Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 39 (30.9.1909)
- Date
- 1909-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 39. tanzen kann, aber auf glattes, ihm schleckt vertrautes Parkett versetzt, plump ausgleitet. Um in die Höhen und Tiefen der Königin derWissenschaften, derPhilofophie, einzudringen, bedarf es viel sorgsameren geistigen Rüstzeuges, als die einstige Advokatursschreiberin es sich leisten konnte. Nur sein Genie, seine männliche Geisteskraft, sein intuitiver Blick konnten den Uhrmacherlehrling Johann Jakob Rousseau über die Mängel seiner Jugendbildung hinweg zu einem der größten Schriftsteller Europas erheben. Frau Blech hat soeben viel Nietzsche gelesen, wie mehrere Phrasen und Schlagworte verraten, und diese Lektüre hat in ihrem Kaput das Oberste §11 unterst gekehrt, sie wird eine wilde Revolutionärin, bald hätte ich Revolutionärrin gesagt, und nun wertet sie mit dem kühnen Baseler Professor alle Werte um. Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Der Mensch kann sie üben im Leben. Und sollt' er auch straucheln überall. Er kann nach dem Göttlichen streben. Diese Sckiller'schen Verse sind sür Nietzsche bloße Moraltrompeterei, also auch für seine Nachbeterin. Sie ist ihre eigene geistige Antipodin geworden, vergessen ist ihre jüdische Mitarbeiterschaft, sie will die doppelte Moral einführen, mit ihrer linken Hand für die „Bloch'sche" schreiben, mit der rechten aber sür die Wage, und lline Hand soll von der anderen was wissen. Nun möchte ich ganz und gar nicht Sturm gegen Nietzsche lausen; hätte mich auch Carlyle nicht Respekt vor dem Genie gelehrt, so würde mir dies schon die große Judenfreundlichkeit des Philosophen verwehren, aber bemerkeit muß ich. daß der auf die Spitze.getriebene Nietzsche'sche Individualismus als prickelnder geistiger Champagner anznsehen ist, an dem man nur mit Vorsicht nippen darf, den man interpretieren muß, der aber nicht dazu da ist, sich daran, wie es Frau Blech tut, zu besaufen, denn daun geht das ganze Urteilsvermögen stöten und man schwört in verba magistri. Doch es ist wohl an der Zeit, den Selbstmorddithyrambos in seiner Gänze vorzuführen, denn es soll nicht heißen, daß Stellen aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Einige Zeilen kann man schon wägen, dem Leser zu servieren, etwas anders stünde es mit einem Buche, denn ich lese in des alten Hufelands Makrobiotik: „Bei einem melancholischen Temperament köiinen die Wirkungen der Langeweile zum Selbstmorde führen. Ein trockener Schriftsteller in England hatte ein sehr weitläufiges Werk vom Selbstmorde geschrieben. Er begegnete einst einem anderen Engländer, der alle Zeichen des größten Tiessinnes an sich trug. „Wo wollen Sie hin, mein Freund?" fragte der Autor. „Nach der Themse, um mich zu ersäufen." „O, so bitte ich Sie", erwiderte der Autor, „gehen Sie nur noch diesmal wieder nach Hause und lesen Sie erst mein Werk über Selbstmord." „Gott soll mich bewahren", erwiderte jener, „eben das Durchlesen dieses langweiligen Buches hat mir einen so entsetzlichen Verdruß erweckt, daß ich nun fest entschlossen bin, mich zu ersäufen." Doch zur Sache! Der Selbstmord und Langeweile atmende Artikel beginnt wie folgt: „Der friedliche Kreislauf unserer sozial geschloffenen Gemeinschaft wird zuweilen durch ein Ereignis wildester, elementarster Energie, dem zu begegnen noch kein Kulturmittel gereift ist, jäh unterbrochen und die Entwicklung einer durch alle kulturellen Hilfsmittel hochgehobeneil Intelligenz plötzlich und rücksichtslos abgeschnitten. Das ist der Selbstmord, der, eine Seelenseuche gefährlichster Art, seine Opfer aus allen Schichten der Bevölkerung holt und nicht bekämpft werden kann, weil feine Ursachen verschieden sind wie die Menschen selbst und tief ans den unergründlichen Niederungen der Psyche kommen. Ein Kampf gegen ihn ist nur dann zu führen, wenn er das Resultat sozialer Mißstände und ökonomischer Schwierigkeiten ist. Hier ist er aber weder rätselhaft noch unbezwinglich, denn mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage einzelner Schichten ist seine Macht gebrochen. Der Selbstmord, aus Not begangen, ist es auch nicht, der uns als psychisches Phänomen interessiert, da er durch rein wirtschaftliche Maßregeln behoben werden kann und eine Proletarierkrankheit ist, wie etwa im physiologischen Sinn die Tuberkulose, gegen die handgreifliche Waffen geführt werden können." Na so einfach ist die Sache nicht, meine Gnädigste, diese handgreiflichen Waffen gegen Not und Elend zu führen, diese uralte Proletarierkrankheit aus der Welt zu schaffen, haben sich seit Plato und Thomas Morus die gewaltigsten Geister abgemüht, und Sie wollen die Sache mit einem Federstrich wegdekretieren. „Was uns mit der Anziehungskraft des Ungeklärten, Elementaren feffelt, sind alle jene Spielarten von Selbstmord, welche uichr ans dem Kampfe mit den ökonomischen Lebensbedingungen hervorgegangen sind und im Empfiudungsleben allein wurzeln. Die Naturwissenschaft lehrt, daß jede Wirkung nur dann radikal behoben wird, wenn man bis auf die Ursachegehen und sie von dort aus bekämpfen kann, und nur auf dem Wege dieser Erkenntnis ist die Medizin zu ihrem Bazillenstudinm gelangt. So hat man es auch gelernt, Seelenvorgänge unter exakte Beobachtung zu stellen und sie den logischen Folgerungen psycho-physiologischer Betrachtungen auszusetzen." Warum ziehen Sie denn Naturwissenschaft und Bazillenstudinm an den Haaren herbei? Um die Ursache einer Wirkung zu ergründen, bedarf es in den meisten Fällen dieser Wiffenschaften gar nicht. Diese Fähigkeit wohnt der ganzen organischen Natur inne, die Pflanzenwelt mit eingeschlossen und der Affe behebt beispielsweise die Ursache des ihn belästigenden Juckens damit, daß er die Parasiten entweder selbst absängt oder sie durch seinen Gefährten abklanben läßt. „Wenn inan auch tatsächlich und gerade bei der Beobachtung des Selbstmordes zu keinem aufklärenden Resultate noch k a in, so ist doch der erste Schrat zu einem besseren Verständnis innerer Konflikte getan worden, und weit vor sind wir jener Zeit, w o man all das, was den Menschen zu unerklärlich schien, um verstanden zu werden, einfach unter die Rubrik Süude eiureihte. Die Menscheu finb somit auscheiuend moralischer geworden, weil man den Begriff Sünde eingeschränkt und auf das natürliche Maß desjenigen, was wir alle tun möchten, wozu aber die meisten keine Courage haben, reduzierr hat. Und nur zur priesterlichen Pädagogik gehört es noch, den Selbstmord zum Verbrechen zu stempeln und ihre Macht auf diejenigen, die das Leben so lieben, daß sie sogar noch an ein jenseitiges glauben, znungunsten eines rascheren Sterbens auszuüben. Die Gesellschaft aber hat es gelernt, sich über die landläufige Moral hiuwegzusetzen und den Selbstmord mit verständigereil Augen zu betrachten — indem sie ihm Tagescreignipe als Motive unterschiebt." Die aufklärenden Resultate exakter Beobachtungen des Selbstmordes werden wohl noch lange ans sich warten lassen. Worin besteht dieser erste Schritt einer besseren Erkenntnis? Daß wir jener Zeit weit vor. sind, da man den Selbstmord als Sünde betrachtete? Werte Frau Bleck! Hätten Sie sich doch den alten Seneka, wenn auch nur in billiger Reklamausgabe angeschafft. Fast bei jeder dritten Seite wären Sie über Anssprüche gestolpert gleich diesem: „Allgegenwärtig ist der Tod. Der Götter Sorge wars, daß jeder nur das Leben, niemand den Tod rauben könne. Tausend Wege stehen zu diesem Heiligtum uns offen." Der Hofmeister Neros nennt den Selbstmord nicht nur nicht Sünde, sondern sakrosankt. Frau Blech, Seneka ist Ihnen „weit vor", ich warne Sie, suchen Sie ihn zu erreichen. Sie sagen, wir möchten alle gern sündigen, wenn wir die nötige Kurage hiezu hätten? Haben Sie wirklich so scheußliche Ranbtierinstiukte, wollten Sie im Ernst rauben und morden? Aber gehen Sie, Sie machen sich schlechter, als Sie sind, Sie gemahnen an den Esel, der sich in das Löwenfell kleidete. Sollte ich mich bei Ihnen aber doch getäuscht haben, so versichere ich Sie, daß Sie unrecht tun von sich selbst auf andere zu schließen. Viele von uns sind noch immer nicht, wie der schon zitierte Nero, eitel Räuber, Würger, Muttermörder und Brandstifter. O diese Nietzsche'sche moderne Starkgeisterei l Sie würde mir vielleicht imponieren, wäre sie nur nicht in der Regel mit so viel Geisterriecherei, Hypnotismus und' Tischrückerei verbunden, und hätte nur nicht schon Ammianus MarceÜinus ungefähr 400 nach Christi Geburt über den römischem Adel seiner Zeit berichtet, daß sie vertrauensvoll den Aussprüchen des Haruspax lauschen, der ihnen aus den Eingeweiden Besiegter künftige Größe und Wohlfahrt prophezeit. Es seien ihrer sehr viele, erzählte er, die sich nicht entschließen können, zu baden, zu speisen, öffentlich zu erscheinen, ehe sie den Regeln der Astrologie entsprechend, die Stellung des Merkur und den Aspekt des Mondes sestgestellt. Es ist eigentümlich genug, sagt der Geschichtsschreiber, daß diese eitle Gläubigkeit oft bei profanen Skeptikern gefunden wird, die die Existenz einer himmlischen Macht bezweifeln oder in Abrede stellen. Sein Leben so lieben, daß man sogar noch an ein jenseitiges glaubt? Es hat im Gegenteil sehr viele gegeben, deren Devise im intensivsten Lebensgenuß bestand, weil sie an keine Unsterblichkeit glaubten. Uebrigens ist die Lebensbejahung keine.