Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 42 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 42. läßt, damit die Gemeinde auf diesem Grundstück und zwar! vorne, der Tabakgasse zu, im Stile des Tempels ein Zinshaus, auf der Seite, der Wesielenyigasie zu. einen öffentlichen Park und auf der Seite, der Sipgasse zu, eine Mädchenschule errichten könne. Am 21. d. M. sprach nun unter Führung des Präsidenten Hofrates Dr. Weinmann und des Vizepräsidenten Ludwig Adler eine große Deputation des Gemeindevorstandes beim Bürg ermeister Stefan vo n Bärczy vor, bei welcher Gelegenheit Hofrat Dr. Weiumann den Antrag der Gemeinde dem Bürgermeister vorlegte und denselben in warmen Worten bat, das Ansuchen der Gemeinde zu befürworten und dies um so eher, da dasselbe auch die Interessen der Stadt fördere. Der Bürgermeister empfieng die Deputation höchst liebenswürdig, versprach, den Antrag der Gemeinde eingehend zu studieren und denselben mit seiner ganzen Kraft zu fördern. Nach den Worten des Bürgermeisters zu schließen, ist begründete Aussicht vorhanden, daß die Stadt den Antrag der Gemeinde annimmt, wodurch einem längst gehegten Wunsche der hiesigen Gemeindemitglieder Genüge geleistet wird, daß nämlich zur Sicherheit des Publikums der Tempel wenigstens auf der einen Seite einen Park, also einen freien Platz erhalte. Gin Porling «der Palästina. Der königl. preußische Bibliothekar, Herr Dr. Heinrich Löwe ans Berlin, sprach Dienstag, den 26. d. M., 8 Uhr abends im Ballsaale des „Bayerischen Hofes" über Palästina. Dieser Mann, der zu wiederholten Malen das gelobte Land durchquerte, es in seinen Höhen und Tiefen erforschte, wußte unendlich vieles und in hohem Grade anregendes über Palästina zu erzählen. An der Hand einer großen Zahl ausgezeichneter Lichtbilder führte er sein Auditorium durch fast zwei Stunden in lebensvoller Darstellung durch die Steppen von Erez Jisrael. Anknüpfend an die Anfänge der jüdischen Geschichte und ausgehend von der Zeit des Auszuges der Israeliten aus dem Lande der Sklaverei unter Führung unseres großen Lehrers und Propheten Moses, schilderte uns Herr Dr. Löwe in beredter Weise die einstige Größe und Herrlichkeit des jüdischen Volkes, wie auch den nachherigen Verfall desselben, die Zerstörung unseres Heiligtnmes und die Vernichtung unseres Besitzes. Jeremias, im Bilde erscheinend, sitzt auf den Trümmern von Jerasckolajim, weinend über die entschwundene Größe und Schönheit, und in einem zweiten Bilde das Grab unserer Erzmutter Rah el, „Ruchel mewakeh al boneku ki enemi." Das Judentum war vernichtet, seine Neste wie Spreu in allen Windrichtungen zerstoben und verstreut. Aber wie aus der Asche der Phönix neu ersteht und sich frisch und kraftvoll nach den Höhen schwingt, so erwachte auch wieder das totgesagte Judentum zu neuem Leben. In Spanien, wo das jüdische Volk eine neue Heimat gefunden zu haben vermeinte und lange Zeit eifrigst Wissenschaft und Kultur, Industrie und Handel pflegte, zu wohlverdienten Aemtern und hohen Würden gelangte, kam im 14. Jahrhunderte die fluchwürdige Inquisition und im Jahre 1490 durften die Ueberlebeuden mit dem Wanderstabe in der Hand und den Grabsteinen der Opfer des finsteren Fanatisimts, der Väter und Mütter auf dem Rücken, hinausziehen in die weite Welt, überall flehend und bittend um ein Ruheplätzchen, um Schutz und Mitleid. Groß ist auch die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes von dieser Epoche ab bis auf den heutigen Tag; aber trotzalledem lebte die Hoffnung und die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Palästina nnverkümmert in seiner Seele fort, und rumänische Studenten und russische jüdische Studenten aller Wissenszweige zogen hin nach dem Osten, dem Lande ihrer Väter, nichts besitzend als den Idealismus und starke Muskeln und begründeten die ersten Kolonien in Palästina unter den größten Mühseligkeiten, mit dem Einsätze ihres Lebens. Und wieder führt uns Dr. Löwe eine Serie trefflicher Bilder vor, die uns die Anfänge und die Entwicklung der Kolonien veranschaulichen, und schließt mit einer Apotheose, dem bekannten Märchen vom verzauberten Schlosse, in dem die schöne Prinzessin schläft und wartet, daß der Prinz komme und sie mit seinem Kusse zum Leben erwecke. Und im letzten Bilde erscheint der Prinz in Gestalt Dr. Theodor Herz l's, der uns seinen Mahnruf: „Wenn Ihr werdet wollen" in Erinnerung bringt. Die große Versammlung der Intelligenz erhebt sich ehrfurchtsvoll vor den Manen Dr. Theodor Herzlos und jubelt begeistert zu dem exzellenten Interpreten der jüdischen Zukunft. N. Oh. Das gelten und Wirken der Inden in Oesterreich in vorinärftichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedläuder. (Fortsetzung.) Auch diese fromme Gemeinde, in deren Mitte einige Dezennien zuvor der berühmte und hochverdiente R. Gerschon „Maor hagola“ segensreich gewirkt, mußte den Kelch der Leiden bis zur Neige leeren. Bischof Rnthord forderte die Inden auf, in seinem Palaste sich wohnlich einzurichten und daselbst zu verweilen, bis die Wallbrüder die Stadt verlassen haben werden. Die Armen, nichts Böses ahnend, nahmen mit Freuden von diesem Anerbieten Gebrauch, übergaben dem Kirchenfürsten ihre Schätze und Habseligkeiten zur Verwahrung und zogen in den Palast ein. Ungefähr 1300 Juden fanden in diesem großen bischöflichen Gebände ihre Unterkunft. Allein als die Kreuzfahrer am 27. Mai vordem bischöflichen Palaste erschienen, wollten die vom Bischöfe zum Schutze der Juden anfgestellten Soldaten gegen die Wallbrnder durchaus nicht die Waffen gebrauchen. Mit Ungestüm erbrachen die Blutmenschen die Türe des Palastes und mordeten in gewohnter Weise nach Herzenslust. Dreizehnhundert Glaubensgenossen erlitten teils durch das Schwert der Wüteriche und teils durch das ihrer eigenen Brüder den Märtyrertoln Der Anführer dieser Horde, Graf Emerich, und der Bischof Rnthord, teilten sich die Schätze der ermordeten Juden. Ein zeitgenössischer Dichter, Kalonimos, suchte das Andenken dieser Märtyrer durch folgende ergreifende Elegie zu feiern: Sie drücken und bedrängen, Sie töten und sie hängen; Wir umso fester sind an dich gebunden. Den Lebendigen p vergessen, Zu lernen ihre Messen, Sie schlagen und verwunden; Sie legen Schlingen, Ob sie uns fingen, Daß von dir wir überlaufen, Zn Baalsdienst und Taufen; An ihren Kleidern aufgestickt. Wird das Kreuz erblickt, Auch mit Wort sie berücken: Wir bleiben dein mit gebrochenen Genicken. Die edlen Frauen sich sputen. Daß als Opfer ihre Kinder bluten, Väter schlachten rasch die Söhne, Und schonen nicht das eig'ne Leben. Deine Einheit zu erheben, Weiht dem Tode sich die junge und die schöne; „Höre Israel!" die Lippen beben, Und vom Bräutigam und von der Brant, Ist „der einzige Gott" der letzte Laut: So die im Leben waren sich gewogen, Den Opfertod vereint vollzogen. (Tr. Synag. Poesie S. 16.) Wenige Tage nach dem Gemetzel in Mainz erschienen die Kreuzfahrer unter dem Anführer Hermann Zimmermann in Köln. Die braven Kölner Bürger nahmen sich der.so schwer geprüften Bekenner des Judentums brüderlich an ulld bargen sie in ihren Häusern. Das rasende Gesindel war tief entrüstet, als es die jüdischen Häuser leer fand und zertrümmerte in seiner Wut, was es an Holz und Stein vorgefnndeu hatte. Die Synagoge wurde vollends zerstört und die darin verwahrten heiligen Gesetzesrollen auf die scheußlichste Weise geschändet. Den jüdischen