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Die Wahrheit · 1909-09-30 · Heft 39 (30.9.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 39 (30.9.1909)
Date
1909-09-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrheit Seite 7. Uordpol, Luftschiff, Talmud. Durch diese Zusammenstellung soll keineswegs behauptet Werden, daß der Talmud schon den Nordpol gekannt, oder ihn gar entdeckt habe, denn gerade der Norden war im Altertum nur wenig oder fast gar nicht bekannt, und wird darum im .Hebräischen mit Zufon, d. h. verborgen, unbekanntsein, bezeichnet. Viel eher könnte man behaupten, daß dem Talmud das Luftschiff schon bekannt war und zum Beweis auf die Stellen in Chagiga 15 b und Sanhedrin 106 b Hinweisen, wo von einem liaporeacli beawir (einem Turm oder Kasten, der in der Luft stiegt) die Rede ist. Schon Doög und Achitofel, Zeitgenossen des Königs David, sollen 3—400 Fragen inbezng auf einen solchen Suftnirm gestellt haben. Das System aber, nach welchem er gebaut und in die Lüfte gebracht wurde, wird nicht mitgeteilt. Nach einer Erklärung Raschis (Sanhedrin 106b) geschah letzteres nicht etwa durch Propeller, Motoren. Schrauben n. s. w., sondern durch Zauberei. Ja, schon im Kriege der Israeliten gegen die Midjaniten in der Wüste, sollen die fünf Könige der Midjaniten, durch Zaubereien Bileams, mit diesem in die Lüfte ausgestiegen sein, um von dort ans den Kampf gegen Israel zu führen. Die Zaubereien aber wurden zunichte gemacht und sie stürzten ab und fanden den Tod. Darum heißt es: „Sie sielen aus die (das Schlachtfeld bedeckenden) Erschlagenen" (vide Numeri 31, 6, Raschi zu achle hakodesch.) Also auch schon das Luftschiff, wenigstens das Aufsliegen in die Luft zu militärischen Zwecken. Wäre man angesichts dessen nicht versucht, mit Kohelet anszurnfen: „Nichts Neues unter der Sonne!" Ja, es gibt wirklich nichts Neues unter der Sonne. Denn selbst die Idee, den talmndischen Lnfttnrm für ein Luftschiff oder Luftballon zu erklären, ist nicht neu; denn schon einer vor mir hat diese Idee gehabt und ich überlasse ihm neidlos die Priorität und den Ruhm der Entdeckung, obgleich ich selbst, ohne ihn, aus die Idee gekommen war und erst später daraus gekommen bin, daß mir schon einer, wenigstens zum Teile, zuvorgekommen war. Dieser Eine ist M. I. Landau in seiner Prager Arnch-Ansgabe. In einer Randglosse zum Artikel S. 909, bemerkt er nämlich: „Nach einer Meinung Jarchis (L. nennt Raschi immer Jarchi) ist ,der in den Lüsten schwebende Turup nichts anderes als eine Mackina aerostatica in Form eines Turmes; Jarchi, dessen Zeitalter keine Montegolfiere, Blancharde und Roberlsone besaß, träumt nur von dieser späteren Erfindung und hält diese Kunst für ein Zanberwerk. Wenn die ärostalischen Versuche also schon zu Zeiten Davids gemacht wurden, so liefern sie einen neuen Beitrag zur Erfiudungsgeschichte der Aeronantik." lind wie ich schon oben bemerkt, würden sie auch die Wahrheit des Koheletschen Ansspruches: „Nichts Neues unter der Sonne," bestätigen. Lassen wir indes das Luftschiff, oder besser das Luftschloß, sein und kehren wir zum Nordpol zurück, um den zwischen Cook und Peary ein solch heftiger und häßlicher Streit ausgebrochen ist. Obgleich der Ruhm des einen, den Ruhm des andern nicht schmälert, wenn sie wirklich beide den Nordpol erreicht haben, da jeder aus einem anderen Wege und einer unabhängig vom anderen hingekommen ist, und anstatt sich mit der Erreichung des lange angestrebten Zieles und dem wissenschaftlichen Erfolg zu freuen und sich gegenseitig zu beglückwünschen, hört man vorläufig nichts anderes von den kühnen Forschern als gegenseitiges Geschimpfe und Verdächtigungen. Einer will den andern nicht zur Geltung kommen lassen, das Persönliche tritt ganz in den Vorder- und das Sachliche, das Wissenschaftliche ganz in den Hintergrund. Wie ganz anders benahm sich in einem ähnlichen Falle ein Talmndforscher. R. Abnha war reich und stand im hohen Ansehen bei den römischen Machthabern in Cüsarea. Er war aber auch sehr fromm und gelehrt und hielt talmndische Vorträge im Lehrhanse und hatte einen Metnrgeman zur Seite, der das von ihm leise Gesprochene der Versammlung laut zu wiederholen hatte. Die Funktion des Metnrgeman konnte, da er ja nur das Sprachrohr des Vortragenden war, auch ein Gelehrter untergeordneten Ranges versehen und verschaffte daher kein Ansehen. Die Frau des Metnrgeman R. Abnhas erblickte daher in dem Amte ihres Mannes eine Zurücksetzung und sagte darum einmal zur Frau des R- Abuha: „Mein Mann könnte auch selbständig die Vorträge abhalten und müßte sich nicht erst das Vorzutragende von deinem Manne ins Ohr flüstern lassen, er tut das nur aus Achtung vor der römischen Regierung, bei der dein Mann in Ansehen steht." Die Frau des R. Abnha fühlte sich dadurch verletzt und hatte selbstverständlich nichts eiligeres zu tun, als das Gespräch ihrem Manne mitznteilen. Dieser aber erwiderte ihr: „Was liegt daran, möge durch mich und durch ihn der Name des Höchsten geheiligt und verherrlicht und die Thorakenutnis gefördert werden." Und als einmal später die Gelehrten znsammentrateu, um ein Oberhaupt und einen Präsidenten zu wühlen, so lenkte R. Abnha selbst ihre Aufmerksamkeit ans R. Abba und setzte dessen Wahl durch, obgleich ursprünglich die Absicht bestanden hatte, ihn, R- Abuha, zu wühlen. (Sota 40a). Der Fall des R. Abnha steht indes nicht vereinzelt da. Der Talmud weiß noch von mehreren ähnlichen zu erzählen. Alle legen ein glänzendes Zeugnis ab von der beispiellosen Selbstlosigkeit, Uneigennützlgkeit und Bescheidenheit der semitischen Talmudgelehrten, denen es immer nur um die Ehre Gottes und die Verbreitung von Wissen und Erkenntnis, nie aber um persönlichen Ruhm und Auszeichnung und Erwerbung von Reichtümern zu tun war. Wie viel könnten noch arische Gelehrte in der Beziehung von den vielgeschmühlen, alten semitischen lernen! Wenn Cook nicht io viel schmäht und schimpft wie sein Rivale Peary und sich nur dessen Angriffen zu erwehren sucht, so mag das vielleicht von dem Umstande herrühren, daß Cook, wie einige behaupten, jüdischer Abstammung ist. Stark, Prag. Der Selbstmord von einer „jüdischen" Schriftstellerin Verhimmelt. „Zum Problem des Selbstmordes", so betitelt sich ein vor kurzem erschienener Aussatz in der „Wage", einer ziemlich verbreiteten Wiener Wochenrevue und Thekla Blech-Merwin nennt sich dessen Verfasserin. Als ich mir den sich stolz an erster Stelle blähenden Artikel, dem die Nachrufe für Professor Ludwig Gumplowicz und Liliencron bescheiden nachiolgten, besah, schüttelte ich zwar ob des prätentiösen Titels den Kopf — klingt er doch so, als wollte die Dame der Lösung dieses Problems wenigstens um ein Beträchtliches näher treten — doch ich dachte mir, etwas wird schon daran sein; denn wenn auch diese Wage nicht geaichl ist und sie auch manches wiegt und nicht zu leicht befindet, was man mit dem Hauch des Windes wegblasen kann, baren Unsinn wird sie doch nicht. . . Der Leser sieht, ich habe mich verraten, und statt sein Interesse langsam rege zn machen, dieses mehr liub mehr zu spannen, platze ich gleich heraus und falle mit der Tür ins Haus. Wie ich soeben bemerke, reimt sich dieser Satz wider meinen Willen und ist schlechte Prosa. Ja. man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, man behandelt nicht auf die Dauer Wahnsinnige, ohne selbst etwas verrückt zu werden, und gibt sich nicht intensiv mit Arbeiten ab, in denen mehr Eisen als Goldblech klimpert, ohne an seinem guten Styl Schaden zu nehmen. Für alle Styl- und Sprachsünden, für alle Vergehen gegen den guten Geschmack, die ich heute etwa begehen würde und aller Wahrscheinlichkeit nach auch begehen werde, mache ich allen Ernstes also die „Wage" und Frau Blech verantwortlich. Wenn ich in der Ansschrisl Frau Blech-Merwm eine jüdische Schriftstellerin genannt, so habe ich damit nicht aus ihre Konsessiion, sondern mehr ans ihre Mitarbeiterschaft bei Wiener jüdischen Zeitungen angespielt; ich habe einst einen kleinen Aufsatz von ihr gelesen, der gar nicht übel war. Sie zog in demselben gegen jene Inden zu Felde, die zn Weihnachten ihren Kindern einen Christbanm anzünden, sie goß Ströme voll ätzender satyrischer Lange über die Häupter der Schuldigen ans. an Inhalt und Form war nichts oder wenig anszusetzen. Wie kommt es, daß der vorliegende Artikel, wie ich hernach zeigen werde, schon was die äußere Form betrifft, von sprachlichen und syntaktischen Härten wimmelt? Das rührt davon her, daß ein Bauer aus den gewohnten Dielen der Dorsschenke leidlich gut

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