Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 39 (30.9.1909)
- Date
- 1909-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ouartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Ganzjährig Kr. 14.— Kalbjährig Kr. 7.—, Uierteljährig Kr. 3.5V. K. l. Poftsparlaffen-Konto 100.918. z= Probenummern gratis zur Verfügung. / Das Wahl-Ghetto. / Ein frischgeprägtes Schlagwort, gemünzt gegen die Bildung / einer jüdischen Wahlkurie für den Bnkowinaer Landtag, verj wirrend durch seinen bloßen Klang, der an die finsteren Zeiten des Mittelalters erinnert, und bestechend durch die Persönlichkeit, die es ausgesprochen. Bevor wir jedoch das Wort aus seine wirkliche Bedeutung prüfen, müssen wir die Ausführungen wiedergeben, die Hofrat Theodor G o mp erz, einer der wenigen jüdischen Mitglieder des österreichischen Herrenhauses, in der letzten 'Sonntagsnummer der „Neuen Freien Presse" unter dem Titel „Wahl-Ghetto" veröffentlicht hat: Diese Wortbildung ist neu — der Gedanke aber, den sie ausdrückt, ist soeben in greifbarer Form ans Licht getreten. Möge es einem Wort entschiedener Abwehr gelingen, ihn in das ihm gebührende Dunkel zurückzuscheuchen. Die „Nene Freie Presse" vom Montag den 20. September hat die Grnudzüge des Entwurfes einer..Wahlreform für den Landtag der Bukowina" veröffentlicht, der das Werk einer für diesen Zweck niedergesetzlen Permanenzkommission jenes Landtages ist. Wir willfahren einem Wunsche der Redaktion, indem wir über einen Punkt dieser Reform, dessen Beurteilung kein staatsrechtliches Spezialistentum erfordert, eine mit manchem Vorbehalt versehene Meinung äußern. Die Landlagsabgeordneten der Bukowina sollen nämlich (von einigen selbstverständlichen Ausnahmen abgesehen) „in national getrennten Wahlkörpern" gewählt werden, und hiebei sollen neben den rumänischen, ruthenischen, polnischen und deutschen Mandaten auch jüdische in Betracht kommen. So viel wird im Kommissivusberichte bereits jetzt grundsätzlich sestgestelll. während die Verteilung der Mandate zwischen Deutschen und Juden erst einer weiteren Vereinbarung Vorbehalten wird. Zur Motivierung dieser Neuordnung wird ans die „Ausbreitung der zionistischen Bewegung" hingewieien, aus Grund deren die Jilden, „die bisher immer mit den Deutschen im Lande gewählt haben. . . als gesonderte Nationalität in der Bukowina anstreten." Hier ist es schwer, sich eines Ansrnses befremdeten Staunens zu erwehren. Weil ein Teil einer Bevölkerungsgrnppe gewisse Pläne mehr oder minder ernstlich hegt oder auch nur sympathisch begrüßt, die nur in der Zukunft und in der Fremde verwirklicht werden können — und das gehört doch zum Wesen des Zionismus — darum soll dieser Gruppeuteil oder vielmehr die ganze Gruppe, von der er ein Bruchstück ist, sofort in der Gegenwart und in der Heimat eine veränderte politische Stellung erhalten! Die Gesamtheit, der diese Fraktion zugehört, soll „als gesonderte Nationalität" anerkannt werden und demgemäß im Landtag (ob wohl auf die Dauer nur in diesem?) selbständig vertreten werden. Nur ungern stellen wir uns. um diese so ausfällige Nachgiebigkeit gegen die Liebhabereien der letzten Stunde zit verstehen, zunächst aus den oft so aufschlußreichen Standpunkt des cui bono. Die Juden, „die bisher immer mit den Deutschen im Lande gewählt haben," werden von diesen abgespalten. Die vormalige, wenngleich derzeit einigermaßen brüchig gewordene deutschliberale Wählerschaft erleidet eine Einbuße an Mandaten. Allein werden vielleicht die neuen jüdischen Landtagsmandate diesen Schaden wieder wettmachen? Das Gegenteil steht zu befürchten. Es kann jedenfalls geschehen, daß die aufgeklärten Minderheiten, welche die Stimmen der Gleichgesinnten im deutschen Lager verstärken halfen, minder fortschrittsfreundlichen Mehrheiten geopfert werden. Doch von jeder derartigen parteipolitischen Erwägung abgesehen: auf welcher Grundlage soll denn diese neue „nationale" Vertretung fußen? Man beruft sich hiebei und kann sich auf nichts anderes berufen, als auf das subjektive Gefühl, auf die spezifische Gesinnung der „Zionisten." Allein nicht nur wie schon bemerkt, die Gefühlsweise eines Teiles willkürlich und mit Unrecht der Gesamtheit imputiert und wie ein Joch aufgehalst. Weit wichtiger ist ein anderes: eben diese vage, als Rückschlag gegen erlittene Bedrückung und Ausschließung wohl begreifliche Gefühlsweise ist selbst etwas der Wandlung im ganzen wie im einzelnen gar sehr Unterworfenes. Derartige ihrer Natur