Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 41 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 5. Abwehrbewegung sei zu Gunsten der Inden inszeniert u. dergl. Natürlich bekam nun Vergani seine Abfuhr. Das Vaterland heuchelt Antisemitismus — lies Kanibalismus — die wahren Anthrophagen sind die vom nationalen Flügel. Das „Volksblatt" nmß für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, sogar den Getaufteil ihre Abstammung nicht verzeihen zu können. Auch die „Reichspost" schwieg. Das „Vaterland" schrieb: „Zur Klarstellung: es leistet Abbitte, es wollte, es hatte gar nicht die Absicht, den nationalen Flügel, die herrlichen Tugenden der Judenverbrennnng zu nehmen, aber es fürchtet, es denkt" u. s. w. Und am 1. Oktober leitartikelt es weiter und erbringt den historischen Nachweis, daß der Ruhm des praktischen, judenanshungernden Antisemitismus ihm gehöre. Ihm gehöre Sebastian Brunner, ihm Dr. Wiesinger, ihm Mechanikus Schneider, ihm der Uhrmacher Buschenhagen, ihm der Schneidermeister Patorns, die Jndenfresserei sei also sein Werk. Wir fragen das „Vaterland," wir fragen die Kreise, die hinter ihm stehen, steigt ihnen nicht die Schamröte ins Gesicht, mit Vergani um die Palme des Tierischen zu ringen? Steigt ihnen nicht die Schamröte ins Gesicht, sich als die Urheber und Verkünder der Aushungerung eines ganzen, unschuldigen, armen Volkes — wegen ein paar lumpiger Großjnden, die ihr Volk noch mehr hassen als das „Vaterland" — zu gelten? Steigt ihnen nicht die Schamröte ins Gesicht, einen Schönerer, den Feind der Dynastie, den Feind der katholischen Kirche aufs Schild zu heben? Schämen sie sich wirklich nicht, sich mit einem Mechanikus Schiieider, den sogar das „Deutsche Volksblatt" längst abgeschüttelt, zu brüsten? Schämen sie sich nicht, zu behaupten, daß den Inden der nationale Krieg erwünscht ist? Wissen sie nicht, daß die Juden — die Massen verstehe ich — die nationale Autonomie aller Völker Oesterreichs fordern? Kennen sie nicht den jüdischen Klub, der dies öffentlich verkündet? Kennen sie nicht das national-jüdische Programm? Und kennen sie nicht den Anssprnch Paulus, er möchte von seinem Heiland verbannt sein, wenn er nur damit sein, das jüdische Volk, retten könnte? Waren das die Ideale eines Schöuborn, eines Helfert? Haben diese erleuchteten Geister, die hinter dem jugendlichen „Vaterland" standen, mit Menschenverhetznng geprahlt? Ach, wie tief sinkt man, wenn man alt wird. „Wenn ihr," schreibt Don Juan Joseph Heydeck in seinem „La Fre Triumfate," Madrid 1815, „irgend wann Verfolgungen und Widerwärtigkeiten von den Bekennern des Evangeliums erlitten habt... so seid versichert, daß es irgend ein politischer Beweggrund war" n. s. w. Ja, Politik ist es, Egoismus, Streberei und Herrschsucht, Konkurrenzkampf sind es, die das „Vaterland" bewegen, sich zu den Grundsätzen Georg Schöne-rers zu bekennen, ja, die Priorität für sich in Anspruch zu nehmen. Aber die Methode ist verfehlt. Solange das „Vaterland" sich zu den Grundsätzen des Christentums bekennt, wird man ihm den Rassenantisemitismus nicht glauben; es macht sich lächerlich — es wird doch nicht sagen, daß man Porzer wegen seiner jüdischen Abstammung ersäufen soll — also es blamiert sich; es begeht Kinderstreiche; es ist alt und daher zum Kinde geworden: Senil. Uersammlnng der Wiener Ilo- Organisalioii. Am 13. d. Mfand im Sitznngssaale des Mariahilfer Tempelvereines eine von bürgerlichen Kreisen gut besuchte Versammlung des Zentralvereiues der jndisch-territorialistischen Organisation für Oesterreich statt. Nach Eröffnung und Begrüßung der Versammlung durch den Obmann, Herrn Dr. I. Samuely, erstattete Herr M. Schmidt den Bericht über die im Juli d. I. in London stattgehabte Konferenz des Jnteruationalrates der Jto, an welcher Herr Schmidt als österreichischer Delegierter teilgenommen hatte. Dem Berichte ist zu entnehmen, daß die Londoner Konferenz über alle schwebenden Fragen der Jto eingehend beraten hat. Was die territoriale Frage betrifft, hatte die Konferenz Gelegenheit, sich mit allen den Territorien, welche als Besiedlungsort der Juden in Betracht kommen können, eingehend zu befassen. Einen großen Raum in der Diskussion nahm naturgemäß Mesopotamien ein, das jetzt im Vordergründe der Verhandlungen stehe. Es wurde einstimmig anerkannt, daß Mesopotamien als Territorium für konzentrierte Mafseneinwandernng von allen diskutablen Projekten am geeignetsten sei, daß aber die Durchführung dieses Projektes nicht von einer einzigen Gruppe innerhalb des Jndenmms, sondern nur durch alle im Judentume vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Kräfte gemeinsam zur Durchführung gebracht werden könne. Angesichts der Größe des Projektes ist selbst das verfügbare Vermögen der Jca nur von untergeordneter Bedenlung, da die Jca einen großen Teil ihrer Fonds aus sehr lange Zeit hinaus gebunden und kommt daher für die Realisierung eines so mächtigen Projektes, wie Mesopotamien es ist, kaum in Betracht. In der Londoner Konferenz wurden — besonders seitens des Professors Slousch — Stimmen taut, daß das Cyrenaic a- Projekt, das, wie bekannt, als Jto-Land fallen gelassen wurde, wieder ausgenommen werde. Professor Slousch, der sich um die territorialistische Idee bereits große Verdienste erworben hat, mußte jedoch ans eine direkte Frage des Redners zngeben, daß Cyrenaica höchstens für 200.000 Perionen eine Existenz bieren könnte. Dieses Zugeständnis hat denn auch genügr, um Cyrenaica wohl als eines der Einwandernngslünder, nicht aber als Jto-Land ins Arbeitsprogramm der Jto anszuuehmen. Auch die O r g a n i s a ri o ns fr a g e bildete den Gegenstand eingehender, mitunter sehr lebhafter Beratungen. Wohl haben besonders die Delegierten Deutschlands und der Schweiz für einen sofortigen Ausbau der Organisation nachdrücklichst plaidiert, doch sei nach eingehenden Beratungen schließlich die Anschauung zum Drtrchbruche gekommeti, daß der tveitere Ausbau der Jto- Organisation den einzelnen Laudesgrnppen überlassen werde. Einen der wichtigsten Punkte der Tagesordnung der Londoner Konferenz bildere die Frage einer intensiven Tätigkeit auf dem Gebiete der Regulierung der Auswanderung mit besonderer Berücksichtigung des Texasgebietes via Galveston. Zangwill war in der Lage, mitzriteilen, daß in Amerika sich ein äußerst seriöses Komitee, mit Jakob H. Schiff an der Spitze, gebildet habe, welches die Galveston-Emigration ans breiterer und sicher fundierter Grundlage systematisch organisiert. Tie bisherigen Erfolge auf diesem Gebiete haben sich sehr ermunternd gezeigt. Es sei charakteristisch, daß der Fall eines einzigen Emigranten unter Tausenden, der als arbeitsscheues Judividunm das ihm zngewiesene Arbeitsfeld verließ und die amerikanische gelbe Presse mit Vorwürfen gegen die Jto überhäufte, den Gegnern der Jto genügte, um die ganze Galveston-Arbeit diskreditieret! zu wollen. Redner weist darauf hin, daß er bei dieser Gelegenheit die Londoner Konferenz mit der Unhaltbarkeit der jüdischen Emigrationszustäude in Galizien bekannt machte, indem er daraus verwies, daß gerade Galizien, das sich allmählich als eminentes Auswanderungsgebiet herausgebildet hat, bis heute von allen jüdischen Emigrationsorganisationen in auffallender Weise vernachlässigt wurde. Er schilderte die vielen wichtigen und unaufschiebbaren Arbeiten, die in Oesterreich gemacht werden müßten, und er erzielte auch ein vollständiges Verständnis für alle Vorschläge. Nun geht Redner gleich ans den zweiten Pltttkt der Tagesordnung: „Stellungnahme zum Emigrationskongreß" über. Nach einer eingehenden Schilderung der unhaltbaren Zustände der Emigrationsverhältnisse berichtet Referent über die verschiedentlichen Besprechungen, welche im Frühjahre mit den verschiedenen Wiener Kreisen gepflogen wurden. In diesen Konfereilzen ist über die wesentlichen Punkte der Frage eine Einigung erzielt und beschlossen worden, vorerst bezüglich der Abhaltung der Referate und der Beteiligung der maßgebenden ausländischen Kreise im Wege einer unverbindlichen Rundfrage Informationen einzuholen. Obgleich nun vom Wiener Komitee bisher noch keine offizielle Verlautbarung hinausgegangen ist, sind bereits von Kultusgemeinden und Emigrationsorganisationen, sowie anderen jüdischen Gruppen Rußlands, Amerikas und der Schweiz Resolutionen eingelaufen, in welchen die Notwelldigkeit eines solchen Kongresses betont und die Bereitwilligkeit, den Kongreß moralisch