Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 40 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Länder, des Gesammtstaates und der Dynastie gewirkt. Sie s hoffen, daß dies nicht zu ihren Ungnnften in die Wagschale geworfen wird in dem schicksalsschweren Momente, da es die Aufgabe dieser hohen Regierung ist, den im Landtag der Bukowina beschlossenen Gesetzentwurf, der auch eine jüdische Knrie enthält, der-allerhöchsten Sanktion zn unterbreiten. * * * Entsprechend den Erklärungen des Ministers des Innern wurde der Entwurf des Permanenz-Ausschusses durch die Regierung ab geändert und ist bereits in veränderter Gestalt dem Landesansschnß übermittelt worden. Durch die Beseitigung der jüdischen Knrie und des jüdischen Katasters erwies sich eine Reihe von Aenderungen als nötig, über welche aus Czernowitz folgendes berichtet wird: „Die Abänderungen betreffen zunächst die Einführung von Majoritäs- und Minorltätsmandaten für jüdische Majoritäten und deutsche Minoritäten neben sogenannten „Einer"-Bezirken in der deutschen Knrie und die Bildung der entsprechenden Wahlbezirke. Neu ist auch die konsequente Hinweglassnng der Bezeichnung „Jüdisch", auch überall, wo sie im früheren Entwürfe vorgekommen ist, und die Wahlkreiseinteilung für die Inden und Deutschen. Diese Einteilung, welche sowohl den Deutschen, als den Inden sichere Bezirke schaffen soll, ist folgendermaßen festgesetzt: 2 Handelskammermaudate, 7 deutsche Städtemandate, darunter 4 mit Majoritäts- und Minoritätsmaildaten und 3 mit Einer-Mandaten. In der allgemeinen Knrie sind 4 deutsche Wahlbezirke, und zwar ein Majoritäts- und Minoritätsbezirk und 3 Einer- Bezirke. Die Majoritäts- und Minoritätsmandate sind folgende: Die Stadt Czernowitz mit 21.587 Juden (65 Prozent) und 12.854 Deutschen (35 Prozent) wählt zwei Abgeordnete, dann wühlen die Städte Radautz, Suczawa, Sereth, Glirahumora, Kimpolmiq, Dorna, Storozynetz. Kotzma», Wiznitz mit 23.295 Inden (65 Prozent) und 12.730 Deutschen (35 Prozent) ebenfalls zwei Abgeordnete in der Gemeindeknrie. Diese beiden Bezirke wählen als ein Wahlbezirk in der allgemeinen Kurie wieder einen Abgeordneten. Ferner bilden die deutschen Gemeinden der Bezirkshauptmannschaften Kimpolung und Gnrahumora mit 7971 Deutschen, darnter 6629 katholischen, einen Zensuswahlbezirk; einen zweiten bilden die deutschen Gemeinden der Storozyuetzer und Snczawaer Bezirkshanptmannschaften mit der Gemeinde Molodia; 6764 Deutsche, darunter 6242 katholisch. Endlich wurde ein evangelisch-deutscher Zensuswahlbezirk aus den übrigen deutschen Kolonien von 10.169 Deutschen, Darunter 7838 evangelisch gebildet. Diese drei Bezirke zusammen bilden wieder einen Wahlbezirk in der allgemeinen Kurie. Schließlich wurde ein jüdischer Wahlbezirk für die übrigen Deutschen gebildet, die in beiden anderen deutschen Wahlbezirken der allgemeinen Kurie nicht zu wählen haben. Dieser Wahlkreis dehnt sich also über die ganze Bukowina aus. Er umfaßt 46.448 Juden, welche einen Abgeordneten zu wühlen haben. Die Mandatszahl wurde von 59 auf 63 erhöht (bisher hatte der Landtag im ganzen 31 Abgeordnete), in dem Deutsche, Juden, Rumänen. Rnthenen und Polen je ein Mandat mehr bekommen. Diese Zahl setzt sich zusammen aus den beiden Virilstimmen des Metropoliten in Czernowitz und des Rektors der Universität, 13 Vertretern des Großgrundbesitzes. 5 Vertretern der Städte, 2 Vertretern der Handelskammer, 24 Vertretern der Landgemeinden und 17 Abgeordneten der neuen allgemeinen Wählerklasse. Die fünf Mandate der Städte und die 24 Ver-! treter der Landgemeinden verteilen sich auf 10 Rumänen,! 10 Rnthenen, 8 Deutsche und Juden und 1 Mandat verbleibt j den Polen. Von den 17 Abgeordneten der allgemeinen Wähler-! ilasse entfallen 6 auf die Rumänen. 6 auf die Rnthenen, 4 auf die Deutschen und Juden und 1 auf die Polen. Der Landtag, der für den 15. Oktober einberufen ist, soll in zwei Sitzungen die Wahlreform erledigen. Der Selbstmord von einer „jüdischen" Schriftstellerin verhimmelt. (Schluß.) Selbstmord aus lediglich philosophischen Gründen ist eine Fiktion. Eine solche Gestalt läßt sich nur auf dem geduldigen Papier konstruieren. Die Literatur über den Selbstmord ist seit dem Werk der Frau v. Stasi eine unübersehbare geworden und die Wissenschaft der Gegenwart behandelt ihn mit Vorliebe. Ich aber halte es mit jenem Schriftsteller, der da sagte: Wenn ein neues Buch erscheint, so lese ich ein altes. Heran denn zum zweiten Male alter Hufeland! Du schreibst: Der unnatürliche Trieb zum Selbstmord, dieser ehedem bloß durch traurige Notwendigkeit und heroischen Entschluß mögliche Zustand ist jetzt eine Krankheit geworden, die in der Blüte der Jahre bloß aus Ekel und Ueberdrnß des Lebens den entsetzlichen und unwiderstehlichen Trieb hervorbringen kann, sich selbst zu vernichten. Es gibt jetzt wirklich Menschen, bei denen jede Olttelle von Lebeusgefühl nnd Lebensglück so vertrocknet, jeder Keim von Tätigkeit und Genuß so abgestorben ist, daß sie nichts so abgeschmackt, ekel und fade finden, als das Leben, und daß ihnen dasselbe zn einer so drückenden Last wird, daß sie dem Wunsche gar nicht widerstehen können, sich dessen zu entledigen. Und diese Menschen sind fast immer diejenigen, welche durch zn frühzeitige Ausschweifungen, durch eine zu frühzeitige Verschwendung jener balsamischen Lebenssäfte, die unser eigenes Leben würzen sollen, sich erschöpft und lebensarm gemacht haben. Ist es nicht natürlich, daß ein solcher Unglücklicher den Tod ohne Bewußtsein, dem mit Bewußtsein (und das ist sein Leben) vorzieht? Brauchen wir da noch tiefer zll schürfen? Als Griechenland und Nom entnervt und entsittlicht durch Wollüste aller Art dem Verfall entgegengingen, entstand eine Selbstmordepidemie. Auch unsere Zeit trägt den Stempel der Dekadenze an der Stirn und ihre deutlichsten Zeichen sind die vornehmen Selbstmörderklubs. Kein anderer Gesetzgeber hat so strenge Vorschriften gegen sexuelle Verirrungen erlassen, keiner die Ehe zwischen nahen Verwandten so dezidiert verboten, als Moses. Die Geschwisterehen finden sich im Gegensatz hiezu bei fast allen antiken Völkern. Welcher Anteil dieser dekretierten Sittenreinheit, der Reinheit des Ehennd Familienlebens an dem beispiellosen Fortbestand der Inden als Volk zukommt, will ich hier nicht untersuchen. Aber welches Verbrechen an den edelsten Traditionen ihres Stammes begeht diese Thöriu. wenn sie über Selbstmord salbadert, ihren Glaubensgenossen die verhältnismäßig harmlosen Tannenbäume nicht gönnt, den Import fremder Selbstmordauschauungen aber lebhaft betreibt und sich den Schein der Gelehrsamkeit gibt? Niemand hat seiner Ueberzengnng von der Nichtigkeit alles Seienden so beredten Ausdruck verliehen, als der Dichter- Philosoph Schopenhauer. Und selbst er predigt: Nicht der entziehe sich dem Willen zum Leben, der sich aus demselben durch Selbstmord auszuschalten glaubt, sondern der Asket, welcher diese Lebensbejahung durch ein Leben voller Dürftigkeit langsam in sich ertötet, womit er freilich nur indische Brahmanenweisheit zu europäisieren sucht. „Die Verschlingungen des Lebens, die an die Menschen die Anforderung robuster seelischer Gesundheit stellen, lassen viele feinere Naturen erbarmungslos scheitern. Es ist hier ein furchtbares Ringen zwischen dem Mut, zu sterben und dem Mnt, zu leben. Und in der Ueberschätzung der einzelnen Lebensereigmsie üegt der Tragödie innerster Kern. Aber m allen diesen Erscheinungen, selbst im Selbstmord irgend eines unreifen Geistes, der seiner inneren Verwirrung entfliehen möchte, selbst in der Tat. begangen ans Furcht vor Strafe, Krankheit, Selbstmorde, die absolut nicht die Konsequenz eines gereisten, erhöhten und entsagungsvollen Standpunktes der Selbstbetrachtung sind, liegt schon der Keim jenes göttlichen Verzichtes, der nach tiefster Einsamkeit verlangt. Sie alle, die an die Natur die große Frage gerichtet haben und ohne Antwort geblieben sind, sind im Grunde die die lebensbedürftigsten Leidenschaften enthaltenden Lebensiucher. Bor dem Forum der fünf gesunden Sinne, die keiner extaktischen Schwingung fähig sind, der leidenschaftslosen Logik, die den Selbstmord als Borgreifen einer Bestimmung, die über kurz oder lang eimreten muß, verurteilt, ist der Selbstmord gerichtet. Aber nichts im Leben und in der Natur ist wirklich logisch und auf Logik angewiesen und so hat auch der Selbstmord seine individuelle Berechtigung als der entgleiste Wille zum Leben, der sich in eine Sackgasie verrannt hat und an der steinernen Mauer der absoluten Gesetze zerschellt."