Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 40 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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L-eile 4. Die Wahrheit Nr. 40. Th- Schiemann, dessen letzter Wochenrnndschau in der „Kreuz-Zeitung" wir dieses bändesprechende Zitat entnehmen, bemerkt Hierzit noch: „Seither aber sind immer aufs neue große Organisationen entdeckr worden, die sich die systematische Beraubung des Sraates, säst möchte man sagen, zur Lebensaufgabe gestellt haben. Eine Senatorenrevision folgt der anderen, und eben jetzt ist wieder ein Prozeß im Gauge, der ungeheuere Unter schleife von Ingenieuren im Staatsdienste aufdeckt." Diese Vampyre am russischen Staatskörper sind aber, wie männiglich bekannt, keine Inden, sondern die Hauptstützen des antisemitischen „Verbandes der echtrussischen Leute." * --- * Aus Budapest wird uns geschrieben: „Vor etlva 15 Jahren wurde hier eine Mensa academica gegründet und eine große gesellschastliche Aktion eingeleitet, um die nötigen Mittel für die Mensa herbeiznschaffen. Freudig stellten damals unsere jüdischen Mitbürger größere Summen diesem Zwecke zur Bersügung Und der Dank für die Opferwilligkeit war, daß die Leitung dieser Institution in judenfeindiiche Hände gelegt wurde, so daß bereits nach kurzem Bestände kein einziger Jude mehr Freikost erhielt. So wurden die jüdischen Kreise darauf aufmerksam, daß die jüdischen Hochschüler von der Mensa academica eigentlich nichts haben und daß es unbedingt notwendig sei, eine solche Mensa zu errichten, welche den jüdischen Hochschülern rituelle Kost verabreicht. Bald fanden sich einige Männer, die ernstlich daran gingen, eine jüdische Mensa zu errichten. Ihrem Eifer ist es auch im Jahre 1904 gelungen, beu „Verein ungarisch-jüdischer Hochschnler" zu gründen, dessen eigentlicher Zweck die Errichtung einer jüdischen Mem'a war. Dieser Verein hat bedauerlicherweise unter unseren jüdischen Mitbürgern nicht jene Opferwilligkeit gefunden, welche der oben geschilderten Mensa academica bewiesen wurde, so daß der Verein jahrelang mit großen Schwierigkeiten kämpfen mußte. In der letzten Zeit scheint aber in dieser Beziehung eine erfreuliche Aeudernng eingetreten zu sein. Anläßlich der am 4. Oktober abgehaltenen Generalversammlung nämlich erfuhren wir, daß im letzten Jahre die Zahl der ordentlichen Mitglieder 160 betrug und daß der Verein bereits 300 unterstützende Mitglieder zählt, so daß im abgelaufenen Semester einer großen Zahl von Hochschüleru Freikost gewährt werden konnte. Es ist ui diesem Blatte wohl unnötig zu betonen, wie wichtig es für die Zukunft der jüdischen Intelligenz ist. daß die Hochschüler in ihren Lehrjahren gute und kräftige rituelle Kost erhalteit und daß dieselben ein Heim haben, wo sie mit Kollegen den jüdischen Geist pstegen können. Es wäre daher lebhaft zu wünschen, daß dieser Verein durch Stiftungen und Legate materiell gestärkt werde." In Wien, wo die Notwendigkeit einer jüdischen Mensa sich schon längst erwiesen hat, ist es trotz mannigfacher Anläufe bisher leider noch nicht zur Aktivierng einer solchen gekommen. Ja, bei uns in Oesterreich herrscht noch immer die alte Devise: Nur langsam voran! Bei der seinerzeit in Deutschland vielerörterten Kriegsgerichts- Verhandlung gegen den Rittmeister Grafen v. Gersdorff wegen vorschriftswidriger Behandlung des jüdischen Einjährig- Freiwilligen Bloch hat, wie damals mitgeteilt wurde, der Vertreter der Anklagebehörde, Kriegsgerichtsrat W a l t h er, gesagt: „Nun ist aber die jüdische Abstammung talsächlich noch nie ein Vorzug gewesen." Der Z e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wandte sich wegen dieser Aenßerung b e s ch w e r d e f ü h r e n d an den damaligen Kriegsminister und erhielt, wie er in seinem Organ mitteilt, jetzt von dem neuen Kriegsminister nachstehenden Bescheid: „Kriegsgerichtsrat Walther hat die Untersuchung mit großer Gründlichkeit und Objektivität geführt und sich dabei insbesondere von jeder Voreingenommenheit gegen das Judentum freigehalten. Auch bei der Vertretung der Anklage in der Hauptverhandlung am 19. April 1909 hat er sich ernstlich bemüht, die Straferschwerungs- und Strafvermindernngsgründe vorurteilslos gegeneinander abzuwägen. Bei einem Versuche, die Handlungen des Angeklagten psychologisch zu erklären, hat er dann neben anderem allerdings auch ansführen zu sollen geglaubt, „als einen Vorzug haben wir Deutsche die jüdische Abstammung doch auch noch nie gehalten". Die staatsrechtliche Gleichstellung der Religioilsbekeinitnisse hat er damit nicht in Frage stellen und die Begehung strafbarer Handlungen gegen Angehörige jüdischen Glaubens nicht milder beurteilen wollen. Er hätte sich aber sagen m ü s s e n, d a ß d i e Aenßerung geeignet war, d a s E m p f i u d e n j ü d i s ch e r S t a a t s b ü r g e r zu verletzen. Ich habe ihm daher das Geeignete eröffnen lassen. Der Kriegsminister, gez. v. H e e r i n g e r.". Diese durchaus korrekte Stellunguahme des neuen Kriegsmiuisters findet natürlich nicht den Beifall der antisemitischen „Deutschen Tageszeitung", die den Bescheid „aufrichtig bedauert und nicht versteht". Hoffentlich wird der Minister v. Heeringen noch öfter in die Lage kommen, durch ehrliche Maßnahmen das Mißfallen der Antisemiten zn erregen. Zacherli«. Von * * * Es kann der sauberste Körper nicht in Frieden leben, lveuu es dem Ungeziefer liicht gefällt, und mag eilte Dame noch so nobel tun, mag es ihr noch so Peinlich werden, nach Insektenpulver zn fragen und dadurch das Eindringen der Flöhe in ihr Hallswesen einzngestehen; sie müssen doch vertilgt werden, also nur beherzt das Mittel verlangen! Was sich das „Deutsche Volksblatt" vom 7. und 8. Oktober erlaubt, grenzt schon au Wanzenparoxismns, also: Terpentin! — Die Herren Europäer gönnen den verfluchten Sarazenen nicht die feschen Weiber; sie brauchen sie daheim. Was tun? Konferenz! Europa, der verseuchte, in Schmutz und Blut wühlende, herzlose, klassische Weltteil der intelligenten Bestie, wird moralisch und will die Weiberansfnhr — mangels einer guten Ernte — verbieten. Und Spanien, das in demselben Moment Bürgerblut trinkt, ladet die Konferenz zu sich. Man hat, wie gesagt, an der Konferenz genug zu tadeln. Es ist zn verurteilen, daß es westliche Juden oder Fräuleins, die durchaus eine Nolle spielen wollen, waren, die das Gerücht, die Verleumdung in die Welt setzten, die polnischen Juden sind die Hanptbeteiligten; es ist ferner zn verurteilen, daß die Konferenz die Einladung nach Madrid annahm. Aber nicht diese Dinge will Vergani tadeln; er, der so klein begonnen und so groß schließt, findet in der Konferenz „einen Beitrag zur Lösung der Judenfrage". So überschreibt er seinen Leitartikel vom 6. Oktober 1909: „Der Mädchenhandel. Ein Beitrag zur Lösung der Judenfrage." Seine Pöbelhaftigkeit begrüßt die Konferenz und hofft auf eine umfangreiche Debatte. Und da beginnt Schmutz auf Schmutz, Gemeinheit auf Gemeinheit, Menschenauswurf auf Menschenauswurf sich zu häufen. Daß wir unsere Mazoth mit Christenblnt backen, zieht nicht mehr; daß wir am Versöhnungsabend feierlich geloben, die Eide zn brechen, ist auch abgeschmackt — die „Neichspost" druckte es nur unter dem Strich und beschuldigt nicht direkt und das „Volksblatt", das die Instinkte noch besser kennt, hat sogar auf diese Argumente Heuer ganz verzichtet — anders der Mädchenhandel, das läßt sich hören. Das Verbrechen ist nicht so grauslich wie der Ritualmord mib nicht so wahnsinnig wie das feierliche Geloben der falschen Eide, ist aber anderseits gut genug, um die Ehre der jüdischen Nation, der jüdischen Konfession, die Ehre jedes einzelnen Juden in den Kot zn zerren, ihn znm Scheusal, zum Plattenbruder, zu machen. Diese Taktik ist weit gefährlicher als Mazotk und Kol Nidre, weil nicht so abstoßend und daher wirksamer. Wir sollen es nicht tun, wir sollen uns um die regelmäßigen Verleumdungen, die die Fundamente des Antisemitenhofes bilden, nicht kümmern. Unser Grundsatz ist: den Rassenhaß und seinen elektrischen Betrieb als Tatsache hinzunehmen und für den inneren Ansban der nationalen Güter zu sorgen, die Wiederbelebung zu befördern. Demzufolge verurteilen wir' die jüdischen Organe, die ihre Kraft durch Plänkeleien mit bezahlten Hetzern vergeuden. Aber alles hat feine Grenzen. Einen kranken Hund kann ich > unter Umständen sogar pflegen, einen tollen, schießt man nieder. Paralytiker gehören nach Steinhof. Beim besten Willen, ja wenn man sogar Wohlwollen für die Richtung des „Volksblattes" hegen sollte, muß man doch sein Treiben in letzterer Zeit als Paralysis kennzeichnen. Schon der Titel verdient die i Hundspeitsche. „Der Mädchenhandel. Ein Beitrag zur Inden-