochtenen Erlaß des Ministeriums des Innern hat eine Verletzung des dem Beschwerdeführer znstehenden Rechtes auf Wahrung der jüdischen Pflege und Nationalität nicht stattgefunden. In den Gründen des Erkenntnisses wurde zunächst hervorgehoben, daß der Rechtsschutz des Artikels 19 des Staatsgrundgesetzes nur den Volksstämmen in Oesterreich gewährleistet wird. Es war nur die Frage zu erörtern, ob die Inden in Oesterreich als Volksstamm, als Nation anznsehen sind. Diese Frage war nach Ansicht des Reichsgerichtes entschieden zu verneinen. Nach ihrer historischen Entwicklung, nach ihrer rechtlichen Stellung sind die Inden in Oesterreich als Bekenner der mosaischen Religion, als Religionsgesellschaft, die im Staate anerkannt ist, anznsehen. Bei Verneinung der Vorfrage konnte auch die jüdische Sprache nicht als landesüblich angesehen werden. In dem Ekkenutnisse wurde auf den § 128 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches verwiesen, der für die Inden besondere Bestimmungen'über die Ehe enthalt, ferner auf das Gesetz vom 21. März 1890, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Inden, speziell anch in der Bukowina. Schließlich wurde tu dem Erkenntnisse betont, daß von einer Sprache eines Volksstammes nur dann ' die Rede sein könne, wenn alle Un-

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