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Die Wahrheit · 1909-09-30 · Heft 39 (30.9.1909) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 39 (30.9.1909)
Date
1909-09-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrheit Seite 11. Berlin. Das Deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle" I teilt uiis mit, daß die in deu letzteu Tagen verbreireten Nachrichten von ' schweren Störungen, die in Kiew der jüdischen Bevölkerung gegenüber stattgefnnden haben sollen, unzutreffend sind. Telegraphische Berichte aus Kiew stellen in Abrede, daß schwere Störungen vorgekommen seien. Berlin. Die „Alliance Israelite Universelle" hat für die in K r e m e li l s ch u g von einem fürchterlichen Brand h einig esnchten Israeliten 5000 Francs, ferner 5000 Francs für die Schulspeiseanstalren in R um ä n l e n angewiesen. Szenitz. Das Leichenbegängnis der Frau Rabbiner Marmorstein gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung des wahren Mitgefühls und der aufrichtigen Teilnahme. Der Knltnsvorstand vereint mit dem Vorstande beschloß die irdischen Ueberreste der teuren Verblichenen nicht auf dem Leichenwagen sütiren zu lassen, sondern abwechselnd bis zum Friedhöfe zu tragen. Alle Geschäfte der Stadt waren während der Trauerzeremonien geschlossen. Am Sarge sprachen tiefempfundene Worte der Gatte, unser ehnv. Herr Rabbiner M a r m o r st e i n, der Bruder der teuren Verblichenen Dr. R o s e u f e l d, Oberrabbiner in Czernowitz, der Sohn, Rabbiner Dr. Ai a r m o r st e i u ans Skotschau, M. Stein, Rabbiner in Tyrnau, Revai Miksa, Religionsprofessor in Budapest und am Schlüsse sprach noch der Schwiegersohn, Herr Sandor Klei n. Kaufmann aus Wien. «Alle Rechte Vorbehalten.) Ein neues Licht. Non Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) V. Die jüdische Gemeinde Radenheim war am Freitag Nachmittag in einer begreiflichen Ansregung. Ueberall sah man kleinere Gruppen. Junge Mädchen promenierten ans und ab und so oft einige Stndellten an ihnen vorbeigingen, brummten sie die Melodie: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen." Die Mädchen lachten bedeutsam nnd stießen einander mit dem Ellbogen an. Gegen fünf Uhr fuhren die Doktoren Süß und Ehrlich mit dem Sekretär zum Bahnhof. Die Herren hatten Schlnßrock und Zylinder angelegt. Am Bahnhof trafen sie auch Rat Weinmann mit seiner Frau. Schon brauste der Zug in die Halle und die Passagiere eilten dem Ansgange zu. Da kam auch ein junger Mann iu langem Rock und Zylinderhut daher, einen Handkoffer in der Hand. Während er sich suchend nmsah, trat Dr. Süß auf ihn zu. „Habe ich das Vergnügen mit Herrn Dr. Fuchs?" Der junge Mann bejahte, zog tief den Hut und drückte die ihm dargebotene Rechte herzlich, indes ein Gepäcksträger seine Tasche zum Wagen trug. „Ich bin der Dr. Süß. hier Dr. Ehrlich nnd unser Herr Sekretär," stellte der Kultuspräses vor. Dr. Fuchs reichte auch deu audereu Herren die Hand und dankte ihnen für die Ehre, die sie ihm durch ihr Erscheinen erwiesen, da drängte sich Weinmann, der Orthodoxe, vor und zog den Hut: „Mein Name ist Weiumann, hier meine Frau." „Sehr angenehm," sagte Dr. Fuchs. „Gnädige Frau sind (doch nicht meinethalben da herausgekommen?" Die etwas beleibte Dame lächelte verlegen und nickte. „Ich danke Ihnen aufrichtig für diese mich sehr ehrende Aufmerksamkeit," sagte Dr. Fuchs. Da zog ihn Dr. Ehrlich gelinde zum Ausgange hin. „Aber Ehrwürden bedürfen ja der Ruhe." Zögernd bestieg Dr. Fuchs den Wagen und als dieser sich schon in Bewegung setzte nnd er Weinmaun mit seiner Frall zu Fuß gehen sah, erlaubte er sich zartfühlend zu bemerken: „Meine Herren, wir können doch die Dame nicht zu Fuß gehen lassen, sie ist doch eine ältere Frau." „Wer schafft ihn denn, seine Frau überall mitnehmen, wir haben ja auch Frauen," sagte Dr. Ehrlich. Dr. Süß wollte den jungen Rabbiner heiter stimmen und meinte lächelnd: „Nur Ehrwürden haben noch keine." „Das wird schon kommen," sagte Dr. Fuchs etwas unsicher. „Lo tow hejos odom lewado, heißt es iu Genesis. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." Da meinte Dr. Ehrlich: „Es ist noch gut, daß wir Juden keinen Zölibat haben." ..Der ginge uns noch ab," erwiderte Dr. Fuchs und die Herren mußten laut lachen. Da errötete der junge Rabbiner. Er hatte das Gefühl, schon zu viel gesprochen zu haben. Hatte ihm doch seine Mutter beim Abschied gesagt: „Beobachte viel, höre alles, aber sprich sehr w e n i g." Nun schwieg er, während ihm die Herren die sehenswerten Gebäude zeigten. Die Stadt gefiel ihm sehr gut. Beim Hotel „Zum goldenen Horn," dem ersten der Stadt, hielt der Wagen. Dort war bereits ein schönes Zimmer im ersten Stock bestellt worden. Dr. Fuchs dankte den Herren für ihre Fürsorge und bat den Sekretär, ihm die Gebetzeit anzugeben. Dr. Süß lud den Rabbiner zum Nachtmahl ein. Da meinte Dr. Ehrlich: „Wenn Ehrwürden bei dem da Nachtmahl essen, dann können sie getrost bei mir zu Mittag speisen." Alle Herren lachten. „Aber, Ehrwürden werden es ja nicht so genau nehmen?" fragte Dr. Süß. „O, gewiß, Herr Doktor, sogar sehr genau." Da bat der Sekretär Dr. Fuchs, ihm die Ehre zu machen und bei ihm zu speisen. Freudig nahm er an und empfahl sich nochmals herzlich dankend von den Herren. Dr. Süß wandte sich dann an den Sekretär: „Ein netter Mensch, was? Hab ichs nicht gleich gesagt?" „Ja, Herr Doktor sind ein Menschenkenner," erwiderte der Sekretär.- Dr. Fuchs machte sich es in seinem Zimmer bequem und gab dann folgendes Telegramm au seine Mutter aus: Empfang sehr herzlich. Bin entzückt. Heute beim Sekretär geladen. Morgen 10 Uhr Predigt. Küsse Dich, Grete und die Schwiegereltern. Ludwig. Beim Abendgottesdienst waren aller Blicke aus den jungen Mann gerichtet, der neben Dr. Süß stand und sehr andächtig betete. Man sah besonders viele Mädchen, die sonst das Gotteshaus mieden. Dr. Fuchs lauschte auf den schönen Gesang des Sekretärs, der auch das Amt eines Vorbeters versah. Die Synagoge war nicht groß, aber sehr schön. Dr. Fuchs hatte Gelegenheit zu beobachten, daß die Akustik eine sehr gute sei. Der junge Rabbiner wartete aus den Sekretär. „Ich bin entzückt von Ihrem schönen Gesang. In so einer kleinen Gemeinde muß man zwei Funktionen versehen?" „Ich habe noch einige andere Funktionen, aber ich tue es gerne." „Dafür wird man aber gehörig entlohnt?" „Wir hatten einmal ein Regime — Gott möge es ihm nicht anrechneu — da wurde den Beamten der Gehalt buchstäblich mißgönnt." „Und nun ist es besser?" „Es stehen keine engherzigen Leute an der Spitze. Speziell die Herren Doktoren Süß und Ehrlich sind wahre Kavaliere. Os mortui nil nisi bene — also wollen wir über das Vergangene schweigen. Da ist zum Beispiel ein alter Herr Steinherz, der ist jetzt schon ein Gegner des neuen Rabbiners, bevor er noch da ist." „Und weshalb?" „Vielleicht weiß er es selbst nicht. Er ist nicht selten manch besserer Regung zugänglich. Er hat aber einen Kardinalfehler, er möchte, daß alles nach seinem Kopse gehen soll; und weil die Mehrheit für einen ledigen Kandidaten stimmte, ist er, sicherlich gegen seine bessere, innere Ueberzeugung, dagegen. Dabei gibt er sich aber den Anschein, als sei es ad maiorem dei gloriam!" „Weshalb soll man denn ledig sein?" „Die Majorität will es so. Dr. Süß meint auch, daß der ' Gehalt für eine Familie noch zu klein wäre. Ein alter Mann,! der nun seine wohlverdiente Ruhe genießen soll, hat leider die i Gemeinde nicht meistern können, so hofft man allgemein von einem jungen, frischen Stamme prächtige Früchte genießen zu können." (Fortsetzung folgt.)

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