Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 40 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 40. „Nach tiefster Einsamkeit verlangen", wieder so ein Stück unverdauter, mystischer Nietzschelektüre! Nichts im Leben wäre wirklich logisch und auf Logik angewiesen? Mit Verlaub, meine Gnädigste! Allerdings ist ein vollständiger Aufbau reinster wissenschaftlicher Logik ein Ideal, vielleicht uns Sterblichen ein unerreichbares, aber warum sich an den Manen so großer Männer, wie an denen des Aristoteles, des Begründers dieser Wissenschaft, derart versündigen, warum das Andenken Bako von Verulams, John Stuart Mills so unehrerbietig verhöhnen, lamer Männer, die es sich um diese Disziplin gar sehr sauer werden ließen? Und dies alles nur deswegen, weil es bei den Weibern, wenigstens im allgemeinen (die Frauen werden meine Leiche dereinst nicht zu Grabe tragen, wie den mittelalterlichen Minnesänger), weil es bei den Weibern, sage ich. mit der Logik schlecht bestellt ist, für welche Konstatierung ich genannten Schopenhauer zum Gewährsmann aurufe. Weil sich in dem Kopf Theklas die Welt ganz anders als in anderen Menichenköpsen, nämlich unlogisch malt, gäbe es darum nirgend Logik? Das klingt geradeso, als wollte jemand behaupten: Nichts in der Literatur ist wirklich grammatikalisch und ans Grammatik angewiesen, Frau Thekla behauptet dies zwar nicht, sie handelt aber sehr darnach, fort deshalb mit allen Sprachregeln. Man hat Altmeister Goethe ja schon Sprachsünden nachgewiesen. Es lebe daher der Bauer und hoch die unorthographischen Liebesbriefe der Köchin an ihren Liebsten! Sie haben doch ihre individuelle Berechtigung. S. Viueta. Das schlummernde Israel. Bon Dr. M. H. Friedläuder. (Fortsetzung.) Besonders ausführlich schildert N. Salomo Alami die traurigen Zustände der damaligen Zeit in seiner Schrift „Igeret Mussar". Er sagt: „Halbwisser und Charlatane suchten die Religion ins lächerliche zu ziehen, anstatt sie von ihren Schlacken zu reinigen. Wenn jemand ein philosophisches Buch gelesen hatte, so hielt er sich für einen großen Gelehrten und verhöhnte und verlachte das ganze Wesen der Religion. Die Sabbate und Festtage wurden entweiht und die R a b b i n e n durften es nicht wagen, diesen religiösen Verfall öffentlich zu geißeln, weil sie hiedurch den Unwillen der Reichen erregt und sich selber sehr geschadet hätten. In den Synagogen herrschte die größte Unordnung und Verwilderung, sie bildeten oft der: Tummelplatz unruhiger Bewegungen und Entartungen. Die „Andächtigen" schwatzten miteinander, anstatt zu beten oder lasen profane Schriften. Während der Vorlesung der Thora verließen viele das Gotteshaus und die übrigen stritten miteinander, wer zuerst „zur Thora gerufen" zu werden verdient, so daß häufig das Vorlesen aus der Thora sistiert werden mußte. Die Reichen und Angesehenen, die bei den Fürsten Zutritt hatten, waren stolz auf ihre hohe Stellung und blickten mit Verachtung auf die Arme» und Dürftigen, bereit traurige Lage sie nicht im entferntesten zu mildern und zu lindern suchten. Diese Emporkömmlinge waren unausgesetzt bemüht, Reichtümer zu erwerben, Schätze auf Schätze zu häufen, um auf großem Fuße leben, der Genußsucht fröhnen, ihre Frauen und Töchter gleich den Fürstinnen mit Prachtgewändern, Gold und Edelsteinen schmücken zu können. Neid. Haß und Verlenmdnngssucht waren die Eigenschaften oder richtiger Leideuschaflen der Reichen, die sich stets zu bekämpfen suchten." Die traurigen Folgen dieses Sittenverfalles blieben nicht aus, eine furchtbare Katastrophe brach über die Inden Spaniens und Portugals herein. „Es kam Amalek" und drohte, Israel zu vernichten. In dieser Zeit der Not und Bedrängnis kehrte Israel zurück zu seinem Gotte, gelobte feierlichst, unter allen Umständen dem Glauben der Väter treu zu bleiben, für die Verbreitung der Kenntnis der Thora Sorge zu tragen, und sein Gebet fand Erhörung und Gewährung. Es fand in anderen Ländern freundliche Aufnahme, wo es Schulen gründete, denen es seine unverwüstliche Lebenskraft zu verdanken hat. Was ist aber ans Spanien, dem einstigen blühendsten Staate Europas geworden? Aber auch in der modernen Zeit, die sich, und nicht mit Unrecht, die Zeit des Fortschrittes, der Aufklärung, der Kultur und Bildung nennt, hat Amalek, den man bereits verschollen wähnte, es gewagt, sich wieder in seiner wahren, häßlich undabschreckenden Gestalt zu zeigen. Wenn vor mehr denn vier Dezennien, als die Wogen des Liberalismus hochgingen und der himmlische Ton der Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichberechtigung durch ganz Europa drangt es jemand gewagt Hütte zu behaupten, daß die Zeit nicht fern sei, in der man die Inden wieder mit echt mittelalterlichen Waffen in Wort und Schrift angreifen, verdächtigen, verunglimpfen werde, man würde an seinem Verstände gezweifelt haben und doch hat es leider nicht lange gedauert, und „Wajowau Amalek" Amalek kam plötzlich und griff Israel heftig an. Heule noch feiert der Antisemitismus, dieses entsetzenerregende, giftverbreitende, die niedrigsten Leidenschaften wachrnfende Ungetüm seine Orgien und richtet heillosen Schaden an. Allerdings fragen die Besonnenen „woher dieser brennende Zorn?" Die Antwort auf diese Frage hat bereits vor Jahrtausenden die Thora gegeben. Sie lautet: Al oscher oswu „weil sie den Bund verließen^ den der Ewige, der Gott ihrer Väter, mit ihnen geschlossen." Kaum hatte die Morgenröte der Freiheit zu dämmern begonnen, kaum sind die Mauern des finstern Ghetto gefallen, als das Studium der Thora vernachlässigt, die wichtigsten religiösen Satzungen und Vorschriften nicht nur lax behandelt, sondern auch von vielen verworfen, belächelt und verhöhnt wurden^ Israel ist in Folge der errungenen Freiheit seinem Gotte entflohen, daher Er diesen Sturm, der heute noch heult imb braust, erregt hatte. Was geschieht aber im Jtldentltme, um diesen gefährlichen Feind, den modernen Amalek, zit bekämpfen? Israel schlummert, liegt, wie einst Prophet Jona, betäubt, besinnungslos, denkt das ganze Jahr nicht an seine Pflichten, die es als „Reich von Priestern" stets zu erfüllen am Sinai feierlichst gelobt hatte.— Nun kommt der Bersöhnungstag, der Schiffshauptmann, und rnft dem schlummernden Volke zn: „Was ist dir. Schläfer, aus! Rufe deinen Gott an." Der Gott, der deinen Vätern Kraft und Mut verliehen weit größeren Stürmen zu trotzen, wird auch dir beisteheu, rufe ihn nur andachtsvoll an, denn „nahe ist der Ewige allen, die ihn in Wahrheit anrufen." Bedürfen wir aber erst, so hören wir fragen, dieses Mahnrufes? Feiern wir denn nicht den Bersöhnungstag in würdiger und weihevoller Weise? Fasten wir nicht, kasteien wir nicht unfern Körper, sind nicht an diesem Tage die Gotteshäuser in allen ihren Räumen dicht gefüllt, weil nicht nur die Unbemittelten, sondern auch die Reichen und Angesehenen da das Bedürfnis fühlen, zn kommen und zu beten, den Gott ihrer Väter anzurufen? Allerdings kann es nicht geleugnet werden, daß am Versöhuungstag in Israel heute noch viel gebetet und gefastet wird, allein es herrscht diesbezüglich eine wahre Begriffsverwirrung, viele bedenken nicht, daß diese Bnßeanstalten nur Mittel zum Zwecke seien, der erreicht werden soll, die Mittel werden wohl angewendet, der eigentliche Zweck aber, der durch dieselben erzielt werden soll, wird ganz außer Acht gelassen. . Um mich etwasdeutlicher, prägnanter ausdrücken zu können, will ich ein Gleichnis erzählen, das hier am Platze sein mag. In einem kleinen, von jeder größeren Stadt weit entfernten Orte erkrankte einmal das Haupt einer Familie, die in den drückendsten Verhältnissen lebte. Der Arme lag schwer darnieder, ein Arzt war nicht im Orte und aus der nächsten Stadt einen holen zu lassen, fehlten die Mittel. In Ermangelung eines rationellen Arztes, nahm man, wie es in Dörfern gang und gäbe ist, zn Hausmitteln und zu Kurpfuschern Zuflucht, wodurch aber selbstverständlich dem Kranken nicht im geringsten geholfen werden konnte. Da kam plötzlich die Nachbarin und teilte der tiefbetrübten Gattin des schwerkranken Mannes mit, daß der Kreisphysikus der nächsten Kreisstadt soeben im Orte angekommen sei. Sofort eilte die Arme dem Arzte entgegen, klagte ihm tränenden Auges ihr Leid uud bat ihu händeringend um Hilfe. Der leutselige Arzt verfügte sich unverzüglich an das Krankenlager jenes