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Die Wahrheit · 1909-09-30 · Heft 39 (30.9.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 39 (30.9.1909)
Date
1909-09-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Die Wahrhell dir. 39. Doktor Politzer und Doktor Zuckerkandl, Bürgermeister Dr. Lueger mit Magistratsrat Dr. B i b l und die Gemeinderäte A l l m e d e r, F u ch s i k, Dr. Hein, K l e b i n d e r, Dr. Mittler, Dr. Reisch und T o m o l a, die frühereit Gemeinderäte H e l b i g und Seiler, in Vertretung der österr. israel. Union Präsident Siegmund Mayer und Sekretär Fleischer, der Direktor der israelitischen Kinderbewahranstalt Max Fischer, Professor Joses S u l z e r, die Industriellen Kart Lemberger und kaiserlicher Rat Naumann S ch e f f t e l, die Bankiers Schloß und Maximilian Paul-Schiff, Börsenrat F e l d m a n n, die Präsidentin des Damen-Komitees im Bersorgungshause, Frau Jda Diamant, Frau Rosa Zifferer als Präsidentin und Frau Klothilde Benedikt als Schriftführerin des Vereines „Franenhort" mit be» Mitgliedern des Präsidiums, in Vertretung des Ingenieur- und Architektenvereines Präsident E. A Ziffer, Hofrat M r a s e k, Baurat M ü h l s o r t und Direktor R. von G u n e s ch, der Prokurist des Bankhauses S. M. v. Rothschild Emil H o r n e r, Obermagistratsrat A s p e r g e r, Magistratsrat Dr. K o n i a k o w s k i, Magistratsrat a. D. T r a b a u e r, Oberbanrat S y k o r a, Obermagistralsrat Dr. N ü ch t e r n, die Architekten Gärtner und Modern, Baumeister Bezirksrat M e l ch e r, die ehemaligen Reichsratsabgeordueten N o s k e und Dr. Vogler, kaiserlicher Rat Dr. K rüge r, die Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Adolf Stein und Dr. K i e n b u r g und viele andere. Einige Minuten vor 11 Uhr fuhr Bürgermeister Dr. Lueger mit Magistratsrat Dr. B i b l beim Friedhof vor und wurde vom Bruder des Verblichenen Hermann Ritter v. G o l d s ch m i d t begrüßt und in den Zeremouiensaal geführt, wo man dem Bürgermeister einen Sessel anbot, doch Dr. Lueger blieb während des Zeremoniells stehen. Oberkantor kaiserlicher Rat Singe r, begleitet von den Oberkantoren G u t t m a n n und Fuchs, den Kantoren I u r b e r g, Menkes und dem Chorpersonal, trug in leise abgedämpften, wehmutsvollen Klängen die Trauerpsalmen vor, dann wurde der Sarg gehoben und unter Vortrilt von vier städtischen Ratsdienern in Galalivree mit schwarzen Schärpen durch ein dichtes Spalier von Trauergästeu zur Familiengruft getragen. Die Grabrede hielt Oberrabbiuer Dr. Gü.demann. Von dem Heimgegangenen gelte, was im dieswöchentlichen Wochenabfchnitle vom Stamme Levi gesagt sei: „Segne, Ewiger, fein Wirken und mögest du immer Gefallen finden an ihm." Wer ihn gekannt hat, der mußte sagen, daß Gott und die Menschen an seinem öffentlichen Wirken, an seinem Auftreten Gefallen finden konnten. Um ihn ganz kennen zu lernen, muß mau ihn bei der Wurzel fassen, bei seiner Abstammung. Er strebte nach dem Vorbilde seines Vaters und seines Bruders, die durch den wahren Adel der Seele ausgezeichnet, durch vornehme Gesinnung, durch edle, reine, auf das Gute gerichtete Handlungsweise sich betätigten. Dieser Adel habe auch den Dahingeschiedenen ausgezeichnet. Auf jedem Gebiete seiner vielseitigen Wirksamkeit hat er sich ganz eingesetzt mit seiner Persönlichkeit, weil er eben nichts anderes tun wollte, als der Sache dienen und der Sache nützen. Was er im Gemeinderate gewirkt und geleistet, dafür ist ihm von der berufensten Persönlichkeit, die ihn auch durch ihre Anwesenheit bei seinem letzten Gange besonders anszeichnet, volles Lob gespendet worden. „In R. v. G o l d s ch m i d t waren", so schloß der Redner, „alle guten Eigenschaften vereint. Er war der beste Charakter, er war ein echter Wiener, er war ein guter Mensch und ein treuer Jude. Das alles zusammengefaßt, das ist der Ehrenkranz, den ich ihm auf den Sarg lege. Sein Name wird unter uns immer gesegnet bleiben. Amen!" Nachdem der Oberrabbiner geendet hatte, trat Präsident Dr. Alfred Stern an das offene Grab und sprach Folgendes: „Es ist eine geweihte Stätte, auf welcher wir uns hier befinden. Wenn der Tote, der hier im Sarge ruht, znm Leben erstehen und sprechen könnte, so würde er mit dem Patriarchen sagen: „Hier habe ich meinen Vater begraben, hier ruht die teure Mutter, hier ruht mein unvergeßlicher Bruder, hier will auch ich ruhen, nachdem ich in bereu Spuren gewandelt bin, ihr Lebenswerk gefördert habe." Und daß dem so war und ist, bezeuge ich als Präsident unserer Knltilsgemeinde, in deren Namen ich hier spreche. Zwei Generationen, sechzig Jahre der Geschichte unserer Gemeinde ziehen an uns vorüber. Ihren verdienstvollen, in unserem Gedächtnisse unvergänglichen Gründern, als dieselbe durch' ein kaiserliches Machtwort ihre autoritative Selbständigkeit erlangte, gehörte der hier ruhende Vater an. Die Ordnung des Haushaltes unserer Gemeinde war die Sorge des hier ruhenden Bruders und die Ausgestaltung der Organisation unserer Gemeinde, als dieselbe sich machtvoll entwickelt hatte, war eine der Aufgaben, welche der Verstorbene, unser Vize- Präsident Theoder von Goldschmidt, sich stellte und unermüdlich förderte. Und nebst dem, was er da nach administrativer und technischer Richtung geleistet hatte, war es insbesondere unsere Wohltätigkeitspflege, der Glanzpunkt unserer Verwaltung, in welcher sein Wirken mit innigstem Danke anzuerkenneu und zu rühmen ist. Seiner Initiative verdankte eine Institution unserer Gemeinde, von welcher wir uns noch reiche Segnungen erhoffen, das zum Andenken an unsere Kaiserin errichtete „Israelitische Kaiserin Elisabeth-Pflegerinuenheim" ihre Entstehitng. Ebenso wirkte er mit bei der Gründung des Verbandes verschiedener Vereine, behufs Pflege der Wöchnerinnen. In unserem Altersversorgnngshanse, in unserer Armenanstalt, in dein Königsbergsichen Erztehnngsinstitnte, in unserer Kinderbewahranstalt, in allen diesen und noch anderen Anstalten war er Mitglied der Verwaltnngsausschüsse und seine Mitgliedschaft war nicht bloß eine nominelle, mit vollem Herzen ividmete er sich den Agenden aller dieser Anstalten. Ein letztes Werk war die Ausgestaltung einer schon vor Dezennien begründeten und im Laufe der Zeit erhöhten und bereicherten, nach den verschiedensten Richtungen in unserer Gemeinde wohltätig wirkenden Familienstiftuug zil Gunsten armer Studierender-, Gewerbetreibender, Kraickeuwärterinnen und Hilfloser. Und so hat der nun Heimgegangene getreu fortgesetzt das Werk seiner hier ruhenden Angehörigen. Und so wird auch sein Andenken in unserer Gemeinde ein gesegnetes sein und bleiben!" Unter allgemeiner Aufmerksamkeit ergriff nun Bürgermeister Dr. Lueger das Wort, Er sagte: ..Hochgeehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Herren! Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, dessen sterbliche Hülle wir heule in die Erde senken, war ein Veteran des Wiener Gemeinderates, ein wohlverdienter Veteran. Wenn Veteranen sterben, fragt man nicht, ob sie der einen oder der anderen Partei angehört haben, m an kommt und salutiert! So bin auch ich erschienen, um dem verstorbenen Gemeinderat G o l d s ch m i d t hier zu danken für seine Wirksamkeit, die er im Gemeiltderate der Stadt Wien entfaltet hat. Er hat der Opposition angehört; er betrieb aber die Opposition stets nur sachlich, man kann wohl sagen, daß er bei allen großen Schöpfungen der Gemeinde Wien redlich mitgewirkt hat. Wir alle danken ihm dafür und sagen:' Theodor Ritter v. Goldschmidt, uns trennt nichts mehr! Wir sind und bleiben dir dankbar für alles, was du geleistet hast, und dein Andenken wird gesegnet bleiben! Ich schließe mit dem Wunsche: Ruhe in Frieden!" Nach dem Bürgermeister sprach Gemeinderat Dr. Reisch namens des fortschrittlichen Gemeinderatsklnb: „Von Freund und Feind war dein selbstloses Streben anerkannt, und auch der Bürgermeister hat dein Lob im Gemeinderat verkündet. Möge nun auch schwerer Schutt und Schmutz auf den Ideen der Freiheit und allgemeinen Menschlichkeit ruhen, diese Ideen werden nicht mit dir begraben. Wir geloben dir anfs neue Treue deiner Partei und legen den Bürgerkranz. geziert mit dem unvergänglichen Grün der Dankbarkeit, auf dein Grab, das des treuesten Sohnes deiner Vaterstadt Wien." Für die uiederösterreichische Jngenieurkammer unb den Verwaltuugsrat des Ingenieur- und Ärchitektenvereines sprach Präsident E. A. Ziffer. Er nannte den Verstorbenen eine Zierde der österreichischen Technikerschaft, einen Mann, der sich nicht bloß im Heimatlande, sondern auch in Frankreich, Deutschland, Italien, Rußland und Belgien rühmlich betätigte. Er schilderte sein Wirken in der Kammer und im Verein mit) betonte seine herzliche Kollegialität im Kreise der Fachgenossen. Dann wurde der Sarg unter den Klängen des „Schiwissi“ in die - Erde gebettet.

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