Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 41 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063510--06312-3073306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheil Nr. 41. sogenannteu territorialen Wahlkreise nur ein Köder, 6rgo sind sie eigens dazu da, um die Juden für immer zu Heloten zri stempeln, ergo gibt es kein aiideres Mittel, als die exterritoriale Katastrierung. So, sagen wir, müßte jeder gewöhnliche Sterbliche denken. Aber nicht ein Oberstabsarzt. Dieser stoppelt nationalen Kataster mit Majoritätbezirke zusammen und sagt: ..Was die Schaffung ausschließlicher jüdischer Wahlkurien betrifft, so könnte dieselbe natürlich nur in solchen Wahlbezirken geschehen, in denen die jüdische Wählerschaft sich in der Majorität befindet." Nein! Herr Oberstabsarzt, wenn in einem Lande init einer Bevölkerung von 10 Millionen fünftausend anderssprachige, oder andersnationale Menschen sind, und diese Gruppe obendrein noch über dem ganzen Lande zerstreut ist, so kann man für sie ganz ruhig eine nationale Kurie schaffen, mit einem Abgeordneten; es könnten sich noch um dieses Mandat 270 Individuen, die derselben Gruppe angehören müssen, bewerben, aber zuletzt muß doch einer aus dieser Gruppe als Sieger hervorgehen. Es ist wirklich komisch, nein — traurig, sich bemüssigt zu fühlen, solche Trivialität.en erst erörtern zu müssen, und würde man es ltns erzählen, tvir könnten es unmöglich glauben. Und doch steht schwarz auf weiß geschrieben und gedruckt. . . .Liebe macht blind. Haß noch mehr und Leidenschaft verdrängt die gesunde, kühle, überlegende, zählende und wägende Vernunft. Senil. Von I. Mendel. Es gab Zeiten, wo die zielbewußten, vornehmen Vertreter der katholisch politischen Weltanschauung ihre Stützen in den Salons und nicht ans der Gasse suchten und fanden. Damals war das „Vaterland" der Ausdruck, das Sprachrohr dieser gebildeten. lebensfrohen, romantisch religiösen Kreise. Der Geist Hosbauers wehte noch über die tiefer veranlagten Gemüter des Adels und der Oberschichte der Bourgeoisie. Die Luft war trotz — oder gerade wegen — 48 voll von den Gedankengängen Chateaubriauds. Giobsrtis, Joseph Maistres, Lamennais, Moutalemberts, wir wissen, daß sogar ein Börne zuallerletzt sich ihnen znneigte. Hat man in Deutschland mehr die literarische Romantik gepflegt, war der Reichsdeutsche entsprechend seiner Veranlagung der Katheder-Romantik ergeben, so verband man damit im Westen und in Oesterreich auch die staatspolitische. Friedrich Schlegel, Novalis, Graf Stolberg. Görres, Tiek, Zacharias Werner, waren erstens keine naiven Phantasten, haben sich ihr Wollen nicht aus den Fingern gesogen, haben vielmehr einem inneren, tieferen Streben und Sehuen gerade der besten Geister ihrer Zeit Ausdruck verliehen und haben daher nicht umsonst gewirkt. In Napoleon sah man, wohin Matrone Logik die menschliche Gesellschaft führt; man sah, daß. nachdem die Revolution Ströme von Blut für die Freiheit vergossen, nachdem eine Million Menschen für und durch dieselbe die Freiheit verloren, brachte sie es so weit, daß Napoleons Kreaturen — Söhne, Väter der Revolution — den Atem kontrollierten, von den Spinnen Meldezettel abforderteu. Man sah ein, daß die Freiheit der leblosen Begriffswelt, daß die Freiheit, gebaut auf Grundlage des Egoismus, daß die Freiheit ohne Liebe, ohne Gott, keine Freiheit ist, daß sie vielmehr die finsterste Sklaverei bedeutet. Es ist also kein Wunder. wenn die Elite sich von dem „Schwert" von Mars mit Eckel ab- und dem „Wort" znwandte; es war also kein Wunder, wenn sozusagen die Ghibellinen abnahmen und die Welfen znnahmen; es war also kein Wunder, wenn sie sich von Rom nach Inda flüchtetet!; es war kein Wunder, wenn der so viel verkannte und mißachtete jüdische Theokratismus, dessen Erfüllung sie in Rom zu sehen glaubten, sie gefangenuahm. Es war ein neuer, freiwilliger Zug nach Kanossa mit Gesang und Hallelnjah. Der alte Hildebrand siegte noch einmal über die Heinriche, Bonisacius VIII. soll gerächt werden, die schönen Philippe soll ans der menschlichen Gesellschaft für immer verschwinden, Gott, die absolute, selbstlose Liebe soll herrschen, das Messiasreich in Tat umgesetzt werden: Gewalt ist Satanisinns, Zorn Blut, Dämonismus, Belzebub; Freiheit mit Gewalt erringen, wäre die kleinen Teufel durch Asndai herauslreiben; alles, was vom Teufel kommt, ist teuflisch, ist schlecht, also : nieder mit der Gewalt, nieder mit dein Teufel! Der erste Mensch, der ein Schwert geschwungen, der erste Wille, der andern Willen unterjochte, ist von Gott abgefallen, hat gesündigt; mir ihm beginnt der Sündensall. Schaltet das Schwert sich selbst aus, tritt in der Menschheit als Gesamtheit und in den einzelnen Individuen derselben statt des Willens zur Macht, der Wille zur Liebe, so ist der Sündeufall getilgt und das Gottesreich auf Erden, das Jenseits im Diesseits ist hergestellt. Rom will als solches gelten, also ist es, kalkulierten die Ideologen. Dieser Geist ist, der auch Inden wie Don Juan Joseph Heydeck, einen Giacomo Lombroso, einen Chevalier Drach, die Brüder Lehmann und Ratisbone in die Arme Roms führte. In Oesterreich wurde dieser Kampf stillschweigend durchgekämpst, hier war der Katholizismus- Staatsreligion, aber er mußte sich doch — vielleicht gerade deshalb — die Prärogative des Staates gefallen lassen, der sich zntveilen erhebliche Eingriffe gestattete. Es bestand hier eine stille, aber tiefe Opposition gegen die staatlichen Uebergriffe auf kirchlichem Gebiete, gegen die Bevormundung des Geistes durch den Säbel, gegen Ueberordnung des Polizeipräsidenten über den Kirchenfürsten, des Wachmanns über den Pfarrer, des Kreishauptmanns über den Bischof. Man fand, daß das Mittelalter, welches sich gehorsam vor einem schwachen Greis in Ehrfurcht beugte, wo eine physisch ohnmächtige Person .durch zwei Sätze die stärkste materielle Gewalt in Nichts verwandeln konnte, eigentlich fortschrittlicher war, als der Josefinismus, Friederizianismns, Konstitutionalismns u. s. w. Ans diesen Kreisen, die das Sein-Sollende mit dem Bestehenden konfnndierten, gingen hervor Rauscher und Veith, und ragten bis auf unsere Tage hinein Schönborn und Helfert. Krieg dem Heidentnme, dem zerstörenden, verhetzenden, trennenden, scheidenden, Liebe zum Christentum, dem vereinenden, zusammensühreuden, ansgleichenden, versöhnenden, war das Programm dieser Richtung. Ans dieser Gesinnung heraus, schwor Veith auf der Kanzel des St. Stephans-Domes mit dem Krnzifix in der Hand, daß die Blntbeschnlvignng falsch und lügenhaft ist. Und das „Vaterland", als Organ dieses ehrlichen, wahrheitsliebenden Katholiken, führte eben eine edle Sprache. Das war. als es noch jung, als es die von jenen Heroen inspirierte war, als es noch von dem Geistesvorrat, die jene niedergelegt, zehrte. Nun. jetzt ist alles verbraucht und es muß — will zu Vergani heruntersteigen. Als letzten Rest jener großen Traditionen hat es die Antipathien gegen den heidnischen, völkermordenden, Staaten und Reiche zerstörenden, nationalen Chauvinismus und Rassenfetischismus beibehalten. Dieser Baalskultus hat jetzt seinen Kulminationspunkt erreicht, seine Priester zerfleischen die betörten, verführten. Massen der Nationen mit Messer und Dolch, treiben sie dem Selbstmorde zu — in den Tod. Das „Vaterland" möchte retten, möchte das gegenseitige Ansfressen verhindern; es wäre sein gutes Recht, wir Juden würden rückhaltslos zustimmeu. Aber, statt ehrlich und offen zn verkünden, nieder mit Baal, nieder mit den Parasiten, mit den Vampyren, mit den Schmarotzerpflanzen, die von der gegenseitigen Zerfleischung der Völker und Lahmlegnng der Staats- Maschinen leben, lesen wir in Nr. 27 vom 24. September 1909, „Juden und Antisemiten," lesen wir unter anderen nicht salonfähigen Ausdrücken folgendes: „Der Jndenliberalismus hat die fünfundzwanzigjährige Episode überdauert und hofft nun aus dem neuerdings verschärften Brnderkampfe der arischen Nationen Vorteile zu ziehen." Das „Vaterland" beschwört den Schatten „Georg des Einsamen," es erinnert in der berühmten Versammlung in den Sophiensälen an die honorige Beredsamkeit des verbissensten Feindes der katholischen Kirche, erbaut sich an seinen satanischen Aussprüchen und empfiehlt sie zur Nachahmung. ..Schönerer sagte damals," schreibt das fromme Blatt, „die Verästelung der deutschen Eiche mit der slavischen Linde werde das Emporwuchern der jüdischen Schmarotzerpflanze verhindern." Die Inden leben von dem Hader der Nationen, wie eben Schmarotzerpflanzen, der Antisemitismus ist in Gefahr, die Dentschnationalen seien keine tvahrhaften Antisemiten, die ganze