Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 41 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 9. .befindet und unter der Leitung eines städtischen Lehrers steht, hat der Turnunterricht bereits begonnen. Die Schule erfreut sich eines guten Besuches, da bei geringem Honorar ein rationeller Unterricht in kleinen -Riegen von tüchtigen Turnkräften erteilt wird. Vorläufige Turnzeiten sind Dienstag und Donnerstag von 5 bis ’/gS Uhr. ut welcher Zeit auch Anmeldungen zu Dainenriegen entgegengenommeii werden. Baden. Die israelitische Kultnsgemeinde Baden hat bei Besetzung des vakant gewesenen Oberkanrorpostens eine ausgezeichnete Acguisition gemacht. Herr Friedrich Roth, der trotz seiner Jugend schon m hervorragenden Gemeinden Ungarns als Oberkantor fungiert hat, hielt am vergangenen Samstag im Badener Gemeindetempel als akzeptierter Oberkantor seinen ersten gottesdienstlichen Bortrag. Sein klangvoller lyrischer Tenor drang tief und ergreifend in das Herz aller Tempelbesncher und wurde ihm auch von allen Anwesenden ungeteilten Sinnes Lob und Anerkennung gespendet. Am Abend fand zu Ehren des Oberkantors ein im Hotel Gebrüder Rausnitz spontan veranstaltetes Bankett statt, an welchem der Änltuspräsident. Herr Moritz L e i t n e r, der Vizepräsident Herr Sigmund Rausnitz, der größte Teil des Gesamtausschusses, sowie Herr Rabbiner W. Reich, Herr Sekretär I. I n f e l d, Herr Prof. B. N ascher und und viele andere Gäste teilnahmen. Herr Knltnspräsident Moriz Leitner begrüßte den neuen Oberkantor aufs innigste und sprach die Hoffnung aus, daß die Bereinigung erhabener Sangesknnst mit edlen Charaktereigenschaften, die bei ihm konstatiert werden kann, zum unbestrittenen Ruhme der Kultnsgemeinde Baden, wie zum ungestörten Frieden in derselben beitragen werde. Hierauf drückten Herr Rabbiner W. Reich, wie Professor N a s ch e r in brillanten Toasten dem Oberkantor Anerkennung für seine künstlerische Begabilng ans. Nagy-Szombat. Am 18. d. M. wurde hier unter zahlreicher 'Theilnahme der Gemeindemitglieder die altehrwürdige Frau Z. Roth in hohem Alter von 102 Jahren zu Grabe getragen. Oberrabbiner M. Stein schilderte mit bewegten und beredten Worten den würdigen Lebenslauf der Berblichenen und rühmte die liebevolle Pflege, die ihr ihre Angehörigen Jahrzehnte lang .zureil werden ließen. Hierauf rezitierte Oberkantor Osias Kopfstück in ergreifender Weise das „Dl mole rachamim“ und in langer Reihe bewegte sich der Leichenzng zum Friedhöfe, wo für die Verblichene ein "l!?n d*pö bestimmt war. Agram. Für das gute und friedliche Zusammenleben der serbischen und jüdischen Bevölkerung in K r o a r i e n lieferte uns ein schönes Beispiel die zweitägige Anwesenheit des Oberhauptes der serbisch-orthodoxen Kirche, des Patriarchen und Erzbischofs Lucian B o g d a n o w i t s ch in Zemun. Eingeladen von der serbischen Kirchellgemeinde, beteiligten sich sämtliche dortigen jüdischen Körperschaften an den Festlichkeiten zu Ehren des Patriarchen, von dem sie auch in besonderer Audienz empfangen wurden. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der Patriarch über die Berhälrnisie der jüdischen Bevölkerung und erklärte mit Nachdruck, daß sich seine Beziehnngeil zu den Juden allezeit sehr freundschaftlich gestaltet haben. Beim Banket hat die Begrüßungsansprache des Rabbiners (der natürlich nichts genoß) im Aufträge des Patriarchen defien Sekretär Prof. Dr. Zirtsch mit einer formvollendeten hebräischen Rede beantwortet. Bor seiner Abreise hat der Patriarch dem Rabbiner der aschkenasischen und sephardischen Gemeinde Besuche abgestattet. Frankfurt a. M. Die nach einem amerikanisch-jüdischen Blatt in zahlreichen europäischen Blättern wiedergegebene Behauptung, daß der Nordpolentdecker Cook jüdischer Abstammung sei — sein Vater oder Großvater soll aus Frankfurt a. M. nach 'Amerika ausgewaudert sein — läßt sich auf ihre Richtigkeit schwer nachprüfen. Herr Dr. Cook verhält sich allen Ausfragern gegenüber sehr reserviert. Durch seinen S e k r e t ä r L o n s d a l e hat er kürzlich, wie der „Frkf. Ztg." von ihrem New-Iorker Korrespondenten berichtet wurde, erklären lassen, daß er über seine Abstammung „nichts sagen möchte". Den Interviewern wurde von dem Sekretär jedoch ausdrücklich aufgetragen, sie mochten die Nachricht, ..der Herr Doktor sei israelitischer Konfession", dementieren. Selbst kühne Nordpolentdecker haben, wie man sieht, Anwandlungen von Schwäche. Sofia. Während im Nachbarftaate Rninünien die Judenfeinde am Ruder und emsig an der Arbeit sind, kann hier, trotz eifriger Bemühung einiger Demagogen der Antisemitismus nicht recht aufkommen. Der Wind von oben ist ein den Inden durchaus günstiger und dieser ist für das Regierungssystem sowie für die Handhabung der Gesetze durch die Beamten bestimmend. Daß der König an der Einweihung der neu erbauten Synagoge teilnahm, wurde bereits berichtet. Nun veröfientlichen die hiesigen politischen Blätter ein Gespräch, das der Redakteur des „Journal de Salonique" mit dem bulgarischen Botschafter in Rom harte. Dieser sagte: .„Wenn die bulgarischen Juden die Regierung um eine Snbventioniernug der jüdischen Schulen, die von der Regierung beaufsichtigt werden, ersuchen würden, so wäre die bulgarische Regierung sicherlich bereu. einem solchen Wunsche nachznkommen." Hoffentlich wissen die bulgarischen Inden dieses Entgegenkommen so auszunntzen, daß ans ihm eine Erstarkung des Judentums, um das es hierzulande nicht gerade am besten bestellt ist, erwachse. Konstantinopel. Der „Anrore" zufolge wird dem Großrabbinar demnächst vom Ministerium des öffentlichen Unterrichts die offizielle Mitteilung zugehen, daß fortan alle Abiturienten jüdischer Schulen der Türkei, '»bald ihr Zeugnis vom Chachambaschi bestätigt ist, ohne Prüfung zn den -jeweilig höheren türkischen StaatSschulen zugelassen werden sollen. Es werden demnach die Absolventen der jüdischen Primaschulen in die türkischen „Rischdiss", die der höheren Anstalten in die „Jdadies" und die der jüdischen Institute von Gynmasialrang ohne weiteres in die Umversitäteu Zugang haben. Wenn diese Bewilligung ein neues wichtiges Privileg für das Großrabbinat bedeutet, das dadurch die wirkungsvollste Aufsicht über alle jüdischen Schulen des Reiches erhält, so ist sie zu gleicher Zeit ein eminent wichtiger Schritt zur Hebung dieser Grundlagen selber. Mehr noch: solange keine neuen, einschneidenden Programmvorschristeu von der Regierung ergehen, die auch alle Privatschuleu treffen würden, bildet dies Privileg in sich die Gewähr der absoluten Unterrichtsfreiheir und damit des nationalen Charakters der jüdischen Schulen — vorausgesetzt, daß ein solcher vorhanden ist. Daß der Großrabbiner nicht anstehen wird, diesen Schulen, deren pädagogische Höhe ja außer Frage steht, in jedem Falle die nötige Bestätigung der Zeugnisse zu verleihen, ist nicht zu bezweifeln. N. J. K. New-Aork. Professor Loeb. der unlängst mit dem Nobelpreis gekrönte amerikanische Forscher, dem in seinem deutschen Bateriande konfessionelle Unduldsamkeit die Lehrkanzel verschlossen und der aus dem Laboratorium der kleinen kalifornischen Universitär in Berkley die Welt erobert hat, hat es zustande gebracht, das Geheimnis der ersten Entwicklung der L e b e w e s e n zn lüften. Es ist ihm gelungen, mit Hilfe ganz eigener, aber einfacher chemischer Prozeduren das El des Seeigels zur Entwicklung zn bringen, nnd was die Wissenschaft bereits in das Reich der Mythe verwiesen, die Parthenogese mit dem Experiment zu beweisen. Prof. L o e b, der über seine Erfindung auf dem kürzlich in Budapest stattgehabten Aerzrekon greife berichtete, ist voll drei europäischen Universitäten zum Ehrendoktor ernaunt worden. New-Aork Die amerikanischen Jiiden waren sehr unangenehm berührt, daß die Eröffnung der amerikanisch-nationalen Hubs on-Fulton» Feier gerade auf den Jomkippurtag festgesetzt wurde, wodurch es ihnen unmöglich war, sich an der Eröffnungsparade offiziell zu beteiligen. Die offiziellen jüdischen Kreise haben ihren Unmur hierüber auch offen Ausdruck gegeben. Encige Tage vor der Parade sah sich denn auch der Präsident der Festkoiumisfioil veranlaßt, an das Präsidium der Newyorker Kehillah ein Entschuldigungsschreiben zu richten, das wegen seines interessanten Inhaltes dem Wortlaute nach wiedergegeben werden soll: „Unsere Kommission harte keine Ahnung, daß Samstag, den 25. September, Jomklppur sein wird, denn sonst wäre die Eröffnung der Feierlichkeit nicht auf diesen Tag anqesetzt worden. Es ist jetzt ganz unmöglich, das Datum zu ändern, da die ganze Welt für diesen Tag eingeladen ist und an diesem Tage zumindest 75 Kriegsschiffe verschiedener Nationen und wahrscheinlich über tausend andere Schiffe im Hafen beisammen sein werden, um an der Eröffnnngsparade teilznnehmeu. Wir bedauern ans der Tiefe unseres Herzens diese peinliche Gestaltung der Situation und bitten unsere jüdischen Freunde zu glauben, daß es der Kommission ferne lag, ihre religiösen Gefühle absichtlich zu verletzen. Indem ich Sie versichere, daß wir all das. was Sie unternehmen, um die Feier zu einer Feier der vollständigen Brüderlichkeit zwischen allen Rassen nnd Konfessionen zu gestalten, aufs Höchste einschätze, zeichne ich nsw. Iiteratnr. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Herausgegeben von Leo Ivinz. Verlag von Vst und West, Berlin. 8. 42. Vrgan der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israslite Universelle". 9. Jahrgang. Heft 10. Vktober 1909. Inhalt: „Die internationale Bedeutung der englischen Juden." Von Paul Goodrnann, London. „Die Iudenstadt (Tunis,." lGedicht.) Von Paul Wertheimer. „Benedictus Spinoza." (Mit 3 Illnstratioiien.> von Ernst Altkirch. „Lustige Brüder." von David pinsky. „Russischer Jude." von Alfred Grätzer. „Iudenkops." Von Alfred Grätzer. „Abraham Neumann." (Mit 12 Illustrationen.) von Alfred Grätzer. „Synagogen- und Gemeindeleben im Mittelalter." Von Leo Schein Hans. Memel. „Aulturkuriosa." von Max Schacherl. „Literarische Rundschau." „Revue der Revuen." „Mitteilungen aus dein Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle": I. Zur Jahreswende. II. Die politische Lage in Schiras. III. Die Schulprüfung in Saffi und Ianina. IV. Notizen: a) Auszeichnung, bi Die jüdische Auswanderung, o) Lokal-Lomitv Pinne, cl) Lo'al-Eomits Ulm a. D. — Inserate. «Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Kichl. Bon Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt).*) (Fortsetzung.) „Und die weißen Glaoshandschnhe haben Ihnen anch gefallen?" „Die haben mir ganz rrefflich gefallen," sagte Dr. Süß, lachend über den Zorn des Alten. „Das ist originell, geben Sie acht, das machen ihm bald alle Prediger nach." *) In der letzten Fortsetzung haben sich zwei unliebsame Fehler eingeschlichen. So muß es starr: bne chorim richtig heißen bne chorin und starr: lud i h m ein, lud i h u ein.