Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 39 (30.9.1909)
- Date
- 1909-09-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 39. da sei, der die Kenntnis und der Fähigkeit besitze, seine lügenhaften Verleumdungen, wie überhaupt seine hämischen Behauptungen und boshaften Vorwürfe zu widerlegen. Und in der Tat hätte Haman leicht sein vorgestecktes Ziel erreicht, wenn es nicht in Susan doch einen Juden gegeben hätte, der sein Judentum nicht nur nicht verleugnet, sondern es ostentativ zur Schau getragen und die gefährlichen Pläne Amaleks zu vereiteln verstanden hatte. Isch Jelrudi liojo beschuschan habiro. E i n Jude war damals in Susan, der sich stolz Jude nannte, der weder seinen Namen, noch den seiner Ahnen verleugnet hatte. Er nannte sich Mordechai, Sohn des Jair, Schimi, Kisch aus dem Stamme Benjamin; er war der einzige, der den Mut hatte, dem allgewaltigen Kanzler Haman zu opponieren, ihn seines Nymbus zu entkleiden. Als er erfuhr, daß Haman bereits den König für seinen Plan gewonnen, verfügte er sich, in tiefste Trauer gehüllt, in den königlichen Palast und klagte sein Leid der Königin. Die kluge Esther entgegnete ihm: „Es ist gewiß betrübend zu sehen, wie nichtswürdige Geschöpfe sich erkühnen, eine ganze Klasse nützlicher Menschen dem Hohne und Spotte, der Verachtung und den Mißhandlungen des rohen Pöbels preiszugeben, allein frei von jeder Schuld sind unsere Glaubens- und Stammesgenossen denn doch nicht zu sprechen, denn sie haben die hier errungene Freiheit mißbraucht. Sie haben sich im Innern zerklüftet, wollten keine Autorität anerkennen, verleugneten ihre eigenen Traditionen und huldigten fremden Sitten und Bräuchen, daher sie es jetzt schwer büßen müssen. Das einzige Mittel, das uns noch retten fomi, ist die Rückkehr zum Glauben der Väter, Lecli kenos es kol kajekudim. Vor allem versuche es durch -die Macht deiner Beredsamkeit, sämtliche Zehndim, die hier in der Hauptstadt wohnen, zu vereinigen, kenos. zu organisieren, sie für die Lehre Gottes zu begeistern; suche das Selbstbewußtsein in ihnen wachzurnsen, dann wird es uns leicht gelingen, die Pläne und Entwürfe unserer erbittertsten Feinde zu vereiteln und dem Könige die Ueberzengung zu verschaffen, daß der Judenhaß nicht, wie Haman vorgeben zu können glaubt, geeignet sei, das Heil und Wohl des Staates zu fördern, sondern umgekehrt, den Staat in seinen Grundfesten zu erschüttern, denn der Judenhaß (Antisemitismus) führt zum Anarchismus." Mordechai beherzigte den trefffichen Rat der Königin, und so gelang es den persischen Inden, den Antisemitismus unschädlich zu machen. Treffend bemerkt daher der Talmud (Meg. 13): Gedaulo kosoros hatabaot rc. Der Moment, in welchem König Achaschwerosch seinen Ring abgezogen und ihn dem Haman überreichte als Zeichen, daß er ihm hiemit das Recht verliehen, mit den Juden nach seinem Gutdünken zu verfahren, hat mehr zur Hebung und Förderung des religiösen Lebens beigetragen, als die zahlreichen begeisterten und begeisternden Reden, die achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen gehalten hatten. So war es nicht nur im grauen Altertume, sondern auch im sinsteren Mittelalter und in der Neuzeit. So oft Israel infolge errungener Freiheit übermütig und gottvergessen wurde, mußte es durch das Erscheinen Amaleks an seine hohe Ausgabe, an seinen heiligen Beruf als „mamleckes kakanim" erinnert werden. Mickomo le adönai beamolek. „Des Glaubens wegen muß von Geschlecht zu Geschlecht mit Amalek gekämpft werden." In Spanien und Portugal erfreuten sich die Juden im Mittelalter einer freien bürgerlichen Stellung, sie durften überall wohnen, Handel und Gewerbe ungestört treiben und höhere Staatsämter bekleiden, daher auch viele von ihnen zu Reichtümern gelangten. Allein infolge dieser Errungenschaften wurde das schöne prachtvolle Religionsgebäude in seinen Grundfesten erschüttert. Das Studium der Thora wurde vernachlässigt, die religiösen Satzungen wurden nicht im entferntesten beachtet, die schönen herrlichen Sitten des jüdischen Lebens gerieten in Verfall. R. Jsak b. Scheschet klagt in seinen Responsen: „Die Reichen und Adeligen haben stets bloß ihr liebes Ich vor Angen, aus das Ansehen ihres Gottes aber nehmen sie keine Rücksicht!" . (Fortsetzung folgt.) Der Sukkoth-Feiertage halber erscheint die nächste Nummer Freitag, den 15. Oktober. Die Redaktion. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Jüdischer S ch u l ö e r e i « für den IX. Bezirk, IX./1., Grüne Torgasse 19. — IX. V e r e i n s j a h r.) Die Einschreibungen finden Sonntag von 10 bis 12 Uhr vormittags, Montag, Mittwoch, Donnerstag 5 bis 7 Uhr abends (für Unbemittelte nur bis 30. September) statt. Der Unterricht beginnt am 26. September. Wien. Herr Alfred Taube r, Oberkantor der Vereinsgemeinde des IV. und V. Bezirkes in Wien, feierte mit seiner Iran Babette, geborene Israeli, am 21. September dieses Jahres die goldene Hochzeit im Kreise feiner Angedörigen. Herr Tanber ist im 76. Lebensjahre, seine Frau ist 72 Jahre all und beide erfreuen sich der besten Gesundheit. Der Jubilar,, welcher 10 Jahre zuerst im Leopoldstädter-Tempel und dann seit 28 Jahren im hiesigen Margaretner-Tempcl bis jetzt als Kantor und Chordirigent fungierte, nebst dem den Jngendgottesdienst versah, somit 36 Jahre der israelitischen Kultnsgemeinde mit voller Hingebung und Pflichttreue diente, erfreut sich noch, trotz des vorgerückten Alters, einer wohlklingenden Stimme und ist wegen seines schönen Vortrages, wie auch wegen seines tadellosen Lebenswandels allgemein beliebt. Dem Jubelpaare sind mehrfache Gratulationen und Geschenke von nah und fern zugekommen. Wien. Kantor Josef Olexincer ans Tarnovol, bat im Verein ,.Ansclie-Emes“, X. Bezirk, an den hohen Festtagen die Mnssofimgebete vorgetragen und erntete durch seine hübsche Stimme und seinen würdigen Vortrag allgemeinen Beifall. Wien. Im Filialrempel des XX. Bezirkes hat Kantor Markus H. Fuchs aus Preßbnrg an den hohen Festtagen mit großem Beifalle funktioniert und Anerkennung von Seite des Vorstandes und Mitglieder erhalten. Kantor Fuchs besitzt eine herrliche Stimme und schönen Vortrag. Wien. Sonntag, den 26. d. M., ist eine der bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gesellschaft. Herr Wilhelm Fr e Yb erg, im 74. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war ein äußerst guter, edler und wohltätiger Mensch, der wahre Menschenliebe in 'großen Zügen übte und für jeden Dürftigen und Leidenden, sowie für jeden guten und edlen Ziveck ein empfängliches Herz und eine offene Hand hatte. Die allgemeine Verehrung und die außerordentliche Beliebtheit, deren sich der Heimgegangene in den weitesten Kreisen erfreute, kam in der großen Teilnahme an dem Leichenbegängnisse, das Dienstag, den 28. d. M., vom Tranerhause, I. Schottenring 31, aus stattfand, zum Ausdruck. Sein Andenken wird von Bielen gesegnet werden. Er ruhe in Frieden! Wien. Am Tage nach Jom-Kipvur. Sonntag früh morgens, hat der Religionslehrer L. Bnxbanm seinem Leben durch Absturz von den Fenstern seiner im 3. Stockwerke II., Leopoldsgasse 26, gelegenen Wohnung ein gewaltsames Ende bereitet. Ueber das Motiv, das den Bedauernswerten zum Selbstmorde rrieb, gibt nachfolgendes Schreiben Aufschluß, das er an uns hinterlaffen har. Es lautet: n'P2* Teile der geehrten Redaktion mit. daß sch bereits NV1F2 (S/V. d. I.) beschlossen habe, in den Tod zu gehen, weil mein Sohn Dr. Max Josef Bnxbanm tP'1 — praktischer Arzt in Hütteldorf, sich getauft hat. In einer Niederschrift tEDltParr toin oder „der 3-sach zureichende Grund für die Berechtigung meines Selbstmordes" habe ich nachgewiesen, daß sowohl nach den Natur- und Vernunft-, als nach den allgemeinen ethischen und speziellen jüdischen Gesetzen meine Tat kein Verbrechen, im Gegenteil die größte Gottesverherrlichung ist. Hochachtungsvoll L. Bnxbanm, Religionslehrer. Obige Nacht 1 Uhr. Gr -Meferitsch. (A m t s j u b i l ä n m). Sonntag, den 3. Oktober l. I. begeht Herr Oberkantor Josef Steiner in Groß-Meseritsch sein vierzigjähriges Amtsjubiläum Ans diesem Anlasse sind dem Jubilar mehrfache- Ehrungen seitens des Kultusvorstandes und anderer Korporationen und Faktoren zugedacht. Es wird ein Festgottesdienst stattfinden, bei welchem Herr Rabbiner Dr. S t ö ß l e r (Trebitsch) und der Präsident des mährischen Kantoren-Bereines Oberkantor Heller (Brünn) fungieren werden. Czernvwitz, 24. September. Die Regierung lehnte den Wahlresormentwurf Hormuzakis insbesondere deshalb ab, weil sie einen besonderen jüdischen N a t i o n a l k a t a st e r nicht z u g e st e h e n will. Die Juden sollen mit den Deutschen einen gemeinsamen Kataster erhalten. Der Permanenzausschuß des Landtages tritt am 1. Oktober zusammen. Falls eine Einigung über den Wahlreformentwurs erzielt wird, soll der Landtag für den 10. Oktober einberufen werden. Czernotvitz, 22. September. (Niederlage der Christlichsozialen in Gurahumora.) Bei den heute stattgefundenen Gemeinderatswahlen in Gurahumora sind die Christlichsozialen trotz einer monatelangen heftigen Agitation in der Minorität geblieben. Alle Kandidaten der koalierten Gegenpartei, Deutsche und Juden, wurden gewählt. Wegen dieser Wahlniederlage durchzogen die Christlichsozialen die Stadt und prügelten die Passanten. Die Landesregierung verschärfte die Sicherheitsmaßnahmen und verstärkte die Gendarmerie.