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Die Wahrheit · 1909-09-30 · Heft 39 (30.9.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 39 (30.9.1909)
Date
1909-09-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrheit Seite 9. -Schande. Goethe scheute sich nicht auszurufen: „Ich möchte sagen, daß alle diejenigen auch für dieses Leben tot sind, die -kein anderes hoffen." Die Gesellschaft hat es gelernt, dem Selbstmorde Tagesereignisse als Motive unterzuschieben. Ja, was soll das heißen? Ich glaube, es hat nie eine Gesellschaft gegeben, welche so dumm gewesen wäre, zu glauben, der Selbstmörder habe nur deswegen seinem Leben eilt Ende gemacht, um den Priestern aind ihrer Pädagogik einen Possen zu spielen; ans bloßer Sucht zu sündigen, mordet man sich nicht und Motive vernünftiger Natllr hat man stets vermutet, aber nicht unterschoben. Tagesereignisse! Was verstehen Sie darunter? Neunen Sie verlorene Ehre, unerwiderte Liebe Tagesereignisse? O, Sie sind beinahe zn bedauern! „Für das Mysteriuin des Selbstmordes ist bisher eine beruhigende -Erklärung nicht zn finden gewesen. Die Klasse jener Menschen, die den Selbstmord von der Höhe ihres gesunden Menschenverstandes herab als eine abnorme Erscheinung abtut, k o m m t wegen ihrer oberflächlichen Art. ans diese Weise über seine beängstigenden Geheimmfie leicht w e g - .zu kommen, weder ethisch noch wifienschaftlich in Betracht und ist nichts als ein Teil jener Sorte Menschen, denen schlechterdings alles abnorm erscheint, was einer Srammtischlogik und der Tretmühle ihrer Naturansichten widerspricht." Die Wissenschaft kennt keine beruhigende, sondern nur eine befriedigende Erklärung. Wenn diese Klasse von Philistern über alles leicht hinweg kommt, warum sollte sie gerade hier nicht -kommen, in Betracht nämlich. „Das ist eine dunkle Ecke in unserer Seele, um die plötzlich einer -oder der andere verschwindet, spurlos, geheimnisvoll und wir stehen vor einem doppelten Rärsel des Todes und des W i l l e n s zum Tode, .wie vor einem verschleierten Säisbilde." Wenn es eine solche dunkle Ecke in unserer Seele gäbe, so möchten lvir sie so lange beleuchten und im Notfälle ein paar 'Eckensteher anstellen, bis wir des einen, oder des anderen, der Verstecken mit uns spielt, habhaft würden, aber glauben Sie mir, Gnädigste, diese camera obscura existiert nicht. „Bon den vielen unergründeten Selbstmorderregern hebt sich eine. Art klar ab und läßt sich mit einer bestimmten Bezeichnung festhalten: das ist die Begabung, die Veranlagung zum S e l b st m o r d. -Es gibt Menschen, die gewissermaßen dazu geboren werden, aus sreiem Willen zu enden, deren innere Bestimmung es ist, dem Selbstmord zu vergällen, wo das sichtbare Motiv ihres Handelns nichts anderes war als der Stoß, der den Stein ins Rollen brachte. Der Selbstmord wächst zum mächtigsten, unbewußt stets ersehnten Erlebnis, dessen Keim langsam und sicher wie ein göttlicher Gedanke im Innern reifte. Dieser Keim, schlummernd im Wesen ihrer ganzen Organisation, wird zum Empfinden, znm ausgesprochenen Wunsch, der mächtiger als die Stimme der Vernunfr ist, er reift, bezwingt sie. wächst über sie hinaus, bis er seine Fassung zertrümmert. um sich durchzusetzen. Als der mächtigste Entfacher und Verzehrer aller Energien verläßt er den Schoß, dem er entsprungen und wie jede rücksichtslos schaffende Idee, die vorwärts drängt, läßt er hinter sich .die Zerstörung als der lebendig gewordene, unaufhaltsame, negative Tarwille." Der Keim des Selbstmordes ein göttlicher Gedanke! Hollah, ich habe Ihnen Unrecht getan, Gnädigste, Seneka ist nicht nur erreicht, sondern sogar noch übertrumpft, aber was Sie von der Begabung zum Selbstmord behanvten, ist — Sie verzeihen — schrecklicher Unsinn. Man hat Beispiele, daß sehr begabte, ja geniale Menschen Selbstmord übten. Doch niemand hat ihren Selbstmord so bewundert, wie ihre Werke. Heinrich von Kleist und -Gutzkow endeten durch Selbstmord, aber dieser unterschied sich in nichts von dem der Krethi und Plethi. Doch wir nähern uns dem punctum saliens der Blechstchen Anschauungen, dem einzigen, wenn auch irrigen, so doch wie mich dünkt einige Originalität besitzenden Paukt. „Selbstmorde lassen sich nicht ihrer Art nach kategorisieren wie die physischen Erkrankungen. Und nur durch Betrachtung der intellektuellen Eigenschaften eines Selbstmörders kommt man zu allerlei vagen Schlüssen. Doch lassen sich alle Selbstmorde, nicht aus sozialen, ökonomischen, sondern aus rein seelischen Ursachen begangen, von einem Gesichtswinkel aus beurteilen. An der Spitze dieser Gruppe steht der Selbstmord, der das Fazit einer Weltanschauung bildet. Wenn er keinem anderen Motive entsprang als der tiefen lleberzeugung von der Nichtigkeit alles Seienden, von der Unfruchtbarkeit aller Bestrebungen, dann war dies eine Evolution, zu stark für ein Menschenherz, sodaß es sich an ihr verbluten mußte. Gewiß schläft der Selbstmord als Gedanke in der Brust eines jeden subtilen Menschen, der ein selbständiges Innenleben führt und unter den Widersprüchen des Menschseius leidet, und erscheint oft als rascheste und einfachste Lösung aller Konflikte in uns und um uns, aber nur dort, wo die verwundete Innerlichkeit die Grenzen eigener Persönlichkeit nicht mehr achtet, reift er znm Ereignis, zum gewaltigsten Erlebnis, hinter dem sich der große Vorhang schließt und wird zum bewußten, erlösenden Sterben." Nun meine Gnädigste, der schulmeisterliche Ton, den ich Ihnen gegenüber anschlage, mißfällt mir ja selbst, aber ich kann mir nicht helfen, ich muß Ihnen leider auch hier widersprechen. Was Sie vom Selbstmord als Fazit einer Weltanschauung faseln, das kann nur literarischen Krämerwagen imponieren. Welcher Gebildete — und nur bei solchen läßt sich von einer Weltanschauung sprechen — kennt nicht den berühmten Monolog Hamlets irnd wen. der Selbstmord aus keinem andern, als aus philosophischen Gründen plante, hätten die abgrundtiefen Worte des englischen Dichterheros nicht davon zurückgehalten. Sie scheinen Shakespeare nicht in Ihrem Bücherschrank zu haben, nun so erlauben Sie, daß ich den Monolog aus — purer Galanterie natürlich, für Sie abschreibe: Sein, oder Nichtsein, -das ist hier die Frage: Ob 's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden, oder Sich waffneud gegen einen See von Plagen, Durch Widerstand sie enden? Sterben — schlafen — Nichts weiter! — und zu wissen, daß ein Schlaf Das Herzweh und die tausend Stöße endet Die unseres Fleisches Erbteil — 's ist ein Ziel Auss iuiligste zu wünschen. Sterben — schlafen — Schlafen! Vielleicht auch träumen! — Ja, da liegt 's: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen. Wenn wir den Drang des Irdischen abgeschütrelt, Das zwingt uns still zu steyen, das ist die Rücksicht, Die Elend läßt zu hohen Jahren kommen. Denn wer ertrüg' der Zeiten Spott und Geißel, Des Mächt'gen Druck, des Stolzen Mißhandlungen. Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub, Den Uebermut der Aemter, urid die Schmach, D>e Unwert schweigendem Verdienst erweist. Wenn er sich selbst in Ruh stand setzen könnte Mit einer Nadel bloß? Wer trüge Lasten, Und stöhnt' und schwitzte unter Lebens Müh? Nur daß die Furcht vor etwas nach dem Tod — Das neii entdeckte Land, von deß Bezirk Kein Wanderer wiederkehrt — den Willen irrt. Daß wir die Uebel, die wir haben, lieber Ertragen, als zu unbekannten flieh'n. u. s. w. (Schluß folgt.) Das schlnmmernde Israel. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) In Persien lebten die Juden unter der Regierung des Königs Achaschwerosch unangefochten. Sie dursten überall wohnen, ungestört Handel und Gewerbe treiben, alle Bildungsanstalten standen ihnen offen, sie erfreuten sich der vollständigsten Freiheit. Der König Achaschwerosch selbst war freisinnig, tolerant und milde. Der Umstand, daß er bei der Wahl seiner Gattin sich weder nach deren Herkunft und Abstammung, noch nach deren Glaubensbekenntnis erkundigte, zeigt doch, daß er sehr liberal gewesen. Infolge der errungenen Freiheit wurden die meisten Bekenner des Judentums übermütig und gottvergessen. Die Gesetze und Vorschriften der Thora wurden nicht im entferntesten beobachtet, jüdische Sitten, Bräuche mib Traditionen wurden verleugnet, an jüdischen Festen wurde wie an Werktagen gearbeitet, hingegen persische Feste mit den Persern gefeiert. Ja, die Juden buhlten sklavenmäßig um die Gunst der Perser und suchten sich mit denselben zu assimilieren, daher die Kenntnis der Thora aus ihrer Mitte gänzlich geschwunden ist. Diesen Moment benützte der Sprosse Amaleks. um seine Geschosse gegen das jüdische Schrifttum zu richten,*) denn er dachte, daß niemand *) Er kam nämlich znm König und sprach: „Hier lebt ein Volk, jeschno am echod, das sich wohl mit den anderen Völkern deines Reiches assimiliert hat, rnekusor umeforod ben hoamim, aber dennoch deinem Reiche gefährlich ist, denn wedoschem schonos, ihre Religion lehrt Haß und Groll gegen Andersdenkende und Andersgläubige, -wsss dose hamelek enom osim, die Staarsgefeye aber beachten sie nicht im entferntesten. Die Inden sind revolutionäre Geister, unsere größten Feinde, daher es dir keinen Vorteil bringen wird, wenn du sie ferner dulden und frei entwickeln ließest.

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