Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 39 (30.9.1909)
- Date
- 1909-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 39. nach wechselvolle Strömungen und Stimmungen zur Basis für die dauernde Verteilung politischer Rechte zu machen, das wäre ein Unikum, welches das „Reich der Unwahrscheinlichkeilen" mit einer neuen und nicht der mindest abenteuerlichen Absonderlichkeit ausstatten würde. Ein Parallelfall drängt sich unserer Betrachtung auf. Es gibt unter den Ruthenen eine Anzahl von Personen, die sich in nationaler Beziehung als „Russen" schlechtweg, nicht bloß als Kleinrusseu oder Ukrainer fühlen. Es wäre eine geringere als die hier in Frage stehende Ungereimtheit, wollte man eine besondere Wahlkurie für die „Russen" in Galizien schaffen! Die Reaktionären eines Nachbarlandes werden es vielleicht bedauern, daß das jetzt im Osten unserer Monarchie entzündete Licht nicht schon vor ein paar Jahrzehnten zu ihnen gedrungen ist. Wie unbequem waren doch bisweilen im deutschen Reichstag Abgeordnete jüdischer Abkunft' von dem Schlage eines Bamberger oder Lasker. Wie leicht wäre es solch einer „Wahlreform" geworden, diese parlamentarischen Störenfriede zu beseitigen oder doch ihr Gewicht auf ein Minimum herabzudrücken. Denn von drei Dingen eines: wäre ein Lasker oder Bamberger in einer derartigen, ausschließlich jüdischen Wählerschaft als Kandidat aufgetreten, so mochten deren orthodoxe oder zelotische Bestandteile seine Kandidatur zu Falle bringen. Hätte ihn aber die Mehrheit jener eingeschränkten Wählerschaft wirklich erkoren, seine Stellung im Reichstag wäre doch eine vergleichsweise gar wenig ansehnliche oder einflußreiche gewesen. Und wäre es ihm endlich gelungen, außerhalb des Kreises seiner Glaubensgenossen ein Mandat zu erringen, die Gegner hätten sicherlich nicht verfehlt, ihm auch diesen Erfolg wie eine Felonie vorzuwerfen, oder es doch nachdrücklich zu betonen, daß diejenigen, die ihm am nächsten stehen und ihn daher am genauesten kennen sollten, ihm am wenigsten vertrauen! Wir sind zu Ende. Ja. wir haben vielleicht schon zu viel gesagt. Denn innere Triebkraft wohnt dem hier besprochenen und bekämpften „Reform"gedanken schwerlich inne. Allein freilich, den Mangel innerer Keimkraft kann die Gunst äußerer Umstände gar wohl ersetzen. Und solcher Gunst erfreut sich dieser Gedanke allerdings. Sie kann seine Entwicklttng sogar weiter fördern, als es dessen Urhebern lieb. sein mag. Die weitverbreitete chauvinistische Ueberreizuug des Nationalgefühls, die dazu stimmenden gangbaren dilettantischen Entstellungen der Rassenlehre, die häufig anzutreffende abgefeimte Kunst, dem Veralteten und Ueberwundenen durch äußerlichen Aufputz den Schein des Modernsten anzutänschen — sie mögen sich diesmal dazu vereinigen, die kleine Grenzprovinz zu einem wichtigen politischen Versuchsfeld und znm Ausgangspunkt verhängnisvoller Neuerungen zu machen. Man gewährt den Palästinaschwärmern ein privilegium favorabile, das sich unvermerkt in ein privilegium odiosum verwandeln kann, in eine Sondergesetzgebung, deren Gegenstand nicht sie allein sein würden. Man beginnt mit der Befriedigung eines „zionistischen" Gelüstes; man endet vielleicht damit, daß man wieder dort steht, wo man gestanden hat, ehe Lord Macaulay und Josef v. Eötvös ihre mächtige Stimme zu Gunsten' der Rechtsgleichheit sämtlicher Staatsbürger erhoben haben! Wäre es nicht die Person des Autors, die Beachtung verdient, so könnte man an diesen Stoßseufzern aus einer bereits überlebten Periode, die wehmutsvoll um den Verlust der deutschliberalen Partei klagen, ruhig vorübergehen. Aber ein Gelehrter von Weltruf, eine Persönlichkeit von hoher sozialer Stellung, ein Mann der von einflußreichen politischen Kreisen gewissermaßen als Repräsentant des Judentums betrachtet wird, hat gesprochen, und darum darf man nicht schweigen, wenn er Anschauungen vertritt, deren allgenieine Anerkennung für die Juden den politischen Tod auf Jahrzehnte bedeuten würde. Und dagegen muß man Stellung nehmen nud vor allem anderen sagen, daß Hofrat Gomperz, dessen ganzes Judentum in pietätvollen Erinnerungen au das Elternhaus besteht, bei aller Achtung vor seiner wissenschaftlichen Kapazität, uns gar nicht berufen erscheint, in der Frage eines jüdischen Wahlkatasters ein autoritatives Votum abzugeben, da er seit Jahrzehnten dem jüdischen Leben vollkommen fernesteht linb es niemals verstanden oder schon längst verlernt hat, politische Fragen vom jüdischen Gesichtspunkte ans zu beurteilen. Herr Hofrat Gomperz beginnt seine sonderbaren Ausführungen mit einem Ausrufe befremdeten Staunens, daß dieösterreichischen Juden eine veränderte politische Stellung erhalten sollen. Ja, ist denn das — und zwar gegen unseren Willen und ohne unser Zutun, oder eigentlich leider wegen unserer Untätigkeit — nicht schon längst geschehen? Hat der Herr Hofrat die Erfahrungen und Geschehnisse der letzten Jahre ganz verschlafen? Weiß er nicht, daß die Juden in Böhmen und Mähren, weil sie zwischen Deutschen uub Tschechen hin- und herpendeln, von beiden Seiten befeindet und boykottiert werden? Hat er es vergessen, daß die sogenannten Deütschliberalen, um deren Wohl er so sehr besorgt ist, die jüdischen Reichsratsabgeordneten und unter ihnen den eigentlich auch von einem eigens geschaffenen jüdischen Wahlghetto gewählten aber nunmehr gegen den jüdischen Wahlkataster anstürmeuden Hofrat K u r a n d a. die Aufnahme iu den Klub versagt haben? Ist es ihm nicht bekannt, daß bei den letzten Reichsratswahlen in der Bukowina von den Deutschen die ärgsten Judenfeinde als Kandidaten ausgestellt wurden, und sieht er nicht schließlich, daß heute den Inden weder von Deutschen noch von Tschechen oder Polen, am wenigsten aber von den in allen nationalen Lagern überhandnehmenden Antisemiten ein Plätzchen eingeräumt wird, wo sie sich politisch betätigen können? Wir streben nach dem Ghetto, wird uns verächtlich zugerufen. Aber wer hat denn die trennenden Mauern aufgesühri? Doch nicht wir. In Böhmen und Mähren flüchten Deutsche und Tschechen, in der Bukowina die Polen und Ruthenen ins Wahl- Ghetto, um sich dort politisch ausznleben. Nur uns Juden soll dies versagt sein, und wenn uns schon, wie in der Bukowina, eine kleine Ecke im schützenden Wahl-Ghetto eingeräumt wird, sollen wir sie mit den Deutschen teilen, um ihnen dort als Schleppträger zu dienen? Nur Blinde oder Wahnwitzige können nns solche Ratschläge geben, ein selbstbewußter Jude wird sie aber niemals befolgen. Die Zeiten, da man den Zionismus als Schreckgespenst hinstellte nud jede Aktion nur ans dem Grunde prinzipiell perhorreszierte, weil sie im zionistischen Lager zuerst angeregt wurde, sind längst vorbei, und jeder wahrhafteJnde, mag er auf zionistischem Programme stehen oder nicht, weiß, was wir dieser Bewegung zu danken haben. Die Furcht vor ihr ist ebenso lächerlich, wie die Angst des Herrn Hofrat Gomperz. daß durch die Errichtung eines jüdischen Wahlkatasters das rückschrittliche und zelotische Element die Oberhand gewinnen könnte. Wir Juden haben zu allen Zeiten für Freiheit und Menschenrechte unser Blut vergossen und werden auch im eigenen Lager die Fahne des Fortschrittes hochschwingen. Mögen nur die Anderen mit nns gleichen Schritt halten. _ / I Theodor Kitter o. Goldschmidt Freitag, den 24. September ist Banrat Theodor Ritter von Goldschmidt, II. Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde und Gemeinderat der Stadt Wien, der schon seit ungefähr Jahresfrist infolge eines Schlaganfalles langsam dahinsiechte, im Alter von 72 Jahren gestorben. Mit ihm ist eine seltene, vornehme, edle und reichbegabte Persönlichkeit dahingegangen. die gewissermaßen die Brücke bildete zu jener klassischen Zeit der Wiener Knltusgemeinde, in der glanzvolle Namen und reiche Talente in Fülle in der Knltusstnbe saßen und die Creme der Wiener Judenschaft es sich als Ehre und Pflicht anrechnete, an dem Aufbau dieses schönen Gemeinwesens mitznarbeiten. Wie leuchteten die Augen Goldschmidts, wenn sein beredter Mund an jene Tage erinnerte, da so zahlreiche, schöne und edle Institutionen geschaffen wurden, die für ewige Zeiten den Ruhm der Wiener Knltusgemeinde und der Männer, die an ihrer Spitze gestanden, verkündeten. Und Gutes und Edles