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Die Wahrheit · 1909-09-30 · Heft 39 (30.9.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 39 (30.9.1909)
Date
1909-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Die Wahrheit Seile 5. zu schaffen, das war auch sein Streben, und besonders lag ihm bei seinem gütigen und menschenfreundlichen Sinne das reiche Gebiet der Wohltätigkeitspflege am Herzen. Was er in der Kultusgemeinde geleistet, das wird ihm in der Geschichte derselben ein ehrenvolles Andenken sichern. Ein kurzer Blick ans den Lebenslauf Ritter von Goldschmidts zeigt auch die vielseitige Betätigung dieses reichbegabteu Mannes aus den Gebieten des Berufslebens und der politischen Wirksamkeit. Theodor Ritter von Goldschmidt war im Jahre 1837 als Sohn des ersten Prokuristen des Bankhauses S. M. v. Rothschild, Moriz Ritter v. Goldschmidt und seiner Gattin Nanetre, geborenen Landauer, geboren, trat 1853 in das Wiener polytechnische Institut, bas er 1857 mit ausgezeichnetem Erfolge absolvierte. Hwrauf bezog er die Ecole des ponts et des ckaussees in Paris, die er mit Jngenieurdiplom 1860 verließ. Zu seiner praktischen Ausbildung bereiste er durch 1V2 Jahre Deutschland, Frankreich, England und Belgien, um die damals in Ausführung begriffenen großen Eisenbahubauten, Brücken und Fabriken zu studieren. 1861 bis 1863 arbeitete er als Ingenieur des Chemin de fer Paris-Lyon-Mediterranee, zumeist mit dem Sitz in Nizza, woselbst er an dem Ban der Varbrücke, des großen Bahnhofes und der Strecke Nizza-Mentone beteiligt war. 1863 trat er in den Dienst der Südbahn (Venezianisches Netz). Hier führte er als Oberiugeuieur den Bau der Strecke Padua- Roviguo und den Brückenbau über die Etsch durch. 1866 kam er infolge der kriegerischen Ereignisse zur Geueraldirektion der Südbahn nach Wien. Als praktischer Techniker führte er mit Baumtteruehmer Castor die Wieu-Stadlauer Donaitbrücke und die Eisenbahnlinie Hatvan-Miskolcz aus. Seit 1879 vertrat Goldschmidt den ersten Wahlkörper der Innern Stadt im Gemeinderate. Hier entfaltete er eine reiche Tätigkeit und führte viele Referate mit Erfolg. 1891 bis 1893 war er Mitglied des Stadtrates und durch viele Jahre Mitglied des Bezirksschulrates. Als mit Beginn der antisemitischen Aera der Eitlstuß der liberaleit Gemeinderäte naturgemäß abnahm, trat auch Ritter von Goldschmidt ein wenig in den Hintergrund, aber sein vornehmer Charakter, seine bestechende ( Liebenswürdigkeit und seine strenge Sachlichkeit erhielten ihm j auch die Achtung und Sympathie seiner politischen Gegner. i In der Gemeinderatssitzung vom 24. d. M. hielt Bürger-! meister Dr. Lueger dem Dahingeschiedenen folgenden Nachruf, der von der Versammlung stehend angehört wurde:! „Sie werden aus den heutigen Abendblättern entnommen! haben, daß unser Kollege, Herr Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t. gestorben ist. Er gehörte dem Gemeinderate seit dem Jahre 1879 j an und war ein außerordentlich eifriges Mitglied, der sich an j den Arbeiten des Gemeinderates sehr beteiligte. Wir alle kennen > ihn als einen pflichteifrigen braven Mann, der mit jedem von uns auf gutem Fuße gestanden ist, weil er entgegeukommeud war und weil wir alle seinen Charakter schätzert ztl lernen Gelegenheit hatten. Wir werden ihm ein treues Angedenken bewahren und ich bedaure außerordentlich, daß ihn jetzt der Tod ereilt hat. Ich werde einen Kranz an der Bahre namens der Gemeinde Wien niederlegen lassen unb lade die Herren ein, sich an seinem Leichenbegängnisse zahlreich zu beteiligen." Am Tage des Leichenbegängnisses, Montag den 27. d., fand um 10 Uhr vormittags eine Trauersitzung des Knltusvorstandes statt, an der sämtliche in Wien weilende Vorstandsmitglieder teilnahmen. Der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, hielt dabei folgende Rede: „Zn einer Totenklage haben wir uns heute hier versammelt, zu einer Klage um einen teueren Dahingeschiedenen, dessen wir wehmutsvoll und schmerzbewegt gedenken. Wenn je das Dichterwort „die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist geweiht" voll Anwendung fluden kann, so ist es hier. Denn wahrhaft geweiht ist diese Stätte der jahrzehntelangen, segensreichen Wirksamkeit unseres dahingeschiedenen Freundes Theodor R. v. G o l d s ch m i d t. Ein guter, ein herzensguter Mann war er. Er hatte eine offene Hand, ein mitfühlend Herz für alle Bedrückten, er gab, soviel in seiner Macht lag und sein nur der edelsten Regungen fähiges Gemüt kannte nicht das harte, das drückende „Nein" gegenüber dem Bedürftigen. Es sind 20 Jahre her; im Jahre 1889 trat er in den Kultusvorstand ein und was er in diesem Zeiträume als Vorstandsmitglied, als Obmann von Fachseklionen und Kommissionen, als Vertreter und zuletzi als Vizepräsident der Gemeinde geleistet hat, wird unvergessen bleiben. Verschiedenartig waren die Gebiete, auf denen er sich innerhalb der Gemeinde betätigte, so verschiedenartig und umfassend wie seine Bildung, seine Kenntnisse. Wohl am stärksten betätigte er sich, dem Zuge seines edlen Herzens folgend, auf dem Gebiete der Wohllätigkeüspflege, und hier wirkte er nicht bloß erhaltend und verbessernd, sondern geradezu schöpferisch. Seiner Jntialive verdankt unter anderem das Kaiserin Elisabeth-Krankenpflegerinnen-Justitltt seine Entstehung, seinem unermüdlichen Wirken der Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen seine Gründung. Wenn wir uns hier in diesem Saale nmsehen, so erblicken wir die Bildnisse zweier Familienmitglieder des nunmehr Verewigten, seines Vaters Moritz R. v. Goldschmidt und seines Bruders Julius; es wird die Erinnerung in uns wacb, an das segensreiche Wirken dieser beiden Männer, deren ernerer! zu den Gründern der Gemeinde zählte, während der letztere sich! um die Ausgestaltung und finanzielle Sicherung der Gemeinde ' unvergängliche Verdienste erworben hat. Und in harmonischer j Weise schloß sich das Wirken des Verewigten der bedeutsamen! Tätigkeit dieser beiden unvergeßlichen Männer an. Nun ist auch; er dahiugegaugeu. Es würde zu weit führen, wenn ich der umsasseuden Tätigkeit des Dahingeschiedenen eine eingehende Würdigung zuteil werden lassen wollte; insbesondere aber auch seiner mnstergiltigen Betätigung aus seinem eigentlichen Gebiete, in technischen Angelegenheiten. Gerade in der letzteren Zeit wurde es von itns allen schwer empfunden, daß schwere Krankheit den Dahingeschiedenen von der Stätte seiner ihm aus Herz gewachsenen Wirksamkeit ferne hielt, daß wir in maricher wichtigen Angelegenheit gerade seiner! weisen Rat. seine gediegenen Fachkenntnisse entbehren mußten. Denn was er tat, war wohl durchdacht und mit einer seltenen, in unserer raschlebigen Zeit nicht immer gewürdigten Gründlichkeit behandelte er alles, auch das scheinbar Geringfügige. Und alle die vortrefflichen Eigenschaften des Geistes und des Herzens des Verervigten wurden verschönt durch die herzgewinnende Art seines Umganges. Sein liebenswürdiges Wesen war der Ausdruck eines wahrhaft guten Herzens, die Herzlichkeit, mit der er allen entgegenkam, war das äußere Zeichen einer rvahrhaften Menschenfreundlichkeit. Sein Wirken, seine Persönlichkeit wird in unserer Mitte, wird in der Gemeinde unvergeßlich sein. Sein Andenken sei gesegnet!" Von der Trauersitzung begab sich der Knltusvorstand korporativ auf deu Döblinger Friedhof, wo unter geradezu immenser Beteiligung der weitesten Wiener Gesellschaftskreise das Leichenbegängnis stattfand. In der schwarzdrapierten Zeremonienhalle war der Sarg aufgebahrt und mit zahlreichen Krärrzen geschmückt. Ein Kranz mit rot-weißen Schleifen trug die Widi mung der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Anwesend waren: Der Präsident der israelitischen Kullusgemeinde Doktor Alfred Stern mit dem ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav Koh n, den Vorstandsmitgliedern Dozent Dr. Breuer, Professor Dr. S. E h r m a n n, Max Frau k, Emannel Hoffman n, Dr. K a tz a u, kaiserlicher Rat K a u d e r s, Dr. König, Dr. Leopold K o h n, kaiserlicher Rat Wilhelm P o l l a k, Hofrat Dr. R a p p a p o r t, kaiserlicher Rat Sachs, Doktor Samuel y, Adolf S ch r a m e k, Kommerzialrat Leopold Simon, Dr. Markus Spitzer, Samuel Steiner und kaiserlicher Rat Weil, erster Sekretär kaiserlicher Rat Doktor Lieben und Sekretär Dr. Adle r mit den Oberbeamten der Gemeinde, fast sämtliche Bethausvorftände und Vorsteher der Chewra Kadischa. der Präsident der türkisch-israelitischen Gemeinde Licco Adutt, die Vorstandsmitglieder der israelitischen Bethaus- und Tempelvereine und unter diesen Herr Gottlieb B e t t e l h e i m, Doktor Jakob Engel, Franz Frankl, Zolles rc. zahlreiche Rabbiner und Kantoren, Hofrat Professor Dr. D. H. M ü l l e r, die Hofräte und Professoren Dr. Ludwig,

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